KOSTEN DES 2. CORONA-LOCKDOWN (Newsletter 13-2020)

Aus Deutschland erreichte mich soeben die Horrormeldung, dass der dort verhängte neuerliche Lockdown voraussichtlich 19 Mrd. Euro und 600.000 Jobs kosten wird. Lassen wir einmal das mit den Jobverlusten beiseite, weil das ja eigentlich nur ein Covid bedingter zeitlicher Vorgriff auf die unabhängig davon ablaufende Entwicklung ist. Unter ökonomischem Handeln versteht man doch vor allem den sparsamen Umgang mit Ressourcen – und als wertvollste Ressource gilt zumindest noch bei uns die menschliche Arbeitskraft, die es daher zu „schonen“ gilt. Mit verständlichem Stolz blicken wir deshalb auf all die technischen Errungenschaften, die Erwerbstätigkeiten nicht nur erleichtern, sondern sogar überflüssig machen sollen. Bereits der erste Corona-Lockdown hat uns drastisch vor Augen geführt, welche Tätigkeiten tatsächlich von Bedeutung sind. Der schmerzlichste Verlust war gewiss die Schließung der Gastronomie und wird es leider neuerlich sein. Nicht nur übt die Schließung der Gastronomie einen gewaltig dämpfenden Effekt auf generelle Konsumfreude aus und betrifft daher, außer Lebensmittel und Drogeriewaren, sämtliche anderen Branchen, sondern es wird damit auch eindrucksvoll bewiesen, dass der Mensch nicht nur ein soziales, sondern vor allem auch ein zutiefst analoges Wesen ist. Ein Wesen, dessen Lebenskraft aus Begegnungen und haptischen Erfahrungen geschöpft wird. Soviel aber nur in Hinblick auf die Digitalisierungseuphorie mit deren seltsam anmutenden Zukunftsvorstellungen, in denen der Mensch auf ein sinnentleertes, aber dennoch systemnotwendiges Dasein als stumpfer Konsument reduziert wird. Darüber, ob es dann noch reizvoll ist in so einer angeblich fortschrittlich automatisierten Welt zu leben, darf und sollte nachgedacht werden.

Nun also zu den eigentlichen Kosten von derzeit für Deutschland prognostizierten 19 Milliarden Euro, denn die Jobs verschwinden ja so und so. Und da ersuche ich vor allem das Kostenverständnis zu überdenken. Es handelt sich ganz offensichtlich um zusätzliche Ausgaben, die es ohne Covid19 nicht gäbe. Nun haben es Ausgaben erfahrungsgemäß an sich, dass sie von irgendjemand eingenommen werden. Der vermeintlichen Horrormeldung könnte daher allein durch Umformulierung der Schrecken genommen werden: „Der durch die Covid-Verbreitung neuerlich erforderliche Lockdown eröffnet die überraschende Möglichkeit für zusätzliche Einkommen von zunächst voraussichtlich 19 Mrd. Euro“ (Das klingt doch nicht nur gleich ganz anders, sondern erklärt vielleicht auch das für Normalbürger eher merkwürdige Verhalten der Aktienindizes, die sofort abheben, wenn der Staat Ausgaben beschließt).

Wesentlich ist aber dabei weniger das in Aussicht gestellte Geld, sondern dass in der Bevölkerung ausreichend widmungsgemäße Fähigkeiten vorhanden sind, um einerseits verantwortungsbewusst zu den Maßnahmen beizutragen, mit denen die Covid-Ausbreitung eingedämmt werden soll und andererseits als Konsument zur Aufrechterhaltung der Lieferketten dienen zu können. Denn wo nichts gekauft werden darf, wird auch nichts mehr produziert werden können.

Damit landen wir freilich wieder bei der Verteilungsfrage. Zu hoffen ist, dass es gelingt, die alte Weisheit Lügen zu strafen,.nach der „…der Teufel immer auf den größten Haufen sch….“. Doch natürlich wird verbliebene oder zugeschossene Kaufkraft zu den Quellen lebensnotwendiger Waren und Dienstleistungen fließen und auch sonstige, in der Vergangenheit eingegangene Verbindlichkeiten weitgehend zu erfüllen trachten und es wird darum gehen, Stockungen (spekulative Geldhortungen) zu unterbinden.

Wer es nach dem ersten Corona-Lockdown noch nicht erkannt hat, dem wird es nun neuerlich vor Augen geführt, wie labil und wenig resilient unsere gesamte Wirtschaftsstruktur ist, weil wir immer noch starr an den in Zeiten des Mangels sinnvollen Regelung festhalten und Erwerbsarbeit zur Bedingung für ein überlebensnotwendiges Einkommen machen. Ganz so, als ob das zur Verteilung gelangende Geld erst durch die Arbeit entstünde. Im bestehenden Geldregime ist aber Erwerbsarbeit stets und in hohem Ausmaß auf schuldbehaftete Vorfinanzierung zurückzuführen. Es läge daher nahe, Geld endlich anders als eine Schuld verstehen zu lernen. Etwas, worum neben anderen Aspekten die Vollgeldinitiativen sehr viel beizutragen haben.

Als eine von der Natur nicht vorgesehene gesellschaftliche Vereinbarung, beginnt „Geld“ bei der Rechtsordnung zu seiner Schöpfung, durch die bereits die gesellschaftlich ausschlaggebenden Möglichkeiten seiner Inumlaufbringung und auch Verteilung weitgehend bestimmt werden. Diese dem Geld heute innewohnende Machtfunktion muss für eine prosperierende Gesellschaft in eine rein funktionale, die systemische Resilienz stützende Tauglichkeit transformiert werden. Das allerdings erfordert wiederum bewusste Einstellungsänderungen zu denen es offensichtlich nicht nur an sozialphilosophischem Verständnis, sondern auch an politischem Willen zu mangeln scheint.

Günther Hoppenberger, Lifesense-Zirkel Linz, November 2020