WAS BEDEUTET WOHLSTAND? Am Beispiel fehlender CoviD19 Schutzausrüstungen

Einzelne können wohlhabend sein. Manche sogar sehr wohlhabend – dann spricht man meist bereits von Reichtum. Reichtum stellt sich für viele als erstrebenswert dar. Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden, sofern man stets die Kriterien im Auge behält, an denen Reichtum gemessen wird. Und um genau diese Kriterien soll es hier gehen. Denn Reichtum ist ein schlechter Wegbegleiter, wenn man ihm als intentionalem Ziel hinterher läuft. Reichtum verstehe ich daher im Sinne Viktor E. Frankls, analog zu Erfolg oder Glück, als zuständiges Gefühl. Als empfundenen Gefühlszustand, dem etwas vorangegangen sein muss, das zu dem Gefühl „ich bin reich“ führte. Den eigentlichen Prozess des Vorangehenden gilt es daher besonders zu beobachten. Am besten im allmorgendlichen Blick in den Spiegel. Und so wird Reichtum letztlich zu einer individuellen Einschätzung einer Zustandsrelation. Erfüllend kann Reichtum jedoch nur in einem halbwegs vergleichbar wohlhabendem Umfeld werden, will man sich nicht zum Rückzug in ein „Reichtums-Quarantäne-Ghetto“ mit Body Guards und Security (Berufsgruppen, die vor allem erst durch exzessiven Reichtum entstanden sind) entschließen.

Oder anders ausgedrückt, und in Abwandlung Dalai Lamas Weisheit über das Glück: Reichtum, ohne Bedachtnahme auf das Wohlergehen der Anderen, ist undenkbar.

Reichtum ist also in erster Linie eine Relation. Gleichermaßen wie Armut und genau so, wie Bert Brecht den Zusammenhang ausdrückte:

Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an.
Und der arme sagte bleich, wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Exzessiver individueller Reichtum verleitet aber auch zu Fehlinterpretationen statistischer Zahlen und führt sogar unter manchen Pseudo-Ökonomen zu äußerst skurrilen Annahmen, wie z.B. zu folgender soziopathischen Argumentation gegen Steuereingriffe: Je reicher Einzelne werden, ohne dass der Rest der Bevölkerung an Geldwertem einbüßt, desto höher wird der Wohlstand einer Gesellschaft. Deshalb solle man besonders den Reichtumszuwachs der Reichen nicht behindern.

Was dem ersten Anschein nach zu stimmen scheint, weil ja doch niemand ärmer wurde, hat nur leider einen groben Haken. Fehlende Balance und Reduzierung des Reichtums auf Geldwert.

Wir haben leider verlernt, Reichtum anders als unter Geldreichtum zu verstehen. Damit wird Reichtum automatisch als eine ungerechtfertigte Aneignung empfunden – und da ist ja auch einiges dran. Denn die Quellen allen finanziellen Reichtums liegen zweifelsohne in willkürlichen Landnahmen, Rechtssetzungen und daraus abgeleiteten obrigkeitlichen Schenkungen. In der Umwandlung von Allgemeingut in privates Eigentums. Das liegt jedoch alles im Nebel grauer Vorzeit, hat sich historisch über Familiendynastien ausgebreitet, wurde x-fach in Kriegen, Völkermorden und Raubzügen verloren, gewonnen, wieder erobert, anderweitig verschenkt, weitergereicht, aber irgendwann dann plötzlich auch verkauft, womit der Grundstein für die heute noch gültigen Eigentumsrechte gelegt war. Land, ein nicht vermehrbares Allgemeingut, wurde vom Leihobjekt zum Handelsobjekt mit allen Nachteilen für das Kollektiv, fällt in den hochspekulativen Bereich und ist mehr denn je entscheidender Ursprung der Ungleichverteilung. Indianer, aber auch viele andere Völker konnten ohnehin nie verstehen, wieso man Grundstücke überhaupt kaufen und verkaufen kann.

„Eigentum verpflichtet“, steht zwar sogar in den meisten Verfassungen, und „es soll dem Wohl der Allgemeinheit dienen“. Was das im Detail bedeutet, sucht man jedoch vergeblich. Und von einer Ergänzung mit „Reichtum verpflichtet“, will niemand etwas hören; noch dazu, wo heute Steuern als Diebstahl des Staates angesehen werden. Dass die Aufwertungen individuellen Eigentums sich vor allem aus staatlichen Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen, also aus Mitteln der Allgemeinheit erstellen, wird geflissentlich ausgeblendet. Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte (So wie viele andere Aspekte auch, auf die ich hier nicht näher eingehe).

Wann also ist eine Gesellschaft eine Wohlstandsgesellschaft? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möchte ich dazu einmal meine persönlichen Vorstellungen skizzieren:

Da es ja insgesamt um den Lebensstil, also um die Art und Weise der Bedürfnisbefriedigung geht, ist es für mich naheliegend, zunächst einmal zwischen dinglichen und geistigen Instrumenten zu unterscheiden, und des Weiteren zwischen äußeren und inneren Möglichkeiten, die mir zur Erfüllung meines Lebens zur Verfügung stehen. Und wie uns unter den momentanen Quarantänebestimmungen soeben bewiesen wird, ist der Mensch ein soziales Wesen, das nicht allein wegen seiner Ernährungsabhängigkeit auf andere angewiesen ist. Alle Möglichkeiten der Entfaltung sind daher eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld. Es kann mir nur dann gut gehen, wenn es den anderen auch gut geht. Oberste Priorität haben daher körperliche und geistige Gesundheit, wie auch harmonische Familienbeziehungen. Behausung und Zugang zu Ernährungsmöglichkeiten, Möglichkeit, sich in die Produktions- und Handelskette einzubringen, ein demokratisch funktionierendes, der Bürgergesellschaft dienendes Staatsgefüge mit Bewegungs- und Rechtssicherheit, Rechtssetzungen gemäß dem natürlichen Rechtsempfinden und Ausschluss ungerechtfertigter Vorteilsnahmen, gegenseitige Anerkennung und Achtsamkeit im weiteren Bekanntenkreis und weit darüber hinaus, Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, frei zugängliche Infrastruktur für physische und geistige Bewegungsfreiheit, Betätigungsmöglichkeit zur Entfaltung eigener Talente mit Hinblick auf deren potentiellen Gemeinwohlbeitrag zur Bewahrung und Fortentwicklung bestehender Strukturen, innere Fähigkeit, Natur und deren Wunder erschauen und auch genießen zu können, Hilfe in Not geben und empfangen zu können, Möglichkeiten für Wissenserwerb über alle Gebiete, die Selbstverständlichkeit von Alten- und Krankenpflege, Freude am Heranwachsen eigener, aber auch anderer Kinder empfinden zu können, …….

Wenn all diese Gegebenheiten in der Breite der Bevölkerung vorhanden sind, würde ich zweifellos von einer Wohlstandsgesellschaft sprechen. Und streng genommen gibt es eigentlich keinen Grund, warum so eine Gesellschaft nicht möglich sein sollte.

Doch jetzt müssen wir noch das Geld in unsere Betrachtungen mit einbeziehen. Geld! Eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit. Vom Geld geht die eigentliche, Gesellschaft formende Kraft aus (R.Dietz; Geld und Schuld). Allerdings geht es darum, wie Geld konstruiert ist, um seiner Widmung, dem Gemeinwohl zu dienen, auch gerecht werden zu können. Unsere heutige Geldordnung erfüllt diese Anforderung ja offensichtlich nicht.

Unsere Geldordnung bietet im Gegenteil die Möglichkeiten zu persönlichen Vorteilsnahmen, zur Machtausübung über andere und vor allem ist es gefräßig wie das Covid19 Virus. Es muss sich selbst vermehren und benützt dazu die Realwirtschaft nur als Transmissionsmaschinerie ohne gemeinwohlorientierter Zielsetzungen.

Investiertes Geld muss sich „rechnen“. Das heißt, es muss nach Abschluss des Arbeitsprozesses neben dem geschaffenen Wert mehr Geld übrig bleiben. Eigentlich eine Unmöglichkeit, zumindest jedoch eine perfide Regelung. Entgegen aller ökonomischen Vernunft, kommen Arbeitsprozesse nur dann in Gang, wenn eine nominelle Wertsteigerung aus der Umwandlung von Natur in Kulturgüter zu erwarten ist. Wie aber soll dieser nominelle Mehrwert tatsächlich auch bezahlt werden? Wachstum? Ja. So kann man es nennen – und dazu braucht es immer mehr Geld (Und wenn es Kreditgeld ist, immer mehr Schulden). Wie „gut“ sich das Geld rechnet, wird in Prozenten gegenüber dem eingesetzten Betrag ausgedrückt. Die meisten, dem gesellschaftlichen Wohlstand dienenden Investitionen erzeugen jedoch vor allem fortlaufende Kosten (= Einnahmemöglichkeiten!). Sie werden – mit Einschränkungen – dennoch getätigt, weil sie sinnvoll erscheinen, bzw. weil sie dem Wohlbefinden der Gesellschaft dienen. Man will sie ganz einfach haben. Neben Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern u.ä., wird sogar auch in Strukturen investiert, von denen man von Anfang an hofft, sie niemals zu brauchen. Z.B. Feuerwehren, oder besonders auch Waffen.

Feuer kann durch Unachtsamkeit oder durch eine Verkettung von Bedingungen von selbst, oder auch angestoßen von Naturereignissen entflammen. Daher stößt es auf allgemeine Zustimmung, dass es in jedem Dorf eine Feuerwehr gibt, die bestimmungsgemäß möglichst nichts anderes zu tun hat, als die Geräte in Schuss zu halten und für mögliche Szenarien zu üben. Dass Feuerwehren als Unfall- und Katstrophenhelfer heute gar nicht mehr wegzudenken sind, braucht wohl nicht näher erörtert werden. Nichts zwingt aber eine zivilisierte Menschheit dazu, Waffen, anstatt Werkzeuge, Geist und Sprache zu benützen (Es wird Sigmund Freud zugeschrieben, gesagt zu haben, dass Zivilisation begonnen hat, als der erste Mensch statt einer Waffe ein Schimpfwort benutzte).

Beatmungsgeräte, Atemschutzmasken, ja selbst der flächendeckende Bau von – dann hoffentlich leerstehenden – Krankenhäusern und Altenheimen wären doch durchaus vergleichbare Investitionen, und sie würden das Gefühl des Wohlstands doch gewiss viel mehr vermitteln, als es das Wissen über die ausufernden Waffenlager tut. Niemand fragt, wann sich eine Feuerwehr „rechnet“. Alle hoffen, dass wir sie niemals brauchen. Genauso wäre es mit Schutzmasken oder Beatmungsgeräten. Wie soll sich ein Krankenhaus „rechnen“? Durch möglichst viele Kranke? Die lassen sich natürlich „erzeugen“, wie uns das die pharmazeutische Industrie vorführt. Sie macht uns erst darauf aufmerksam, dass wir eigentlich krank sind, kann uns aber (meistens) zugleich ein Heilmittel anbieten. Und denken Sie nur an all die Wellness- und Pflegeartikel, ohne denen persönliche Glückszustände  undenkbar erscheinen, wenn man auf die Werbung vertraut. Welchen gesellschaftlichen Wert haben Spielautomaten im Vergleich zu Beatmungsgeräten? Und dennoch gibt es mehr Maschinengewehre und mehr Spielautomaten als Beatmungsgeräte. Der Aufwand für die Lebenshaltung während des Produktionsprozesses wird so unterschiedlich nicht sein. Und um diesen Aufwand kommt man so oder so nicht herum, wenn man Leben als Wert an sich erachtet. Warum also nicht gleich Sinnvolles tun?

Geldmangel ist ein vorgeschobenes Argument, denn Geld ist ein Kunstprodukt. Wie man gerade sieht, kann es jederzeit geschaffen werden. Durch einfache, mitunter auch verwinkelte Buchungsvorgänge. Es geht aber um den politischen und besonders um den gesellschaftlichen Willen, Geld dermaßen zu konstruieren, dass es den gesellschaftlichen Bedürfnissen gerecht wird. Prinzipiell kann sich eine Gesellschaft alles leisten, was sie will. Die einzige Beschränkung liegt in dinglichen und geistigen Ressourcen. Nicht im Geld! Geld ist nur ein Konstrukt der Verteilung – über das aber, leider Gottes, die Macht gegen gesellschaftliche Interessen ausgeübt werden kann. Diese vierte Eigenschaft des Geldes, Machtmittel, ist Gegenstand allen gesellschaftspolitischen Ringens. Und das wirksame Prinzip der Macht ist die Erpressung. Im Fall des Geldes also das Vorenthalten von Geld.

Vermeintlich Sinnvolles, also das, was der einzelne nur für sich als sinnvoll zu tun erachtet, ist nicht zwingend eine gemeinwohlorientierte Werteverwirklichung. Der Zwang, durch Tätigkeit Kaufkraft zu erlangen, lässt jedoch gar keine andere Wahl, als das, was man – hoffentlich auch mit Talent und Können – gut und gerne macht, auch als Gemeinwohlbeitrag darzustellen, das heißt, dass man es vermarkten muss. Extrembeispiel (mit dem ich mir voraussichtlich breite Kritik einhandle): Wenn ich talentierter Sportler bin, dann kann ich das durchaus als Sport, auch als Vorbild und zur Anregung anderer, ausüben. Sport zum Beruf zu machen und mich als Gladiator für Großveranstaltungen zu verkaufen, bei denen es für die Veranstalter und letztlich auch für mich vor allem nur mehr um den finanziellen Gewinn geht, ist jedoch kaum als Gemeinwohlbeitrag anzusehen. Sport als körperliche Ertüchtigung und mitunter auch als Grenzüberschreitung eigener Möglichkeiten, erfüllt seinen Sinn vor vielleicht nur 50 Zuschauern am Dorfanger gleichermaßen, wie vor 50.000 Zuschauern in einem Stadion. Und es hat das für mich irgendwie das „G’schmäckle“ von Prostitution an sich, wie ja auch weite Bereiche der Tourismusindustrie, wenn menschliches Leben als Ziel und Wert an sich, zum Rohstoff für die Geldvermehrung degradiert wird.

Neugier, Tätigkeit und etwas schaffen zu wollen, liegt in der Natur des Menschen. Wohlstand bedeutet daher, neben dem Können auch die Möglichkeit dazu zu haben. Und die erstellt sich vor allem aus dem Auslangen, das eigentlich von einem bedingungslosen Einkommen im Rahmen dessen abgedeckt werden sollte, was für ein Leben in Würde benötigt wird und den gesamtgesellschaftlichen Möglichkeiten entspricht. Es setzt allerdings auch eine durch den freien Willen geprägte, sinnzentrierte Lebenseinstellung voraus. Das heißt, es setzt die willentliche Übung voraus, spezifisch an uns gerichtete Sinnaufrufe aus dem breiten Möglichkeitsspektrum erkennen zu können, und ihnen dementsprechend auch nachzukommen.

Jetzt verlangen alle nach staatlichem Einkommen. Auch alle, die noch vor kurzem vehement gegen ein Grundeinkommen waren. Die Finanzierung ist außer Streit gestellt. Die Frage, woher es kommt, stellt sich plötzlich nicht mehr. Sowohl für die Schuldner, die allein schon wegen Mietforderungen oder auch wegen kreditfinanzierten Projekten, von täglichen Bedarfsgütern gar nicht zu reden, in Zahlungsverpflichtungen hängen ist eine Einnahme überlebenswichtig, als auch für die Kreditgeber, die auf diese Einnahmen angewiesen sind, oder jedenfalls nicht darauf verzichten wollen, oder auch wegen weiterreichender Verpflichtungen darauf  nicht verzichten können. Jetzt rächt sich die bislang als völlig normal angesehene Verknüpfung von Arbeitsmöglichkeit mit Einkommenszuteilung. Weil eben Geld nicht durch Arbeit e n t s t e h t! Nicht Geld, aber das, was wir zum Leben benötigen, entsteht ausschließlich durch Arbeit. Der Rest ist Buchhaltung. Es ist auf den Erfindungsreichtum und auf die Kreativität des Menschen zurückzuführen, dass Mühe und Zeitaufwand zur Bedarfsdeckung immer geringer wird. Ein Glücksfall für die Wohlstandsentwicklung. Nicht so in unserem Geldsystem, in dem wir, wenn wir daran festhalten, durch Tätigkeitssurrogate den erreichten Wohlstand erodieren müssen.

Besser wären daher die Fragestellungen, was ich durch meine Tätigkeit zum Gemeinwohl beitrage und wie dieser Beitrag in Relation zu anderen zu bewerten wäre. Auch die Fragen „was kann ich?“, „was könnte ich?“ und „was tue ich eigentlich?“ könnten zu wohltuender Persönlichkeitsentwicklung beitragen.

Die CoviD19-Krise bietet uns die Möglichkeit, hautnah zu erfahren, was sich da über Jahrzehnte an Unsinnigkeiten aufgebaut hat, die nur deshalb stattfanden, um den Anforderungen des Geldes zu entsprechen. Den lautstarken Rufen nach Rückkehr zu „normalem“ Leben sollte daher mit größter Skepsis begegnet werden.

Günther Hoppenberger, 2.April 2020

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