WIEDERAUFBAU UND SUCHE NACH EINKOMMEN

Mit der Öffnung von Möbel-, Elektronik- und Kleidermärkten erfolgte nun ein weiterer Schritt zur Normalisierung der Geschäftswelt. Was man in Umfragen unter den geduldig anstehenden Schnäppchenjägern und potentiellen Kunden erfahren konnte, zeichnet dabei aber ein gesellschaftlich eher bestürzendes Bild. Teenager, denen in den wenigen Wochen der Schließung „schon die Klamotten ausgegangen“ wären, was Rückschlüsse auf Qualität und Haltbarkeit der Waren zulässt, Andere, die besonders unter dem entgangenen „Einkaufserlebnis“ litten und wiederum Andere, die offen eingestehen, dass Shopping für sie ein Vertreiben der Langeweile bedeutet.

Die Schleusen zum manipulativen „Must have“ werden also schrittweise geöffnet. Bald schon werden wir von der Werbeindustrie wieder mit Angeboten über unverzichtbare Innovationen überschwemmt werden, mit denen man sich die Zeit vertreiben und den neuesten Trends folgen kann. Zeitvertreib ist das Stichwort, mit denen uns die diversen Apps den Alltag zu erleichtern versprechen – und damit zugleich darauf Einfluss nehmen, wie wir unseren Alltag zu gestalten haben.  Eigenständiges Denken erscheint immer unnötiger. Alles wird einfacher. So auch das Bildungswesen, das immer mehr zu einer Konditionierung ausartet. Schon bald werden sich auch wieder die derzeit still gelegten Flieger in die Lüfte erheben und Kreuzfahrtschiffe werden wieder ablegen und uns zu Erlebnisreisen in ferne Länder animieren – über die wir uns in Dokumentarfilmen viel eindrucksvoller informieren könnten.

Und bald schon wird auch wieder in Vergessenheit geraten sein, dass wir keineswegs vom Verreisen, vom Tourismus, von Bankgeschäften oder von der Autoproduktion l e b e n, sondern ausschließlich vom Essen, Trinken, Schlafen, Gesunderhalten und besonders von sozialen Kontakten. Der durch Covid19 bedingte Verzicht auf Letztere war gewiss der schmerzhafteste Einschnitt. Andererseits darf gerätselt werden, woher es kommt, dass trotz allen Erleichterungen in den Arbeitsprozessen die Zahl der Erholungssuchenden stetig ansteigt. Wellness und Shopping zur Bewältigung von innerer Leere und Langeweile? Oder – beispielhaft – Wellness zur Auslastung der Wellness-Oasen? Egal.

Denn jetzt geht es vor allem darum, entgangene Einkommensmöglichkeiten zu kompensieren, damit eingegangene Verpflichtungen erfüllt werden können. Und das kann in unserem System ja nur durch Ankurbelung des Konsums und/oder bedingungslose Hilfszahlungen durch den Staat erfolgen. Es muss jetzt auf Teufel komm‘ raus gekauft werden, bis die Arbeitslosigkeit von den produzierenden Betrieben wieder auf ein halbwegs verträgliches Maß zurückgeführt wird. Man bezeichnet das auch als Ankurbelung der Konjunktur, und es hat das kaum mehr etwas mit Befriedigung von Bedürfnissen zu tun, sondern vielmehr mit unnötigem Ressourcenverbrauch. So sind aber nun einmal die Anforderungen unseres Systems, das sich nur durch „Wachstum“ (= Schuldenwachstum und Ressourcenverbrauch) aufrecht erhalten lässt. Wie man sehen konnte, verursachte die Einschränkung der Konsummöglichkeiten, auch wenn es da und dort noch als Steigerung der Lebensqualität empfunden wurde, eine finanzpolitische Krisensituation.

Da wir von dem dogmatisch in unseren Köpfen verankerten System, so absurd und lebensfeindlich es auch ist, nicht lassen wollen, muss dieser ruhend gestellte Ressourcenverbrauch nun schleunigst aufgeholt werden. So wenig diese Konstruktion als solche zukunftsfähig ist, so zeigt sich bei näherer Betrachtung und unter Vernachlässigung einer Folgenbeurteilung, dass das für viele Berufssparten  gar nicht möglich ist. Allen voran in der Gastronomie und Hotellerie. Gerade deren Schließung musste als schmerzhafteste Einschränkung erfahren werden. Schließlich ist die Gastronomie der wichtigste Stützpfeiler für die analoge Kommunikation. Die analoge Begegnungsstätte schlechthin. Doch auch viele andere Branchen mussten unwiederbringliche Einkommensverluste hinnehmen. Taxifahrer, Fiakerkutscher, Friseure, Fremdenführer, Reiseleiter, Therapeuten, Künstler, Handelsangestellte, Eventveranstalter, um nur einige zu nennen, und alle freiberuflichen Dienstleister, deren Angebot auf physische Kontakte, oder auf einen kleinen Beitrag in einer arbeitsteiligen Fertigungs- oder Bereitstellungskette abgestimmt ist und das in Krisenzeiten entweder ohnehin nicht nachgefragt wird, oder eben nicht in Anspruch genommen werden durfte, bzw. nicht in Anspruch genommen werden konnte, weil vor- oder nachgelagerte Schritte unterbunden wurden.

Alles Branchen, die selten – wenn überhaupt – den Atem haben, eine längere Durststrecke durchzustehen, aber dennoch für die gesamtgesellschaftliche Struktur von großer Bedeutung sind. Für all jene erscheinen mir staatliche Hilfszahlungen, so hoch wie nötig, höchst angebracht, denn da geht es um echte Überlebenshilfe! Zugleich meine ich jedoch, dass es eine gute Gelegenheit ist, generell die Sinnhaftigkeit unserer Wirtschaftsprozesse in Hinblick auf das Gemeinwohl zu durchforsten. Denn weder Gemeinwohl, noch die Sinnfrage sind Kriterien, die ein völlig deregulierter Markt, in dem es um den reinen Geldgewinn geht, berücksichtigen kann. Nicht Wiederaufbau ist angesagt, denn es gab ja keine Zerstörungen, sondern ein Umbau in der Gewichtung!

Da das Zeitfenster dafür nunmehr bereits ungenutzt verstrichen zu sein scheint, könnte sich, sofern sich Erkenntnis und Einsicht in der Politik doch noch durchsetzen sollten, so ein Umbau des Systems nur in einem längerfristigen Prozess abzeichnen. Denn es geht eben nicht nur um eine Umverteilung von Kaufkraft, wie das bei Piketty und anderen angedacht wird und wo es letztlich darum gehen würde, wofür und wohin diese Kaufkraft dann jeweils abfließt, sondern es geht um eine Neuordnung der Machtverteilung, damit diese einer modernen und vielleicht tatsächlich demokratischen Gesellschaft gerecht werden kann. Und die Macht liegt nicht in der Kaufkraft, sondern im Geldschöpfungsrecht. Deshalb wäre zweifellos die demokratisch kontrollierte staatliche Oberhoheit über das Geldschöpfungsmonopol die wichtigste Voraussetzung. So viel nur als möglicher Hoffnungsschimmer.

Für die momentan an mehreren Stellen gerissene Kette der realwirtschaftlichen Geldflüsse ist jedoch raschere Hilfe vonnöten. Nun haben ja aber alle Haushalte die sich mit gesichertem Einkommen durch die Krise bewegen konnten, in den letzten acht bis zehn Wochen unfreiwillig gespart. Und das gerade an jenen Ausgaben, die für die potentiellen Empfänger unwiederbringlich verloren sind. Ich greife hier zwei solcher Empfänger heraus und richte einen Appell an alle, denen es möglich ist, meinem Entschluss zu folgen:

Mit meinem unfreiwillig Ersparten kann und will ich nicht alle Einkommensverluste kompensieren. Es ist mir aber wichtig, dass z.B. mein kleiner Friseurladen, bei dem ich nächsten Dienstag einen Termin bekommen habe, auch weiterhin Bestand hat. Ich werde daher nicht nur für meinen Haarschnitt bezahlen, sondern auch eine gleich hohe Kompensation für eine weitere, entgangene Haarschnittmöglichkeit leisten. Ich freue mich bereits auf das verdutzte Gesicht der Chefin.

Desgleichen bin ich fest entschlossen, beim nächstmöglichen Restaurantbesuch, der in einem Familienbetrieb und gewiss nicht in der „Systemgastronomie“ oder bei Mac Donald stattfindet, den Rechnungsbetrag wegen zumindest einer entgangenen Dienstleistungsmöglichkeit zu verdoppeln. Als Wertschätzung und weil ich will, dass der Betrieb eigenständig weiterleben kann. So eine Stammkneipen-Unterstützung wird ohne zusätzlicher staatlicher Hilfe zwar voraussichtlich nicht ausreichen, doch sie setzt ein Zeichen und einen Motivationsimpuls, nicht aufzugeben. Und sofern richtig platziert, drückt es auch die direkte, persönliche Einflussmöglichkeit des kleinen Konsumenten auf das realwirtschaftliche Geschehen aus. Und vor allem schafft es offene, herzliche Begegnungen. Das, womit eine Gesellschaft lebendig und lebenswert bleibt.

Günther Hoppenberger im Mai 2020