MIT DER WELT WIRD DAS NIX MEHR. Newsletter 4-19

 

Zu dieser ernüchternden Schlussfolgerung kam ich spontan nach der Lektüre eines Artikels in der „Kepler Tribune“ („Tribüne“ hätte es auch getan), in der ersten Ausgabe des neu ins Leben gerufenen Periodikums der Johannes Kepler Universität Linz. Als grundlegende Richtung wird im Impressum der Zweck angeführt, „Wissen in die Gesellschaft zu bringen“. Ich halte das für eine ausgezeichnete Idee, die Bedeutung aktueller Forschungsthemen im universitären Bereich einer breiten Öffentlichkeit verständlich darzulegen. Und das ist bereits auch in der ersten Ausgabe ausgezeichnet gelungen – bis auf den einen Artikel eben, der mich ziemlich nachdenklich stimmte.

Europäische KI? (Künstliche Intelligenz), lautete der Titel. Und es ging um die Sorge, den Anschluss an die internationale KI-Forschung zu verlieren, bzw. um das Aufzeigen grandioser Forschungsergebnisse der JKU, die auf diesem Gebiet durchaus auf Augenhöhe mitspielen kann.

Bei aller berechtigten Euphorie irritierte mich jedoch Folgendes: Als Beleg für die hervorragende Leistungsfähigkeit, im konkreten Beispiel vom Programm „AlphaStar“, wird das Abschneiden gegenüber einem der besten menschlichen Profis in Strategiespielen herangezogen. Gespielt wurde im – wie beschrieben – „weltweit äußerst beliebten Echtzeit-Strategiespiel StarCraft„, das eine Spielkomplexität von unvorstellbaren 10 hoch 1685(!) aufweist. Zweifellos also eine gewaltige akademische Herausforderung, die aber im Forschungseifer leicht die Ergebnisorientierung vergessen lässt. Denn worum geht es bei „StarCraft“?

Es gilt, eine eigene Basis aufzubauen und Einheiten zu erschaffen, mit denen dann die des Gegners angegriffen werden. Es ist also ein Kriegsspiel, das man zur Verharmlosung seiner pädagogisch äußerst bedenklichen Wirkung mit gesellschaftlich eher unerwünschtem Konditionierungseffekt, als Strategiespiel bezeichnet. Kooperation zu gemeinsamem Überleben ist hier offensichtlich nicht vorgesehen. Es geht um Sieg und um die Vernichtung des Gegners.

Nun darf man das den KI-Forschern nicht zum Vorwurf machen, denn für sie geht es ja tatsächlich um Entscheidungsfindung und um künstliche Lernprozesse inklusive selbständiger Entwicklung neuer Strategien. Es geht also gleichsam um den Ersatz menschlicher Kreativität durch Algorithmen. Nicht von ungefähr wird auch darauf verwiesen, dass sich durch KI-Forschung ungemeine Erfolge der Pharma- und Gesundheitsindustrie erwarten lassen. Auch wenn das meiner Einschätzung nach besonders deshalb betont wird, um entsprechende Forschungsgelder zu mobilisieren, so ist doch zu befürchten, dass die Ergebnisse vor allem in die Kriegsindustrie fließen werden.

Denn wie es scheint, soll ja die künstliche Intelligenz die natürliche Intelligenz verbessern. Und bereits die natürliche Intelligenz hat doch völlig versagt, destruktive Technologien als für die Menschheit unerwünscht auszuscheiden. Woraus sollte sich also die Annahme herleiten, dass künstliche Intelligenz, die auf dem selben untauglichen Menschenbild aufbaut, das nur mehr eine als Wettbewerb missverstandene Rivalität kennt, einen anderen als negativen Effekt haben wird.

So sehr ich also die Grundlagenforschung an KI auch befürworte, so sehr plädiere ich dafür, zunächst einmal die natürliche Intelligenz zu neuen Einsichten zu führen. Da steckt noch viel Potential drinnen – nur leider keine Forschungsmittel, was auf ganz nüchternen Rentabilitätsüberlegungen beruht.

Künstliche Intelligenz wird sich daher auch schon bald selbständig künstliches Leben schaffen. Etwas, das mit unseren Vorstellungen von menschlichem Leben nur mehr wenig zu tun haben wird. Der Kosmos wird den Verlust der Menschheit verkraften. Ob künstliches Leben, ohne einem „Wofür“, eine nachhaltigere Existenz aufweisen wird als die Menschheit, bliebe abzuwarten, wird für uns jedoch unüberprüfbar bleiben.

Wird es bei künstlichem Leben noch zu einem Austauschverhalten mit z.B. Digits statt Geld kommen? Und wenn ja, wozu?

Noch ist KI ein fabelhafter Quell spannender utopischer Romane. Die KD, die künstliche Dummheit, die bereits jetzt die natürliche Intelligenz in Schranken hält, wird jedoch schon bald dazu führen, dass die künstliche Intelligenz alle Phantasien in den Schatten stellt und in den Bereich der Unvorstellbarkeit führt. „Das war nicht vorhersehbar“, wird voraussichtlich das Aufseufzen mit dem letzten Atemzug sein.

Ganz analog, wie es eben darauf ankäme, für welche Zwecke Geld geschaffen wird, wird es auch darauf ankommen, für welche Zwecke Technologien und Erkenntnisse eingesetzt werden. Das wird mit der derzeit eher schwachen, rein materialistisch orientierten Technikfolgenabschätzung kaum gelingen.