MEINE EINDRÜCKE NACH ÜBER 20 JAHREN IN DER GELDREFORMBEWEGUNG

Meine Eindrücke nach über 20 Jahren in der Geldreformbewegung

Günther Hoppenberger (Dezember 2016)

Häufig muss ich an meine erste Begegnung mit Gerhard Margreiter denken. Das war Anfang der 90er Jahre. Gerhard erzählte von seiner Arbeit für das IIASA (Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse) in Laxenburg. Da gab es u.a. ein Forschungsprojekt, das sich mit den Schieflagen und daraus abzuleitenden gesellschaftlichen Auswirkungen der Wirtschaft befassen sollte.

Wenig überraschend gelangte das Team aus Mathematikern, Systemanalytikern und Physikern zur Auffassung, dass man sich vom Wachstumszwang verabschieden müsse.

Als die Studie vor hochkarätigem Publikum präsentiert wurde, seien, so Gerhards Schilderung, die anwesenden Ökonomen empört aufgesprungen und hätten mit Kopfschütteln und lautstarken Bemerkungen wie „Wirtschaft ohne Wachstum gibt es nicht“, und „so ein Blödsinn“, die Veranstaltung verlassen.

Von da an, trieb Gerhard die Frage um, ob und weshalb diese Aussage der Ökonomen stimmen sollte und kam damit sehr rasch zur Geldordnung, die ihn bis zu seinem frühen Tod beschäftigte. Sein nur in Teilstücken ausgeführtes Buchprojekt dazu konnte er leider nicht mehr fertig stellen.

Ich selbst kam aus ganz anderer Richtung. Als „Abtrünniger“ meiner Industriekarriere bei angloamerikanischen Chemiekonzernen im Osteuropageschäft und nach Ausbildung zum Logotherapeuten nach Viktor Frankl, stellte ich mir die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Ökonomie und der Verstärkung psychischer Leiden. Und so sehe ich in Gerhard Margreiter meinen Lehrmeister, der mich nicht nur über die Absurditäten unserer Geldordnung aufklärte, sondern insgesamt für das Thema zu fesseln verstand.

Durch ihn und mit ihm lernte ich die zahlreichen Modelle und Strömungen der Geldreformszene und deren Vertreter kennen. Ich lernte von Gesell, von Färber, Federer, Keynes, Dorfner, Binswanger, u.s.w. Ich erlebte hautnah den lang anhaltenden (fallweise schon untergriffigen) Disput um die Frage, ob Banken Geld schöpfen oder nicht. Ich verfolgte den Hype um Helmut Creutz und Margrit Kennedy, und freute mich über die vielen, wie Pilze aus dem Boden schießenden neuen Reforminitiativen und über das Wiederaufleben dahindämmernder, aber deshalb nicht unvernünftiger alter Initiativen. Von Golddeckung, über Umlaufgeschwindigkeit, Geldmengenbeschränkung, Zinsabschaffung, bis hin zu den „No-moneys“, die von einer Gesellschaft ohne Geld träumen, war und ist bis heute alles vertreten.

Gemeinsam forcierten wir das Thema „Geldordnung“ nicht nur im Wiener „Klub Logischer Denker“, sondern auch auf vielen Vortragsveranstaltungen, wo wir immer wieder auf die Problematik der Geldordnung hinwiesen. Wir reisten nach Berlin und kontaktierten eine kleine Gruppe von aktiven Reformern, aus denen schlussendlich die heute sehr gut aufgestellten Vereine „Monetative“ und „Vollgeld“ mit Joseph Huber, Helmut Peukert, Klaus Karwat, Thomas Betz, u.a. hervorgingen.

Immer wieder kamen neue „key-speaker“ und Initiativen hinzu. Ich denke da z.B. nur an Tobias Plettenbacher, an Erhard Glötzl, Wolfgang Berger, Bernd Senf und etliche andere, wie auch an deren unterstützende Verstärkung oder auch die sie schwächende Bekämpfung aus dem universitären und/oder politischen Bereich.

Kurz gesagt, das Bedürfnis nach zielgerichteter Vernetzung all dieser Initiativen und deren Proponenten erscheint naheliegend und wünschenswert. Und hier beginnt das eigentliche Dilemma, das ich seit vielen Jahren beobachte: „Alpha-Tiere“ vernetzen sich nicht. Sie suchen kritiklose Anhänger. Wir kennen das aus der Politik. Stolpern in der Sache wegen mangelnder Selbstzweifel und fehlender Demut.

Eine Vernetzung der Geldreformer besteht daher nur in dem Ausmaß, dass man einander kennt, auch aufeinander einspricht, ohne jedoch dem anderen zuzuhören, also keinen Dialog im eigentlichen Sinn führt, und dass man generell Vorschläge und Ansichten der anderen als Störung der eigenen Ideen ablehnt (Ich erspare mir hier die Ausführung einiger selbst erlebter Anekdoten). Versuche, zu einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Resolution zu finden, sind bislang immer noch an der Urheberfrage gescheitert.

Das hat auch sehr viel damit zu tun, dass die meisten Initiativen aus einer idealisierten, persönlich gefärbten Betrachtung der Welt hervorgegangen sind und sich aus dieser eingeschränkten Sicht als Patentlösung darzustellen versuchen. „Man braucht nur…..“, lautet meist das Konzept und es spekuliert auf die Änderungswilligkeit aller anderen.

Warum, Was, Wer, Wann, Wo, Wie, Womit – die 7 berüchtigten Ws, die zu einer gemeinsamen, erfolgversprechenden Vorgehensweise geklärt sein sollten, bleiben bei den Geldreformern meist fordernd auf der Stufe des „Was“ stecken und so verbleiben ihre Modelle auf der Ebene interessanter, theoretischer Überlegungen. Die Uneinigkeit trägt dazu bei, dass es weder für die Politik, noch für die Medien von Interesse zu sein scheint, sich näher mit dem Thema zu befassen.

Ich möchte nun versuchen, ein bisschen Systematik zur Standortbestimmung einzubringen:

Bereits das „Warum?“, begründet eine Aufsplitterung der Initiativen, die ihre Motivation aus unterschiedlichen Weltbildern und dementsprechend auch unterschiedlichen Blickfeldern schöpfen. Ob wir nun die SDGs (Sustainable Development Goals) hernehmen, weil sie irgendwie einen offiziellen Anstrich bekommen haben, oder die Sorge um die Entwicklung zwischenmenschlichen Beziehungsverhaltens zugrunde legen, ob wir mehr Gerechtigkeit reklamieren, oder uns für mehr Frieden einsetzen, ob wir von den Migrationsströmen, oder von der Angst vor Überbevölkerung ausgehen, ob vom Klimawandel oder Artensterben, ob wir von Sorge um Pensionen und Altenpflege getragen werden, ob wir von Umverteilung als Lösungsweg schwärmen, oder von der arbeitslosen Gesellschaft, ob wir uns mehr Solidarität wünschen (und zugleich Schulden auf andere zu übertragen trachten), ist eigentlich einerlei. Es zeigt doch nur, dass man von allen Blickwinkeln zur Auffassung gelangen muss, dass die Probleme dieser Welt etwas mit der Geldordnung zu tun haben.

Über all diese Gründe, die uns zu geldreformerischen Gedanken beflügeln, gibt es hinlänglich wissenschaftliche, wie auch populärwissenschaftliche Literatur und auch vielfach deren aktionistische Verbreitung. Eines lässt sich jedoch daraus ableiten: Geldreform ist kein Ziel als solches, sondern es soll ein Mittel für etwas sein.

Weil das im Eifer der Reformbemühungen allzu leicht in Vergessenheit gerät, plädiere ich dafür, das „Warum?“ in einem Satz jeder Reforminitiative in Form einer These, ohne weiterer Ausführung voranzustellen. In etwa z.B:

Es gibt kein unlösbares politisches Problem, dessen Lösung nicht nur durch die versagende Geldordnung verhindert würde.

Oder (vielleicht noch besser) :

Alle Probleme, mit denen sich die heutige Politik konfrontiert sieht, haben ihren Ursprung in der versagenden Geldordnung.

Ich sehe das als ganz wesentliche Ausgangsthese, aus der sich eigentlich erst die Berechtigung zur Beschäftigung mit einer Geldreform herleitet. Dieser (oder ein ähnlicher Satz) sollte jeder geldreformerischen Diskussion vorangestellt sein, ohne sich auf weitere Begründungen einzulassen, die ja doch nur auf Partikularinteressen eingingen.

Nun scheint es, dass die meisten Geldreforminitiativen den Schlüssel mittlerweile in der Geldschöpfung erkannt haben und sich die Bemühungen dahingehend verdichten. Der Schlüssel steckt am Anfang – und zwar im Kontext zu unserer gegenwärtigen Epoche und deren Erwartungen und Notwendigkeiten. Vielleicht muss ja jede Epoche ihre passende Geldordnung neu erfinden (?) (Was sich einstmals gut bewährte, muss nicht anhaltend gut sein).

Aus guten Gründen glauben wir, dass „Vollgeld“ ein überaus vernünftiger Ansatz ist. Auch hier sollten wir aber stets betonen, dass „Vollgeld“ keine Patentlösung zur Lösung aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme ist, sondern nur das 1. Etappenziel, das wir für weitergehende Reformschritte als unumgänglich nötig erachten. Es ist das also nur ein erstes „Was?“. Darauf hinzuweisen, kann nicht oft genug erfolgen!

Und schon haben wir beim „Wie?“, um das es jetzt als nächstes vorrangig geht, eine weitere Aufspaltung, an deren Vereinbarkeit und Überbrückung ich die Hauptaufgabe von „Seitenstetten III“ sehe: Einerseits die wissenschaftliche Bearbeitung – sinnvoller Weise mit Berlin, den Schweizern und „positive money“ in UK (da muss es auch um die nachgelagerten Reformüberlegungen gehen und um den Diskurs, inwiefern welche Reformrichtungen einen Beitrag zur Formulierung weiterer Etappenziele leisten können) – andererseits aber die kommunizierende Bearbeitung.

Letzterer kommt zur Entfaltung von Wirksamkeit und öffentlicher Aufmerksamkeit fast die größere Bedeutung zu. Da braucht es „Relais“, die wissenschaftliche Erkenntnisse in einfachen Worten zusammenzufassen verstehen. Ich denke dabei besonders wieder an Felber, Glötzl, Plettenbacher, u.s.w., die das erwiesenermaßen brillant beherrschen.

Eine sich abzeichnende Vermischung betrachte ich mit etwas Skepsis. Ich bezweifle nämlich, ob sich Entscheidungsträger und Meinungsmacher von der Wissenschaftlichkeit ansprechen lassen. Vielmehr glaube ich, dass man sie mit auf den Punkt gebrachten Statements eher herausfordern kann, weitere wissenschaftliche Arbeit (Akademie?) zu unterstützen. Immerhin gab es da bereits 2002 einen vielversprechenden Anlauf durch Michael Häupl, der sich mit einem über eineinhalb Jahre laufenden, monatlich im Wiener Rathaus zusammentretenden Arbeitskreis Klarheit verschaffen wollte, wie denn das nun eigentlich ist, mit dem „vermaledeiten“ Geld.

Protokolliert und geleitet wurde der Arbeitskreis vom damaligen Sekretär, Andreas Höferl, der stets bemerkenswerte Protokolle lieferte. Da waren Schulmeister, Robol, Senft, Nauschnigg, Claudia Schmied und Jürgen Bozsoki vertreten, um nur einige zu nennen, und Gerhard Margreiter und ich waren auch dazu eingeladen. Die abschließende Zusammenfassung kam in Buchform heraus (Hrsg.: Michael Häupl; „Wirtschaft für die Menschen“; Alternativen zum Neoliberalismus in Zeiten der Globalisierung; Löcker Wien, 2003), in dem allerdings die Resumes des Arbeitskreises – zumindest für mich – kaum mehr erkennbar waren. Irgendwelche Auswirkungen hat unser ganzes Hirnschmalz auch nicht gezeigt. Aber immerhin! Es geht ja stets auch um den richtigen Zeitpunkt, damit eine Idee auf fruchtbarem Boden landet.

Die Zeichen der Zeit sprechen dafür, dass es uns gelingen könnte, mit Seitenstetten III, einen Funken überspringen zu lassen. Und ganz wichtig: Wir dürfen das nicht für uns und unsere Eitelkeit tun, sondern sollten uns als punktuelle Wegbereiter für die Folgegenerationen sehen, und keinen Anspruch darauf erheben, etwaige Früchte unserer Arbeit noch unbedingt erleben zu müssen. Das könnte uns von so mancher Zwanghaftigkeit in unserem Bemühen befreien und uns dadurch umso erfolgreicher werden lassen.