GEDANKEN ZUM JAHRESWECHSEL 2019/2020 (Newsletter 17-19)

Während die einen ständig jammern, dass in der Vergangenheit alles besser war, drängt es die anderen ungeduldig nach der Zukunft. Bekanntlich kann ja alles immer nur in der Zukunft besser werden. Zumindest wenn man auf die Zukunftsforscher und vor allem auf die Seher in den Wirtschaftsredaktionen und an den Börsen hört, ist das auch der Fall. Doch wie lässt sich Zukunft erreichen? Doch einzig und allein durch Vergangenheit! Sie bildet unsere Wurzeln und ohne Vergangenheit kann es gar keine Zukunft geben. Und ein Hier und Heute, das sich als Epoche – wie klein auch immer – festmachen ließe, gibt es ja überhaupt nicht. Wir leben im Fluss der Zeit. Vereinbart getaktet in natürlichen Zeitpaketen, die unserem Umlauf um die Sonne entsprechen.

„Den Märkten“, so mein Eindruck, wäre es lieber, die Erde würde sich doppelt so schnell um die Sonne bewegen. Aus Mangel an Demut gegenüber dem Naturgeschehen, scheint die Menschheit – zumindest ein Teil von ihr – davon besessen zu sein, den astrophysikalischen Zeitenlauf durch die Frequenzsteigerung von Entscheidungsschritten überholen zu wollen, was freilich ein müßiges Unterfangen ist. Aus historischer Sicht war das natürlich immer schon so, weil ja die stärkste Motivation menschlichen Handelns aus der Todesangst herrührt. Aus der quälenden Gewissheit, etwas versäumen, etwas nicht mehr erleben zu können. Mit dem Verweilen im Augenblick – so schön er auch sein mag – will man sich nicht zufrieden geben. Immer weiter, immer höher, immer schneller muss es sein.

Doch längst schon wurden langwährend stabile Gesellschaftsstrukturen durch den Geschwindigkeitsgradienten zwischen mitunter kreativer, gleichwohl rücksichtslos egomanischer Spitze und menschlichem Maß noch zumutbarer Entwicklungsfolgen überdehnt. Die Zahl Zurückgelassener steigt weiterhin bedrohlich an, und gibt deren Resignation eine stichhaltige Begründung. Die Verweigerung, sich chancenlos unter den von der Spitze vorgegebenen Bedingungen an einem Wettbewerb zu beteiligen, wird immer verständlicher. Erkannt und diskutiert jedoch nur in Philosophenzirkeln, während die Politik unterwürfig bemüht ist, auch noch die letzten Reste von Hemmnissen, die sich einer weiteren Beschleunigung der Spitze in den Weg stellen könnten, zu entfernen.

Die ursprüngliche Widmung politischen Handelns, die sukzessive Wohlstandsentwicklung der Gesellschaft zu gestalten, ist mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verfehlt und eher ins Gegenteil verkehrt worden. Minister dienen den Parteien, statt ihren Bevölkerungen, denen sie ihre Freistellung von produktiven Aufgaben zu verdanken haben. Parteistatuten und Rechtssetzungen dienen vor allem dem eigenen Machterhalt. Menschlicher Kreativität geschuldeter weiterer Anstieg der Produktivität, vergrößert rasant das Heer solcher weitgehend überflüssigen Produktivkräfte. Zwangsläufig versuchen sie ihre Daseinsberechtigung innerhalb unserer Leistungsgesellschaft, in der Geldzuteilungen nur gegen marktfähige Tätigkeiten erfolgen, mit bullshit jobs, z.B. mit Einführung von entbehrlichen Normen und Zertifizierungen, die Eigenverantwortung, Urteilsvermögen und Anstand durch Verrechtlichung ersetzen sollen, mit entbehrlichen Verwaltungs- und Beratungstätigkeiten, oder mit obskuren Geschäftsideen mit aufwendigen und tiefenpsychologisch sehr wirksamen Marketingkonzepten unter Beweis zu stellen, oder überhaupt gleich mit kriminellen Aktivitäten aufzufallen, in denen häufig auch die Nähe politischer Möglichkeiten und gemeinwohlschädigender Absichten zutage tritt.

Nächstes Jahr wird alles besser, sagt man uns. Alle Jahre wieder. Nächstes Jahr findet demnach somit wieder einmal Zukunft statt. Was fehlt, ist allerdings die Konkretisierung von „Alles“ und ein Bezugskriterium für das „Besser“, denn Schnelligkeit – wie z.B. ein 5G Netz – ist kein Qualitätsmerkmal des Lebens. Aufschwung durch Wachstum, wird uns versprochen. Noch mehr vom Gleichen – doch leider nur für Wenige. Und das „Mehr“ ist stets eine Geldgröße. Ein Rückblick auf das vergangene Jahr lässt daher wahrlich keinerlei Entwicklung erkennen. Lebensbezogenes individuelles Wollen verträgt sich weiterhin nur schwer mit dem systemisch erzwungenen Müssen.

Was hat sich denn im vergangenen Jahr tatsächlich zum Besseren gewandelt? Nun gut, es wurden viele Wahlkämpfe ausgetragen, wodurch es zahlreiche personelle Veränderungen, jedoch ohne merkbare inhaltliche Unterschiede gab, die Homo-Ehe wurde salonfähig und tritt auch zunehmend häufiger in Fernsehserien in den Vordergrund; eine schwelende Abscheu gegenüber Tattoos und Piercings konnte durch Brandmarkung als „reaktionär“ in erzwungene Akzeptanz verwandelt werden, die Ausbreitung von Wettcafes wird sorglos hingenommen und ein drittes Geschlecht erfuhr als „divers“ offizielle Anerkennung und treibt das angebliche Gender-Problem auf die Spitze. Was war noch? Eine berittene Polizeistaffel zum gezielten Vorgehen gegen etwaig aufmüpfige Bevölkerungsteile konnte gerade noch abgewehrt werden (Pikant die dahinterstehende Überlegung, Vorbeuge wegen der aus eigenem Handeln zu erwartenden Proteste zu treffen). Ja, und da gab es noch das endgültige Rauchverbot in der Gastronomie, mit dem mit dem Gesundheitsargument relativ weit in Eigentumsrechte eingegriffen wurde. Und nicht zuletzt eine in Zeiten von Umweltdiskussionen als irrwitzig anzusehende Testphase für selektiv erhöhte Geschwindigkeitslimits auf Autobahnen. Was es da außer der Dummheit der Initiatoren zu testen gäbe erschließt sich allerdings bis heute nicht.

Gegenüber solch wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen verblasst natürlich der unbehelligte Fortbestand der zahlreichen Steueroasen und dass Kriege und Kriegsbedrohungen unvermindert anhalten. Die UNO, einstmals zur Ermöglichung des Weltfriedens geschaffen, wird gröblich als internationale Plattform zur Legalisierung von Kriegen und Boykotten missbraucht und auf die Rolle eines zahnlosen Beobachters reduziert. Waffenindustrie, Sicherheits- und Überwachungstechniken erleben eine Hochblüte und belegen, dass offensichtlich keinerlei geistig-kulturelle Entwicklung stattgefunden hat. Völkerverständigung im Kleinen wie im Großen ist unerwünscht und wird durch die kleingeistigen Führungsspitzen teils manipulativ, teils aber auch gewaltsam unterbunden. Die Sehnsucht nach Frieden zerplatzt an den Eitelkeiten der Führungsspitzen.

Die Heucheleien, die sich hinter der eigenwilligen Auslegung von Begriffen zu verbergen trachten, werden immer unerträglicher. Empathie, Anstand und Rücksichtnahme werden stets nur von den Ärmsten der Armen eingefordert. Als Diskriminierung wird jede Äußerung bezeichnet, die nicht der Auffassung eines wie auch immer zustande gekommenen „main stream“ Diktats entsprechen. Weitgehend lebensbezogene geistige Werthaltungen werden als rückständig verunglimpft und gewünschte Einstellungen werden durch rechtliche Vorgaben zu erpressen versucht. Stil und das Streben nach dem Wahren und Schönen blieben längst auf der Strecke.

Zumindest ein Jahreswechsel sollte aber vielleicht zur regelmäßigen Besinnung auf einen Weltfrieden anregen. Doch eine Welt, in der Rivalität immer noch als natürliche Verhaltensnorm Anerkennung erfährt, kann nur in einem menschenunwürdigen Desaster enden. Die Filmindustrie liefert uns dazu laufend visionäre Darstellungen und zeichnet gleichsam unseren Entwicklungsweg vor. Jedes Hindernis, jedes „Anders“, jede Irritierung, die uns eigentlich zu Überlegungen anregen sollten, müssen gewaltsam ausgelöscht und vernichtet werden. Destruktion als empfohlener Lösungsweg für eine vom Wesenskern des Lebens abgetrennte Welt.

Eine Welt, in der alle das Meiste besitzen wollen, kann nicht friedlich sein. Eine Welt, in der alle glauben, alle anderen in allem „überholen“ zu müssen, kann nicht friedlich sein. Und eine Welt, in der alle die Besten sein wollen, kann nicht friedlich sein. Vor allem dann nicht, wenn „das Beste“ nur mehr an Geldgrößen bemessen wird; an einem künstlich geschaffenen Medium, das durch seine weitgehend unverstandene Konstruktion in seiner Machtausübung ein ziviles Antlitz vorgaukelt. Eine Welt, in der Bedrohungen durch den Klimawandel als Quelle neuer Geschäftsideen bejubelt werden, kann um nichts nachhaltiger werden. Eine Welt, in der Wenige über Viele herrschen, kann auf Dauer nicht lebensfähig sein. Und wenn die Wenigen, jene, die die Geldhoheit oder/und die meisten Waffen besitzen, darüber bestimmen, was als demokratisch zu gelten hat, wird sich die Welt auch niemals zu einer demokratischen Bürgergesellschaft entwickeln können.

Trotz allem möchte ich aber meinen Jahresrückblick mit Zuversicht zu Ende führen, denn das Leben geht weiter und bietet immer wieder neue Möglichkeiten. Ich sehe zumindest zwei große Ansatzpunkte, die zwar bereits seit Jahrzehnten bekannt sind und vergeblich auf Beachtung warten, aber immer noch zu wesentlichen zeitnotwendigen Korrekturen beitragen könnten:

  1. Bildungssystem: Wir müssen dringend über die Grundlagen diskutieren, nach denen unsere Entscheidungen überhaupt noch als „rational“ eingestuft werden können. Da geht es also um ein update der Begriffsinhalte. Um eine Rückführung auf die ursprüngliche Widmung der Begriffe. Neues ist gut, aber nur dann, wenn der Bezug zur ursprünglichen Widmung erkennbar erhalten bleibt.

Wenn einerseits die Spezialisierung auf allen Gebieten voranschreitet, andererseits die Begriffe aber immer breiter ausgelegt werden, führt Spezialisierung zu einer Beliebigkeit und zu einer Entkopplung von den einer modernen Gesellschaft zukommenden gemeinwohlorientierten Aufgabenerfüllungen. Dadurch werden unter dem falsch verstandenen Liberalitätsbegriff auch Gesellschaft schädigende Entscheidungen als „rational“, weil innerhalb des Möglichkeitsspektrums befindlich, hingenommen. Beliebigkeit ohne Ausrichtung auf das Wesentliche, das es freilich zu erkennen gilt, muss jedoch als destruktiv erkannt und sollte nicht mit der Freiheit suggerierenden Punzierung, „liberal“, bejubelt werden. Es geht um die Fragen „Freiheit wovon?“, „Freiheit für wen?“ und „Freiheit für welche Zwecke?“.

  1. Finanzarchitektur: Dem Geld muss das Potential zur Machtausübung durch private Partikularinteressen entzogen und es muss unter parlamentarische Kontrolle – die ihren Namen verdient – gestellt werden. Dem wird das Konzept einer Vollgeldreform am besten gerecht und es eröffnet darüber hinaus noch weitergehende politische Gestaltungsräume, um Geld seine dienende Funktion zurückzugeben. Es braucht neue Rahmenbedingungen, die überhaupt erst die Möglichkeit für die Einsicht zulässt, dass wir alle mit Kooperation mehr gewinnen als mit Rivalität.

Und so beende ich meine diesjährigen Gedanken zur Jahreswende mit meinem cetero censeo: Vollgeld, damit sich das Richtige wieder rechnen kann! Und ich hoffe, dass sich 2020 noch mehr Bürger für gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu interessieren beginnen und damit erst der Politik fundiert sagen könnten, was von ihr verlangt wird und was ihre Aufgaben sind.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein erfolgreiches Jahr 2020 und freue mich stets über Rückmeldungen und Anregungen.