Sünde?

Was laut telef. CAT I – Umfrage (15.-17.3.2017 / n=412)) als „Sünde“, also unabhängig von gesetzlichen Übereinkommen, als moralisch verwerflich betrachtet wird (DerStandard vom 15.4.2017).

Zunächst musste ich dem Umfrageergebnis mit einigem Entsetzen entnehmen, dass nur 63% der Befragten „Stehlen“  als Sünde ansehen. Da wundert es dann gar nicht mehr, dass „Einbehalten von zu viel erhaltenem Geld (z.B. Wechselgeld)“ nur zu 23%, oder „Steuerhinterziehung“ nur von 15% als moralisch verwerflich eingestuft werden.

Sollte das Ergebnis tatsächlich der statistischen Haltung gegenüber gesellschaftlichem Zusammenleben entsprechen, wäre die Einsicht naheliegend, dass da in unserer zivilisatorischen Entwicklung einiges total schief gelaufen ist. Ein klarer Handlungsappell an die Politik? Moral kann aber nicht verordnet werden und Gesetze sind per se amoralisch und sehen nur Sanktionen für unerwünschtes Handeln vor.

Um daher verstärkte Anerkennung und Verständnis für moralische Aspekte auch in gesellschaftspolitischen Übereinkünften zu wecken, könnten uns wohl nur betonte Schwerpunktsetzungen in religiös-spiritueller Entwicklung von Lebensentwürfen helfen, was jedoch – wiederum höchst bestürzend – nur von 11% befürwortet wird! Ja. Religion ist Privatsache. Das kann sie aber nur sein, sofern man auch behutsam und gestützt auf jahrhunderte alten Erfahrungsschatz zu den Möglichkeiten hingeführt wird, sich mit den Überlegungen zum Wesenskern des Lebens auseinander zu setzen. Selbst vermeintlicher Atheismus enthebt uns ja nicht der Frage nach der Herkunft der Möglichkeiten, die wir zu unserer Lebensgestaltung ergreifen können (Wir können ja nichts erfinden, sondern nur entdecken, was möglich ist – selbst wenn wir Möglichkeiten als Zufälle definieren). Die Möglichkeit ist stets vorgängig zur Handlung.

Als größte Irritierung dieser Umfrage empfand ich allerdings, dass zumindest zwei, die Zukunft der Menschheit ausschlaggebend betreffende Fragen überhaupt nicht gestellt wurden:

  1. Das beabsichtigte Zutodebringen eines anderen Menschen (Mord), und
  2. Anmaßung und Durchsetzung des Rechts, anderen die Tötung Dritter beauftragen zu können.

Für die Unterlassung dieser Fragestellungen kann es meiner Meinung nach nur zwei Begründungen geben:

  1. Die vermutlich fälschliche Annahme, dass zumindest die erste Frage zu 100% als sündhaftes, moralisch verwerfliches Handeln eingestuft würde (Motto: Eh klar), und/oder 2. Dass man in der derzeit kriegerisch aufgeheizten Weltlage, mit einigen narzisstisch gestörten Funktionsträgern an den Schalthebeln der Vernichtungstechniken, möglichst nicht mit solchen Fragen Zweifel am friedensstiftenden Segen industrieller Tötungsmaschinerien aufkommen  lassen sollten.

Die spätpubertäre Anspruchshaltung, für den Abwurf der „größten nichtnuklearen Bombe“ allseitige Bewunderung erwarten zu können, ist dann nur mehr logische Folge gesellschaftlicher Gedankenlosigkeit. Feinde sind schnell auszumachen. Was fehlt, ist aber die Frage nach dem eigentlichen Ziel von Gewalt und wie es ist, als Mörder leben zu müssen. Ostern erscheint als passende Zeit, einmal darüber nachzudenken.