IST ENTGANGENE GEWINNMÖGLICHKEIT EIN VERLUST? (Newsletter 2-2021)

JETZT HABEN WIR ES SCHWARZ AUF WEISS…….

„Teure Ruhe auf der Gipsstation“, lautet die Überschrift zu einer Schreckensmeldung aus unserem Gesundheitssystem im Standard vom 25.2.2021 (Thomas Neuhold). Der Untertitel verrät sogleich, worum es geht: „Der starke Rückgang an Skiunfällen führt in den Krankenhäusern zu Millionenverlusten“.

Über die Perversität des Bedauerns, dass „den Krankenhäusern die Einnahmen fehlen, die man über die Betreuung verunfallter Skifahrer lukriert“, sollte durchaus einmal nachgedacht werden. Es geht um den Begriff „Amortisation“, und um die Interpretation von „Verlust“.

Damit sich also Krankenhäuser amortisieren, muss es erstens einmal ausreichend Kranke geben und zweitens müssen diese entsprechend gut versichert oder ausreichend vermögend sein, um für die empfangenen Dienstleistungen den Krankenhausbetrieb finanzieren zu können. So werden es uns jedenfalls die kaufmännisch Verantwortlichen der Spitäler mit größter Selbstverständlichkeit erklären. Und für gewöhnlich werden wir dazu sogar verständnisvoll nicken, selbst wenn es nur dazu dient, tiefer gehender Diskussion auszuweichen. Gemäß dieser Sichtweise ist anzunehmen, dass wir es – so es denn gelingt – vielleicht schon bald bereuen werden, die „Corona-Pandemie“ überwunden zu haben. Unbenötigte  Intensivstationen samt Belegschaft in Bereitschaft zu halten ist in unserer Denkweise ja eine ganz schön teure Sache. Sie „bringen nichts“, und im Wettbewerb mit Privatspitälern sollten natürlich auch kommunale und Landeskrankenhäuser Gewinne machen. Da gilt es also stets für eine ausreichende Anzahl betuchter, bzw. gut versicherter Patienten zu sorgen. Am besten aus dem Ausland, denn die Krankheitsbranche steht natürlich im internationalen Wettbewerb.

Solch zynische Denkungsart mit ihrer systemnotwendigen Logik, die sich offensichtlich wie von selbst entfaltet und nicht einmal mehr als höchst anstößig wahrgenommen wird, lässt sich ebenso gut auch auf andere Branchen anwenden. Um nur einige wenige zu nennen: Feuerwehren rechnen sich also nur, wenn es ausreichend Brände und/oder Naturkatastrophen gibt, sonst kann man ja den Nutzen nicht berechnen. Gleichermaßen braucht die rentable Aufrechterhaltung eines Heeres Kriege und der Polizeiapparat rechnet sich sichtlich nur, wenn es ausreichend Kriminalität gibt. Klar werden sich da unmittelbar Stimmen erheben und vehement widersprechen, weil „das doch etwas ganz anderes ist“. Ist es aber tatsächlich etwas anderes? Wenn sich Spitäler „rechnen“ müssen, dann ist doch auch die Frage zulässig, ob und wann sich z.B. ein Fernseher, oder auch so etwas Banales wie ein Tisch oder ein Sessel rechnen. Und für wen rechnet sich ein Kölner Dom?

Offenbar gibt es also Dinge, Systeme, Institutionen u.s.w. ganz einfach deshalb, weil man daran Gefallen findet oder sie für sinnvoll hält und weil man als Gesellschaft  technologisch in der Lage ist, sie zu schaffen. Sobald man jedoch den entsprechenden gesellschaftlichen Willen, der gewöhnlich als Fortschritt wahrgenommen werden sollte bilanziell darzustellen versucht, scheint sich der Fokus von der Sinnhaftigkeit zu einer sinnentleerten Rentabilität in Geldwert zu verschieben.

Es liegt das jedoch keineswegs am Geld als solchem, denn Geld ist eine, wenn nicht sogar die großartigste „Erfindung“ der Menschheit. Zweifellos liegt aber die Problematik in den von Menschen gemachten Spielregeln der Geldordnung. Was bislang durch die stillschweigende Übereinkunft der Parteiideologen, an den Spielregeln des Geldes nicht zu rütteln und alles zur Erfüllung der Systemerfordernisse zu tun, so schlecht und recht kaschiert werden konnte, fliegt uns jetzt in der Corona-Pandemie schonungslos um die Ohren.

Dennoch hat es den Anschein, dass dadurch immer noch keinerlei Denkprozesse angeregt wurden, obwohl doch mit der Geldordnung etwas nicht stimmen kann, wenn sich nun nicht eingenommenes Geld, wie z.B. durch Mangel an verunfallten Schifahrern, als Verlust zu Buche schlägt.

Dem nachzugehen und vielleicht sogar lautstark zu bezweifeln, dass das so sein müsse, dazu soll dieser Newsletter  u. a. animieren. Und niemand soll behaupten, dass man an der Geldordnung nichts ändern könne. Die Menschheit hat schon viel schwierigere Probleme gelöst. Es ist auch keinesfalls ein technisches Problem, sondern einzig und allein ein Problem unseres Bewusstseins, des Bewusstseins über die Freiheit unseres Willens. Wir können gesellschaftliches Zusammenleben gestalten – und tun das ja auch fortlaufend, aber sichtlich so, dass wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein können.

Den größten Fehler in gegenwärtigem Denken meine ich darin zu erkennen, dass alles kritiklos als „Geschäftsidee“ bejubelt wird, was für meist nur einige wenige die Möglichkeit eröffnet, Geld an sich zu ziehen. Der inhaltliche Bezug zwischen Geschäftsidee, Wirtschaft und Gesellschaft ist zunehmend verloren gegangen und sollte wieder größere Beachtung bekommen. Nicht alles, was uns als originell oder modern angepriesen wird, ist auch sinnvoll zur Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Es geht nicht darum, der Gesellschaft eine Idee zu verkaufen, um damit den eigenen Lebensunterhalt abzusichern – da befänden wir uns auf der Instinktebene von Raubtieren, und die uns zur Verfügung stehende geistige Dimension, die uns erst zu Menschen macht, bliebe ungenützt – sondern es geht darum, jeweils von der Gesellschaft erkannte Probleme zu lösen. Da zählt zwar zweifellos und in erster Linie eine friedensfähige Geldordnung dazu, sicherlich aber nicht von der Art der von Partikularinteressen betriebenen Privatisierung unseres Zahlungsmittels unter gänzlicher Umgehung staatlicher Hoheitsrechte, wie das z.B. mit Bitcoin & Co. intensiv versucht wird.

Es macht eben nicht alles Sinn, was Geldgewinne bringt. Was heutzutage in der Gesellschaft auffällig fehlt, ist die diesbezügliche Beurteilungsfähigkeit, und die Erkenntnis, dass es letztlich um das Machtgefüge geht, das von der Geldordnung diktiert wird. Und auf der persönlichen Ebene geht es darum, ob wir daran tatsächlich etwas ändern wollen. Es geht um Gewissensentscheidungen; um den Einklang zwischen Gemeinschafts- und privaten Partikularinteressen. Es geht um Beziehungsfragen; von familiären bis hin zu globalen und vor allem auch um die Beziehung zur Natur als dem einzigen zur Verfügung stehenden Biotop für unsere geistigen Entwicklungsmöglichkeiten. Es geht um grundlegende Begrifflichkeiten, wie z.B. „Wirtschaft“, „Zeit“, „Leben“, u.s.w., aber eben auch – um den Bogen zur Ausgangsüberlegung zu schließen – um eine Neudefinition von „Gewinn“ und „Verlust“.