Vater-Sohn Gespräch zu Geld und Gier

EIN SPAZIERGANG (Überarbeiteter Beitrag von Mitte Juni 2015)

Es beginnt mit einem Vater-Sohn Gespräch auf einem der seltenen gemeinsamen Wochenendspaziergängen. Der halbwüchsige Sohn stellt Fragen und sein Vater, Politiker und somit Experte für Antworten, bemüht sich redlich, zufriedenstellende Aufklärung über die wahren Sachverhalte zu geben.

Sohn:    Du, Vati, neulich hast du doch erfolglos versucht, mir zu erklären, wieso der Chef unserer Nationalbank als Gouverneur bezeichnet wird. Kann ich dich wieder was fragen?

Vater:     Hättest damals ja gleich sagen können, dass du meine Antwort nicht verstanden hast. Immerhin hab‘ ich dir, wenn ich mich richtig erinnere, auch   einiges über die Zusammenhänge in unserer Geldordnung erzählt.

Sohn:     Ja, schon…., war ja auch ganz interessant….

Vater:     Aber frag‘ mich ruhig. Was immer du wissen willst.

Sohn:     Na gut. Letzte Woche haben wir im Religionsunterricht über Bescheidenheit und Gier diskutiert.

Vater:     Oh, das ist aber ein sehr schwieriges Thema. Da geht es um Raffen und Schaffen.

Sohn:     Klar; und ich hab‘ mich da gleich ziemlich heftig angegriffen gefühlt, weil praktisch alle gemeint haben, Politiker sind gierig. Es wissen doch alle, dass du Abgeordneter bist.

Vater:     Na, und hast du den Berufsstand deines Vaters wenigstens entsprechend verteidigen können?

Sohn:     Nicht wirklich. Sogar der Lehrer war der Auffassung und am Schluss – ich trau‘ mich das ja fast nicht zu sagen – hab‘ ich mich für dich geniert. Drum möcht‘ ich dich eben fragen, ob denn wirklich alle Politiker gierig sind und ob du da auch dazugehörst.

Vater:     Schau. In dieser Verallgemeinerung stimmt das schon einmal gar nicht. Aber natürlich wird es so wie in allen Bevölkerungsschichten auch unter den Politikern einige Giersäcke geben. Ich kenne aber keine und zähle mich selbst auch nicht zu den gierigen Menschen. Sonst würd‘ ich dir       wahrscheinlich nicht so viel Taschengeld geben.

Sohn:     Also in der Schuldiskussion hat sich heraus kristallisiert, dass Gier vom Gierigen selbst ja nie als solche erkannt wird, sondern dass der Eindruck von Gier ausschließlich aus dem Empfinden des Umfeldes entstehen kann. Du kannst daher selbst gar nicht beurteilen, ob du gierig bist, oder nicht.

Vater:     Ja, hältst du mich vielleicht für gierig?

Sohn:     Na eigentlich nicht. Drum hat mich das ja so aufgeregt. Ich wurde sogar als wahrscheinlich genetisch geprägter Komplize deiner Gier hingestellt. Ich fand das wirklich nicht lustig.

Vater:     Was wurde denn überhaupt unter Gier verstanden?

Sohn:     Wir haben Gier als Unmäßigkeit definiert. Als rücksichtsloses Streben nach Mehr.

Vater:     Da habt ihr doch bereits eure Definition auf ganz vage Begriffe gestützt. Was heißt schon unmäßig? Was für den einen immer noch wenig ist, erscheint für den anderen viel. Und wann ist etwas rücksichtslos, so lange es gesetzlich nicht verboten ist? Und was heißt Mehr? Mehr wovon?

Sohn:     Wir haben das schon auch noch spezifiziert. Unter Rücksichtslosigkeit haben wir verstanden, wenn die von einem zu seinem Vorteil gesetzten Handlungen zu einem Nachteil der anderen führen. Rücksichtslosigkeit zeigt sich also durch Mangel an sozialer Empathie.

Vater:     Ihr redet da aber ganz schön g’scheit daher. Na und das andere?

Sohn:     Beim Streben nach Mehr, haben wir den Bogen ganz weit gespannt. Mehr Kuchen, Mehr an Sachwerten, Mehr an Geld, ja sogar das Streben nach einem Mehr an Liebe wurde von einem genannt. Wir sind jedenfalls zur Auffassung gelangt, dass so ein Streben nach Mehr, um als Gier          wahrgenommen zu werden, etwas Suchtartiges an sich haben müsste.

Vater:     Wieso? Will denn nicht jeder mehr aus sich machen? Was ist da süchtig dran? Das ist doch ganz natürlich!

Sohn:     Ja, aber da ging’s eben um die Rücksicht und das Übermaß.

Vater:     Das klingt mir aber sehr kommunistisch! Es können nicht alle gleich viel haben. Sei doch froh, dass du dich nicht mit den Armutschkerln in deiner Klasse vergleichen musst.

Sohn:     Auch das hatten wir geklärt. Keiner wollte, dass alle gleich viel haben. Es ging nur um das Augenmaß und um das Gerechtigkeitsempfinden.

Vater:     Geh, hör auf! Gerechtigkeit! Soll ich dir sagen, weshalb keiner von euch wollte, dass alle Menschen gleich viel hätten? Weil ihr euch dadurch der Illusion beraubt hättet, eines Tages mehr, viel mehr als alle anderen besitzen zu können.

Sohn:     Ganz so haben wir das zwar nicht gesehen, aber da kann schon was dran sein. Wir haben uns ja gefragt, woher überhaupt die Möglichkeit zu gierigem Verhalten stammen kann.

Vater:     Woher, woher. Was ist das für eine Frage? Die Menschen sind halt so.

Sohn:     Also dann bist du ja doch auch gierig!

Vater:     Du vielleicht nicht? Wenn ich denke, mit welchen Forderungen und   Wünschen du immer zu mir kommst, wirkt das nicht gerade bescheiden.

Sohn:     Siehst du, jetzt wird das Gespräch persönlich angriffig. Sagen wir halt, die anderen sind gierig, aber wir nicht. Und die Frage ist, warum das wohl so ist.

Vater:     OK; da müssen wir also in die Tiefen der menschlichen Psyche einsteigen.

Sohn:     Kennst du dich damit überhaupt aus?

Vater:     Na du bist gut. Ein bisschen Erfahrung darfst du mir schon zutrauen. Aber wir können ja gemeinsam versuchen, das aufzuarbeiten. Einverstanden?

Sohn:     Ja. Ich find‘ das sehr spannend. Hab‘ gar nicht gewusst, dass man mit dir über solche Dinge reden kann. 

Vater:     Schau, überleg‘ einmal. Wonach ist dir, wenn du als Baby auf die Welt kommst?

Sohn:     Keine Ahnung. Ich kann mich doch nicht mehr erinnern.

Vater:     Was glaubst du?

Sohn:     Wahrscheinlich brauch ich Wärme und die gut gefüllte Mutterbrust. Wie lange bin ich eigentlich gestillt worden?

Vater:     Fast zwei Jahre. Und was würdest du sagen, wie man das Gefühl bezeichnen könnte, wenn das Baby die mütterliche Wärme und Zuneigung beim Stillen spürt?

Sohn:     Könnte mir vorstellen, dass das ein Gefühl der Sicherheit vermittelt.

Vater:     Genau. Würd‘ ich auch so seh’n. Du wirst ja als Baby ziemlich plötzlich in eine völlig ungewohnte Umgebung bugsiert. Das ist vielleicht so, als ob du morgen plötzlich in der Bronx aufwachen würdest.

Sohn:     Ach, ich käm‘ schon zurecht.

Vater:     Das wär‘ dir zu wünschen, aber du wirst zugeben, dass dir das schon auch Angst machen würde. So mittellos und ohne Familie oder Freunde.

Sohn:     Moment! Das mit mittellos hast du vorher nicht gesagt!

Vater:     Das ist doch klar! Jedes Baby kommt doch mittellos zur Welt. Wär‘ zu schön gewesen, wenn du gleich mit gefüllter Brieftasche auf die Welt gekommen wär’st.

Sohn:     Beklagst du dich vielleicht grad‘ weil ich noch nix verdien‘ und aufs    Taschengeld angewiesen bin?

Vater:     Aber nein. Ich wollte dir doch damit nur sagen, dass es im Leben immer um Sicherheit geht. Und ich glaub‘ auch, dass dieses natürliche Sicherheitsbedürfnis der Ursprung der Gier ist. Oder auch die Angst vor der Unsicherheit, wenn das Sicherheitsbedürfnis nicht befriedigt wird. Ja. So ist es. Der Ursprung der Gier ist die Angst.

Sohn:     Gut. Das verstehe ich jetzt beim Baby, oder vielleicht auch noch beim Kleinkind, aber man wird doch erwachsen! Und ein Baby wird doch wohl nur selten als gierig empfunden.

Vater:     Aber die Angst vor Unsicherheit, und da geht es ja um die Absicherung des Lebens, bleibt ein Leben lang erhalten.

Sohn:     Also ich merk‘ nichts von Angst.

Vater:     Das würde anders ausschauen, wenn ich dir dein Taschengeld streiche und dich vor die Tür setze.

Sohn:     OK. Jetzt versteh‘ ich das mit der Angst gleich viel besser. Aber Gier?

Vater:     Das ist ja genau das Problem mit der Gier. Du müsstest auf jeden Fall schau’n, dass du zu einer möglichst wintersicheren Behausung kommst, dass du deine Ernährungsquelle abgesichert hast und nicht zuletzt, dass du soziale Kontakte hast, die dir in Notfällen helfen könnten. Das Problem ist, dass die Psyche die qualitativ notwendigen Sicherheitsmechanismen erkennt, aber kein G’spür für die Quantität hat.

Sohn:     Jetzt red’st du wieder ganz schön g’scheit daher. Das kann man doch alles kaufen und damit bestimmt sich die Quantität durch die zur Verfügung stehenden Geldmittel ja von selbst.

Vater:     Von wegen! Wie das mit dem Geld ist, hab‘ ich dir doch auf unserem letzten                 Spaziergang zu erklären versucht. Ich glaub‘ du hast das immer noch nicht verstanden. Aber gut, wenn du willst, können wir das auch für unseren monetarisierten Kapitalismus durchspielen.

Sohn:     Was ist das schon wieder?

Vater:     Das ist unser System! Wir leben in einem kapitalbasierten Schuldgeldsystem. Wir wollen auch gar keine Alternative kennenlernen, drum beschäftigt sich ja auch kaum jemand damit. Und sooo schlecht ist es doch gar nicht. Man verschuldet sich, investiert das Geld in die Herstellung           von irgendetwas und hofft, dass sich andere noch höher verschulden und mir das Geschaffene abkaufen, dann kann ich meine Schulden bezahlen und mit etwas Glück bleibt mir sogar noch ein Gewinn über.

Sohn:     Und wo ist da jetzt die Sicherheit?

Vater:     Na nirgends. Die Sicherheit gibt’s eben nicht. Vielleicht kann man Sicherheit noch aus einem natürlichen Gottvertrauen beziehen. Kann man darauf nicht zurückgreifen, dann kommt es eben zu Gierverhalten, denn die Angst bleibt bestehen, immer noch nicht ausreichend gesichert zu sein.

Sohn:     Das ist ein blödes System. Das haben wir eh bereits letztes Mal auch festgestellt.

Vater:     Kommt drauf an, von welcher Seite man es betrachtet. Wenn man genug Geld hat, dann vergisst man recht schnell, dass das Geld immer Schulden anderer ist. Aber wen kümmert’s? Die sollen eben auch schauen, wie sie ihre Schulden weiterreichen können. Es werden sich immer genug Leute finden, die bereit sind, sich zu verschulden. Zumindest behaupten das unsere Ökonomen. Manche Anzeichen sprechen allerdings dagegen. Dann sprechen wir eben von einer vorübergehenden Konjunkturflaute.

Sohn:     Warum sollte die vorübergehen?

Vater:     Das wissen wir nicht. Wir nehmen das nur an, weil es sich in der kurzen       Geschichte des Systems immer so erwiesen hat. Manchmal musste zwar mit einem Krieg nachgeholfen werden, aber danach hat es wieder fabelhaft funktioniert.

Sohn:     Ist das jetzt nicht zynisch und menschenverachtend?

Vater:     Nein. Das ist realpolitisch.

Sohn:     Das ist aber jetzt nicht dein Ernst.

Vater:     Ich geb‘ schon zu, dass das nicht sehr schön ist, aber denk‘ doch bitte bloß an die steigende Arbeitslosigkeit und an die rückläufige Bereitschaft, sich zu verschulden! Alle versprechen zwar für eine Wachstums- und Beschäftigungspolitik zu sorgen, weil das gut klingt, aber das ist natürlich        ein Schmarr’n. Nur darf man das offiziell nicht sagen. Und als Politiker schon gar nicht. Wachstum heißt Schuldenwachstum und Ressourcenverbrauch; und Arbeitslosigkeit, als Freiheit von erzwungener Erwerbsarbeit, entspricht der ureigensten menschlichen Sehnsucht. Wer                 möchte sich außerdem verschulden, um Arbeitsplätze zu schaffen, die ganz offensichtlich nicht benötigt werden?

Sohn:     Du bitte, können wir jetzt wieder auf das Thema Gier – und meinetwegen Angst – zurückkommen? Wenn ich dir so zuhör‘ krieg ich eh gleich Angst.

Vater:     Du hast ja damit angefangen. Du hast doch gemeint, alles, was man zur Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses benötigt, könne man doch ganz einfach kaufen. Und du hast dabei darauf vergessen, dass man dazu Geld braucht und auch darauf, wie unser Geld entsteht. Nämlich durch Kredit. Zu dir kann daher immer nur bereits entstandenes Geld kommen. Entweder durch Arbeit, da wird deine Sicherheitslage aber eher schwach ausseh’n, oder durch Betrug oder gar Raub. Da würdest du aber wahrscheinlich auch nicht recht froh, denn sooo groß ist die innere Sicherheit unserer Gefängnisse auch wieder nicht.

Sohn:     Ja, aber wenn ich an die ganzen Meldungen über die sagenhaften Vermögen denke, dann scheinen mir die doch ganz schöne Sicherheit zu geben. Sind denn die nicht durch Arbeit erworben worden?

Vater:     Zum Teil, mein Sohn, zum Teil. Obzwar, wart‘ einmal. Natürlich stimmt das, dass sie durch Arbeit erworben wurden. Vor allem aber durch die Arbeit anderer. Diese Spitzenvermögen betreffen außerdem nur einige wenige. Und glaub‘ mir, die fühlen sich absolut nicht sicher. Was mit Ängsten um ihre Lebenssicherung begann, hat sie mit Glück und Geschick in die Situation geführt, in der sie jetzt ihre Verlustängste ausleben dürfen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es im Leben stets um die Relationen geht.

Sohn:     Also solche Verlustängste wurde ich gern‘ vertragen.

Vater:     Wünsch‘ dir das lieber nicht. Das kann lähmend sein. Da kommt ein Klammern und Festhalten an einer Scheinwelt auf, und Misstrauen und Geiz. Der ganze Freundeskreis reduziert sich auf Gleichartige, die sich gegenseitig belauern, oder auf gekaufte Bewunderer, denen man natürlich auch nicht wirklich vertrauen kann. Schon die Auswahl des Ehepartners wird über die Frage, ob es Prostitution oder Liebe ist, zu einem Glücksspiel.

Sohn:     Woher weißt du das?

Vater:     Naja, man hört so einiges, und beobachtet doch auch vieles.

Sohn:     Heißt das, du verkehrst in solchen Kreisen?

Vater:     Nein, nein. Aber bei manchen Veranstaltungen, wo ich als Abgeordneter eben auch dabei sein muss, kommt man fallweise mit solchen Leuten in Berührung.

Sohn:     Na, und gefällt denen ihr Leben?

Vater:     Die kennen vielfach gar nichts anderes. Einige sind ja auch ganz unverschuldet zu ihrem Reichtum gekommen, andere natürlich wiederum ganz unverdient. Wie ich schon gesagt hab‘, die sind für eine Gesellschaft eigentlich ganz unwichtig, auch wenn sie das selbst freilich nicht so sehen    und sich sogar für die Elite halten. Wenn man die aber noch bewundert und ihnen nachzueifern versucht, wie du das anscheinend machst, dann gibt man ihnen Macht. Dann fängt man sich in der Machtfunktion des Geldes.

Sohn:     Aber zum Thema „Gier“ bringt uns das auch nicht weiter.

Vater:     Du, sollten wir jetzt nicht langsam umkehren? Mutti wird schon warten.

Sohn:     Ja, OK, aber lass‘ uns das noch einmal durchdenken. Also ich versteh‘ das  jetzt, dass man von Natur aus mit Ängsten um seine Lebenssicherheit geboren wird; und du meinst, dass man diese Ängste sein Leben lang nicht verliert und dass selbst die über-drüber-Reichen sich noch bis zum Tod vor Verlusten fürchten.

Vater:     Das muss man jetzt differenzierter sehen. Wenn du nichts hast, brauchst du dich nicht vor Verlusten fürchten. Da hast du nur Angst, dass du etwas nicht bekommen könntest, was deinem Leben eine gewisse Sicherheit geben könnte. Sobald du aber was hast, kommt die Angst auf, das wieder verlieren zu können.

Sohn:     Du hast zuvor gesagt, dass es absolute Sicherheit im Leben ohnehin nicht gibt.

Vater:     Drum hab‘ ich ja nur von gewisser Sicherheit gesprochen.

Sohn:     Das ist ja dann keine echte Sicherheit.

Vater:     Nein. Wir haben ja schon gesagt, dass es im Leben immer nur um Relationen geht. Also um Vergleiche innerhalb des Umfelds, in dem man sich befindet. Und da geht es eben auch um die persönliche Einschätzung, wodurch, ab wann und ob man sich relativ sicher fühlt.

Sohn:     Und fühlst du dich sicher?

Vater:     Eigentlich schon; wobei ich natürlich bedenken muss, dass ich nicht nur für mich, sondern auch für die Familie verantwortlich bin. Jetzt bin ich doch schon in meiner dritten Legislaturperiode als Abgeordneter tätig und auch wenn das nicht immer leicht ist, wird man ganz gut bezahlt. Die Pension wird auch einmal nicht uninteressant. So gesehen, mach‘ ich mir keine Sorgen. Und du kannst dich auch nicht beklagen, dass du keine guten Startvoraussetzungen für deinen eigenen Lebensweg mitbekommst.

Sohn:     Ich beklag‘ mich eh nicht. Aber Druck ausüben tust schon recht ordentlich.

Vater:     Inwiefern?

Sohn:     Naja, es steht schon immer das „Lern-was-g’scheit’s“ im Raum und als g’scheit gilt immer nur das, was Chancen auf einen gut bezahlten Job hat.

Vater:     Und was ist daran schlecht?

Sohn:     Ich könnte ja Talente und Interessen haben, die einmal nicht so gut bezahlt sind, aber mich glücklich machen würden.

Vater:     Woran denkst du da?

Sohn:     Das kann ich so nicht sagen, weil ich komm‘ ja nicht dazu, das herauszufinden. Du hast doch schon irgendwie meinen Weg vorgegeben. Ich soll die Matura möglichst mit Auszeichnung machen und dann auf die WU gehen, weil angeblich in der Wirtschaft das große Geld liegt.

Vater:     Du wirst mir dafür noch einmal dankbar sein. Oder willst du einmal zu den    Hungerleidern zählen, die nicht wissen, wie sie den nächsten Monat überleben können? Und würdest du überhaupt etwas anderes machen wollen?

Sohn:     Das weiß ich nicht, aber irgendwie gefällt mir das auch nicht, dass sich alles nur darum dreht, viel Geld zu verdienen. Das kann doch nicht das Um und Auf des Lebens sein.

Vater:     Schau, auch früher hat man im Leben Dinge machen müssen, die einem z’wider waren; aber sie waren für das Überleben wichtig. Und du musst dein Leben stets im zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext sehen. Der großartige Soziologe und Entwicklungspsychologe, Harald Maslow, hat einmal festgestellt,……

Sohn:     Von dem haben wir schon einmal gehört. Das ist der mit der Pyramide.

Vater:     Ja. Er hat festgestellt, dass es im Leben eigentlich nur 5 Entwicklungsstufen gibt. Er nannte das Bedürfnisebenen. Den Kern bilden die physiologischen Bedürfnisse, also Nahrung, Schlaf und Fortpflanzung. Die sind ja unbestreitbar. Wenn man die Sexualität in die Fortpflanzung hinein nimmt, dann begleiten uns diese Bedürfnisse durchs ganze Leben.

Sohn:     Ich weiß eh nicht, ob ich einmal Kinder möchte. Tut’s der Sex allein nicht auch?

Vater:     Willst‘ dich vor der Verantwortung drücken?

Sohn:     Kinder sind so mühsam.

Vater:     Wem sagst du das! Jedenfalls entstehen aus diesen Grundbedürfnissen wie von selbst die Sicherheitsbedürfnisse, die wir ja am Anfang schon angesprochen haben. Da geht es also um Schutz, Stabilität, Ordnung, Kalkulierbarkeit, kurz, um das Bedürfnis nach Angstfreiheit. Daraus entsteht aber als nächstes notwendiges Bedürfnis das Zugehörigkeitsbedürfnis, bei dem es um Kontakte, Liebe und um ein Sozialgefüge geht. Und damit ich wo dazu gehören kann, muss ich als             Person anerkannt sein, das sind also die Anerkennungsbedürfnisse. Wenn man das genau überlegt, dann ist das ein dreifacher, strukturierter Schutzmantel, den wir uns zur Gewährleistung unserer Grundbedürfnisse basteln. Für die Sicherheit brauch‘ ich eine Zugehörigkeit und für die             Zugehörigkeit brauch‘ ich die Anerkennung. Natürlich ist auch wichtig, dass ich mich selbst anerkenne und achte.

Sohn:     Du weißt ja wirklich noch einiges.

Vater:     Was dachtest du denn? Übrigens ist dieses Modell nicht nur auf einzelne Menschen, sondern auch auf Unternehmen und auf ganze Systeme   anwendbar. Vielleicht wirst du das auf der WU ohnedies auch noch hören. Erst wenn dieser dreifache Sicherungsmantel um unsere                 Grundbedürfnisse halbwegs intakt ist, kann man sich den eigentlichen Fragen unseres                 Daseins zuwenden. Maslow hat das als Selbstfindungsbedürfnisse bezeichnet und darunter – grob gesprochen – die Aktualisierung der eigenen Möglichkeiten und das Streben nach universellem Wissen verstanden.

Sohn:     Das is ja ein sehr schönes Modell, aber was hat das mit Gier zu tun?

Vater:     Es soll zeigen, dass Gier, die sich aus der Lebensgier unserer Grundbedürfnisse ergibt, bei jedem von uns und wie ich schon g’sagt hab‘ sogar auch bei ganzen Systemen, als Möglichkeit angelegt ist.

Sohn:     Aber eben nur als Möglichkeit!

Vater:     Ja. Und daher geht es immer um den individuellen Umgang mit den Ängsten. Bei nicht natürlichen, von Menschen geschaffenen Systemen, die   widmungsgemäß der Angstlinderung dienen sollten, kann es freilich zu widmungswidriger Eigendynamik kommen. Solche Systeme kennen keine Ängste. Menschen haben Ängste. Wenn sich Systeme von ihrer eigentlichen Bestimmung entfernen, dann haben sie Macht! Sie benützen damit aber die Ängste der Individuen zur Absicherung ihrer eigenen systemischen Existenz.

Sohn:     Woran denkst du da dabei?

Vater:     Naja, um auch noch beim Thema zu bleiben: Unsere Geldordnung ist zum Beispiel so ein verselbständigtes System. Ursprünglich dazu vorgesehen, den zwischenmenschlichen Leistungsfluss abzubilden und die Fortentwicklung einer leistungsstarken arbeitsteiligen Wirtschaft zu ermöglichen, erpresst das Geldsystem heute Verhaltensweisen von uns, die kaum mehr unserem, sondern praktisch ausschließlich seinem eigenen Überleben dienen.

Sohn:     Wie meinst du das? Woran machst du das fest?

Vater:     Na so, wie wir schon gesagt haben. Es kann sich immer nur am Leben halten, wenn sich immer wieder Nachschuldner finden. Und da das schwer fällt, werden die Menschen mit stets raffinierterer Werbung psychisch zur Verschuldung verleitet. Da wird mit der zuvor abgeleiteten Angst gespielt, womöglich nicht mehr anerkannt zu werden und nicht mehr dazu zu gehören. Da kann es eben dann durchaus sein, dass die natürliche, ausgewogene Bedürfnisbefriedigung in Gier umschlägt. Dass also vom Umfeld Unmäßigkeit konstatiert wird.

Sohn:     Soll das heißen, dass du für Gier Verständnis aufbringst?

Vater:     Nein. Aber es soll heißen, dass es eben immer um die individuelle      Persönlichkeitsstruktur geht, und in welchem Ausmaß jemand dem psychologischen und nicht zuletzt existenziellem Druck standhalten kann. Natürlich muss Gier innerhalb einer Gesellschaft als Persönlichkeitsstörung wahrgenommen werden.

Sohn:     Heißt das, wer gierig ist, ist krank?

Vater:     So kann man das vielleicht nicht grad sagen, ….aber irgendwie schon.

Sohn:     Und warum ändert man dann das System nicht, wenn es doch offensichtlich zu Gier verleitet?

Vater:     Das ist ja der springende Punkt! Das geht nicht so einfach.

Sohn:     Wieso? Haben wir dafür nicht extra die Politiker und so Leute wie dich?

Vater:     Eine gute Frage. Jetzt wirst du gleich wieder irritiert sein. Ich bin natürlich      auch Teil eines Systems. Des politischen Systems mit allen Untersystemen, wie Parteien und so. Dann bin ich auch noch Teil der Systeme Stadt, Land, Bund, Teil des Wirtschaftssystems und alle diese und noch viel mehr Untersysteme sind Teile des Geldsystems.

Sohn:     Heißt das, die Systeme stehen zueinander im Widerstreit?

Vater:     Sie sind ineinander verzahnt. Sie repräsentieren Gruppeninteressen. So gesehen gibt es also natürlich Interessenskonflikte.

Sohn:     Also zum Beispiel der Konflikt zwischen Geldsystem und dem bürgerlichen                 Gesellschaftssystem, das auf ein globales, friedliches Miteinander ausgerichtet wäre?

Vater:     Ja. Das mächtigste System ist zweifellos genau das Geldsystem. Von dem geht die höchste existenzielle Bedrohung aus. Innerhalb den Systemen fühlen sich alle einigermaßen sicher und obwohl es genau umgekehrt ist, glaubt man ja, dass man auf das System angewiesen ist. In Wahrheit ist doch das System auf die Systemerhalter angewiesen. Und wenn uns das System, gleich welches, vorspiegelt, dass wenn es stirbt, wir auch sterben, dann macht das Angst. Auch wenn wir wissen, dass das nicht stimmen kann, bleibt doch die Unsicherheit.

Sohn:     Dann geht’s dir aber eigentlich gar nicht so gut.

Vater:     Sagen wir so: Wenn man zu einem System dazugehört – und da sind wir wieder bei den Bedürfnisebenen – muss man sich mit gemeinsamer Anstrengung für das Überleben des Systems einsetzen, sonst würde man ja seine eigene Sicherheit untergraben. Zumindest glaubt man das. Und so, wie man sich da eben selbst verhält, machen das alle anderen Erhalter in allen Systemen auch. Drum ist es ja so schwierig, ein bestehendes System zu ändern. Mit Vernunft hat das natürlich nichts zu tun. Selbst wenn wir schon erkennen, dass uns das System, und ich denke da besonders an           unser Geldsystem, in unserem eigentlichen Menschsein zerstört, versuchen wir noch mit aller Kraft daran festzuhalten.

Sohn:     Aber man kann da doch auch nicht nur zuschau’n! Und was ist das für eine Zukunft, die mir bevorsteht?

Vater:     Vieles löst sich ja biologisch, auch wenn die Lebenserwartung regelmäßig   ansteigt. Deiner Generation kann man nur wünschen, dass sie vieles anders macht. Ich sag‘ absichtlich anders, denn ob es besser wird, bleibt einmal abzuwarten. Vieles, was unsere Väter und wir aufgebaut haben, war ja zunächst auch gut gedacht, bevor man erkennen konnte, dass es sich gegen die eigentlichen Ziele, nämlich der menschlichen Lebensentfaltung zu dienen, wendet.

Sohn:     Das ist aber eine ziemliche Bürde, die wir da mitbekommen.

Vater:     So einen Rucksack bekommt jede Generation umgehängt.

Sohn:     Wenn ich das nochmals zusammenfasse, sagst du praktisch, dass alle unsere Lebensbezüge vom Geldsystem beherrscht werden.

Vater:     Ja. Eigentlich ist das aber ganz klar, denn ohne Geld kannst du nicht überleben und um an Geld heran zu kommen, musst du die allgemein vereinbarten Regeln einhalten und seien sie noch so destruktiv und unsinnig. Und ändern? Ändern wird man das wahrscheinlich nur von außen  können. Vielleicht gelingt ja deiner Generation eine Aufklärung zu besserer Einsicht. Meine Generation muss sich wohl insgeheim eingestehen, versagt zu haben. Zumindest, was die Geldordnung anbelangt.

Sohn:     Ja, und die Medien? Kann man mit denen nichts machen?

Vater:     Aber geh‘. Die betreiben doch vorwiegend Meinungsbildung für die Interessen des Geldsystems und haben selbst Existenzängste. Nicht alle! Das muss man schon auch sagen. Da gibt es durchaus hervorragende  Journalisten. So eine breit angelegte Medienkampagne, bei der aber auch die Massenmedien mitmachen, könnte sicher einen wertvollen Beitrag für einen Systemwechsel im Sinne des Gemeinwohls liefern. Da geht es ja auch wieder nur darum, den Menschen die Angst vor einem Systemwechsel zu nehmen. Aufklärung und Überzeugungsarbeit leisten.

Sohn:     Geht das denn so einfach?

Vater:     Einfach nicht, aber wenn man es will, würde es gelingen. Und bevor ein plötzlicher Zusammenbruch des Systems erfolgt, wie sich das abzuzeichnen beginnt, und alles in Chaos und Elend stürzt, lohnt eine Vorbereitung auf einen friedlichen Übergang allemal. Das Problem ist ja doch, dass sich eben keine Einzelpersonen als Verhinderer oder böswillige Soziopathen identifizieren lassen. Es ist das System, das aus vielen vielen kleinen Rädchen besteht. Wie ein Uhrwerk, das immer noch läuft, obwohl das Ziffernblatt, auf dem sich der eigentliche output der vielen Rädchen zeigen könnte, schon längst kaputt ist.

Sohn:     Hmm. Und wie würdest du jetzt unser Ausgangsthema „Gier“ zusammenfassen?

Vater:     Dazu fällt mir ein Gedanke eines früheren Kollegen ein. Der hat es sogar einmal zum Vizekanzler gebracht. Heute ist er Industrieller. Er hat sinngemäß gesagt, dass die Tragik unserer heutigen Gesellschaft darin liegt, dass der verständliche Vorsorgegedanke früherer Zeiten, als es darum ging, genügend Holz und Essensvorräte für den Winter zu haben, auf das Geldsystem übertragen wurde. Und so bleib‘ ich dabei, dass Gier ihre Wurzeln in der Angst hat und dass sie in Kombination mit unserem bestehenden Geldsystem sehr leicht selbstverstärkend zu sinnloser Geldgier mutiert.

Na schau, jetzt sind wir grad wieder daheim.

Sohn:     Hallo Mutti! Wir sind wieder da! Gibt’s schon was zu essen?      


Über den Autor:

Dr. Günther Hoppenberger (Jg. 1944), Wien. Chemiker und Exportkaufmann, Lehrer, im Osteuropageschäft für multinationale Chemiekonzerne tätig gewesen, Abstecher als  konzessionierter Gastwirt, Logotherapeut und Mediator. Das besondere Interesse an „Verstärkung psychischer Leiden durch die Ökonomie“, führte zur intensiven Beschäftigung mit dem Geldwesen.