Sinkende Armut lässt Experten rätseln

Dass Österreich im internationalen Vergleich der Armuts- und Armutsgefährdungs-Statistik noch immer relativ gut abschneidet, ist die eine Sache und gewiss auf die halbwegs funktionierende Sozialpartnerschaft zurückzuführen. Dass die neuesten Zahlen der Statistik Austria jedoch sinkende Armut trotz steigender Arbeitslosigkeit und steigender Preise für Wohnen und tägliche Bedarfsgüter ausweisen, grenzt fast schon an ein alpenländisches Wunder.

Drängt sich denn da nicht die logische Schlussfolgerung auf, dass wir dem weiteren Anstieg von Arbeitslosigkeit und Preisen nur tatenlos zusehen müssen, um eine weitere Steigerung unseres Wohlstands zu erfahren?

Mit Statistik lässt sich bekanntlich vieles beweisen. Viel schwieriger ist es jedoch, der konkreten Armut innerhalb einer wohlhabenden Gesellschaft nachzuweisen, dass es sie eigentlich nicht gibt. Denn was Armut bedeutet ist in Zahlen nicht darstellbar! Das trifft gleichermaßen auch auf den Reichtumsbegriff zu. Und so geht es eben immer nur um die Relation und um die Frage der Zumutbarkeit für andere – in beiden Richtungen!

Somit ist die Relation von Armut zu Reichtum das Spiegelbild der Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft. Die Darstellung in nüchternen Zahlen greift da für eine wirksame Problembehandlung absolut zu kurz, ist jedoch immerhin eine brauchbare Indikation über das Kräfteverhältnis zwischen Staat (das sind wir!) und Kapital.

Berücksichtigt man, dass „Armut“ als Unterschreitung einer bestimmten Einkommensschwelle ziemlich willkürlich festgelegt wird, der Staat aber sein Hoheitsrecht über das Geld nahezu völlig verloren hat, dann muss man einsehen, dass die staatlichen Möglichkeiten zur Einflussnahme auf Wohlstandsrelationen marginal sind, weil sich der Staat über die Geldordnung der Erpressbarkeit durch „das Kapital“ ausgeliefert hat.

Dass es in jeder Gesellschaft Reichere und Ärmere geben wird und geben muss, ist ziemlich klar. Ob aber Reichtum noch als solcher zu bezeichnen ist, wenn er von krasser Armut umgeben ist, ist zumindest hinterfragenswert. Noch stehen wir ja wirklich nicht vor diesem Problem, aber ein sich gefühlt abzeichnender Trend wird sich auch mit statistischen Belegen nicht dauerhaft verschleiern lassen.