INVESTITIONEN – AM ENDE MUSS MEHR GELD HERAUSKOMMEN

Das Corona-Dilemma sollte eigentlich dazu herausfordern, sich einmal eingehend mit unserer gesamten Finanzarchitektur zu befassen. Die von den Regierungen spontan angekündigte Hilfszusage, „koste es, was es wolle“, hat zunächst vor allem die unmittelbare Schockstarre etwas gelockert und wahrscheinlich auch vor unbedachten Panikreaktionen bewahrt. Das war richtig und gut so. Langsam rückt aber jetzt auch die Frage in den Vordergrund, woher eigentlich diese Geldmittel, die entgangene Einkommensmöglichkeiten kompensieren sollen, herkommen. Denn der Staat hat ja bekanntlich kein Geld, sondern nur Schulden.

Und bekanntlich müssen Schulden auch zurück bezahlt werden. Sie entstehen ja durch Kredit und werden erst bei Tilgung wieder vernichtet. Blöd nur, dass sich der Staat mit seiner Kreditanfrage nicht an die eigene Zentralbank wenden darf, sondern über „die Märkte“ gehen muss. Er legt also eine Anleihe auf, in der Art von z.B. „Wer will mich mit 100 Mio Euro verschulden?“ „Die Märkte“ stellen ihre Bedingungen und sagen, „wir machen das gerne, unter diesen und jenen Auflagen“. Geld gibt es aber von „den Märkten“ nicht, sondern nur eine Forderung auf Geld. Das sogenannte Buchgeld, das zwar weitgehend wie Geld verwendet und für Zahlungszwecke weitergereicht werden kann, aber eben gar kein gesetzliches Geld ist. Die Anleihe, quasi der Schuldschein des Staates, ist aber Geldes wert, denn die Rückzahlungsverpflichtung lautet auf Geld!. Und wenn „die Märkte“ die Anleihe an die Zentralbank verkaufen, erhalten sie dafür echtes Zentralbankgeld, als Gutschrift auf ihren Reservenkonten, oder auch Bargeld, sofern sie das überhaupt brauchen. Sie wechseln damit ihr selbstgeschöpftes Buchgeld in Zentralbankgeld und stellen das jetzt dem Staat zur Verfügung. Für den Staat als Schuldner hätte dabei nur ein Gläubigertausch stattgefunden. Er schuldet jetzt nicht mehr „den Märkten“, die die Forderung des Staates auf Geld ja damit erfüllt haben, sondern der Zentralbank. Denn es ist ja Zentralbankgeld. Echtes gesetzliches Zahlungsmittel. Anders als die Zahlen auf unseren Bankkonten. Und die Zentralbank hält jetzt den Schuldschein des Staates in Händen. Mit der Zentralbank  kann man zwar vielleicht leichter reden, aber Schuld ist Schuld – und bedeutet Abhängigkeit statt Souveränität.

Solche Anleihen können aber auch nur belehnt, oder spekulativ in „den Märkten“ gehandelt werden, wo sich ein eigener „Anleihenmarkt“ heraus gebildet hat, mit allem, was da an derivativen Wetten, Versicherungen und Terminkontrakten so dazugehört, die aus fragwürdigen Gründen und in aller Absurdität als Finanzprodukte bezeichnet werden.

Die Zentralbank hätte natürlich die Kreditanfrage des Staates auch direkt bedienen können. Sogar zu günstigeren Bedingungen oder nicht zuletzt in Sonderfällen, wie wir durch die Corona-Krise gerade einen haben, überhaupt auch als rückzahlungsfreies Geschenk dem Finanzkonto des Staates gutschreiben können. Denn es ist das ausschließliche Recht der Zentralbank, gesetzliches Zahlungsmittel, also echtes Geld, aus dem Nichts schöpfen zu dürfen. Mit dem Argument, dass es bei direkter Finanzierung des Staatshaushaltes aber zu Inflation kommen würde, wurde dieser Weg gesetzlich verboten. Somit bleibt die Quelle der Inflationsgefahr in den eher weniger vertrauenswürdigen Händen „der Märkte“, denn was immer dort an Krediten entsteht, muss zuletzt von den Zentralbanken mit „echtem“ Geld refinanziert werden, wofür dann der Staat als Bürge (Schuldner – und der Staat sind wir! Die Bevölkerung) herhalten muss. Denn „die Märkte“ können eben nur etwas erzeugen, was wie Geld funktioniert, aber deshalb noch lange kein tatsächliches Geld ist.

Die Verwirrungen über das Geld rühren ja besonders daher, dass wir durch die Gewöhnung an den bargeldlosen Zahlungsverkehr, bei dem wir nur unsere Forderungen auf Geld gegenüber unserer Bank an unsere Geschäftspartner  übertragen, nicht mehr zwischen Geld und einer Forderung auf Geld unterscheiden. Diese Unterscheidung zu treffen, wäre jedoch essentiell, um die Funktionsweise unseres Finanzsystems zu begreifen.

Was ich damit klar machen möchte, ist der Umstand, dass unser Geld ausschließlich durch Kredit e n t s t e h t. Durch einen Rechtsakt, in dem gleichzeitig ein Schuldner und ein Gläubiger als Vertragspartner entstehen. Womit auch klar sein sollte, dass Schulden, also das, was wir als Geld verwenden, und Guthaben, also die Forderungen auf Geld, stets gleich hoch sein müssen.

Nun sind die bei jedem Kredit entstehenden Forderungspaare – einerseits die Forderung auf Geld, andererseits die Forderung auf Rückzahlung mit Geld – zunächst nur mit einem Nominalwert ohne realwirtschaftlichem Wert versehen, auch wenn da irgendeine Zahl steht. Jeder Kredit dient ja zu einer Vorfinanzierung von Irgendetwas. Der eigentliche Wert kann ja überhaupt erst mit dieser Vorfinanzierung geschaffen werden. Hier liegt also die Schnittstelle zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Und Realwirtschaft bedeutet, dass natürliche Ressourcen, zu denen nicht nur die Rohstoffe, sondern auch die Kreativität, Fähigkeiten, Arbeitskraft und nicht zuletzt die verbrauchte Zeit zu zählen sind, in Kulturgüter, bzw. Kulturleistungen verwandelt werden, denen ein höherer Wert beigemessen wird, als der Summe der einzelnen Faktoren. Die Bewertung ist im weitesten Sinne nominell und erstellt sich aus den jeweiligen gesellschaftlichen Machtverhältnissen, worauf ich hier aber nicht näher eingehen möchte (Wie man uns immer sagt, geht es hier um unsere Wettbewerbsfähigkeit).

Aus Sicht der Finanzseite dient also die Realwirtschaft als Transmissionsmechanismus, um aus einer Forderung auf Geld, durch Arbeitsprozesse tatsächlich werthaltiges Geld zurück zu erhalten. Es ist eine Art Wechselmechanismus, über dessen Art und Ausmaß sich freilich aus ethischen, ökologischen und demokratiepolitischen Gründen herzhaft streiten ließe. Aus Sicht der Realwirtschaft, deren Aufgabe in der Bedürfnisbefriedigung durch Erbringung von Leistungen für das Gemeinwohl liegt, sind die als Geld verstandenen Zahlen ein Informationsmedium im Austausch von Leistungen und ein Orientierungssystem für Verteilungsgerechtigkeit.

Dieser zuvor angesprochene Mehrwert, der durch Arbeitsprozesse entstehen soll, ist wiederum der eigentliche Anreiz, Kredite zu vergeben. Es soll nicht nur ein Mehrwert dabei herausschauen, dass also z.B. etwas für das Gemeinwohl Wertvolles entsteht, sondern der Mehrwert soll in werthaltigem Geld einlösbar sein. Als echter Gewinn. Und so kommt ja auch auf der betriebswirtschaftlichen Ebene ein erfolgreicher Leistungsaustausch immer nur dann zustande, wenn bei jeder Transaktion ein wie auch immer gearteter, in Geld darstellbarer Gewinn übrig bleibt. Ein Gewinn, das hoffe ich ausreichend erklärt zu haben, kann aber immer nur durch die entsprechende Bewertung einer Arbeitsleistung zustande kommen (Hier können wir neuerlich über Markt, Ethik, Verteilungsgerechtigkeit und Vernunft in der Wertbeimessung diskutieren).

Ein unter dieser Prämisse vergebener Kredit wird dann eben als Investition bezeichnet. Man investiert, um mehr zurück zu erhalten. Man lässt arbeiten. Man streckt alle Kosten in Form eines Versprechens vor und streift den Mehrwert als Gewinn ein. In dieser Sichtweise  sollte man vielleicht auch die hochgejubelten Auslandsinvestoren in etwas anderem Licht sehen. Investiert wird ein Versprechen und herauskommen muss Geld in einer Höhe, die das nominelle Ausmaß des Versprechens übersteigt. Dann, so sagt man, hat es sich „gerechnet“.

Dazu und zu nichts sonst, dient die Realwirtschaft für Investoren. Niemand investiert, um Arbeitsplätze zu schaffen oder uneigennützig für das Gemeinwohl zu sorgen. Diese Aufgaben werden dem Staat zugewiesen. Und was heute „investiert“ wird, dient dazu, um über die realwirtschaftliche Produktions- und Konsumkette, die Investitionen der Vergangenheit in Geldgewinn zu verwandeln. Daraus hervorgehende werthaltige Güter sind im Unterschied zu wertvernichtenden Arbeitsprozessen, die gleichermaßen zur Erfüllung der Kreditumwandlung in Geld dienen, der gesellschaftlich positive Output dieses Transmissionsmechanismus. Ein erfreuliches Beiprodukt, aber nicht das eigentliche Ziel. In einer ausgereiften Wirtschaft, in der jede noch so kleine Marktnische bereits besetzt ist, darf es nicht wundern, dass es zwangsläufig zu den absurdesten Geschäftsideen mit fragwürdigem Beitrag bezüglich Steigerung der Lebensqualität kommen muss. Und wenn ich ausreichendes Interesse zu wecken verstehe, sich gegen Bezahlung anzuhören, dass ich den Almjodler auch furzen kann, dann ist das eben eine Geschäftsidee. Hauptsache es kommt dabei zu einer Bewertung in Geld. Egal wofür.

Durch die Vorsichtsmaßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus, sind nun weite Teile des Transmissionsmechanismus, durch den Forderungen auf Geld in Geld verwandelt werden sollten, ausgefallen. Andererseits beruht die Kalkulation einer Investition auf dem reibungslosen Funktionieren dieser Umwandlung von Ressourcen in Geld. Und so, wie die Forderungen auf Geld (das Versprechen des Kreditgebers) vom Kreditnehmer für jeweils getane Arbeit als Löhne in das System eingespeist werden, so werden die daraus kontinuierlich anfallenden Tilgungsraten und Transaktionsgewinne aus dem Konsum zurück erwartet. Dieser Kreislauf über die Realwirtschaft ist jetzt schwer beschädigt. Die Gewinnerwartungen der Investoren können durch die abrupten Arbeitsverbote nicht mehr erfüllt werden.

Mit jeder Tilgung verschwindet aber dieser als Buchgeld in Umlauf befindliche Teil und steht für weitere Verwendung nicht zur Verfügung. Durch Kredit erzeugtes Geld, wird bei Kredittilgung wieder vernichtet. Etwas, das bei Umverteilungs- und Umlenkungsüberlegungen meist nicht beachtet wird. Nun sollte es langsam einleuchten, dass Gewinnerwartungen aus bereits getätigten Investitionen, immer wieder nur mit frisch geschöpften Forderungen auf Geld und Durchlaufen des komplexen, arbeitsteiligen Transmissionsprozesses erfüllt werden können. Was heute an Geld im Arbeitsprozess in Umlauf gebracht wird, dient der Möglichkeit, die Gewinnerwartung aus Investitionen in der Vorperiode zu erfüllen. Geld gibt es nur gegen Arbeit und die Arbeitsmöglichkeit ist jetzt unterbunden. Das bedeutet, dass auch die Umsätze einbrechen, mit denen die Gewinnerwartungen aus den Investitionen der Vorperiode erfüllt werden sollten.

Was auch immer jetzt an staatlichem Geld (Staatlicher Verschuldung!) zugeschossen wird, dient daher der Befriedigung dieser frustrierten Gewinnerwartung aus vergangenen Perioden. Es sind Ersatzzahlungen für entgangene Umsätze. Denn was als fortbestehende Kosten trotz Einnahmenausfall beklagt wird, sind ja genau diese Zahlungsverpflichtungen aus der Vorperiode. Und wie ich hoffentlich zeigen konnte, besteht die Investition vor allem aus der Verpflichtung, eine Forderung auf Geld zu erfüllen, was mir aber ohne den Arbeitskreislauf der Realwirtschaft, der erst den Wert des Geldes schafft, nicht möglich ist. Der Staat muss also wieder einmal für die drohenden Kreditausfälle einspringen. Die Möglichkeit einer Corona-Krise, ein echter „Schwarzer Schwan“, ist weder in den Risikobewertungen zu Kreditvergaben, noch in der generellen Konstruktion der Finanzarchitektur vorgesehen.

Die leicht zugängliche Bereitstellung von günstigen Privat- und Betriebsmittelkrediten hilft da nicht wirklich, sondern verschiebt nur das Problem in die Zukunft. Denn es geht jetzt nicht um irgendwelche Neuinvestitionen oder neue Geschäftsideen, sondern um Konsumermöglichung. Denn sowohl die bereits geschaffenen Güter, wie auch die bis ins Kleinste ausdifferenzierte Leistungsbereitschaft existieren als Werte an sich, können jetzt jedoch nicht gekauft werden. Im Endeffekt muss der Staat für die Lebenshaltungskosten (Lebensmittel, Mieten, Versicherungen, Kreditverpflichtungen,….) seiner Bürger aufkommen und damit zugleich die Gewinnerwartungen „der Märkte“ erfüllen.

Und hier wird es natürlich besonders pikant, wenn sich der Staat für die Erfüllung der Gewinnerwartungen „der Märkte“ das Geld nicht schuldbefreit bei der Zentralbank holen darf, sondern sich neuerlich, wie bereits bei der zurückliegenden Lehman-Pleite, bei den zu Rettenden verschulden muss. Es ist aber nicht so, dass das nicht schon längst erkannt wurde. Und auch wenn die Direktfinanzierung der Staaten rein rechtlich verboten ist, so wird das zunehmend durch Umgehungskonstruktionen dennoch bis zu einem gewissen Grad gemacht werden. Das wäre auch durchaus OK, wenn da nicht der Makel der buchungsmäßigen Verschuldung bestehen bliebe. Denn jemanden zu verschulden bedeutet, über ihn Macht ausüben zu können. Es wäre daher ein Gebot der Stunde, den Anlassfall „Corona-Krise“ dazu zu nutzen, die alleinige Geldschöpfungshoheit einer zu einer demokratisch kontrollierten Institution umgewandelten Zentralbank zu übertragen, wie das von den Vollgeldinitiativen vorgeschlagen wurde.

Und auch dazu kann ich sagen, und finde damit zu einem hoffnungsfrohen Schluss, dass sich da bereits einiges bei manchen Zentralbanken bewegt, die Überlegungen zu digitalem Zentralbankgeld (CBDC) für das Publikum anstellen. Denn nur das Zentralbankgeld (siehe Bargeld) bleibt, sofern es nicht gehortet wird, umlauffähig erhalten und könnte durchaus auch als „Kaufgeld“ in kontrolliertem, wohldosiertem Ausmaß, ohne Rückzahlungsverpflichtung als Positivgeld für Transaktionen in die Wirtschaft geschenkt werden. Das wäre immerhin eine Vorstufe zu Vollgeld, würde jedoch immer noch zwei Geldarten im System bedeuten.

Günther Hoppenberger, im April 2020

Dieser Beitrag wurde geschrieben, um das Problembewusstsein zu wecken. Es ist mir bewusst, dass dabei viele weitere zu beachtende Feinheiten ausgespart wurden. Eine wissenschaftlich präzise Aufarbeitung von Joseph Huber findet sich hier:

Monetäre Staatsfinanzierung von Helikoptergeld — Vollgeld

https://vollgeld-jh.squarespace.com/monetaere-staatsfinanzierung-von-helikoptergeld