Zur aktuellen Lage

Wir leben in spannenden Zeiten. Auch in Österreich. Völlig unfreiwillig. Wer würde denn auch schon in der persönlichen Lebensgestaltung nach Unsicherheit streben? Für die Leitmedien bedeutet das freilich einen willkommenen Hype. Urplötzlich werden die brisanten, von hegemonialen Ansprüchen getriebenen globalen Weichenstellungen in deren Bedeutung von nationalen Personalrochaden verdrängt. Die gefährlichen Balzrituale verantwortungsloser Machtpolitiker, die den Normalbürger am Glauben an den Fortbestand der Menschheit zweifeln lassen, laufen die nächsten Monate nur mehr im Hintergrund ab.

Die öffentliche Aufmerksamkeit wird vom Krisenmodus des globalen Kriegsgeruchs auf die Neubesetzung der Ensembles der diversen Politiktheater gelenkt. Hier lassen sich vermeintlich neue Hoffnungen und neue Forderungen, die ohnehin immer schon bestanden, zum Ausdruck bringen. Kommentare und Interpretationen über Bevorstehendes überschlagen sich. Mutmaßungen, die astrologischer Deutung nicht ganz unähnlich sind, versuchen wieder einmal einen Schlussstrich zu allem Vergangenen vorherzusagen. Endlich soll parteiübergreifendes Denken, ja sogar neu definierte Vernunft in der Politik Einzug halten. So zumindest die vielfach durch die Medien geweckte Erwartung des zahlenden Publikums.

Ich bezweifle aber sehr stark, dass der Normalbürger Politik als Schauspiel mit regelmäßig wechselnden Darstellern erleben will. Auch wenn z.B. Heinz Rühmann einstmals eingestehen musste, dass Fritz Muliar die Rolle des Schwejk sehr viel besser angelegt hat, als er selbst, so waren Handlungsverlauf und Drehbuch dennoch dasselbe.

Und so sollte es auch bei den für Herbst angesetzten Neuwahlen viel weniger um die einzelnen Darsteller gehen, als um die zur Verfügung stehenden Freiheitsgrade. Bislang ist da noch keine großartige Änderung in Aussicht gestellt, denn das eigentliche Drehbuch wird ja unverändert von den Finanzmärkten festgeschrieben. Und so steht der Schluss des alpenländischen Dramas, nach dem der Applaus auszurichten ist, in all seiner Unsinnigkeit bereits fest.

Die zur Verfügung stehenden Variablen werden nach wie vor so unzeitgemäß wie nur denkbar sein: Arbeitsplatzschaffung, Wachstum und Wettbewerbsstärkung. Wenn aber bereits die Dramaturgie derart anachronistisch festgelegt ist, können auch die besten Politikdarsteller keinen Erfolg ernten, der auch von den Bevölkerungen als solcher empfunden wird.

Politiker zu sein ist gewiss kein leichter Beruf und es sei jedem sein persönlicher Erfolg vergönnt. Aus Sicht des Staatsbürgers ist es jedoch legitim, die Sinnhaftigkeit politischer Ziele in Zweifel zu ziehen. Gerne bin ich bereit, meine Skepsis gegenüber rein personellen Funktionsrochaden aufzugeben, wenn Änderungen am Drehbuch angedacht werden und das müsste – ich kann es nicht oft genug wiederholen – bei einer gemeinwohlorientierten, friedensfähigen Geldverfassung beginnen.