MACHT-GELD-FRIEDEN?

Kaum einem Politiker ist bewusst, dass alle zur Lösung anstehenden Probleme letztlich immer etwas mit Geld zu tun haben. Fast immer mit dessen Mangel. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Grenzen noch so bemühter politischer Tätigkeit von der Geldordnung bestimmt werden. Politik ist Ökonomie für das spezifische Staatsgebilde – natürlich im Kontext des Zusammenwirkens mit allen anderen Staaten.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Geldordnung als Thema in politischen Diskursen hartnäckig tabuisiert wird, als wäre sie gottgegeben. Das erklärt aber auch, weshalb als politische Berater, die dann als „mainstream-Ökonomen“ gelten und die auch die öffentliche Meinung dominieren und lenken, nur jene ausgewählt werden, die sich an dieses Tabu halten. Es darf also nicht verwundern, dass bei allem vorgeblichen, wie auch ernsthaftem Bemühen um gesamtgesellschaftliche Lösungen keine anhaltenden Erfolge zu verzeichnen sind, wenn über die zugrundeliegenden Spielregeln, die der Politik ganz strikte, einengende Handlungsoptionen zuweisen, nicht diskutiert werden darf.

Die Rechtfertigung, nicht an den Regeln zu rütteln, leitet sich aus der Vergangenheit ab. Zweifellos hat uns sogar die bestehende Geldordnung im neu aufgesetzten „Spiel“ nach dem 2. Weltkrieg in relativ kurzer Zeit einen relativ breiten Wohlstand beschert. Dass wir aber diesen erreichten Wohlstand nicht erhalten, geschweige denn eine weitere Steigerung mit demselben System nicht zustande bringen können, wollen wir jedoch schlicht und einfach nicht wahrhaben. Und so doktern wir am Verdorbenen herum, versuchen uns gegenseitig in aller internationaler Freundschaft zu übervorteilen und wenn die Geldordnung als Machtmittel nicht mehr ausreicht, sind die wie auch immer in die Funktion gelangten Eliten sogar bereit, ihre Bevölkerungen dazu zu missbrauchen, gegeneinander Kriege zu führen. Rivalität wird als Wettbewerb bezeichnet und zugleich wird Solidarität zu dieser Rivalität nahegelegt.

Man muss zwangsläufig daraus schließen, dass die Kunst politischen Überlebens in der Darstellungsform liegt, mit der Unmögliches als möglich präsentiert wird. So lange jedoch die Unmöglichkeit der politischen Zielsetzung nicht eingestanden werden darf, ist auch keine Änderung der Problemlösungskompetenz zu erwarten. Die Unmöglichkeit ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen gesamtgesellschaftlichen Interessen und den zu erfüllenden Ansprüchen der Geldordnung. Kommt es zu keiner Änderung der Geldordnung, können auch noch so viele Wahlen an den Lebensumständen der Bevölkerungen in deren Gesamtheit nichts ändern. Es ändern sich bestenfalls die Darstellungsformen in der Verschleierung der Ausweglosigkeit und minimale Verschiebungen zugunsten oder zulasten von den einen oder den anderen Bevölkerungsteilen gaukeln nur vor, die Gesamtstimmung im Griff haben zu können. Das funktioniert immer schlechter und weckt Aggressionen.

Eine wache Gesellschaft durchschaut jedoch dieses „Teile-und-herrsche“-Prinzip, und ist immer weniger bereit, es als politisches Steuerungskonzept zu akzeptieren. Politik wird nicht umhin können, zu einem neuen, zeitgemäßen Selbstverständnis zu finden, wobei dieses auf der von der Bevölkerung zu definierenden Widmung beruhen sollte.

Die Vertreter der großen Volksparteien ringen verzweifelt um Anerkennung, glauben alle, in „der Mitte“ angesiedelt zu sein und stehen der zunehmenden Frustration ihrer Bevölkerungen mit Unverständnis gegenüber. Dem Zustrom zu (nicht nur!) menschenverachtenden Strömungen, die mit den Versprechungen des Rattenfängers an die Macht zu gelangen versuchen, wird hilflos zugesehen. Die analogen Entwicklungen kennen wir aus der Vorkriegszeit und sie waren schon damals zu einem Gutteil auf Missbrauch und Versagen der Geldordnung zurückzuführen. Geschichte wiederholt sich, heißt es. Sie wiederholt sich jedoch nur dann, wenn man es zulässt. Wenn man Entwicklungen kleinredet und nicht erkennt, dass unsere Einstellungen und unser Handeln von einer unzeitgemäßen Geldordnung bestimmt werden.

Politik wird heute von der Angst vor Vernunft geleitet. Um das zu kaschieren, mussten wir uns daran gewöhnen, dass der einstmals noch mit Tugenden unterlegte Vernunftsbegriff durch „Rationalität“ ersetzt wurde. Und rationales Handeln unterliegt rein der ökonomischen Definition. Rational ist, was mir einen geldwerten Vorteil verschafft. Und so ist es auch rational am eigenen Ast zu sägen, so lange wir dafür bezahlt werden. Vielleicht sollte man ja – zumindest vorübergehend – vermehrt Philosophen und Physiker in die Politik holen, die uns ein ganz anderes Bild von Lebenszusammenhängen vermitteln könnten.

Neulich hatte ich einen Traum, der mich zunächst schweißgebadet aufwachen ließ. Ab Mitternacht, so träumte ich, gibt es kein Geld mehr. Kein Crash (ein furchtbares Wort, dem schon der Schrecken irgendwie  innewohnt), wie es ihn immer wieder einmal gibt, sondern alles Geld wurde für ungültig erklärt. Die Verlautbarung erfolgte eine Minute vor Mitternacht über Rundfunk und Fernsehen: „Ab Mitternacht darf niemand mehr Geld oder die Übertragung von Forderungen auf solches zur Schuldentilgung anbieten oder entgegennehmen, oder neue Schuldkontrakte abschließen. Der Strafrahmen bei Zuwiderhandeln wird unabhängig von der betroffenen Höhe mit unbedingter Kerkerstrafe von 5 Jahren festgesetzt. Wir werden sie im Lauf der nächsten Stunden über neu in Kraft zu setzende Regelungen informieren“, hieß es. Damit waren die für unser Leben anscheinend wichtigsten Symbole, die Zahlen, mit denen bislang unser aller Beziehungen als Relationen erfassbar zu machen versucht wurde, per Dekret gelöscht.

Nun saß ich also steil aufgerichtet im Bett und begann schlaftrunken meine Gedanken zu sortieren. Als erstes entschlüpfte mir ein „Gott sei Dank! Das war nur ein Traum“. darauf begann ich aber etwas strukturierter zu überlegen. Wenn es tatsächlich so wäre, was wäre denn eigentlich passiert? Stünde die Welt ohne Bilanzen, Buchhaltungen, und vor allem ohne Zahlen, tatsächlich vor dem Aus? Das Wesentliche bliebe ja doch erhalten! Alles, was in der Qualität seines Seins als Wert geschaffen wurde. Sowohl dinglich, wie auch im spirituellen Austausch. Vielleicht würde uns der Verlust der Zahlen das Wesentliche überhaupt erst ins Bewusstsein heben?

Niemand wurde getötet. Alle Behausungen sind intakt. Die gesamte Infrastruktur steht klaglos zur Verfügung. Eigentlich hat sich überhaupt nichts geändert, außer dass etwaig ausprobierte Zugriffe auf e-banking-Seiten mit einer „Error-Meldung“ (die Ähnlichkeit mit „Terror“ sollte vielleicht zu denken geben) unterbunden werden. Höchstwahrscheinlich wäre bei geöffneten Fenstern ein Aufatmen von Schuldnern und ein Seufzen von Gläubigern zu vernehmen. Es ist, als wäre die Zeit mangels Ereignissen zum Stillstand gekommen und würde jetzt darauf warten, durch unser Handeln wieder in Gang gesetzt zu werden. Zeit zur Besinnung? Wie lange?

Allzu lange sollten wir nicht zuwarten. Als soziale Wesen sind wir auf Kommunikation angewiesen. Auf Austausch, denn Kommunikation ist Austausch. Und wir werden wieder ein Informationsmittel wie es das Geld war benötigen, um die komplexen Relationen unseres Tauschverhaltens abbilden zu können. Wir sollten also möglichst bis zum Morgengrauen das Geld – wir sollten es auch getrost wieder so nennen – neu erfinden. Sinnvoller Weise sollte es aber so konstruiert sein, dass es uns diesmal langfristig und nachhaltig dient.

Wer, oder welche Institution soll es unter welchen Bedingungen erzeugen? Wer soll es wie in Umlauf bringen? Wer soll die angemessene Menge bestimmen und darüber wachen? Wie ist mit alten Schulden und Forderungen zu verfahren? Sollte der Eigentumsbegriff neu überdacht werden? Welche Aufgaben wollen wir Banken zuweisen? Wollen wir uns überhaupt zur Existenzberechtigung allen Lebens bekennen? Wie soll mit dem Sicherheitsbedürfnis und der Altersvorsorge umgegangen werden? Wie mit der offensichtlichen Diskrepanz von Sinnverwirklichung und Einkommen? Wie mit Arbeitslosigkeit? Sollte der Arbeitsbegriff vielleicht einer neuen Definition zugeführt werden? Einer Definition, in der womöglich auch die Leistung für das als unproduktiv empfundene Sein einfließt? Fragen über Fragen.

Auch wenn so eine Situation wie in meinem Traum noch ziemlich unwahrscheinlich erscheint, sollten wir die grundsätzliche Möglichkeit nicht ausschließen und uns deshalb noch ohne extremem Zeitdruck mit diesen und weiteren Fragen auseinandersetzen. Das umso dringender, als wir erkennen konnten, dass die momentane Geldordnung Leiden und Kriege verursacht und befördert. Für eine neue Geldordnung bestünde zumindest die Hoffnung, dass sie friedensfähig sein könnte – wenn  wir sie denn dafür entsprechend gestalten; wenn wir neue Regeln zur machtfreien  Kommunikation auf Augenhöhe entwerfen. Ja! Geld kann bei entsprechender Ausgestaltung Frieden gewährleisten und ich sehe die wichtigste Aufgabe verantwortungsbewusster Politik in der Vorbereitung einer friedensfähigen Geldordnung. Viele – meist als Querdenker diskreditierte – Ökonomen sind gerne bereit, sich im Rahmen von Akademien oder Forschungsinstituten einzubringen. Wesentliche Vorleistungen stehen ja bereits zur Verfügung.

Erstaunlich ist aber doch, dass noch keine Partei auf die Idee verfallen ist, sich dieses Themas anzunehmen, obwohl daraus ein hoher Wählerzulauf zu erwarten wäre. Können denn in der Politik tatsächlich so tiefgreifende kollektive Ängste vor Machtverlust vorherrschen, dass sie den Blick auf die Möglichkeiten zur allseitigen Anerkennung bei gemeinwohlorientierten Einflussnahmen vernebeln? Gesolltes zum Gewollten machen, müsste dafür als Richtschnur in den Vordergrund treten. Und das Gesollte muss aus heutiger Sicht der Weltlage vor allem in der Schaffung einer friedensfähigen Geldordnung erkannt werden.