HINTERGRÜNDE DES BARGELDES; Franz Schneider

Wer kann der Sparkasse mal 1000 Euro leihen ?

Banken haben eine gute Beziehung zu Schulden. Sie verschulden sich in erheblich höherem Maße als andere Unternehmen. Ihr Geschäftsmodell gründet geradezu auf Schulden(erzeugung). Für manche Kenner der Bankenwelt ist es die Unternehmensform, die mit der heißesten Nadel gestrickt ist. (1)

Wieso das ? Ganz einfach. Stellen Sie sich vor, jemand kommt zu Ihnen und fragt Sie. Ich habe gehört, dass Sie einen sicheren Tresor haben. Können Sie meine 1000 Euro, die ich zur Zeit nicht unbedingt brauche, sicher verwahren. Sie sagen „na klar, kein Problem“. Sie „versprechen“ dem Kunden, dass er sein Bargeld oder Teile davon jederzeit wieder zurückbekomme, wenn er es wünscht. Mit dem Versprechen machen Sie sich zum Schuldner des Kunden. Sie haben eine Verbindlichkeit ihm gegenüber. Den Kunden schicken Sie nach Hause mit einer Forderung und machen ihn zum Gläubiger. Sie haben sich damit zum Banker gemacht. Nach einiger Zeit stellen Sie fest, dass der Kunde mal 20 Euro abhebt, dann wieder 30, aber nie viel mehr. Manchmal bringt er sogar wieder etwas zu Ihnen. Und Sie stellen fest, dass viele Euros dieses Kunden in Ihrem Tresor „nutzlos“ herumliegen. Nun kommen Sie auf einen genialen „dummen Gedanken“. Sie sagen sich, „ich könnte doch einen Teil des Geldes nehmen, es anderen Leuten gegen Zins ausleihen und damit selbst Geld verdienen. Ich muss eben nur darauf achten, möglichst immer gerade so viel Bargeld im Tresor zu haben, dass ich dem Gläubigerkunden, seine 30 oder 50 Euro in bar geben kann, wenn er sie braucht.“ Richtig. Sie müssen immer gerade genug Bargeld vorhalten. Das ist aber gar nicht so einfach. An das längerfristig ausgeliehene Geld kommen Sie ja so schnell nicht wieder ran. Es kommt noch eine weitere Erschwernis hinzu. Denn als Sie dem Kunden Auszahlungen von Bargeld versprochen haben, immer dann, wenn er es wünscht, haben Sie unter der Hand, aus seinem eingezahlten Bargeld Ihr eigenes privates Bankengeld, Giralgeld genannt, gemacht. Dieses private Geld gibt Ihnen schließlich noch viel größere Handlungsspielräume. Die können sogar noch weit über die 1000 Euro hinausgehen.

Der historischen Korrektheit wegen weise ich an dieser Stelle darauf hin, dass man sich die anfänglichen 1000 Euro als einen Goldklumpen vorstellen muss, den ein Goldschmied vor vielen Jahrhunderten in seinen Tresor legte. Und um dem Kunden die Mühe zu sparen, den Goldklumpen bei jedem Auszahlungsvorgang durch die Gegend zu bewegen, hat der pfiffig-durchtriebene Goldschmied Zettel herausgegeben. Diese dokumentierten dann anstelle des schwer transportierbaren und unteilbaren Goldes die jeweilige „Goldentnahme“. Sie sind also die Vorläufer unserer Banknoten. Diese Zettelwirtschaft hatte jedoch eine ganz unheilvolle Konsequenz, die oben erwähnten „dummen Gedanken“.

In unserem heutigen Geldsystem haben sie sich in extremer Weise zu dem erwähnten privaten Bankengeld ausgewachsen. Geschäftsbanken erzeugen ihr eigenes Geld. Das Gold wurde ihnen zu lästig und schränkte sie in ihren Gewinnmöglichkeiten zu sehr ein. Sie betreiben nun ganz einfach Geldschöpfung aus dem Nichts. Die Menschen wurden nie danach gefragt, ob sie damit einverstanden sind. Dass viele Regierungen dieses Spiel mitspielen, ist wieder ein eigenes Thema. Das privat erzeugte Geld liegt jedenfalls als Giralgeld auf ihrem Girokonto. Der ehemalige Goldwert, der in diesem Privatgeld übriggeblieben ist, ist über die Jahrhunderte auf ein Hundertstel des Wertes geschrumpft, der auf der Banknote draufsteht. Heute hat das Bargeld die Rolle des Goldes übernommen. Die Institution, die garantiert, dass das Bargeld, dieses minimale Hundertstel des Bankengeldwerts, „Gold wert“ ist, ist die Europäische Zentralbank / Deutsche Bundesbank. Deshalb nennt man das Bargeld Zentralbankgeld oder gesetzliches Zahlungsmittel. Es soll die Aufgabe einer Wertreserve erfüllen, aber eben nur in Form eines ganz geringen Teils des Wertes, der auf der Banknote steht. Deshalb spricht man von dem Teilreserve-Bankensystem. Die – vom Giralgeldsystem äußerst zerzauste – „Goldgarantie“, die die Zentralbank gibt, findet ihre reale Absicherung in der Arbeitsleistung der Bevölkerung, in der Wertschöpfung durch Menschen, Real-Wirtschaft genannt.

Wenn der Kunde nun zu seiner Bank geht und Bargeld verlangt, dann verlangt er „sein Gold“ zurück, er will 100%-Geld. Jede Bargeldabhebung macht also eine Rückumwandlung von Giralgeld in „Gold“ notwendig. Sie erzeugt Nervosität am Schalter und noch viel mehr dahinter im Bankinnern in der obersten Etage des Turms. Vor allem gilt es ja, ganz schnell an das Bargeld heranzukommen, denn es muss sofort verfügbar sein. Das hat die Bank ja versprochen. An dieser Stelle muss ich – leider – wieder einen schwierigen technischen Begriff einführen. Der normale Bankkunde soll eben so wenig wie möglich verstehen, wenn es um Sachen Geld geht. Geheimwissen ist Machtwissen. Es geht um den Begriff der Fristentransformation. Das langfristige Ausleihen von Geld, das die Bank im Grunde gar nicht hat – Stichwort „dumme Gedanken“ – muss die Bank durch die ständige Aufnahme von kurzfristigerem Geld – im Extremfall gerade mal über Nacht – abstützen oder ausgleichen. Die Auszahlung von Bargeld setzt genau eine solche Aktion in Gang. Das grundsätzlich sowieso wackelige bilanzielle Gleichgewicht muss ja wieder hergestellt werden. Was der Bank die Freude an ihrem Gewinnspiel besonders vermiest, ist die Tatsache, dass das Bargeld teuer ist. Vor allem zur Zeit. Dazu Näheres noch weiter unten. Am allerwichtigsten ist für sie dennoch zunächst einmal, dass der Kunde von alledem, was da hinter seinem Rücken abläuft, nichts mitbekommt. Er muss sein Bargeld bekommen.

Vor ein paar Tagen war in einer Mitteilung der Sparkasse Saarbrücken zu lesen, dass die Kunden, die mehr als 1000 Euro in bar abheben möchten, dies vorher mitteilen sollen. Der Autor dieses Artikels erfuhr persönlich in einem Gespräch am Schalter, dass es bei Beträgen von sagen wir mal 6000 Euro, mehrere Tage dauern kann, bis er sein Geld in Händen halten kann. Wenn er es am Donnerstag ankündige, erst am folgenden Mittwoch. Bargeld würde nur einmal pro Woche, am Mittwoch, geliefert.

Bargeld scheint also bei den Geschäftsbanken ein Gut zu sein, mit dem man knausert. Die sogenannten Barreserven, das kann man in jeder Bankbilanz auf der Seite der Aktiva sehen, sind nicht groß. Sie dienen dazu, den lästigen Bargeldwünschen von Kunden nachzukommen.

Was macht nun eine Bank, wenn sie merkt, dass das Bargeld (Barreserven) in ihrem Tresor gefährlich knapp wird ? Sie muss sich auf die Schnelle frisches kurzfristiges teures Geld beschaffen. Sie braucht es ja nur um eine gerade aufgetretene Bargeldlücke zu schließen. Das kommt ja immer wieder vor. Kein Problem. In Sachen Schuldenmachen hat man ja Übung. Sei es in eigener Sache oder darin, es anderen Leuten schmackhaft zu machen. Schulden sind schließlich die beste Einnahmequelle.

Wo bekommt eine Bank nun dieses verflixte Bargeld her, das nur Arbeit, Ärger und keinen Gewinn bringt. Und zu allem Überfluss auch noch Geld kostet. Sie bekommt es von der EZB / Deutschen Bundesbank, weil nur diese das Recht besitzen, Bargeld auszugeben. Das ist ja auch gar nicht verkehrt, denn so hat sie zumindest noch ein – leider immer mehr an Wirkung verlierendes Instrument in der Hand -, die Banken vor allzu vielen „dummen Gedanken“ zu bewahren. Der Kunde, der seine 1000 Euro dem Tresor anvertraute, wird damit sicher sehr einverstanden sein.

Bei der EZB / Deutschen Bundesbank müssen alle Geschäftsbanken und Sparkassen ein Bargeldkonto unterhalten. Sie sind besonders in der gegenwärtigen Situation darauf bedacht, dieses Konto auf dem Stand plus minus null zu halten. Bargeld ist teuer. Haben sie nämlich mehr als null darauf, werden ihnen davon 0,4% abgezogen (negativer Einlagesatz = Negativzins). Sie müssen also eine „Strafgebühr“ bezahlen. Haben sie weniger als null darauf, dann müssen sie sich das fehlende Geld für derzeit 0,25% Zinsen (Spitzenrefinanzierungssatz) über Nacht (sog. Übernachtgeschäfte) teuer ausleihen. Sie können es aber auch bei einer anderen Bank ausleihen (Interbankengeld wird als Bargeld betrachtet).

Ja, liebe Leser, so ist das mit dem Bargeld. Vielleicht denken Sie an all diese Dinge, die sich hinter diesem verbergen, wenn Sie demnächst mal wirklich auf die Idee kommen sollten, an den Schalter zu gehen.

(1) Anat Admati / Martin Hellwig (2014): Des Bankers neue Kleider. Was bei Banken schiefläuft und was sich ändern muss. (Seite 66)

Franz Schneider, Saarbrücken, April 2020