WAS IST GELD? ZUR LOGIK DES VOLLGELDS; Raimund Dietz; Mai 2019

Geld ist ein ganz besonderer Gegenstand, der ihn von allen anderen unterscheidet. Ein Hammer ist ein Hammer, gleichgültig ob man ihn nutzt oder nicht. Aber Geld ist nur Geld, wenn es regelmäßig und massenhaft als Gegenstand beim Ausgleichen einer empfangenen Leistung oder bestehenden Schuld eingesetzt wird. Es ist dieses Entgegenstellen im Tausch, das Geld zu einem Gegenstand macht. Aus der Tausch- bzw. Zahlungsmittelfunktion gehen alle anderen Funktionen des Geldes hervor: darunter die Funktion des Aufbewahrungsmittels (wenn ich nicht jetzt zahle, bewahre ich Geld für eine gewisse Zeit auf) und die Rechenfunktion (man kann nur mit Preisen sinnvoll rechnen, die von Partnern vermutlich akzeptiert werden).

Um die Funktion als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel ausüben zu können, muss Geld eine Physis mit gewissen Eigenschaften aufweisen. Geld sollte idealerweise abzählbar, teilbar und leicht transportiert sein. Es muss Personen auch eindeutig zurechenbar sein. Das ist bei Münzen und Bargeld ohne weiteres gegeben, Kontengelder bedürfen dafür eigener buchführender Institutionen; Kryptogelder einer hochkomplexen Verschlüsselungstechnologie.

Früher waren Gelder intrinsisch wertvoll. Dann waren sie von Natur her knapp. Sobald es eine Institution oder einen Mechanismus gibt, der in der Lage ist, den Wert von Zeichengeld (= Symbolgeld = Fiat Money) einigermaßen verlässlich zu sichern, kann sich Geld von seinem wertvollen Inhalt lösen. Es funktioniert dann sogar noch besser, weil es sich über große Strecken fast absolut sicher übertragen lässt. Seiner Menge nach kann es dann auch dem Bedarf der Wirtschaft angepasst werden. Die Geldmenge sollte so stark wachsen, dass sie den Teilnehmern den Appetit auf übertriebenes Horten verdirbt.

Über die Zeit haben sich die verwendeten Geldstoffe stark verändert. Die Geschichte des Geldes lässt sich als Geschichte der – immer von Rückschlägen bedrohten und wahrscheinlich niemals zu Ende kommenden – Evolution des Geldes von wertvoller Substanz zu virtuellem Geld erzählen. Die treibende Kraft dieser Veränderungen ist die Suche nach einer idealen Physis. Noch gibt es das ideale Tausch- oder Zahlungsmittel nicht, und es wird wahrscheinlich nie eines geben, welches alle funktionellen Anforderungen gleichzeitig erfüllt. Das sieht man schon allein am Nebeneinander vieler Währungen, das seinen Sinn in der Verschiedenheit der Wirtschaftsräume hat, und weil es auch sinnvoll ist, die Währungspolitik einem eindeutigen Souverän zu unterstellen. Innerhalb eines Währungsraumes sieht man es auch an einem Nebeneinander verschiedener Geldformen, also von Münzen, Banknoten und Giralgeldern.

Dieses Nebeneinander würde nicht stören, würde Geld nur vom Souverän in Umlauf gebracht werden, d. h. wenn es nur ein Geld, eben Vollgeld, dies nur in verschiedener stofflicher Form, gäbe. Eine unabhängige Zentralbank könnte dieses dem Finanzminister unentgeltlich zur Verfügung stellen, und dieser wiederum könnte es in die Wirtschaft via Staatsausgaben injizieren – man könnte auch sagen, durch Ankauf von Leistungen aus der Bürgergesellschaft in diese einbringen. Die Einheit des Emittenten würde auch die Einheitlichkeit des Geldes oder der umlaufenden Geldstoffe sichern. Diese würden dann in der Wirtschaft als Asset (positive money) ungestört (für immer) um­laufen, d. h. für beliebig viele Käufe, Darlehen oder Investments verwendet werden, ohne dass die Geldmenge durch diese Operationen verändert würde. Das Geldwesen wäre vom Kreditwesen vollkommen voneinander getrennt. Der Geldschöpfungsgewinn käme der Allgemeinheit zugute.

Störend erweist sich aber, dass Geld auch von Geschäftsbanken, und zwar von vielen, in Umlauf gebracht wird. Obwohl dieses Privileg den Geschäftsbanken nach Gesetzeslage und nach allen Prinzipien der Vernunft nicht zustehen kann, beläuft sich der von Geschäftsbanken in Umlauf gebrachte Anteil an der Geldmenge überall in der Welt inzwischen auf mehr als 90%. Hinzu kommt, dass die Geschäftsbanken dadurch Geld schöpfen und in Umlauf bringen, dass sie Kredite an Kunden vergeben oder Vermögens- und Forderungstitel aus der Bürgergesellschaft erwerben. Sie geben also ein Nichts hin und erhalten einen Vermögenszuwachs, dem eine entsprechende Verpflichtung ihrer Kunden gegenübersteht. Entsprechend aber verschwindet Geld auch wieder, wenn Kunden ihre Kredite zurückführen oder Geschäftsbanken Vermögenswerte an Kunden verkaufen. Durch dieses Geldemissionsverfahren von Seiten privater Geschäftsbanken unterliegt die Geldmenge den Geschäftslaunen des Bankensystems und der einzelnen in der Wirtschaft. Ist die allgemeine Stimmung günstig, werden viele Kredite vergeben, kommt neues Geld in Umlauf; aber auch umgekehrt. Booms und Busts sind also vorprogrammiert. Um die Geldmenge zu erhöhen, müssen Kredite vergeben werden, womit die Schuldlast der Gesellschaft steigt, was den Wachstumsdruck auf die Wirtschaft erhöht.

Die Geschäftsbanken müssen nur geringe Teile der Ausdehnung ihrer Bilanzen mit dem Geld der Zentralbanken, auch Reserven genannt, refinanzieren. Daher nennt man das gegenwärtige System auch fraktionales Reservegeldsystem.

Die Aufgabe der öffentlichen Hand müsste darin bestehen, der Bürgergesellschaft – weder zu viel, noch zu wenig – Geld zur Verfügung zu stellen, auf dass sie es dann (im Rahmen der Gesetze) nach Belieben verwenden kann

  • zum Kauf von Gütern und Dienstleistungen
  • für Investitionszwecke (Sparguthaben, Aktienkäufe, Kreditvergabe, Wertpapierankäufe).

Tatsächlich aber verwenden Geschäftsbanken nicht nur vorhandenes Geld, welches sie erworben oder sich ausgeliehen haben, schöpfen Geld, womit sie ihre Bilanzen zum Teil in ganz unsinniger Weise ausdehnen und, da sie einem starken Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, zur Übernahme absurder Risiken veranlasst werden.

Die Geldschöpfungsmacht der Banken, die ihnen im Zuge der Veränderung der Zahlungstechnologie (früher vor allem Bargeschäfte, heute vor allem Giralgeldzahlungen) zufiel, führte also zu einer systemwidrigen Vermengung der Geld- und Kreditsphäre.

Die Geldtheoretiker haben sich mehrheitlich dieser Veränderung dadurch „angepasst“, indem sie die früher vorherrschende Auffassung, Geld sei ein umlaufender Gegenstand (currency theory), fallen ließen und sich nun zur „credit theory of money“ bekennen. Intellektuell handelt es sich um eine Schlamperei, weil Geld mit Kredit verwechselt und als Forderung ausgegeben wird, was aber Geld keinesfalls ist, auch wenn es vielfach so verbucht wird. Die Ironie besteht darin, dass die „credit theory of money“, welche sich meist auf Keynes beruft, die Machenschaften der modernen Finanzindustrie rechtfertigt, während jener vom Absterben des Rentiers träumte.

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