SOZIOPATHISCHER ZYNISMUS – DER RUF NACH DEM ZURÜCK ZUR NORMALITÄT (Newsletter 1-2021)

Die Corona-Pandemie hat viele Verhaltensänderungen erzwungen, die vor allem auch tiefgreifende Auswirkungen auf unsere psychische Stabilität haben. Und sie hat – zumindest gemäß vorherrschendem Wirtschaftsverständnis – zu enormen wirtschaftlichen Verlusten geführt, die durch die Einschränkungen des wirtschaftlichen Austauschs entstanden sind. Es sind das entgangene Gewinnmöglichkeiten bei annähernd gleichbleibenden Fixkosten für eingegangene Verpflichtungen. Die betriebswirtschaftliche Logik lässt Unternehmen nicht viel andere Chancen als Personalabbau oder zumindest Kurzarbeit, und die Politik konnte im derzeitigen System auch nicht viel anderes tun, als den Staatshaushalt zur Bewahrung des inneren Friedens und zur Aufrechterhaltung der  lebensnotwendigen Produktionen und Lieferketten weiter aufzuschulden.

Nur in der Anfangsphase, vor knapp einem Jahr, als die Problematik der bis dato stets nur als Fortschritt empfundenen Globalisierung spürbar wurde, konnte man fallweise noch hören, dass uns die Covid19-Pandemie auch die Möglichkeit bietet,  „umzudenken“ um zumindest einige der offenkundigen Systemfehler zu korrigieren.

„Umdenken“. Ein längst in Vergessenheit geratener und schon damals von den ängstlich um ihren Machtverlust bangenden Systemgewinnlern ins Lächerliche verzerrter Begriff aus der 68er Bewegung des vorigen Jahrhunderts wäre dabei unverändert zeitnotwendig und hat nichts an Aktualität verloren. Beobachtet man jedoch die Schlagzeilen der letzten Monate, so haben die Themensetzungen absolut nichts mit einem „Umdenken“ zu tun, sondern sind rückwärts gewandt zu einer möglichst raschen Rückkehr auf einen systemisch erzwungenen Wachstumskurs ausgerichtet, der nicht nur den Klima- und Umweltschutz ad absurdum führt, sondern auch die sich als Rivalität ausdrückende Wettbewerbsmentalität in den Bevölkerungen vertieft.

Die Themen drehen sich meistens um die Frage, wie Österreich seine Schulden wieder begleichen soll. Und die Empfehlungen reichen von der Anhebung des Pensionsalters, dem schrankenlosen Wachstum Vorrang geben, bis hin zu Vermögenssteuern und Verhinderung von Steuerflucht (z.B. in den OÖN vom 2.2.2021). Die Logik des systemisch angepassten Denkens herrscht vor, was gleichermaßen verständlich, wie auch bedauerlich ist. Die Kreativität menschlichen Geistes wird dabei allerdings nicht strapaziert. Es kommt mir vor, wie die Resignation gegenüber den Anforderungen eines für menschliches Zusammenleben untauglichen Systems. Eines Systems, das sich offensichtlich nicht und nicht den menschlichen Ansprüchen unterordnen lässt.

Genau jetzt und nicht in Phasen überschäumender Euphorie über Natur zerstörendes und Schulden steigerndes Wachstum böte sich die Gelegenheit, über Gewolltes und Ungewolltes gesellschaftlicher Entwicklungen zu diskutieren und vielfach benötigte neue Begriffsbestimmungen auszuarbeiten. Es braucht eine zeitgemäße Überarbeitung und grundlegende Zielkorrekturen bestehender Institutionen. Es braucht die geistige Befreiung von der Indoktrinierung, dass alles Sinnen, Trachten und Tun einzig und allein auf die Mehrung von Geld auszurichten ist.

Es bräuchte meiner Meinung nach so etwas wie die ständige Abfolge von etlichen Bürgerkonventen, zur Neuinterpretation und Neudefinition zahlreicher Begriffsfelder. So banal es auch klingen mag, sollten wir den Sinn und Zweck des Wirtschaftens in einen zeitgemäßen Kontext des gesellschaftlichen Lebens stellen. Wir könnten und sollten „Wirtschaft“ neu erfinden und damit auch gleich neue Regeln gesellschaftlichen Verhaltens propagieren. Wann, wenn nicht jetzt? Wir sollten (eigentlich schon immer) die Gesetzestexte bezüglich der durch sie geschaffenen Machtbalance durchforsten und gegebenenfalls eliminieren.

Im Endeffekt ginge es darum, einen Zeit entsprechenden Thesaurus im Sinne eines „Wortnetzes“ für Gesellschaftspolitik zu erstellen, in dem Begriffe und Begriffsfelder in entsprechenden Relationen aufeinander verweisen und zeitgemäß interpretiert werden. Die bereits vorliegenden 17 sogenannten „Sustainable Developement Goals“ der UNO sind nicht nur eine Empfehlung, sondern eine bereits diesbezüglich sorgfältig ausgearbeitete Matrix, die der intensiven Vertiefung bedarf und nicht als Wirtschaftshemmnis unter den Tisch gekehrt werden sollte. Nebenbei bemerkt zählt Österreich bei der Umsetzung, die bis 2030 erfolgen sollte, bei den Schlusslichtern.

Unser Bestreben sollte also nicht auf das „Zurück zur Normalität“ ausgerichtet sein, sondern auf ein „Voran zu einem neuen Lebensverständnis“, das auch tatsächlich lebbar ist.