Gründung des Vereins „Monetative-Austria“

Anlässlich der Beschlussfassung zur Gründung des Vereins, am 1.10.2016, skizziert Raimund Dietz die logische Notwendigkeit zu einem Vollgeldsystem, wie auch die daraus zu erwartenden benefits für die Entwicklung einer derzeit in Not geratenen Bürgergesellschaft: Das Vollgeldkonzept:

Das Vollgeldkonzept:

Zur Stabilisierung des Finanzsystems und Überwindung der Finanzkrise

Von Raimund Dietz
Mitbegründer der Initiative: Monetative-Austria

Geld muss in einer bestimmten Menge vorhanden sein. Daher muss es von irgendwoher kommen.
Der Ursprung von Gold- und Silbermünzen ist die Erde. Die Arbeit, die erforderlich war, um die Schätze zu heben, musste bezahlt werden. Daher kamen auch Gold- und Silbermünzen hauptsächlich durch Verkauf in Umlauf.
Ganz anders bei Zeichengeld (Papier- und Buchgeld): es kann faktisch kostenlos und unbegrenzt geschöpft werden. Frei geschöpftes Geld könnte auch verschenkt werden. Mit der Möglichkeit, Geld frei zu schöpfen, tritt der Mensch – freilich nur diesbezüglich – aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Damit das neue Geldsystem funktioniert, muss es als Vollgeldsystem gestaltet werden (www.monetative.de, www.vollgeld-initiative.ch, www.positivemoney.org).
Da Zeichengeld in beliebiger Höhe produziert werden kann, muss die Menge an Zeichengeld „künstlich“ in Grenzen gehalten werden. Wer, wenn nicht der Souverän, soll für die Steuerung der Geldmenge verantwortlich sein? Außerdem: Die Schöpfung von Zeichengeld führt zu einer kostenlosen Kaufkraftaneignung. Dieses Privileg kann, wenn überhaupt irgendeiner Instanz, nur dem Souverän zustehen.
Die Instabilität und Kompliziertheit der historischen Geldsysteme beruhen vor allem darauf, dass diese Grundregeln nicht eingehalten werden. Sie wurden und werden noch immer unterlaufen, weil sich die Regierungen im Laufe der Geschichte nur für Teile der umlaufenden Geldmenge zuständig sahen. Neben dem offiziellen Geld entstanden immer wieder „Ersatzgelder“, die zwar auch als Zahlungsmittel verwendet wurden, aber nicht legales Zahlungsmittel waren. Sie waren und sind nicht Geld, sondern nur Anspruch auf Geld. Diese Zahlungsmittel haben sich durchgesetzt, weil man in vielen Fällen mit ihnen einfacher als mit dem „offiziellen“ Zahlungsmittel zahlen kann. Das Finanzsystem wusste stets die Illusion zu nähren, das eine sei wie das andere Geld.
Beispiel: Metallische Währungen. Gold- und Silbermünzen wurden seit dem 18. Jahrhundert durch Banknoten – also durch Scheine, welche Geschäftsbanken herausgaben, daher auch der Name Banknote – ersetzt und von diesen zunehmend verdrängt. Banknoten waren aber niemals wirklich Geld, sondern nur Anspruch auf Geld, damals Gold bzw. Silber. Da die Banken zu viel von diesen Noten druckten, kam es immer wieder zu Bankkrisen. Im 19. Jahrhundert reagierte man auf diese Krisen durch Bildung von Zentralbanken, welche die Banknotenherausgabe monopolisierten. Das war ein großer Fortschritt.
Das Spiel wiederholt sich heute, nur auf einer „höheren“ Ebene: Längst hat das Bargeld den Platz metallischer Münzen eingenommen. Heute fungiert Bargeld wie virtuelles Gold. Aber auch Bargeld hat noch quasi-physischen Charakter und ist, insbesondere im Fernhandel, unpraktisch. Pfiffig, wie Banken nun einmal sind, bieten sie das praktische Buchgeld an, mit dem wir inzwischen sogar Steuern bezahlen. Es kann per Mausklick über große Distanzen übertragen werden, der Sender erhält gleichzeitig auch noch eine Bestätigung. Infolge dieser technologischen Revolution verdrängt das Buchgeld weitgehend das Bargeld. Der Buchgeldbestand beträgt schon beinahe 90% der gesamten Geldmenge.
Im Zuge dieser Veränderungen wuchs den Banken Geldschöpfungsmacht zu, womit sie ein Privileg erhielten, das nicht nur den Gleichheitsgrundsatz der bürgerlichen Gesellschaft fundamental verletzt, sondern das System dramatisch destabilisiert. Die ungebremste Geldschöpfungsmacht der Banken führte zu einem explosiven Anstieg von inzwischen längst nicht mehr bedienbaren Forderungen und Schulden. Aufgrund ihrer systemisch unverzichtbaren Position konnte das Bankensystem die Gesellschaft aber in Geiselhaft nehmen.
Die Vollgeldbewegung will diesem Missstand ein Ende bereiten: wir fordern. Geldschöpfung in Öffentliche Hand. Die Geldschöpfung soll aus einer unabhängigen, demokratisch legitimierten Zentralbank erfolgen, welche man in den Rang einer vierten Machtinstanz des Staates neben der Legislative, Exekutive und Judikative heben sollte. Wir übernehmen den Vorschlag der deutschen Initiative, die für diese Institution den Namen „Monetative“ wählte. Die Bewegung zielt sowohl auf eine Veränderung in Europa (EZB) als auch auf nationaler Ebene.
Ein Vollgeldregime würde dem Gleichheitsgrundsatz Rechnung tragen und die monetären Steuerungsmöglichkeiten der Wirtschaft entscheidend verbessern. Der Zahlungsverkehr (die Tauschmittelfunktion des Geldes) und die Kreditwirtschaft (Sparen und Investieren) würden weitgehend getrennt sein, womit die Spekulation in Vermögenswerte entscheidend eingedämmt werden würde. Das würde auch in der Verteilungsfrage helfen.
In einem Vollgeldsystem kann das geschöpfte Geld als Geschenk, und daher schuldenfrei, in die Wirtschaft eingeflößt werden. Der Geldschöpfungsgewinn fließt der Allgemeinheit zu. Geschäftsbanken bleiben Privatrechtssubjekte und operieren wie bisher dezentral. Durch die Möglichkeit der Zentralbank, jederzeit Geld nachzuschöpfen, und es auch als Kredit an die Geschäftsbanken zu vergeben, dank der Existenz eines funktionierenden Interbankenmarktes und der Ersparnisse aus der Bevölkerung sollte eine flexible und hinreichende Kreditversorgung der Wirtschaft gewährleistet sein.
Beim Übergang vom derzeitigen, geteilten Geld- auf das Vollgeldsystem entsteht ein einmaliger Gewinn, mit dem in Deutschland und Österreich etwa je 2/3 der Staatsschulden zurückgeführt werden könnten.

Wien, Oktober 2016

Dr. Raimund Dietz ist Wirtschaftsforscher und wohnt in Perchtoldsdorf bei Wien. Er ist Autor des Buches: Geld und Schuld – eine ökonomische Theorie der Gesellschaft, 5., überarbeitete Auflage, 2016, Marburg: Metropolis-Verlag, 438 Seiten.