GELD: DIE HERAUSFORDERUNG FÜR DIE SOZIALWISSENSCHAFTEN. Raimund Dietz

Geld ist das Medium der Bürgergesellschaft. Es sollte daher auch im Zentrum sozialwissenschaftlicher Forschung und Lehre stehen. Immer wieder fordern die Wissenschaften Interdisziplinarität ein. Das Thema Geld eignet sich hierfür hervorragend, bindet es doch ökonomische, soziale, ethische, politische und erkenntnistheoretische Dimensionen zusammen. Es hat sich längst gezeigt, dass der größte wissenschaftliche Nutzen aus den Schnittstellen der Einzeldisziplinen zu ziehen ist. Geld, ohne welches die moderne Gesellschaft nicht wäre, zwingt zu wissenschaftlichem Dialog und ist die Chance für eine Belebung der sozialwissenschaftlichen Diskussion und der Methoden.  Vortragende wären gefordert, sich über die Grundlagen ihrer Disziplin Gedanken zu machen und den Argumenten anderer Fachrichtungen zuzuhören. Eine integrale Theorie des Menschen kommt um Geld nicht herum.

Die Humanwissenschaften weichen dem Thema Geld allerdings mehr oder minder beharrlich aus – zum Schaden der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Geld ist die Herausforderung für die Sozialwissenschaften schlechthin. Die Soziologie schiebt Geld den Ökonomen zu, die Ökonomik hat sich auf die sogenannte „Realanalyse“ eingeschworen, die Geld keinen Platz in ihren Modellen gibt. Die Geldpolitik schwebt – ziemlich unverbunden – in den Höhen.

Anstatt in Geld eine Chance der Emanzipation und Entfaltung zu sehen, wird Geld dämonisiert. Die Feindschaft zu Geld, der die Abstinenz der Wissenschaften entspricht, ging bei vielen soweit, dass sie dem bolschewistischen Versuch, eine bessere Gesellschaft ohne Geld zu errichten, zujubelten und selbst den stalinistischen Terror noch rechtfertigten. Umgekehrt übersah man aber auch die Gefahren, die ein entfesseltes Finanzsystem für Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen. Beides, die geldlose Romantik vieler Intellektueller wie die Blindheit gegenüber den Gefahren, die vom Geld- und Finanzwesen ausgehen, zeugt von schwerwiegenden Theoriedefiziten.

Geld geht jeden einzelnen von uns an. Es geht uns als Bürger/Bürgerinnen an sowohl in unserer Rolle als Teilnehmer am Wirtschaftsverkehr als auch in unserer Rolle als Angehörige eines Gemeinwesens, das gut dafür ausgerüstet sein sollte, für die Stabilität der Gesellschaft und den sorgfältigen Umgang mit der Natur zu sorgen.

Um moderne Gesellschaft zu verstehen, müssen wir Geld endlich in die Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie integrieren. Wer Geld verdrängt, wird jedenfalls die Mächte des Geldes nicht beherrschen lernen. Geldtheorie ist, so gesehen, eine Überlebensfrage.

Die Frage, die sich stellt, ist: Welche Gestaltungsräume bietet eine Geldwirtschaft? Keine Partei kann glaubwürdig von Politik reden, wenn sie die Gestaltungsmöglichkeiten nicht thematisiert und in ihren Programmen sichtbar macht. Nur so kann sie das Vertrauen in die Politik zurückgewinnen. Politik darf nicht zu einer Show verkommen.

Raimund Dietz    www.monetative.at                                   raimund.dietz@monetative.at