„VIRUS, VIRUS, GIB‘ UNS UNSERE MILLIONEN WIEDER!“ (Newsletter 5-2020)

So in etwa erschallen die verzweifelten Rufe aus den wankenden Märkten. Und sie richten sich an die Staaten, als ob diese für den Ausbruch der Covid19-Pandemie verantwortlich zu machen wären.

Die überraschend einhellig beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr legen allerdings die jahrzehntelangen Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten gnadenlos offen. Ideologische Streitthemen zwischen den Parteien, wie auch die lähmenden Personal- und Profilierungsdiskussionen innerhalb derselben, sind schlagartig in den Hintergrund gerückt. Das ist wohltuend. Die Gesellschaft rückt zusammen und erkennt vielleicht auch die Notwendigkeit zur Rückbesinnung auf vermeintlich entbehrliche und längst in Vergessenheit geratene Lebenseinstellungen. Kooperation beginnt sich als zeitgemäßes Erfolgsmodell gegenüber Rivalität durchzusetzen. Das eigentliche Potential menschlicher Größe spiegelt sich in erstaunlich veränderten Verhaltensweisen und führt das den Wirtschaftswissenschaften als Modell zugrundeliegende Menschenbild des „homo ökonomicus“ ad absurdum. Nur schade, dass es dazu immer wieder einer Katastrophe bedarf, um das so deutlich sichtbar zu machen.

Doch selbst solche Menschheit gefährdenden Charaktere, wie ein Donald Trump und seine gleichermaßen um Vormachtstellung rangelnden Wettstreiter, die Bevölkerungen nur als Mittel für ihre eigenen Interessen ansehen, sind mittlerweile ziemlich kleinlaut geworden. Sichtlich hat die Natur gegenüber allen Rüstungsgütern der Welt immer noch die wirksameren Mittel zur Verfügung, zu Demut zu zwingen.

Was aber jetzt als Kommunikationsmittel in den Austauschbeziehungen der Gesellschaft zu fehlen beginnt, ist Geld! Eine gesellschaftliche Vereinbarung, mit der sich Tauschrelationen dokumentieren lassen. Deshalb müssen wir auf die derzeit leidenden Finanzmärkte zurück kommen.

Das Prinzip des kapitalistischen Systems besteht darin, nominelles Geld zu vermehren. Da das, für sich genommen, eine ziemlich unsinnige Zielsetzung wäre, versucht man dem Geld im Nachhinein einen Wert zu unterlegen, der aber ausschließlich durch Arbeit zustande kommen kann. Anders betrachtet könnte man auch sagen, dass es bei der angestrebten Geldvermehrung gar nicht ums Geld selbst geht, sondern darum, jeweils alle erzeugten Waren und Dienstleistungen, abzüglich des von den Durchführenden für den Arbeitsprozess benötigten, lebenserhaltenden Verbrauchs, kaufen zu können. Hier liegt ja auch der Ursprung des ungelösten Verteilungsproblems.

Es ist unschwer erkennbar, dass diese über realwirtschaftliche Leistungen verlaufende „Geldpumpe“ in gesättigten Volkswirtschaften (die es gemäß Modellannahmen ja gar nicht geben darf!) zunehmend langsamer läuft. Deshalb ja auch die verzweifelten Rufe nach Wachstum. Doch was ist es eigentlich, was wachsen soll? Es sind die Zahlengrößen des Geldes. Und bei Geld, das in überwiegendem Maß (rund 90%) durch Kredit geschaffen wird, bedeutet das die Zunahme der Gesamtverschuldung. Wir müssen uns also fortlaufend verschulden, um nominelle Wertsteigerungen durch Umwandlung natürlicher Ressourcen in marktgängig erachtete Waren und Dienstleistungen – und seien die Erzeugnisse noch so sinnwidrig oder sogar schädlich – zu erzielen und damit Schulden zu bedienen.

Mit jeder Schuldentilgung wird jedoch das durch Kredit geschaffene Geld wieder vernichtet und muss durch Neuverschuldung ersetzt werden, damit nicht immer weniger für die in den Arbeitsprozessen nötigen Tauschvorgänge zur Verfügung steht.

Nun kann man natürlich sagen, dass diese Konstruktion doch bisher recht gut funktioniert hat und dass damit auch sehr viel breiter Wohlstand geschaffen wurde. Zu gewissem Teil ist das auch richtig. Es stimmt jedoch nur unter gewissen Bedingungen. Nur, wenn wir die Umwelt- und Klimaproblematik außer Acht lassen, die uns hier begegnet, nur, wenn uns die Schieflage in der Verteilung nicht kümmert, und nur, wenn wir uns gegenüber demokratiepolitischen Bedenken verschließen und meinen, dass Staatsverschuldungen Sache des Staates wären.

Covid19 zeigt uns, dass es uns alle angeht. Weite Teile des Sekundärmarktes sind jetzt lahmgelegt, weil wir die Einnahmen, die wir als Ausgaben zur Umwandlung der Natur und zur anschließenden Schuldentilgung benötigen, grundsätzlich mit Arbeitsmöglichkeit verknüpft haben. Die Einnahmen fallen jetzt daher weg, die Schulden aus der Vorperiode bestehen jedoch weiter. Was tun? Wenn diese unterbrochene Einnahmenseite nicht bald kompensiert wird, dann wird schon demnächst auch die Einnahmen-/Ausgabenkette des Primärmarktes (Ernährung, Rohstoffe, Infrastruktur) zum Erliegen kommen und damit auch das Gesundheitssystem kollabieren.

Freilich muss also jetzt jede Menge Geld ins System gepumpt werden. Es ist das jedoch Geld, das zur Schuldentilgung aus der Vorperiode herzuhalten hat und ich bezweifle, ob es sinnvoll ist, dieses Geld aus einer Neuverschuldung zu schöpfen. Meines Erachtens müsste das ein schuldbefreites, nicht rückzahlbares und damit umlauffähiges Geld sein, das von der ZB direkt und ohne Umweg über „die Märkte“ dem Staat zur bedingungslosen Verteilung zugeteilt wird. Vollgeld eben.

Tendenziell sind ja solche Überlegungen sogar seitens der EZB zu bemerken. Ob es letztlich „die Märkte“ zulassen werden, wird man ja sehen. Hätten wir bereits ein Vollgeldregime, dass also auch das Publikum direkt und ohne Umweg über das Bankengeld Zugang zu echtem, staatlichem Zahlungsmittel hätte, ließe sich die jetzige Krise wahrscheinlich relativ einfach lösen. Eine weitere Aufblähung der Staatsverschuldungen verzögert hingegen nicht nur eine weitgehende Normalisierung in der Realwirtschaft, sondern führt uns schnurstracks in die nächste Krise, die uns durch die Digitalisierung ja noch bevorsteht (von der Covid-Krise in die Digit-Krise?).