LIBRA DARF NICHT KOMMEN! Raimund Dietz auf einen Artikel in „Die Zeit“ (Di Lorenzo)

Libra wäre für unsere gesamte zivile, ja sogar internationale Ordnung höchst gefährlich. Um das zu sehen, muss man zwischen Geldschöpfung und Zahlungstechnik unterscheiden. Durch die Geldschöpfung wird Geld geschaffen. Die Bezahlsysteme übertragen Geld von einer zur anderen Hand. Sie müssen außerdem die Geldbestände der Wirtschaftssubjekte in Evidenz halten können.

Bei Bargeld ist das ganz einfach. Wer es in der Hand hat, gilt als sein Eigentümer. Es kann auch leicht übertragen werden, allerding nur, aber wenn der Partner anwesend ist. Die meisten Geschäfte werden aber zwischen lokal voneinander Getrennten abgeschlossen. Und selbst Anwesende präferieren Überweisungen, weil sie dann gleich eine Bestätigung in der Hand haben, die noch automatisch verbucht werden kann.

Für Überweisungen sind aber entweder Banken oder im Falle der Anwendung von Blockchain-Technologien Plattformen nötig. Sie halten auch die Geldbestände in Evidenz. Am günstigsten können das die Banken. Blockchains sind hochkomplex, ihre Handhabung verschlingt Megatonnen an Erdöläquivalenten.

Aber das Inverkehrbringen von Libra würde, abgesehen von der gefährlichen Verschmelzung von Informations- und Geldmacht, den Unsinn privater Geldproduktion, die schon heute zu mehr als 90 % bei Geschäftsbanken liegt, noch toppen. Die Geldschöpfung ging auf diese im Zuge des Vordringens des Buchgeldverkehrs über. (Auch die Zentralbank schöpft Buchgeld. Dieses aber zirkuliert nur im Kreislauf zwischen ihr und den Geschäftsbanken.) Mit dem gesetzlich unregulierten Übergang der Geldschöpfung von der Zentralbank auf die Geschäftsbanken aber gab der Souverän die Geldschöpfungs- und Gestaltungsmacht aus der Hand. Er muss sich fortan durch die Banken finanzieren, die er bei Bedarfsfall noch mit dem von ihnen ausgeliehenen Geld retten muss. Fürwahr eine groteske Situation!

Man stelle sich vor: Facebook schöpft Geld. Facebook würde das tun, indem es mit den von ihm per Knopfdruck erzeugten Libra-Währungseinheiten, also Dollar, Euro, Yen, Schweizer Franken und Pfund, kauft. Diese kann es dann nach Rückhalt einer gewissen Sicherheitsreserve für eigene Geschäfte verwenden. Bringt Facebook also Libra im Wert von 1000 Milliarden Euro, kann es unter Abzug dieser Reserve und einiger Werbungskosten vielleicht 800 Milliarden in seine eigenen Kassen spülen. Je mehr Libra in Umlauf sind, desto weniger müssen Dollar, Euro, usw. in Umlauf sein. Den Nationalstaaten entgeht also ein entsprechend hohes Geldschöpfungspotenzial.

Wie aber reagieren die Zentralbanken? Nur ein bisschen nervös. Da sie die Geldschöpfung bereits Geschäftsbanken überließen, und das noch mit merkwürdigen Argumenten rechtfertigen, fällt ihnen gegen Libra kein so richtig gutes Argument ein. Hier zeigt sich die ganze Schwäche des Bürgerstaats: er gibt mit der Geldschöpfung seine Gestaltungsmacht aus der Hand. Und dann will er noch die großen politischen Aufgaben lösen!

Libra darf nicht kommen. Die Bezahlsysteme können auch ohne Geldschöpfung und durchaus durch Private immer effizienter werden.

Raimund Dietz                                                           raimund.dietz@gmail.com