FORTSCHRITT UND KULTURVERLUST – EINE ABWÄGUNG

Jede Art von gesellschaftlichem Fortschritt beruht grundsätzlich auf Kulturtechnik. Denn als Fortschritt kann ja eigentlich nur alles das empfunden werden, was einerseits das Zusammenleben der Menschheit auf Erden erfüllender, friedlicher, schöner und in der Gemeinsamkeit unterhaltsamer macht und Sinnverwirklichungen erleichtert, andererseits aber auch alles, was durch menschlichen Forschergeist an naturgegebenen Möglichkeiten entdeckt und zur Anwendung gebracht wird, um Mühe und Plage in der materiellen Daseinsführung weitgehend zu minimieren, nicht zuletzt, um die zeitlichen Räume für Gemeinsamkeit in Demut und Empfänglichkeit gegenüber der Natur auszuweiten. Wozu sonst?

Beides beruht auf Kulturtechnik, wenn man, wie ich das versuche, Kultur als Art und Weise der Bedürfnisbefriedigung versteht. Wonach es in meinem Verständnis auch kein „Besser“ oder „Schlechter“ einer Kultur geben kann, sondern nur ein „Anders“ und bestenfalls noch ein „Früher“ oder „Später“, mit dem unterschiedliche Entwicklungsfolgen berücksichtigt werden.

Abgesehen von den Grundvoraussetzungen für zwischenmenschliche Kommunikation, Sprache und Schrift, ergibt sich daraus ein geistig, religiös-philosophischer Ast der Kulturtechniken, wie auch ein materieller. Beide Bereiche müssen miteinander eng verwoben bleiben, sonst verlieren sie beide ihre Bedeutung und werden sinnlos. Auch wenn er sich uns vielleicht sogar niemals erschließt, so ist dennoch davon auszugehen, dass Leben grundsätzlich Sinn hat (Sich diese Sicht als Weltbild zu eigen zu machen, ist jedenfalls notwendige Voraussetzung für alles weitere, sonst erübrigen sich jegliche lebensphilosophischen Erörterungen). Anders ausgedrückt daher: Wenn materiebezogene Techniken keinen erkennbaren Beitrag zu geistigen Kulturtechniken zu leisten vermögen, sind sie zwar als Erkenntnisgewinn auf materieller Ebene existent, jedoch ohne weiteren unmittelbarem Lebenswert einzustufen. Und umgekehrt müssen auch die geistigen Kulturtechniken in Beziehung zu den materiellen Möglichkeiten stehen, die uns die Natur bietet. Natur ist Quelle und Ziel aller materiellen Kulturtechniken zugleich. Und es geht um die zeitliche Korrelation mit den geistigen Kulturtechniken.

In den sogenannten „Schönen Künsten“, Musik, Malerei, Architektur, Bildhauerei und Literatur, tritt immer noch die Berührtheit an der Schnittstelle von Geist und Materie am deutlichsten zutage, wenngleich durch heutige Ökonomielastigkeit spürbar geschwächt. Der Verlust der Harmonie, die in den Künsten vom „Goldenen Schnitt“, dem menschlichen Maß, geprägt war, ist längst nicht mehr zu übersehen und schlägt sich entsprechend auch in den geistigen Disharmonien nieder, die sich in der Zunahme psychischer Leiden und Persönlichkeitsstörungen zum Ausdruck bringen.   

Nun bedeutet Gemeinschaft (=Menschheit) im Kern das, was wir im weitesten Sinn als Wirtschaft bezeichnen. Austausch von Leistungen, Erkenntnissen und Gütern, die wir einander gegenseitig und in welcher Form auch immer verrechnen. Und es geht um die Prioritätensetzung in den Austauschzielen und den darauf abgestimmten Austauschbedingungen. Worauf liegt der Fokus? Woran mag es also liegen, dass es die Menschheit bis heute noch nicht geschafft hat, sich auf Augenhöhe mit Respekt und gegenseitiger Anerkennung zu begegnen?

Die notwendige Unterscheidung der Kulturtechniken in geistig und materiell ergibt sich meiner Einschätzung nach durch Ignorierung der Einflussnahme der Zeit auf die Lebenszusammenhänge. Es ist aber die Zeit, die wir einerseits zwar mit dem Stempel der Ewigkeit versehen und in der man sich die unendlich ablaufende Entwicklung des geistigen Wesenskerns menschlichen Seins vorstellen kann, die wir aber zugleich gedanklich in überschaubare „Pakete“ zerstückeln und uns dadurch unnötig den Horizont unseres Seins einschränken. Nur in Verbindung mit der Vergänglichkeit allen materiellen Seins, nehmen für uns diese „Zeitpakete“ Gestalt an. Als Möglichkeitsraum zwischen Werden und Vergehen. Wodurch sich für uns zwar erst die generelle Möglichkeit der Messbarkeit ergibt, alle Messungen sich aber naturgemäß auf das Materielle als Bezugsrahmen beschränken müssen.

Der „ewige Zeitenlauf“ tritt, wenn überhaupt, meist nur dann in unseren Blickpunkt, wenn wir mit jenen Ereignissen konfrontiert werden, die wir gemeinhin als Naturkatastrophe bezeichnen – und damit eine Katastrophe für die Menschheit meinen.

Ohne Materie gibt es keine Sinneswahrnehmung (sofern man den sechsten Sinn, die Intuition, da sie nicht messbar ist, nicht als solche in deren natürlichem Ursprung anerkennen will). Und ohne Sinneswahrnehmungen fehlt der Bezugsrahmen, in dem eine Entwicklung des geistigen Wesenskerns erkennbar würde. Materie wird solcher Art zur notwendigen Voraussetzung persönlicher und kollektiver Beiträge zu geistiger Entwicklung. So weit, so gut.

Materie ist aber deshalb genauso wenig ein Selbstzweck, wie das die unterschiedlichen geistigen Techniken sein können, ihr Zusammenwirken auf Erden zu organisieren, wenn als Bezugsrahmen wieder nur materielle Größen herangezogen werden können. Und genau das ist aber die fortdauernde Schwerpunktsetzung des Materialismus, mit dem die eigentlichen Fortschrittsmöglichkeiten in der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung ausgeklammert werden. Materie hat eine Mittlerfunktion für das geistige Sein zu erfüllen, wie auch das geistige Sein seine Mittlerrolle als Leitfaden für materielle Wechselwirkungen auszuüben hätte – wenn man sich dem auf Grundlage der Freiheit des Willens nicht verschließt. Und es geht vor allem um die zeitliche Korrelierung!

Die Realität ist der Körper, die dahinterstehende Wirklichkeit, in der die eigentliche Wirkmacht liegt, ist geistig. Der Körper ist nur die sich für uns aufdrängende Interpretation der (vielleicht sogar nur „einer“?) Wirklichkeit. Oder am hinlänglich bekannten Beispiel des Kochtopfs: Es ist die mittels Materie gebildete Form, die jene für uns als Wirklichkeit interpretierte Realität eines Kochtopfs schafft. Doch es ist das „Nichts“, die Form, durch das er seine Wirkung entfalten kann. Es geht daher um die Idee, die hinter der Form steckt.

Materialismus ist also per se nicht schlecht. Er ist sogar notwendig! Doch er verliert seinen Sinngehalt, sobald er sich von der Ganzheitlichkeit des Lebens entkoppelt; wenn er eigendynamisch den Wesenskern des Lebendigen auf dessen materielle Äußerungen einschränkt. Und zweifellos haben wir das in unserer Epoche auf die Spitze getrieben. Das Gleichgewicht zwischen geistigen und kulturellen Kulturtechniken ist in gehörige Schieflage geraten.

Werbesprüche wie „Vorsprung durch Technik“, oder Schlagzeilen wie „China auf der Überholspur“, oder gar „America first“, sollten uns zu Denken geben. Fortschritt durch „Siegen“? Es ist kaum zu übersehen, dass sich die Tagesthemen ausschließlich auf materielle Belange beziehen. Konsum getriebene orientierungslose Bestandsverlängerung (=Lebensverlängerung) der als zugehörig empfundenen  Materie mit allen Mitteln und Aneignung oder Verdrängung vermeintlich artfremder Materie, bis hin zu deren Vernichtung. Eine eher unbedeutende aber skurrile, aktuelle Zeitungsmeldung hat mich überhaupt erst zu meinen Überlegungen über die Pervertierung des „Fortschrittsdenkens“ angeregt:

Auf der großen Elektronikmesse „CES“ in Las Vegas wurden uns soeben wieder als „Fortschritt“ propagierte Neuerungen anwendungstechnischer Möglichkeiten präsentiert. Als Beispiele seien genannt: Eine „sprechende Dusche“ (die uns im kommunikativen Austausch mit „Alexa“ ein Stück Seife zukommen lässt), oder ein „Anti-Schnarchpolster“ (der mittels vier kleiner Air-Bags den Kopf sanft bewegt und damit den Schläfer vom Schnarchen abhalten soll), und von den Systemen für autonomes Fahren gar nicht erst zu reden.

Sind denn das nicht alles rein materielle Techniken, mit denen wir genau jene, sukzessive erworbenen und lange noch nicht ausgereiften geistigen „Techniken“ für prosperierendes Zusammenleben in viel kürzerer Zeit wieder entlernen, als wir zu deren Aneignung benötigten? Verantwortung gegenüber dem Wesenskern des Lebens verliert ihren Stellenwert und wird als Verantwortlichkeiten zwischen und gegenüber Materie auf diese übertragen (Es müsste aber vor allem um die Verantwortbarkeit der Verantwortlichkeiten gehen!).

Was vordergründig als Annehmlichkeit – und somit als Fortschritt – empfunden wird, schwächt uns – mittlerweile – in der Anwendungsbereitschaft für geistige Kulturtechniken (wie z.B. Verantwortung gegenüber dem Wesenskern des Lebens, Mitfühlen in gemeinsamkeitlichem Denken und Gerechtigkeitsempfinden). Wir befinden uns in einer Epoche, die von einer relativ jungen Verfahrenstechnologie geprägt ist, die auf die Entdeckung des Transistors zurückzuführen ist. Wir leben im Wirtschaftszeitalter „4.0“, heißt es. Digitalisierung ist jedoch eine reine Anwendungstechnik für materielle Prozesse. Einerseits zur verfeinerten Steuerung bereits bekannter Prozesse, andererseits jedoch auch zur Mess- und Steuerbarkeit bislang unzugänglichen und zum Gutteil sogar unverstandenen Zusammenwirkens materieller Austauschprozesse. Womit eigentlich die Verantwortbarkeit der Anwendungen an Bedeutung gewinnen sollte. Das Gegenteil scheint jedoch der Fall zu sein.

Ich stelle das einmal als These in den Raum und möchte das am Beispiel des Rechtswesens veranschaulichen. Die Entwicklung von wie auch immer zustande gekommenen Regeln für das Zusammenleben war dem Ursprung nach eine großartige Anwendung geistiger Kulturtechnik, die besonders vom Römischen Reich ausging. Dass Gewalt, abgesehen von fragwürdigen Eigentumsregelungen, darin immer noch Berücksichtigung finden muss, ist offensichtlich der Dualität des Menschseins geschuldet. Weil Gewalt neben Gewaltfreiheit eben eine Möglichkeit ist. Auf materieller, wie auf geistiger Ebene. Sie wurde zwar als gegen die Menschheit gerichtetes Delikt erkannt, erhielt jedoch dennoch eine gewisse Zulässigkeit unter Einhaltung bestimmter Regeln (Kriegsrecht). Allein das zeigt bereits, wie weit wir mit der Entwicklung geistiger Kultur in den Anfängen stecken geblieben sind.

Dafür wenden wir unter Verleugnung geistiger Bedürfnisse sehr viel Energie zur Umwandlung von Natur zu materiellen Compositen (Waffen) auf, um andere Materie zu vernichten. In völliger Ignorierung des geistigen Wesenskerns des Lebendigen, glauben wir alle Materie, die sich uns in den Weg stellt, nicht nur in ihrer Funktionsweise, sondern auch in ihrer geistigen Wirkung zerstören zu können (Kriege, Mord und Zerstörung als Reduktion/ Beiseiteräumen der Vielfalt der Realität und mit verheerenden geistigen Folgen für alle verbleibende Materie). Dazu fällt mir auch ein Zitat Siegmund Freuds ein: „Derjenige, der erstmals an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation“. Leider hat das keine nachhaltige Beispielwirkung gehabt.

Die geistige Kulturtechnik „Rechtswesen“, hat uns aber auch noch etwas anderes beschert. Den Übereifer in der Rechtsetzung, Schuld in allen Abstufungen zu definieren. Nicht jedoch als Schuld gegenüber einer verfehlten Anwendung einer geistigen Kulturtechnik, sondern als Schuld zwischen Materie. Im banalen Beispiel der „Sprechenden Dusche“ bin nicht mehr ich selbst schuld, wenn ich auf der Seife ausrutsche, sondern die Schuld liegt bei Alexa und Dusche, die mir die Seife nicht erwartungsgemäß aushändigten. Schwerwiegendere Folgen hat es allerdings bei allen autonom handelnden, künstlichen Materieprozessen. Wir treten die mühsam im Aufbau gewesene und längst noch nicht ausgereifte geistige Kulturtechnik, „Verantwortung“, an Materie ab und schwächen somit unseren geistigen Wesenskern.

Dass dem so ist, verdanken wir dem Kapitalismus, der in Mangelzeiten durchaus seine Meriten hatte. Man darf Kapitalismus nicht mit Marktwirtschaft verwechseln! Marktwirtschaft gab es schon immer, zumindest seitdem Menschen Leistungen und Güter getauscht haben. Im Unterschied zur Marktwirtschaft hat der Kapitalismus jedoch keine gesellschaftliche Wohlstandsmehrung zum Ziel, sondern eine Ausbeutung Vieler durch Wenige. Sein Prinzip besteht in der Umwandlung von Natur in Geld. Je ausgereifter eine Gesellschaft gemäß vorherrschender Dogmatik angesehen wird, desto intensiver und schneller wird Sinn in Müll verwandelt, um an das innerhalb der selbstgestalteten Regeln anders nicht erzielbare Beiprodukt „Geld“ zu gelangen.

Meine Befürchtung geht also dahin, dass sobald etwas als Fortschritt bezeichnet wird, unser Denkvermögen aussetzt. Fragen nach Wieso und Warum etwas als Fortschritt anzusehen ist, werden als unzulässig blockiert. Und so wird Fortschritt zunehmend zu einer Schimäre, die die eigentlich geistige Natur des Lebens deformiert.

Diese gewiss recht abstrakten Überlegungen sollten meines Erachtens nach mit je persönlichen Erkenntnissen konkretisiert werden können. Wie damit umzugehen, bleibt allerdings als Frage offen. Meiner Einschätzung nach arbeiten aber alle humanistisch orientierten Initiativen genau daran, den Angelpunkt zwischen geistigen und materiellen Kulturtechniken aufzuspüren. Und genau dort wäre auch der Marktplatz des Lebens.