WIE IST DAS EIGENTLICH MIT „DEN MÄRKTEN“ (oder: DEM HURRICANE HINTERHER)

Soeben habe ich mir auf YouTube eine hochinteressante Diskussion zwischen dem bekennenden Neoliberalen, Dr. Markus Krall, und dem ebenso bekennenden Keynesianer, Prof. Heinz-Josef Bontrup, angesehen. Hervorragend moderiert von Jasmin Kosubek. Ein erfreulich von gegenseitigem Respekt geprägtes, sachliches Gespräch.

Die Definition von Neoliberalismus fasst Dr. Krall als Ausgangsthese in folgendem Satz zusammen: „Der Markt ist das effizienteste Allokationsmittel zur Schaffung breiten Wohlstands“. Die anschließende Diskussion von immerhin eineinhalb Stunden rankte sich um die Ursachen des offenkundigen Marktversagens. Während Dr. Krall das Marktversagen vorwiegend auf staatliche Eingriffe zurückführt, sieht Prof. Bontrup die Ursachen in der durch die spätestens seit 1980 ausgeuferten Deregulierungen zugelassenen Möglichkeiten der Marktmanipulierung durch die Finanzmärkte. Wie nicht anders zu erwarten, lassen sich für beide Auffassungen stichhaltige Argumente vorbringen.

Inwiefern nützt aber so ein akademischer Disput überhaupt den heutigen gesellschaftlichen Erwartungen? Welche Erkenntnisse sollte der Normalbürger daraus ziehen können? Für ihn, für den es um die Befriedigung der eher banalen, zugleich jedoch fundamentalen Lebensbedürfnisse geht, scheint das zunächst alles nur zusätzlich irritierend zu sein. Die Zwänge, denen er sich ziemlich hilflos ausgesetzt fühlt, werden doch vor allem durch die Geldordnung und deren Ver- und Zuteilungsbedingungen ausgeübt!

Und diese Geldordnung scheint unantastbar zu sein, obwohl Geld ja zweifelsohne die wichtigste gesellschaftliche Einrichtung ist und zugleich auch in der Natur nicht vorkommt. Die Frage, wie Geld entsteht, darf aber offensichtlich zur Verschleierung der Herrschaftsrechte nicht gestellt werden. Und so fehlte eben auch in dieser Diskussion die Einbeziehung der Konstruktion unserer Geldordnung. Ganz so, als hätte Geld mit der Wirtschaft nichts zu tun, obwohl es doch mittlerweile zweifellos zum Kernelement wirtschaftlicher Aktivitäten wurde.

Nun ist ja der Markt, da bin ich ganz bei Markus Krall, tatsächlich ein hervorragendes, ja sogar ideales Allokationsinstrument, wenn man ihn aus rein realwirtschaftlicher Sicht betrachtet, in der es um Produktion und Konsumation geht. Da begegnen einander Produzenten und Konsumenten durchaus auf Augenhöhe. Der Markt bringt auch Erfinder und Ideengeber zur Befriedigung erkannter – leider auch vieler nicht als solche empfundener und sogar unerwünschter – Bedürfnisse mit potentiellen Produzenten zusammen. Die ursächlichen Beweggründe all dieser Marktteilnehmer in deren Zusammenwirken sind vielfältig und decken die volle Bandbreite ab. Von neugiergetriebenen kreativen, allgemein nützlichen Problemlösungen und Strukturen, über spielerische Demonstrationen menschlichen Ideenreichtums, bis hin zu akribischen Bestrebungen für persönlichen Image- und Machtgewinn durch tatsächlich oder vermeintlich elitäre Projekte, die meist vor allem von Lebensangst oder Fadesse geprägten Kleingeistern vorangetrieben werden, jedoch zugleich auf breite Unterstützung durch die Allgemeinheit angewiesen sind. Und sehr viel Energie wird von Letzteren dafür aufgewendet, um Andere für die Verwirklichung persönlicher Zukunftssicherung zu vereinnahmen.

Hierin, also bei den gesellschaftlichen Zielsetzungen, wäre der geeignete Ansatzpunkt verantwortungsbewusster Politik zu suchen. Naja, und mit dem Elitenbegriff ist das ja auch so eine eigene Sache. Einvernehmen besteht zwar darüber, dass die Verteilungsfunktion des Marktes überhaupt nur dadurch gegeben ist, dass es gesetzliche Regeln gibt, doch zugleich erfolgt damit auch die gesellschaftspolitische Auffächerung nach unterschiedlichen Menschenbildern, die ihren Niederschlag in den dafür zugeschnittenen Parteiprogrammen finden. Der hierdurch gelegte Keim des Wettbewerbs unterdrückt jegliche Gedanken an Kooperation – sofern man darunter nicht Kartelle verstehen möchte – und verstärkt ein wechselseitiges Ausschlussdenken bis hin zu Rassismus und zu einer gänzlich auf Zwecke reduzierten Begrifflichkeit für alles Lebende.

Nutzen wird zum Sinn erkoren und in Zahlen ausgedrückt. Während Sinn aber für sich als solchem steht, ist Nutzen stets auf einen Nutznießer zu beziehen – und als Maßstab des Nutzens dient zweifelsfrei die Bewertung in Geldgrößen, bzw. die eigentumsrechtliche Unterscheidung von Gläubiger und Schuldner. Die oftmals hervorgekehrten „win-win Situationen“ im Tausch bestehen nur in realitätsfernen Modellannahmen mancher Ökonomen. Denn in einer Geldwirtschaft geht es eben vordergründig um die Geldmehrung. Und so entsteht zwangsläufig bei jedem realwirtschaftlichen Tauschvorgang, der nur durch Aussicht auf einen Geldgewinn zustande kommen kann, ein Ungleichgewicht in der Zahlenbilanz.

Jedem muss aber klar sein, dass sich die Geschwindigkeit einer gemeinsamen Wanderung – und als solche sollte man gesellschaftliche Entwicklung sehen – am Schwächsten zu orientieren hat, damit sich die Gemeinschaft nicht auflöst. Die Tragik unserer Zeit besteht nun aber darin, dass wir uns bei so einer metaphorischen Wanderung offensichtlich am Stärksten auszurichten haben. Das führt dazu, dass sich unsere Gesellschaft in der Metaphorik einer gemeinsamen Wanderung im weit auseinander gezogenen Gänsemarsch bewegt. Die oft beschworene Vielfalt in der Breite existiert längst nicht mehr, weil ja doch die Ausrichtung sehr eng festgelegt ist: Einholen des Schnellsten, der sich jedoch immer schneller von uns fortbewegt. Die Vielfalt zeigt sich also nur mehr in den unterschiedlichen Zeitqualitäten. Wir erkennen die vermeintlich verzichtbaren Langsamsten, die große, weit auseinandergezogene Gruppe der etwas Schnelleren, die ihrem je eigenen Rhythmus folgen, die ambitioniert Schnelleren, die zwischendurch immer wieder Sprintzeiten einlegen, um Anschluss nach vorne zu bekommen, bis hin zu den Schnellsten, die ihre fortdauernde Beschleunigung selbst gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie keinen Blick nach hinten riskieren – und sich dadurch als ziemlich orientierungslose Wegbereiter entpuppen.

Von der Politik sollte eigentlich die Verbindungsfunktion zu erwarten sein, in der sie die Gruppe ähnlich einem Schäfer zusammen zu halten trachtet. Doch sind von daher keinerlei „Stopp-Rufe“ in Richtung Spitze zu hören, oder auch nur die Aufforderung, das Tempo zu verlangsamen. Im Gegenteil. Die Schnellsten werden noch zusätzlich angespornt und mit Lob und Sonderpreisen (metaphorisch mit zusätzlicher Verpflegung [die in einer Geldwirtschaft Geld bedeutet]) ausgezeichnet.

Naturgemäß werden die sensationellen Entdeckungen an der Spitze gemacht. Und ebenso naturgemäß ist dort das intellektuelle Potential nicht unbedingt sehr breit, weil Schnelligkeit höchst selten auch mit geistiger Sorgfalt und verantwortender Lebenseinstellung korreliert. Daraus folgt fast zwangsläufig, dass vorschnell und ohne Einbeziehung der breiten Wissens- und vor allem Gewissensbasis der nachfolgenden Kolonne unüberlegte Anwendungsziele, vielfach aus naivem Spieltrieb, für solche neue Entdeckungen definiert werden. Daraus resultierende unerwünschte Nebenwirkungen und Beeinträchtigungen werden unter dem Impuls der rasch voraneilenden Schritte nach hinten verschoben und der Aufarbeitung durch die ohnehin bereits unter dem Tempo leidenden Nachfolgenden überlassen. Diesen wird dann auf einmal die unverantwortbare Verantwortlichkeit zugewiesen, sich mit den von der Spitze als unvorhersehbar erklärten Unbillen zu arrangieren.

Der Fokus gilt den Möglichkeiten aber nicht dem Sinn! Extrembeispiele gefällig? Was soll das flächendeckende 5G-Netz, der weltweit größte Flughafen, oder der höchste Wolkenkratzer, wenn einem immer größeren Teil der Wanderergruppe, um bei diesem Gleichnis für eine Gesellschaft zu bleiben, das Dach über dem Kopf fehlt und sich die existentiellen Ängste in immer stärkeren Persönlichkeitsstörungen niederschlagen? Auf all die raffinierten Waffentechnologien, zu denen zivilisatorisch wertvolle Erkenntnisse von den Spitzen missbraucht werden, soll hier gar nicht eingegangen werden. Fakt ist jedoch, dass für all die großartigen Entdeckungen und deren zivilisatorischen Nutzensmöglichkeiten, der Allgemeinheit nur ein sehr bedingter Zugang zuerkannt wird. Das betrifft übrigens auch und sogar besonders die grandiose Erfindung des Geldes.

Die Selbstüberschätzung ihrer Bedeutsamkeit für gesamtgesellschaftliche Prozesse ist dabei ein nicht zu übersehender Charakterzug an der Spitze. Ahnungen und schon gar nicht Wissen über Zusammenhänge sind nicht ihr Ding, das würde sie nur aufhalten. Der Ursprung des Glaubens, sich als Laie über das mühsam und zeitaufwendig erarbeitete Fachwissen der langsameren Kolonne hinwegsetzen zu können, liegt jedoch vor allem in den Schwächen der Persönlichkeit dieser „Frontrunner“ begründet. Die akribische Entwicklung von Machtmitteln und deren rechtlich abgesicherten Durchsetzungsmöglichkeiten gegenüber allen Nachfolgenden in der „Gesellschaftskarawane“, soll vor allem ihrer eigenen Zukunftsgestaltung und als Kompensation für ihre Persönlichkeitsdefizite dienen. Es klingt irgendwie erschütternd, aber natürlich lassen wir uns sehenden Auges (nahezu ausschließlich) von Verrückten regieren und missbrauchen. Anders kann man doch die globalen Verhältnisse gar nicht erklären.

Und bedauerlicherweise dreht es sich in der Politik – abgesehen von Vorwahlreden – schon lange nicht mehr um das Gemeinwohl, sondern um das Bemühen, zu dieser Spitzengruppe der nicht unbedenklichen Charaktere dazu gezählt zu werden. Es scheint auch ganz gut zu gelingen, Anerkennung von den schnellen, jedoch vor allem soziopathischen 0,01% der Bevölkerung zu erhalten, obwohl es doch die restlichen 99,99% sind, die für den Ausfall produktiver Tätigkeit durch die davon freigestellten Politiker aufzukommen haben.

Ähnlich wie man sich die Mitgliedschaft in einem Golf- oder Yachtklub ganz schön etwas kosten lassen muss, so erkaufen sich auch die Politiker ihre Anerkennung durch die Taktgeber an der Spitze, die längst schon zu ihren Herren geworden sind. Allerdings tun sie das mit Eigentumswerten, die nicht ihnen selbst, sondern ihren Schutzbefohlenen gehören, bzw. von diesen geschaffen wurden. Ein eklatanter Fall von Veruntreuung, der nur dadurch etwas kaschiert werden kann, indem man Rechte vergibt und sich anschließend auf geltende Gesetze berufen kann. Und wer nur ein bisschen die gesellschaftspolitischen Prozesse verfolgt wird unschwer feststellen, dass es genauso läuft. Rechte werden für alles vergeben, woraus die „Spitzenläufer“ eine weitere Beschleunigung ihrer Gangart erwarten können. Da zählt der freie Waren- und Personenverkehr genauso dazu, wie aber insbesondere die Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen, Zulassung obskurer „Geschäftsmodelle“ im Wirtschaftsleben wie auch an den Börsen, und Privatisierung allen Volksvermögens aus dem sich noch private Gewinne für die „Spitzenläufer“ herauspressen lassen.

Und um nun abschließend wieder auf „die Märkte“ zurückzukommen, sind damit einzig und allein die Finanzmärkte mit ihren sogenannten Finanzprodukten zu verstehen. Und wenn vom notwendigen Wachstum gesprochen wird, dann bedeutet das das notwendige Anschwellen der Geldmenge (und in heutiger Konstruktion gleichermaßen der Verschuldung) unter Ressourcenverbrauch. Anders gesagt, geht es heute um die Umwandlung von Natur in Müll, um die Ansprüche des unnatürlichen Finanzsystems erfüllen zu können. Da hilft auch Greta Thunbergs eindringliche Ermahnung nichts, denn eine Verhaltensänderung kann und darf bei stillschweigender Aufrechterhaltung des bestehenden Systems gar nicht stattfinden. Daraus entsteht ja doch auch die eklatante Diskrepanz zwischen einhellig bekräftigter Haltung, die in politischen Bekenntnissen zum Ausdruck kommt und Hoffnungsfunken aufkommen lässt und dem tatsächlichen Verhalten.

Welchen Schluss sollte man also aus alldem ziehen? Für meinen Teil möchte ich das so sagen: Marktwirtschaft, sofern vom (demokratisch gewählten) Gesetzgeber mit Regeln versehen, die auf ein Verhalten eines „redlichen Kaufmanns“ abgestimmt sind, ist großartig, sofern sie die gesellschaftliche Wohlstandsentwicklung als Zielvorgabe aufweist. Damit sie jedoch auch tatsächlich dem Gemeinwohl zu dienen vermag, muss sie in einer Geldwirtschaft durch eine Geldordnung begleitet werden, die ihren demokratisch gewidmeten Auftrag, eben dem Gemeinwohl zu dienen, unterstützt.

Derartige Überlegungen fehlen jedoch in den gegenwärtigen öffentlichen Diskussionen gänzlich. Der Grund dafür ist ganz einfach: Über Geld wird nur als Verteilungsmedium debattiert. Auf seinen Ursprung und auf die Art der Entstehung wird nicht eingegangen. Und genau hier liegt der Schlüssel zu nahezu allen Problemen mit denen Politik und Bürger konfrontiert sind. Wir müssen den Schleier des Geheimnisses „Geld“ lüften, erkennen, dass Geld keinem Naturgesetz folgt und dass es daher einer zeitgemäßen Widmung zum Wohl der Menschheit zu unterwerfen ist.

Es wäre ein Segen, würde das von den zahlreichen wertvollen Umweltbewegungen erkannt und würden sie sich geschlossen hinter die Vollgeldbewegung stellen. Vollgeld wäre relativ unkompliziert einzuführen, böte Transparenz und Sicherheit für Sparer, und wäre auch eine ideale Ausgangsbasis für weitere zeitnotwendige Reformen. Näheres unter: www.vollgeld.de; www.monetative.de; www.vollgeld-initiative.ch..

Vollgeld, damit sich das Richtige wieder rechnen kann!

Günther Hoppenberger, im September 2019