GELDREFORM WOZU? UNSER GELD FUNKTIONIERT DOCH! ODER VIELLEICHT DOCH NICHT?

Zentralbanken, Geschäftsbanken, ja sogar die Politiker, versuchen uns mit akribischer Hartnäckigkeit und mittels oftmals sehr abstrusen Argumentationspfaden zu beweisen, dass die gegenwärtige Finanzarchitektur die einzig mögliche ist und auch bestens funktioniert. Wir bräuchten uns darum nicht zu kümmern und sollten nur auf die Einhaltung der Spielregeln achten, dann wird alles gut, auch wenn der scheinbar unwissende Normalbürger das nicht zu erkennen vermag.

Geld ist jedoch viel mehr als nur ein grundlegendes Wirtschaftsinstrument. Es ist das Substrat, aus dem heraus erst so etwas wie Gesellschaft entstehen und sich eine arbeitsteilige Wirtschaft entwickeln kann, wie das von Raimund Dietz in seinem Werk „Geld und Schuld“ (Metropolis-Verlag, 6. Auflage, Marburg 2018) ausführlich dargestellt wird.

Die Tragik unserer Zeit besteht nun aber darin, dass diese gesellschaftsrelevante Kernfunktion des Geldes verdrängt wurde, wie das unter anderen der Soziologe und Wirtschaftsphilosoph, Aldo Haesler zum Ausdruck bringt, wenn er sagt: „Die sozialen Beziehungen wurden zu Geldbeziehungen“.

Und Eske Bockelmann, Philologe und Philosoph, setzt noch eins drauf, wenn er sagt: „Alle Teilnehmer einer Geldwirtschaft werden zu Geldsubjekten und sind gezwungen, der Logik des Geldes zu folgen, was in der derzeitigen Form unausweichlich zu Konkurrenz [Anm.: = Rivalität], Gier und Vereinsamung, Gleichgültigkeit und Konflikten führt. Und das gilt für den Menschen als kleinste Einheit unter den Geldsubjekten wie für deren größte Einheit – den Nationalstaat“.

Und obwohl alle Probleme für Bürger und Politik daraus entstehen, genießt die „Logik des Geldes“, der wir angeblich zu folgen haben, den Status des größten Tabus in der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Nicht Geld als solches muss aber – wozu auch – reformiert werden, sondern die gesetzlichen Regeln für die Geldschöpfung und Inumlaufbringung, die erst die fatale Logik konstituieren, die uns zu entwicklungshemmendem Verhalten zwingt. Das, so sollte man meinen, müsste doch möglich sein.

Es geht also nicht um eine Reform um der Reform Willen, sondern um eine Reform, die überhaupt erst die politischen Handlungsräume eröffnet, nicht nur die wahltaktisch abgegebene Versprechungen eventuell tatsächlich auch erfüllen zu können, sondern darüber hinaus eine Friedensfähigkeit in der gesellschaftlichen Entwicklung zu ermöglichen. Das ist die eigentliche Zielsetzung einer „Vollgeldreform“. Es wird genau darauf zu achten sein, wer sich bewusst oder aus mangelndem Sachverstand diesem Anliegen verwehrt.

Auch eine Vollgeldreform ist aber kein Allheilmittel, als welches so manche Parteienvertreter mit ihren Wahlprogrammen gerne gesehen werden wollen, aber es wäre der erste, wichtigste und zeitnotwendige Schritt, für neue Möglichkeiten. Eine neue Ära politischer Gestaltungsmöglichkeiten würde sich eröffnen. Vertrauen in die Politik könnte über Ehrlichkeit und Beachtung der Lebenserfordernisse zurück gewonnen werden. Es muss verstanden werden, dass die eigentliche Arbeit an Haltungsänderungen gegenüber Umwelt und Gesellschaft erst nach einer Vollgeldreform beginnt – aber sie ist mit Erfolgsaussicht überhaupt auch erst nach der Reform sinnvoll.

Heute bleiben ja doch alle noch so wertvollen Initiativen fruchtbringender Gesellschaftsentwicklung stets an den Anforderungen der Geldordnung stecken. Ändert man also die Logik des Geldes, dann ändert sich damit automatisch auch die Logik unseres Verhaltens. Soweit die gut zu begründende Erwartung. Freilich könnte man das auch als blauäugiges Wunschdenken bezeichnen, doch sollte man bei einem offensichtlich versagenden System nicht alles Bemühen darauf ausrichten, es zu verbessern? Und dazu genügt eben nicht, da und dort an einem Schräubchen zu drehen, ständig neue Steuern, Gebühren und Regulierungen einzuführen, sondern man muss an der gemeinsamen Quelle der Probleme ansetzen. An der Geldschöpfung!

Vollgeld – damit sich das Richtige rechnen kann.

In regelmäßigen Abständen kommt das Thema Abschaffung, bzw. Zurückdrängung des Bargeldes in die öffentliche Diskussion und geht in der kontroversiellen Auseinandersetzung dennoch am Wesenskern unseres Geldes vorbei.

natürlich ist der Sorge beizupflichten, dass wir uns mit weitergehender Abschaffung des Bargeldes in Richtung eines lückenlosen Überwachungsstaates bewegen. Es wäre jedoch weniger der Staat, der uns überwacht, sondern es wären vor allem die Finanzmärkte. Allerdings hat sich gezeigt, dass der unbare Zahlungsverkehr auch große Vorteile hat und sich deshalb so rasant durchsetzen konnte, dass in Europa nur mehr etwa 10% (in Schweden nur mehr 2%) Barzahlungen erfolgen. Etwas, das von den Geschäftsbanken mit Akribie und Schläue vorangetrieben und von der Politik zugelassen wurde.

Der springende Punkt ist jedoch ein anderer. Wir haben es ja mit zwei unterschiedlichen Geldarten zu tun. Einerseits mit gesetzlichem Zahlungsmittel, das von den Zentralbanken reaktiv als “Reserven”, bzw. Bargeld geschöpft wird, andererseits mit dem von den Geschäftsbanken durch Kreditvergabe aktiv geschöpften Buchgeld, das nur als Zahlungsmittelsurrogat erkannt werden sollte. Dieses Bankengeld erhält seine Zahlungsmittelfunktion ja nur deshalb, weil sich die Zentralbanken eben nicht nur als Bank der Banken erweisen, sondern weil sie direkt oder indirekt durch den Staatshaushalt und aus (nicht ganz unberechtigter) Angst vor dem Zusammenbruch des Zahlungsverkehrs das Schuldgeld der Banken zu garantieren versprechen. Staat und Zentralbank werden zu dem erpresst (Zwang zur Refinanzierung), was man ihnen gleichzeitig zum Vorwurf macht.

Geld (=Zahlungsmittel) und Kredit sind eben zwei verschiedene Dinge.

Die Fragilität und Unsicherheit unserer Finanzarchitektur zeigt sich auch darin, dass derzeit trotz sinkendem Bargeldgebrauch, die von den Notenbanken gegen “Reserven” getauschten Bargeldbestände ziemlich rasch zunehmen. Es spiegelt das die Flucht aus dem Scheingeld zum Geldschein – und befeuert zugleich die nächste Bankenkrise.

Nun haben wir es aber auch mit zwei, bzw. sogar drei unterschiedlichen “Geld”kreisläufen zu tun: Das unbare gesetzliche Zahlungsmittel (“Reserven”) läuft nur zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken, bzw. am Interbankenmarkt um, wohingegen das Publikum keinen Zugang zu unbarem ZB-Geld hat und eben mittlerweile über 90% des Zahlungsverkehrs mit Bankengeld, dem von Banken geschöpften Kreditgeld erfolgt. Der letzterem Kreislauf untergeordnete und zunehmend marginalisierte dritte “Kreislauf” besteht in dem zwischenzeitlich kurz auftretenden Tausch zwischen Bankengeld und Bargeld (Voraussetzung für den Erhalt von Bargeld ist ja eine positive Zahl auf einem Girokonto. Kurzzeitig deshalb, weil ja Bargeld rasch wieder in Bankenbuchgeld verwandelt wird. [Bankomat – Kaufmann – Bank – Bankomat]).

Bei der Bargeldabschaffung geht es also um eine Machtfrage. In unserem jetzigen Geldregime stammen Bargeld und Buchgeld aus unterschiedlichen Schöpfungsakten und es ist eben die Frage, wem das Geldschöpfungsrecht zukommen sollte. Dem Souverän, oder privaten Banken? Aus dieser derzeit bestehenden Finanzarchitektur ergibt sich ja auch die Ohnmacht der Politik gegenüber den sogenannten “Märkten”. Konsequent weitergedacht meine ich, dass Geldschöpfung nur ein hoheitsrechtlicher Akt sein darf, quasi als vierte staatliche Gewalt (Monetative?), womit auch das unberechtigte Privileg der Geschäftsbanken gegenüber dem Unternehmenssektor eliminiert würde. Banken sollen Kredite vermitteln und die Realwirtschaft finanzieren, jedoch keine eigenständige Geldschöpfung betreiben können!

In Schweden läuft gerade die Evaluierung der e-krona, was hieße, dass man eben auch unbar mit gesetzlichem Zahlungsmittel Rechnungen begleichen könnte. Man wird sehen, wie das ausgestaltet wird, aber im Prinzip wäre das der Kern des Anliegens der Vollgeld-Initiativen. Es wäre ein “Positiv-Geld” des Publikums, das damit ein tatsächlich sicheres Zentralbankgeldkonto außerhalb der Bankbilanz hätte. Man wird sehen. Nähere Details und Hintergründe dazu in: Joseph Huber; “Monetäre Souveränität” Metropolis-Verlag (Marburg, 2018), wie auch auf www.vollgeld.de, www.proVollgeld.at, www.monetative.de, www.vollgeld-initiative.ch, www.positivemoney.org  und vielen anderen.

Dass die Konstruktion der Geldordnung das höchste zivile Machtinstrument darstellt und in der derzeitigen Ausformung die gesellschaftspolitischen Handlungsräume unerträglich einschränkt, scheint von der Politik nicht erkannt zu sein, oder es wird ganz gezielt aus der öffentlichen Diskussion ferngehalten, was ja noch viel schlimmer als Dummheit wäre.

Abschließend möchte ich noch meine feste Überzeugung bezüglich Bargeld äußern: Eine völlige Abschaffung des Bargeldes wird sich kaum durchsetzen lassen. In einem Vollgeldregime ist es zwar einerlei, ob bar oder unbar bezahlt wird und es könnte (durchaus vernünftige) Einschränkungen bezüglich Barzahlungshöhen geben, für den alltäglichen Gebrauch wird und sollte es jedoch immer Bargeld geben – und wenn nicht anders, dann wird es einen Rückgriff auf ein Waren-Geldsurrogat geben (wie z.B. in der Art von Kent und Marlboro, die lange Zeit (als Parallelwährung) das rumänische Bar-Zahlungsmittel verkörperten – ohne deshalb tatsächliches Geld zu sein).

Erst Vollgeld eröffnet die politische Möglichkeit, für mehr Gerechtigkeit einzutreten – und gefühlte Gerechtigkeit ist die Grundvoraussetzung für Frieden und Prosperität.

Günther Hoppenberger, LIFESENSE-Zirkel Linz, im Mai 2019, www.lifesense.at