ZU VIEL IST NICHT GENUG (Newsletter 11-20)

Bei diesem Titel bin ich am 30.7.2020, beim Zappen, auf BR-Alpha hängen geblieben. In der 30 minütigen Doku ging es um das Wachstumsdilemma und es wurden unterschiedliche Standpunkte dazu präsentiert. Erschütternd empfand ich die Gleichgültigkeit, mit der interviewte „Schnäppchenjäger“ der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch den Überkonsum gegenüberstanden.

Wir wissen zwar, dass der systemisch erzwungene Wachstumswahn nicht aufrecht zu erhalten ist, sind uns jedoch auch bewusst, dass unser System ohne Wachstum zusammenbräche. Und wie es aussieht, hat sich die Gesellschaft dazu entschlossen, lieber die Menschheit als das gewohnte System zu opfern. Die Erkenntnis, dass es sinnlos ist, auf toten Pferden weiter reiten zu wollen, scheint nicht mehrheitsfähig zu sein.  Nico Paech, einer der profiliertesten Wachstumskritiker unserer Zeit, scheint da auf verlorenem Posten zu stehen, wenn er fachkundig darlegt, dass Einschränkungen keinen Wohlstandsverlust bedeuten müssen. In gewissem Ausmaß wurde das ja gerade durch die von Covid19 verursachte Verlangsamung unserer Wirtschaftsaktivitäten bewiesen. Dennoch ist der drängende Ruf nach dem „Zurück zur alten Normalität“ nicht zu überhören und in aller Dummheit kommen die Regierungsverantwortlichen diesem Ruf auch gerne nach. Angefeuert von fragwürdigen Wirtschaftsexperten, die doch glatt, wie z.B. Bettina Pfluger im Standard (1.8.), eine „nachhaltige Wachstumspolitik“ fordern.

Durch die seit Jahrzehnten auf uns niederprasselnde, tiefenpsychologisch wirkende Werbung sind unsere Widerstandskräfte gegen Versuchungen entsprechend geschwächt. Kaufen wurde zur neuen Religion. Für viele war Covid19 wie eine Entziehungskur. Ohne Shoppingerlebnis machte sich bei so manchen Verzweiflung breit, denen die plötzliche Leere Ihres Seins bewusst wurde.

Was mir in dieser Doku besonders auffiel, war die flapsige Ignoranz, mit der die Interviewten ihre Unkenntnis über die Geldmechanismen zum Ausdruck brachten. Ganz so, als würde Geld durch Produktion und Kauf entstehen. „Wenn wir viel Geld ausgeben, wächst die Wirtschaft“, war z.B. so ein Ausspruch. Und selbst Anja Kohl, die seriöse ARD Börsenexpertin, hatte nur ein Achselzucken für den offensichtlichen Systemfehler übrig und offenbarte ihren Glauben an ein „zirkulierendes Geld“. Dabei sollte gerade sie wissen, dass unser Schuldgeld ein ansteigend fluktuierendes ist. Geld wird durch Kredit erzeugt, und bei jedem Tilgungsschritt wieder vernichtet. Muss also laufend durch neue Kredite ersetzt werden. Nur das bisschen Bargeld, das noch im Zahlungsverkehr Verwendung findet, ist tatsächlich umlauffähig – so lange es weder gebunkert noch zur Bank gebracht wird.

Besonders eindrucksvoll war aber die Präsentation des Jahresberichts des Hamburger Hafens. Mit Stolz wurde auf ein neuerlich bestes Jahr verwiesen und auf eine bemerkenswerte Gewinnsteigerung von fast 27%. Auf die kecke Frage der Doku-Filmerin, weshalb es dann für nächstes Jahr noch weiteres Wachstum braucht,  kam die umwerfende Antwort: Wachstum ist wettbewerbsbedingt, Wachstum ist Innovation, Wachstum ist Entwicklung. Da ist ja auch durchaus etwas dran, aber die Vehemenz, mit der trotz Wissen, dass es schlicht und einfach unmöglich ist daran festzuhalten, jegliche Zweifel an der Dogmatik vom Tisch gewischt wurden, stimmt für zukünftige Entwicklungen nicht gerade beruhigend.

Und so versuche ich mit dem heutigen Newsletter zu einer anderen Sicht über die Covid19 Einschränkungen anzuregen:

Entscheidend ist doch, dass die Leistungsfähigkeit ungebrochen weiter besteht und auch alles bis zur Verhängung der Covid19 Maßnahmen Geschaffene unversehrt erhalten ist. Der eigentliche Wert liegt in der Leistungsfähigkeit! Nicht darin, dass all die möglichen Leistungen auch abgerufen werden, bzw. sogar abgerufen werden müssen. Diese Problematik ergibt sich erst durch die stringente Verknüpfung von Einkommen und Ressourcenverbrauch. Gefragt ist daher eine neue Geldordnung, die auch eine Verlangsamung der Transaktionen aushält, bzw. gerade nicht auf “Wachstum” (=Schuldenwachstum plus Ressourcenverbrauch) angewiesen ist. Wirtschaft und Geld haben sich in den letzten Jahrzehnten auseinander gelebt. Das gilt es zu erkennen. Wir haben kein Wirtschaftsproblem, sondern ein Problem der Finanzarchitektur. Ein buchhalterisches Verteilungsproblem, das eigentlich mit heutigen Möglichkeiten unblutig zu lösen sein sollte – wenn man es überhaupt lösen will(!), denn es geht dabei natürlich um eine Machtfrage. So viel für heute.

Und nicht zu vergessen: Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer