„Progressiv“ – aber wohin?

Neuerdings wird von der Politik gerne das Wörtchen „progressiv“ in Reden eingeflochten. Das mag ja sehr ansprechend klingen, ist doch alles was nur irgendwie nach Fortschritt klingt, durchwegs positiv konnotiert. Wahrscheinlich soll aber mit Floskeln wie „progressive Demokratiepolitik“ besonders gegen den allzu beliebig nach allen Seiten zuzuweisenden Vorwurf des Populismus angegangen werden. „Progressivität“ soll wohl zum politisch korrekten „Neusprech“, quasi zum regierungsamtlichen Kondensat der populistischen Meinungsvielfalt werden. Wer würde sich denn schon gerne gegen Fortschritt stemmen wollen?

Was allerdings fehlt, ist die gemeinsam, demokratisch erstellte Definition einer Ausrichtung dieser – durchaus hoffnungsträchtigen – Progressivität. Und so bleibt die bange Ungewissheit, ob wir das Ergebnis unseres Fortschreitens denn tatsächlich als Fortschritt empfinden würden. Modelle, wohin wir uns als Gesellschaft eigentlich hinentwickeln wollen, wurden uns von den politischen Parteien schon lange nicht mehr angeboten. Und ein „Warum wir das tun sollten“, schon gar nicht. Die zunehmende Angst der Politik vor dem Unmut ihrer Bevölkerungen, verstärkt die parteitaktischen Spielchen zum Selbsterhalt und führt zum weiteren Abnabeln der Politik als Selbstverwaltungskörper. Die Bürger erweisen sich als zunehmend widerspenstig, das oktroyiert Gesollte auch wirklich zu wollen.

Kein Wunder, denn die wesentlichen Themen des Menschseins in einer Gesellschaft finden darin keinen Platz. Nicht Beziehungsverhalten, sondern gnadenloser Wettbewerb (Rivalität), nicht Ressourcenschonung, sondern Wachstum, nicht Spiritualität, sondern Konsumismus stehen in ziemlich analogen Ausprägungen im Zentrum aller Parteiprogramme. Andere, als jene durch die Geldordnung limitierten Lebensentwürfe, werden als Möglichkeiten ausgeschlossen. Quantität wird als Maß des Fortschritts propagiert. Nicht die Geldordnung, die uns angeblich dazu zwingt, darf als unzeitgemäß zur Diskussion gestellt werden, sondern die Sehnsüchte nach friedlichem und harmonischem Miteinander in kollektiver Werteschaffung im Einklang mit der Natur, werden als unrealisierbare Träumereien diskreditiert. Folgt man der Regenbogenpresse, dann beantwortet sich die Frage nach dem „Wozu des Lebens“ mit der maximalen Zahl auf einem Bankkonto.

Und so schließt sich der Kreis und es steht zu befürchten, dass die „neue Progressivität“ ein weiteres Fortschreiten zur relativen Erhöhung des Kontostandes auf Lebenswert-Kosten anderer bedeutet.