KORRELATION VON WACHZEITEN UND LEISTUNG

Aufgrund einer dümmlich zynischen Anmerkung unseres jugendlichen Bundeskanzlers wurde in Wien eine – nicht repräsentative – Umfrage zu Wach- und Schlafzeiten der Bevölkerung durchgeführt.

Der Türkis-Blauen Regierung geht es bekanntlich besonders um die Leistung, nach der sich das Einkommen bemessen sollte. Zugleich wird allerdings die Leistung selbst nach dem erzielten Einkommen gemessen, was offensichtlich einem Zirkelschluss entspricht und zeigt, wie unsinnig die Reduzierung des Leistungsbegriffs auf Einkommen eigentlich ist.

Nun wurde also versucht, eine Korrelation von Wachzeiten und Leistung (Einkommen, bzw. zustehendes Einkommen) darzustellen. Bedenkt man aber, dass jede Gesellschaft, um als solche zu funktionieren, viel mehr als die Summe der Einkommensdezile ist, dann sollte man schon etwas tiefer in die Zusammensetzung der Bürgerschaft eindringen.

Kurzer Schlaf bringt vor allem mehr Müdigkeit und nicht unbedingt mehr Leistung. Wenn die Arbeitsqualität nicht stimmt, nützt auch eine noch so lange Verweilzeit an der Arbeitsstelle nichts, wie man das durchaus auch bei sogenannten gehobenen Führungsfunktionen beobachten kann. Deren Wachzeit wird oftmals vor allem als beispielgebendes Motivationsinstrument gegenüber der Belegschaft eingesetzt – und besonders zur Festigung der eigenen Position, wenn fehlende Leistung demonstrativ durch Anwesenheitszeit zu kompensieren versucht wird.

Betrachtet man den Schlaf-Wachrhythmus hingegen aus ökonomischer Sicht, dann sollte man wohl berücksichtigen, dass „ökonomisch“ bedeutet, mit geringst möglichem Aufwand an natürlichen Ressourcen, Kraft und Arbeitszeit, die zum Leben benötigten Werte zu schaffen. Es geht also um die Produktivität in der Werteschaffung. Eine Binsenweisheit, die durch die Gleichsetzung von Wert und Geldwert ohne Berücksichtigung des Aspekts des Beitrags zur Lebensqualität in Vergessenheit geraten sein dürfte.

Ein Sprichwort besagt, „Wer schläft, sündigt nicht“. Das leuchtet ein. Übertragen auf unsere säkularisierte „Leistungsgesellschaft“ bedeutet das jedoch: „Wer schläft, steht als Konsument, dem zusätzlich zu seinen Fixkosten noch variable Kosten aufgehalst werden könnten, nicht zur Verfügung“. Aus Sicht der Wirtschaft ist das natürlich verwerflich. Langschläfer, wie viele Arbeitslose oder Pensionisten, die also aus den Produktionsprozessen ausgesondert wurden, entziehen sich damit der ihnen zugewiesenen Funktion als Konsumenten zu dienen. Und das kann man ja gar nicht durchgehen lassen.

Denn es ist ja heute so, dass jeder Schritt vor die Haustür variable Kosten verursacht. Von Schuhwerk über Kleidung, Körperhygiene, Mobilitätskosten, bis hin zu Auswärtsverpflegung. Von Kaufverführungen ganz abgesehen. Hieraus sollte sich auch die Erkenntnis ableiten, dass man es sich leisten können muss, zu arbeiten. Dem Sein als solchem wird ja kein Wert beigemessen.

Zweifellos zerfallen also Langschläfer in zwei große Gruppen. Die einen, die es sich nicht leisten können, schon frühmorgens aus dem Haus zu gehen und die anderen, die es sich leisten können, spät aufzustehen. Unserem Bundeskanzler ging es aber besonders um die erste Gruppe. Unklar ist jedoch, ob seine Sorge einer unzureichenden Produktivität durch zu wenig Frühaufsteher galt, oder um deren zu geringen Beitrag zur Konsumation. Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass ersteres zutrifft und sich die Überlegungen nur auf die hierarchischen Strukturen innerhalb der arbeitsfähigen Bevölkerung bezogen. Denn es sind ja gerade die untersten Hierarchien, die es sich also eigentlich nicht leisten können, die für die reibungslosen Abläufe zu sorgen haben. Die bildlich gesprochen den roten Teppich rechtzeitig gesäubert und entstaubt auszurollen haben, auf dem Flaneure und obere Hierarchien zu lustwandeln geruhen.

Die Entlohnung beschränkt sich dann häufig auf anerkennendes Lob („Gut gemacht“ und „Weiter so“). Viel zu wenig wird erkannt, von welch entscheidender Bedeutung all diese untergeordneten Tätigkeiten für eine Gesellschaft sind und dementsprechend schlecht werden sie entgolten; obwohl es offenkundig ist, dass der fehlende Putztrupp zwischen 6 und 8 Uhr morgens mehr negative Effekte auf das Betriebsgeschehen auslösen kann, als eine längere Absenz des CEO.

Letztlich ging es bei diesem verunglückten Sager des Bundeskanzlers aber nur um die Entlarvung seines geistigen Standortes (Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen). Nun darf man das freilich auch nicht zu eng sehen, aber dennoch war das ein bedenklich klares Signal, das nicht nur zu Neiddebatten an den sogenannten Stammtischen stimuliert, sondern mit dem auch die Sichtweise gegenüber dem Leben zum Ausdruck gebracht wurde: Die Zuerkennung von Lebensqualität hat sich nach dem Einkommen zu richten – doch das hat mit Wach- und Arbeitszeiten ja gewiss nichts zu tun.