GESTALTUNGSRÄUME FÜR DAS LEBEN

In einem eindringlichen Appell an Sozialwissenschaft und Politik, endlich den bedeutsamen Stellenwert des Geldes als dem alles verbindenden Mediums und Regulativs jeglicher Entscheidungsmöglichkeiten zu erkennen, fordert Raimund Dietz, sich auch endlich damit in einem breit geführten Diskurs auseinander zu setzen, um die sich in einer Geldwirtschaft eröffnenden Möglichkeiten auch optimal für das gesellschaftliche Zusammenleben nutzbar machen zu können (Gastbeitrag von R. Dietz: Geld: die Herausforderung für die Sozialwissenschaften)

Die Kernfrage, die sich als Herausforderung für die modernen Sozialwissenschaften daher stellt, lautet, so Raimund Dietz: „Welche Gestaltungsräume bietet eine Geldwirtschaft?“

Aus Sicht der Wirtschaftswissenschaften wäre das natürlich eine grundlegende Fragestellung – wenngleich ihr bislang kaum nachgegangen wurde. Wird dabei jedoch nicht nur ein Teilaspekt aus dem gesamten Gestaltungsraum des Lebens als Untersuchungsgegenstand herausgegriffen? Zweifellos muss die Antwort lauten: Ja! Doch es ist genau dieser Teilbereich, der über die Freiheitsgrade sämtlicher Gestaltungsmöglichkeiten für gesellschaftliches Zusammenleben bestimmt. Ihn in die Ecke der Bedeutungslosigkeit verdrängen zu wollen, entspricht der Akzeptierung hilflosen Ausgeliefertseins. Es wäre vergleichbar mit der Negierung der menschlichen Hirnfunktionen als Steuerungszentrale unserer biologischen Prozesse.

Und so, wie das Gehirn das naturgegebene Schaltzentrum unseres bewussten Seins darstellt, so ist Geld der aus menschlicher Kreativität entwickelte Nukleus, der unsere Handlungsräume im Zusammenspiel überhaupt erst ermöglicht, zugleich jedoch auch einschränkt.

Ehrlich um die Bürgerinteressen bemühte Politik, die an diesem zentralen Kernelement gesellschaftlicher Steuerung achtlos vorbei zu agieren versucht, muss zwingend scheitern, wie ein Spieler, der es nicht als nötig erachtet, sich mit den geltenden Spielregeln vertraut zu machen. Durch die hartnäckige Missachtung der Bedeutung des Geldes durch Ökonomie und Sozialwissenschaften, die oftmals darin nur eine irritierende Störung ihrer glanzvollen Modellvorstellungen sehen, hat sich der Wesenskern des Geldes von der ursprünglichen Segensstiftung zu einem allumfassenden Machtgebilde entwickelt, das seine Wirkung bis in die letzten Winkel unseres Lebens durchzusetzen versteht.

Lehnen wir es daher weiterhin ab, uns mit den Spielregeln des Geldes zu befassen, verzichten wir nicht nur auf bereits vorhandene, jedoch noch gar nicht erkannte Gestaltungsmöglichkeiten, sondern berauben uns auch der Möglichkeit, neu gestaltend und begrenzend auf die Wirkmacht einzugreifen. Aus Unkenntnis über die Bedienungsanleitung werden wir zum Diener des Geldes degradiert und von ihm beherrscht.

Fast scheint es, dass wir, je mehr wir uns von Geld beherrscht empfinden, desto weniger an einer Ursachenforschung interessiert sind und uns lieber in hitzige Auseinandersetzungen über bedeutungslose Scheinprobleme flüchten. Dabei sind alle Probleme, mit denen Politik und Bürgergesellschaft konfrontiert sind, ausschließlich dem verbreiteten Unverständnis über Geld geschuldet. Solcherart konnte sich Geld sukzessive zum höchsten Macht-Atout jeder zivilisatorischen Entwicklung mausern, das Gesellschaften eher spaltet, als Gemeinsinn zuzulassen.

Nun sehe ich aber in der Frage, welche Gestaltungsräume unsere Geldwirtschaft bietet, die zunächst natürlich wesentliche Erfassung des Ist-Zustandes, möchte jedoch mit einigen angeschlossenen Fragen noch darüber hinausgreifen: Welche Gestaltungsräume benötigt eine moderne, arbeitsteilige Zivilgesellschaft? Was fehlt im heutigen System für eine prosperierende Fortentwicklung? Welches sind denn überhaupt unsere gewollten Entwicklungsziele? Entsprächen diese auch dem menschenwürdig Gesollten? Sind Richtungsbestimmungen in all der Komplexität überhaupt noch möglich? Sollte man alle Entwicklungen fatalistisch dem Zufall überlassen und sich damit abfinden? Gibt es überhaupt noch eine Art Reset-Möglichkeit, die eine friedliche Besinnungsphase zulässt, in der dem Wesenskern des Geldes wieder seine ureigensten Funktionen entsprechend den zeitgemäßen Anforderungen zivilgesellschaftlicher Entwicklungen zugewiesen werden können?

Das sind aus meiner Sicht einige der wichtigsten Fragen, deren Bearbeitung in die Grundsätze und Parteiprogramme aller politischen Parteien einfließen muss, will man Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Zugleich liegt hierin auch der Schlüssel, dem Staat die offensichtlich an „die Märkte“ verloren gegangenen Souveränitätsrechte zurückgeben zu können. Was allerdings nicht mit Nationalismus verwechselt werden darf! Denn niemals kann ein nationalistischer, sondern immer nur ein souveräner Staat Partner in einer funktionierenden Friedens- und Sozialunion sein.

Dass den durch eine Geldwirtschaft eröffneten Gestaltungsräumen keine nähere Beachtung zuteil wird, lässt gerade jene Facetten wirksam werden, die eine Gesellschaft zu unbeabsichtigtem, lebensabträglichem Handeln verleitet und sie in die Arme nationalistischer Verführer drängt, die ihr bereitwillig Feindbilder anbieten, um sie vermeintlich von gefühlter eigener Schuldhaftigkeit zu entlasten. Dieser Weg wird soeben quer durch Europa eingeschlagen. Die Bevölkerungen lassen sich aus dem Lebenskontext reißen und missbrauchbar aufbereiten, anstatt sich einmal der zugrundeliegenden Finanzarchitektur zu widmen.

(Siehe dazu auch den Blog-Beitrag und Grundsatz-Text „Finanzwissen ist Herrschaftswissen“)

Günther Hoppenberger im Oktober 2018

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