PROVOKANTES ZU UMWELTSCHUTZ UND ÜBERBEVÖLKERUNG

Vorweg und damit ich nicht missverstanden werde, darf ich mich durchaus als Befürworter des Umweltschutzes bezeichnen. Nicht nur als Anhänger diverser Initiativen, die ich als äußerst wichtig betrachte, sondern auch in der eigenen Lebensführung, in der ich zumindest versuche, soweit möglich, mit Achtsamkeit gegenüber Umwelt und Natur zu leben.

Zum Beispiel fliege ich nicht mehr. Wozu auch? In der Pension besteht keine berufliche Notwendigkeit mehr und um die Welt kennenzulernen, muss man nicht auf allen touristischen Pfaden mit dabei sein. Google, YouTube und Co. haben Möglichkeiten eröffnet, Länder und Leute in einem Ausmaß zu erfahren, wie man das als Reisender mit Kurzaufenthalten niemals erleben könnte. Mittlerweile sollte bekannt sein, dass es überall auf der Welt schöne Plätze und interessante Kulturen und Menschen gibt. Gereist wird ja heute vorwiegend, um tief beeindruckt vor einem Tempel, oder einer Pagode, vor Kirchenbauten oder vor einem Kunstwerk eines alten Meisters stehen zu können, oder auch nur um die Atmosphäre eines anderen Ortes zu schnuppern. Nur in den seltensten Fällen würde man sein eigenes Zuhause jedoch gerne gegen einen dauerhaften Aufenthalt im Urlaubsland tauschen. Die Lebensbedingungen wären einem eben doch zu fremd und vielfach viel zu mühsam.

Umso mehr erstaunt es mich, dass trotz allen vorgeblichen Bemühungen um den globalen Umweltschutz, der Ressourcenverbrauch durch Vergnügungsreisen keinerlei Beachtung genießt. Jährlich um 10, 20 und mehr Prozent steigende Passagierzahlen werden für die Aktionäre der Flughäfen als toller Erfolg dargestellt und bejubelt. Manche, im Ablassdenken verhaftet, sind ja sogar ganz stolz darauf, sich zusätzlich zum Flugticket auch noch eine Umweltprämie geleistet zu haben. Dennoch sollte klar sein, dass man weder Natur und schon gar nicht Gewissen kaufen kann.

Und so muss man eigentlich resignierend feststellen, dass das mit dem Umweltschutz also gar nicht so ehrlich gemeint ist. Der Verdacht, den eigentlich jeder haben müsste, auch wenn der in der öffentlichen Meinung beschwichtigend unterdrückt wird, ist offenkundig: Es geht nur ums Geld – auf das ich hier gar nicht näher eingehen will. Tourismus ist ein gigantisches Geschäftsfeld. Die Zerstörung von Natur und Kulturen scheint jedoch in den Bilanzen nirgendwo auf. Es sind Kollateralschäden im sogenannten öffentlichen Interesse. Auf den Punkt gebracht heißt das: Die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf Erden liegt im öffentlichen Interesse.

Die Erkenntnis, dass es besser gewesen wäre, dieses oder jenes nicht zu zerstören, kommt naturgemäß immer zu spät. Nun steht bei allen Umweltschutzinitiativen und mittlerweile sogar auch bei manchen Politikern der Begriff „Nachhaltigkeit“ an oberster Stelle. Der Begriffsinhalt wird allerdings äußerst widersprüchlich ausgelegt. Die einen meinen damit das nachhaltige Leben im Einklang mit der Natur, während die anderen von der nachhaltigen Wirtschaft, also dem Aufrechterhalten unserer Wirtschaftsweise sprechen und Umweltschutz nur als (geld-) gewinnbringendes Geschäftsmodell akzeptieren.

Von beiden Betrachtungsrichtungen völlig ausgeklammert wird eine dem Begriff Nachhaltigkeit zugrundeliegende Zeitkomponente. Von wie vielen Generationen sprechen wir eigentlich, für die wir die Lebensbedingungen noch halbwegs aufrecht erhalten wollen? Denn etwas nachhaltig zu gestalten, bedeutet nach unserem Verständnis ja keinesfalls eine Verewigung. Und wenn wir schon ein Geldsystem mit einem zweiprozentigen Inflationsziel als nachhaltig betrachten, also mit einer Verdoppelung der Preise alle 36 Jahre, dann tauchen in mir berechtigte Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Bemühens um Nachhaltigkeit auf.

Exponentialverläufe sind in der Natur nicht vorgesehen. Für uns werden sie als fatale Fehlentwicklungen als Krebsgeschwüre sichtbar. Trotzdem weigern wir uns standhaft, das Prinzip der Kapitalverzinsung, wie auch die Verursachung jährlich ansteigender Umweltschäden als unnatürlich karzinogene Entwicklungen anzusehen. Bei der Kapitalverzinsung ist das noch nicht so schlimm. Da zerstört sich dieses künstliche System, in dem die Termination systemimmanent angelegt ist, von Zeit zu Zeit von selbst (Leider meistens mit Kriegen als Begleiterscheinung). Und man kann wieder neu und sogar mit dem gleichen Unsinn beginnen. Bei Umweltschäden geht das aber nicht. Ausgebeutet ist ausgebeutet. Da hilft auch noch so viel Geld nicht, wie das Harald Lesch in „Die Menschheit schafft sich ab“ so vorzüglich schildert.

Eng verwoben mit dem Umweltschutzgedanken ist auch die Sorge vor der Überbevölkerung. Ein gewiss ernsthaftes Problem. Allerdings sind es immer die Anderen, die zur Überbevölkerung beitragen. In Europa klagen wir hingegen eher über Unterbevölkerung, weil uns die Konsumenten und vor allem Altenpfleger ausgehen und wir der irrigen Meinung sind, dass mit der Einwohnerzahl auch die Kaufkraft steigen müsste, als ob Geld durch Arbeit entstünde. Und obwohl wir andererseits alles dransetzen, die Arbeitslosigkeit durch technischen Fortschritt zu steigern, beklagen wir eben die Überbevölkerung der anderen, die in ihrer von uns als Nichtstun eingestuften Lebensweise die Früchte unserer Arbeit aufzehren wollen.

Schmerzlich bewusst wurde mir das soeben in den letzten Tagen, als mir ein lieber Freund im Alter von 78 Jahren seine Sorge über die Überbevölkerung der Erde ausdrückte. Bemerkenswert war der Ort, an dem er mir das sagte: Im AKH, in dem er nach hochtechnischen Untersuchungen in der Vorbereitung auf eine heikle Krebsoperation weilt. Ich will ihn nicht missen und ich hoffe sehr, dass alles gut geht und wir noch einige Jährchen gemeinsam genießen können, aber es zeigt doch die, natürlich verständliche, Zwiespältigkeit unserer Weltsicht.

Zum Glück konnte er selbst in seiner Situation zustimmend lachen und fasste es ganz und gar nicht als Zynismus auf, als ich ihn auf den Widerspruch mit der ihn umgebenden neuesten Technik und all dem ihm zur Verfügung stehende Personal hinwies.

Tja, und da sind wir wieder. Lebensverlängerung um jeden Preis und mit jeglichem Aufwand auf der einen Seite, und andererseits Klagen über Überbevölkerung. Wie geht das zusammen?

Und dergestalt verlaufen auch die Diskussionen zur Überbevölkerung. Die Aspekte bezüglich krampfhafter Lebenserhaltung „gehören hier nicht dazu“. Ähnlich dem Tourismus, so ist auch das Gesundheitssystem ein gigantisches, sogar noch vielfach gewinnträchtigeres Geschäftsfeld. Wer sollte da dagegen argumentieren können?

Meine verstörende Schlussfolgerung lautet daher:

Die Lebenserhaltung und -verlängerung mit allen Mitteln muss allein schon aus volkswirtschaftlichen Gründen aufrechterhalten werden; gleichermaßen wie auch die weitergehende Umweltzerstörung aus wirtschaftlichen Gründen fortgesetzt werden muss.

Auf die Frage, warum wir als angebliche Krone der Schöpfung solchen Unfug tun, fällt mir allerdings als schale und äußerst unbefriedigende Antwort nur ein: Weil wir es können. Wir könnten natürlich auch anders, aber das würde ergänzend zum Können auch noch Vernunft erfordern – und die ist bekanntlich, außer in der Gemeinwohlökonomie, kein Bilanzposten.