WER ZAHLT DIE ZECHE?

Eine etwas zu einseitige Fragestellung. Zur Folgenabschätzung nach der Corona-Krise gehört natürlich auch die Frage dazu, wem die Einnahmen aus den Zahlungen zufließen. Die im heutigen Überblick erörterten “Ideen” gehen jedoch alle von der Unumstößlichkeit der bestehenden Geldordnung aus, bei der durch einen Griff in einen leeren Sack Schulden als Zahlungsmittel (kein Geld!) heraus gezaubert und auf die Schultern der Gesellschaft übertragen werden. Die Rentabilität dieser Schulden wird dann aus Leistungen erwartet, mit denen diese Schulden überhaupt erst werthaltig und damit erst in echtes, staatliches Geld konvertiert werden sollen. Soweit, so gut. Die Corona-Krise hat jedoch die Notwendigkeit gebracht, die Leistungsmöglichkeit in weiten Teilen der Wirtschaft abrupt zu unterbinden.

Nun kann man in Anlehnung an Loriots Feststellung bezüglich seines Lebens mit Möpsen sagen, dass ein Leben ohne z.B. Salzburger Festspiele oder andere Großveranstaltungen und, wie wir gesehen haben, sogar ohne Gastronomie möglich, aber im Unterschied zu Loriots Auffassung deshalb keinesfalls sinnlos ist, sofern wir im Leben als solchem einen Sinn vermuten, den es zweifellos haben muss. Es haben sich bestenfalls die Möglichkeiten zur Sinnverwirklichung nach dem herkömmlichen Verständnis verschoben, in dem der über allem stehende Sinn des Lebens in der Geldmehrung vermutet wurde. Vielleicht hat uns ja das Corona-Virus ein neues Wertebewusstsein beschert.

Wer es sehen wollte, der konnte in der Krise erkennen, dass der Mensch nicht nur ein zutiefst soziales Wesen, sondern von Natur aus auf Kooperation angelegt ist. Außerdem erweist sich der Mensch auch als generell freudig tätiges Wesen, wie man u.a. am Ansturm nach der Öffnung der Baumärkte erkennen konnte. Doch um tätig sein zu können, müssen die Lebensgrundlagen gesichert sein. Und so geht es besonders bei Freiberuflern und Kulturschaffenden weniger darum, sie “in Arbeit” zu bringen, als ihre Konsumationsfähigkeit und damit ihr Leben aufrecht zu erhalten. Und für die Industrie geht es ebenfalls darum, eine breite Konsumationsfähigkeit in der Bevölkerung vorzufinden, um Produktionen anzustoßen. Dass es da, sofern die unerwartete Zäsur zur Besinnung genützt wird, Verschiebungen in Hinblick auf Klimaschutz und Ökologie geben könnte, wäre ja durchaus wünschenswert.

Doch zurück zum Geld. Wenn wir die Abhängigkeit von Geldzuteilungen von der Einbindung in Arbeitsprozesse beibehalten wollen, wobei meist fälschlich davon ausgegangen wird, dass Arbeit ohnehin nur widerwillig verrichtet wird, dann steht man heute vor dem Problem zwischen aufholbaren und unwiederbringlichen Einkommensverlusten zu unterscheiden und einen diesbezüglichen Ausgleich herbeizuführen, wenn man als Verantwortlicher die gesamtgesellschaftliche Struktur vor Augen hat. Denn da geht es um die Überlebensfähigkeit weiter Bevölkerungsteile. Und hier schlagen Machtstrukturen und historisch entstandene Privilegien zu. Nicht das fehlende Geld wird zum Problem, das kann wie ersichtlich jederzeit geschaffen werden, sondern die global zunehmende Ungleichverteilung des zum physischen Überleben notwendigen Kuchens. Und es geht besonders auch um die darin enthaltenen Zutaten.

Wenn die Angemessenheit der Verteilung durch Rechtsetzungen nicht mehr gegeben ist, dann ist auch keine Leistungsfähigkeit zu erwarten. Speziell also, wenn mit der Pflicht zur Arbeit das Recht auf Leben nicht mehr gewährleistet werden kann. Geldmehrung ist ja kein lebensrelevantes Ziel als solches. Im bestehenden System wäre daher ein “Angstausgleich” zwischen den Einkommensdezilen angebracht. Zwischen Überlebensängsten der unteren Dezile und den Verlustängsten der oberen. Eine neue Balance mit verringerten Ängsten durch zeitgemäße Einsichten oben und verringerten Ängsten durch neue Hoffnungen unten. Das wäre also der herkömmliche Vorschlag der Umverteilung durch Steuern, setzt jedoch auch die überlebensnotwendige Werthaltigkeit des Umverteilten voraus, denn mit Geld allein ist es ja nicht getan.

Die besonders an der Leistungsverhinderung leidenden Berufsgruppen sind vor allem aus der durch Erfindungsreichtum und Rationalisierungen entstandenen Freisetzungen aus dem Primärsektor hervorgegangen. Sie sollten ihr Heil in der Dienstleistung suchen. Das hat bis zu einem gewissen Ausmaß auch ganz gut geklappt. So gut, dass manche Regionen, ja ganze Länder sogar meinen, von Dienstleistungen zu “leben”. Manch abstruse Geschäftsideen und überbordende Bürokratisierung sind aus diesem Irrglauben hervorgegangen. Die Sinnfrage stellt sich offensichtlich nicht, wenn es um das Überleben geht. Und Überleben bedeutet, Geld, das nach wie vor werthaltig nur im Primärsektor entsteht, in einem immer härter werdenden Konkurrenzkampf  an sich zu ziehen. Ganz gleich womit.

Die Corona-Krise hat uns mit den wegbrechenden Einkommensmöglichkeiten bei weiter bestehenden Lebenshaltungskosten gezeigt, dass eine Entflechtung von Einkommen und Erwerbsarbeit unumgänglich ist. Bedingungsloses Recht auf Leben setzt bedingungsloses Einkommen voraus. Dass das mit dem (irrigen) Argument der Unfinanzierbarkeit gerne vom Tisch gewischt wird, müsste zwangsläufig zur Schlussfolgerung führen, dass das Recht auf Leben nicht erfüllbar ist. Das mag ja vielleicht so sein, dann sollte man aber schleunigst die überwunden geglaubten Diskussionen über unwertes Leben wieder aufnehmen. Der liebe Gott möge uns aber alle davor bewahren. Besser wäre es daher, die Herausforderung anzunehmen und die Finanzarchitektur, die ja auf keiner Naturgesetzlichkeit beruht sondern eine gesellschaftliche Vereinbarung ist, derart umzugestalten, dass sie Würde und Notwendigkeit einer modernen Gesellschaft entspricht. Eine Vollgeldreform wäre dafür ein erster Schritt, der diesbezüglich neue Gestaltungsräume eröffnen würde.

Die Sehnsucht nach der sogenannten Normalität vor der Krise lässt mich befürchten, dass die einmalige Chance zu friedensstiftenden Korrekturen vertan wird. Vernünftigeres Verhalten, als es die Bevölkerungen in der jetzigen Krise an den Tag legten, wird so schnell nicht mehr zu erwarten sein.

Günther Hoppenberger, 18.4.2020