Grundsatztexte

Hier finden sie einige Texte, in denen ich unterschiedliche Begriffe und Gedankensplitter aufrollen und zur Diskussion stellen möchte:

VERANLAGUNG ?

Montag, 25.10.2021, landete ich um 22.10 auf dem Sender MDR in der Sendung „Fakt ist!“. Es ging um Sparen und Geldanlegen. Neben Sarah Wagenknecht und dem mir aus zahlreichen Fernsehdiskussionen bekannten Anlageberater, Hermann-Josef Tenhagen, hat mich besonders die Hamburger Diplomökonomin, Dani Parthum veranlasst, der Sendung  weiter zu folgen.

Wirklich Neues gab es zwar nicht zu vernehmen, denn für den Geschmack der Branche, die von Anlegerprovisionen zu leben meint, wird natürlich immer noch viel zu wenig in Aktien, Anleihen und sonstige so genannte Finanzprodukte investiert. Erwähnenswert vielleicht die erstaunliche Aussage von Herrn Tenhagen, dass Banken das Geld der Sparer hereinnehmen und als Kredit weiter verleihen. So, als ob noch immer der Staat die Kontrolle über die Geldschöpfung hätte, so als ob Bargeldzahlungen nicht mehr und mehr verdrängt würden und als ob Tenhagen nicht genau wüsste, dass die Banken selbst zwar kein gesetzliches Zahlungsmittel erzeugen können, das bleibt der Zentralbank vorbehalten, dass sie jedoch durch Kreditvergabe mit „Buchgeld“, ein aus dem Nichts geschöpftes Geldsurrogat in die Welt setzen, mit dem mittlerweile über 90% der Zahlungsströme („Überweisungen“) – auch von „Veranlagungen“,  unter Umgehung des gesetzlichen Zahlungsmittels – das wäre Bargeld (ZB-Geld) – abgewickelt werden. Zu seiner Ehrenrettung sei aber gesagt, dass Herr Tenhagen das nur als Beispiel für das in der Bevölkerung immer noch verbreitete törichte Bild des Bankwesens skizzierte (Hoffe ich zumindest).  

Interessanter waren da jedenfalls die Beiträge der ehemaligen Wirtschaftsjournalistin, Dani Parthum, die sich zum Ziel setzte, das Finanzwissen der Bürgerinnen zu entwickeln und ihnen die Angst vor Veranlagungen zu nehmen. Ihre Instrumente sind vor allem Seminare über Geldfragen und auch individuelle Online-Beratungen und Webinare, die sie auf der äußerst seriös und vertrauenerweckenden (werbefreien!) Website www.geldfrau.de anbietet.

Das hat mich naturgemäß brennend interessiert und so habe ich mich gleich nach der Sendung intensiv auf ihrer Seite umgesehen, um mehr über die geschlechterspezifischen Unterschiede zur Vermittlung eines nachhaltig praxistauglichen Finanzwissens für Veranlagungen zu erfahren. Ich muss gestehen, dass ich in wohl zu gutgläubiger Naivität gehofft hatte, anderes vorzufinden, als doch wieder nur Tipps und Tricks, wie man ein erkennbar gesamtgesellschaftlich eher untaugliches System bestmöglich für eigene, keinesfalls verallgemeinerbare Vorteilsnahmen ausnützen kann.

Ich wurde also ziemlich enttäuscht in der Annahme, Frau Parthum möchte sich mit der Aufklärungsarbeit deshalb besonders an ihre Geschlechtsgenossinnen wenden, weil sie sich davon eine neue, matriarchalische Einflussnahme auf das Finanzsystem erhofft hätte. Ich hatte mir eigentlich einen Widerstand gegen die fortschreitende Ökonomisierung all unserer Lebensbereiche erwartet. Bildlich gesprochen quasi einen Aufruf an die Mütter, ihre Kinder nicht länger in „den Krieg“ zu schicken, sondern sie zu einer gemeinsinnigen kulturellen Gesellschaftsentwicklung zu bewegen, indem sie sich über Zusammenhänge und Wirkungen des Finanzsystems schlau machen.

Denn immerhin geht es bei den Spielregeln des Finanzsystems um das höchste zivile Machtmittel, um das seit eh und je zwischen dem Staat, als dem Repräsentanten der Gesamtbevölkerung, und privaten Interessensgruppen, die vielfach über so genannte Think-Tanks seriös verpackten Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen, gerungen wird. Bedenkt man, dass das wirksame Prinzip der Macht die Erpressung ist, und dass Erpressung stets auf die Erzeugung und Verstärkung von Ängsten abzielt, dann erkennt man auch sehr leicht, welche Bedeutung das Recht zur Geldschöpfung in einer kapitalistischen Wirtschaft hat. Es ist ja doch besonders die Angst vor Geldmangel, die Gesellschaften zu den skurrilsten Verhaltensformen verleitet. Das unsinnige, ja unverständliche Verhalten in  Zeiten, in denen das Produktionsproblem als gelöst betrachtet werden könnte, rührt noch aus den Epochen, in denen ein Ernteausfall den Tod bedeuten konnte. Diese Ängste scheinen nun auf das Geld übertragen worden zu sein. Auf ein künstliches, in der Natur nicht vorkommendes Konstrukt, das mittlerweile nur mehr als „Zeichengeld“, Tauschvorgänge auf gesetzter rechtlicher Grundlage abzubilden vermag. Und um diese Rechtssetzung geht es im Kern aller gesellschaftspolitischen Entscheidungen.

Und Finanzwissen bedeutet ja nicht, zu wissen, wie sich Geld vermehrt. Finanzwissen bedeutet, die Zusammenhänge zu verstehen und den Fragen nach dem Woher, Warum und Wozu nachzugehen und das eigene Verantwortungsempfinden in diesem Kontext zu entwickeln.              

Nun bin ich natürlich nicht blauäugig genug, um nicht zu wissen, dass auch Frau Parthum, die als Wirtschaftsjournalistin gewiss enormes Wissen über die gravierendsten Fehlfunktionen unseres Finanzsystems erworben hat, dennoch innerhalb dieses bestehenden Systems überleben muss. Deshalb möchte ich Frau Parthum hier ausdrücklich besten Willen und Seriosität im Rahmen der systemisch zugelassenen Möglichkeiten ihrer Fähigkeiten attestieren! Und ich möchte die Seite „Geldfrau“ und die dort angebotenen Dienstleistungen durchaus weiterempfehlen – sofern man sich allerdings mit dem bestehenden System arrangiert hat und von keinerlei sozialphilosophischen Bedenken, oder gar Sorgen über die Klimaentwicklung oder die Schieflage der Verteilungsgerechtigkeit geplagt wird. Denn es geht zwar augenscheinlich um Gendergerechtigkeit, aber eben leider auf einem – mittlerweile(!) – nicht gerade der Gesellschaftsentwicklung dienenden Gebiet. Damit, so meine ich, geht es um die Förderung des „Me too“, in der Partizipation an der Gewinnoptimierung durch Börsenspekulationen. Eine Glücksuche im Verdorbenen. Es läuft also darauf hinaus, auch Frauen zu marktgerechtem Verhalten anzuleiten (Mit der bildhaften „Karotte“ vor Augen und der Drohung, dass sonst Altersarmut bevorsteht).

Und ich weiß, dass Frauen in der Umsetzung und Anwendung erworbenen Wissens viel konsequenter, raffinierter und unbarmherziger vorgehen. Deshalb wahrscheinlich, hatte ich mir etwas anderes erträumt. Wunschdenken eben.

Nochmals: Meine Enttäuschung liegt nicht an den Angeboten der „Geldfrau“, sondern an meinen offensichtlich überspitzten Erwartungen, die ich jetzt skizzieren möchte. Vorweg muss ich aber betonen, dass als die wichtigste Voraussetzung für Veranlagungen die Erarbeitung eines gefestigten Menschen- und Weltbildes erkannt werden sollte.  

Ich weiß jetzt auch gar nicht mehr wieso, aber ich hatte mir speziell auf weibliche Sorgen und weibliches Denken zugeschnittene Hilfe und Anleitung bei der Formulierung vermeintlich banaler, aber meist gar nicht so einfach zu beantwortender Fragen erwartet, wie man sie aus Kindermund kennen könnte (z.B.: „Mutti, wer putzt eigentlich daheim bei unserer Putzfrau?“).

  • Warum glauben wir überhaupt, dass sich Geld vermehren muss, wenn man es verleiht? Ist es nicht vielleicht nur ein Relikt aus den Zeiten der Naturalwirtschaft, als Geld noch eine Warendeckung in irgendeiner Form hatte?
  • Wurden Privatkunden für Banken nicht überhaupt erst dadurch von Interesse, als die „Lohntütenzahlungen“ mit Bargeld durch die Überweisungen mit dem von Banken geschöpften Giralgeld verdrängt wurden?
  • Macht langfristiges Sparen von etwas, das man jederzeit auf Knopfdruck erzeugen kann, Sinn? Sparen um des Sparens Willen – oder Sparen für eine konkrete Anschaffung?
  • Worin liegt der Unterschied zwischen Schulden und gesetzlichem Zahlungsmittel? Welche Beachtung findet dieser Unterschied in der Gesetzgebung und welche gesellschaftlichen Auswirkungen zeigt die Missachtung dieses Unterschieds?
  • Politiker fordern stets mehr Wachstum. Das klingt offenbar so schön, dass sich niemand zu fragen traut, was denn eigentlich wachsen soll. Der Ressourcenverbrauch? Die Schulden? Arbeitsstunden?
  • Und wenn es heißt: „Die Wirtschaft“ – was bedeutet das? Was sollen die Aufgaben „der Wirtschaft“ sein? Und wann ist sie ausgewachsen?
  • Politiker wollen immer auch Arbeitsplätze schaffen. Entsteht aber durch Arbeit Geld, wie das in unserem Rentabilitätsdenken vorausgesetzt wird, oder entstehen im günstigsten Fall gesellschaftsförderliche Werte? (In dem Zusammenhang und mit Verweis auf die Website der „Geldfrau“: Kann es denn überhaupt eine seriöse Dienstleistung für den Kauf von Bitcoin geben? Klingt mir irgendwie nach seriösem Waffendeal oder seriösem Drogenhandel).
  • Zielt nicht seit jeher alles Sinnen und Trachten menschlichen Geistes auf die Erübrigung der Erwerbsarbeit? Wie g’scheit ist es dann, das in einer Geldwirtschaft überlebenswichtige Einkommen von einem Arbeitsplatz, den es meist gar nicht mehr braucht, abhängig zu machen?   
  • Worin/bei wem liegen die Interessen des Börsenhandels im Nanosekunden-Takt? Welche gesellschaftliche Bedeutung hat das? Würden nicht ein, oder zwei Auktionen pro Tag genügen, um den Liquiditätserwartungen zu entsprechen? Wird das 5G-Netz nicht vielleicht vor allem für den Hochfrequenzhandel an den Börsen forciert?
  • Welchen Stellenwert hat Geschwindigkeit in „der Wirtschaft“? – und in der persönlichen Entwicklung?
  • Weshalb gibt es für manche Anliegen Geld, für andere jedoch nicht? Wieso sind es meist gerade die gesellschaftlich wichtigsten Aufgaben, für deren Nichterfüllbarkeit Geldmangel als Erklärung herhalten muss?
  • Wieso sind die anstrengendsten Tätigkeiten meist am schlechtesten bezahlt?
  • Weshalb wird über Mindestlöhne diskutiert, ohne auch über ein Höchsteinkommen nachzudenken, wo es doch immer nur um Relationen geht?
  • Ist dem Klimawandel überhaupt durch Geld, oder nur durch Haltungsänderung und/oder beides beizukommen? Ist Natur käuflich? Wie lässt sich überhaupt unser einseitig materialistisches Denken mit der Harmonie der Natur in Einklang bringen?
  • Was ist der Unterschied zwischen Bargeld und Giralgeld? Welche fatalen Folgen hat die verbreitete Ansicht der Identität in bloß unterschiedlicher Form?
  • Kann es in unserem Gewinn-Denken in Geldgrößen überhaupt ein Kulturmodell geben, zu dem man „die Politik“ verpflichten könnte?
  • Inwieweit kann ein Staat noch „weise lenkend“ die Entwicklung seiner BürgerInnen fördern, wenn seine Haushaltsmöglichkeiten mit der Besteuerung „der Wirtschaft“ beschränkt sind? Wird er da nicht zum Mittäter, weil ja dann jede „Geschäftsidee“ unabhängig vom gesellschaftlichen Wert willkommen ist, soweit ein besteuerbarer Gewinn dabei herausschaut. Ein „Degrowth“, wie es die Vernunft fordern würde, kann daher bei bestehender Geldordnung nicht im Interesse der Staatsführung sein, obwohl es für das Gedeihen der Bevölkerung nötig wäre.
  • Und wenn dem so ist, weshalb und in wessen Interesse gestattet er dann gesetzliche Möglichkeiten für die zu Besteuernden, sich den Ort der Versteuerung selbst wählen zu können, bzw. sich gleich ganz der Besteuerung entziehen zu können.
  • Weshalb gestattet der Staat beschränkte Verantwortlichkeiten, durch Zuerkennung von Persönlichkeitsrechten an Firmenkonstrukte („juristische Personen“)?
  • Wieso werden so viele Begriffe wie Wohlstand, Reichtum, Vermögen, u.a. kaum jemals diskutiert, obwohl jeder darunter etwas anderes verstehen dürfte? Ist „Vermögen“ z.B. ein Können, oder ein Haben?
  • Rühren die Rufe nach einer an sich sehr vernünftig klingenden Vermögenssteuer nicht noch aus Zeiten des Zehents auf das Ernteergebnis? Ist nicht die Unterscheidung zwischen Vermögen und frei verfügbarem Finanzvermögen geboten? Und würde das nicht auch den Trend zu Radikalisierungen und zu Enteignungsphantasien zur Problemlösung des Geldmangels mäßigen können?
  • Tritt Mangel an Geld auf, weil es nicht vorhanden ist, oder weil es nicht zugeteilt wird?
  • Weshalb wird immer nur über Kosten diskutiert – die stets als zu hoch angesehen werden – und kaum jemals über die damit verbundenen gleich hohen Einkommensmöglichkeiten?
  • Wäre es vor einer „Veranlagung“ nicht angebracht darüber zu reflektieren, inwieweit neue Trends und Technologien sinnvoll und gesellschaftlich verantwortungsvoll vertretbar sind, oder ob sie nur deshalb forciert werden, weil „wir es können“, und weil daraus ein Geldgewinn zu erwarten ist?
  • Benötigt die „unsichtbare Hand des Marktes“ nicht eine selbstbewusster auftretende Gesellschaft, um der durch freizügige Märkte sichtbar gewordenen Gefährdung der Demokratie zu begegnen?
  • Weshalb wird Gewinn immer nur als Geldgewinn betrachtet?       

………….und so könnte es wohl noch ellenlang weitergehen. Genug aber für einen Newsletter und wenn da und dort eine dieser Fragen aufgegriffen und darüber nachgedacht und diskutiert wird, dann würde mich das sehr freuen.

Und nicht zu vergessen: Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer!