ES GEHT UM VIEL MEHR ALS WIR MEINEN

Am 26.2.2020 war ich bei einer Vortrags-/ Diskussionsveranstaltung mit Heini Staudinger, der über die unglaublichen Steuergeschenke an den internationalen Versandhandel wie Alibaba oder Amazon referierte und damit auch den Zusammenhang mit Wettbewerbsverzerrung und Zerstörung der regionalen Klein- und Mittelbetriebsstrukturen aufzeigte, deren Folge wiederum die totale Auflösung der kleinstädtischen Infrastruktur ist.

Was Heini Staudinger, der wohl bekannteste Waldviertler, mit seinem Aktionismus betreibt, ist ja nicht nur immer wieder großartig, sondern sogar wesentlich für uns alle! Und selbst wenn es nur Nadelstiche in unser irrwitziges System sein mögen, so bringen sie die ganz natürliche Logik der Normalbürger zum Ausdruck, denen es um nichts anderes als um die Möglichkeiten eines friedvollen Zusammenlebens in gemeinsamer Wohlstandsentwicklung geht. Es ist jedoch zuwenig, Heini Staudinger nur zu beklatschen und ihn fallweise zu Wahlzwecken zu benützen, ohne jedoch tatsächliche Konsequenzen aus seinen stichhaltigen und grundnatürlichen Ansichten, die er brillant auf den Punkt zu bringen versteht, abzuleiten. Die Zeit für gesellschaftspolitische Kosmetik mit punktuellen Problemverschiebungen zwischen Bevölkerungsgruppen ist längst abgelaufen. Es braucht grundlegende neue Einsichten. Es braucht mehr Gemeinsamkeit. Ein gemeinsames Eintreten für das Gemeinwohl. Es braucht ein Überwinden der anachronistischen Machtbereiche, innerhalb deren sich die Parteien jeweils als Liebkind der Finanzmärkte profilieren und davon profitieren wollen.

An den Bürgergesellschaften liegt es nicht. Es krankt an mangelnden Führungspersönlichkeiten, die zu Gunsten des Gemeinwohls ihr eigenes Machtstreben hintanstellen. Es mangelt an Autoritäten, die sich ohne widernatürliches Eigeninteresse den Aufgaben einer Gemeinwohlgesellschaft widmen. Es gibt sie! Dessen bin ich mir gewiss. Der mittlerweile global verbreitete Zwang zum neoliberalen Profitdenken lässt sie jedoch nicht aufkommen. Da helfen eben keine Wertediskussionen, wenn sich „die Werte“ nicht in klingender Münze niederschlagen.

Wie wohltuend wäre es doch, fänden sich uneigennützige, gemeinwohlorientierte Autoritäten in Politik, Wirtschaft und Medien zu einer Zusammenarbeit für das Wohl der Menschheit bereit. Menschen, die nicht auf Kosten der Anderen nur die eigenen Träume zu verwirklichen trachten. Menschen, die nicht der Meinung sind, dass ihnen die Welt eigentlich alleine gehören müsste. Sie könnten sich sogar wieder frei und ohne Personenschützer in der Bevölkerung bewegen. Sie gehörten dazu. Muss das tatsächlich ein naiver Wunschtraum bleiben?

Alle, wirklich alle Probleme, mit denen Politik und Bürgergesellschaft tagtäglich konfrontiert sind, haben ihren Ursprung in der versagenden Geldordnung.

So lange Abgeordnete ihren Fokus aber nur auf die Verteilungsverschiebungen zu Gunsten ihrer jeweiligen Wählerschichten richten, ohne sich der Frage zu stellen, wie denn überhaupt das zu Verteilende entsteht, ob diese Entstehungsart sinnvoll ist und ob es nicht auch anders ginge, um kulturgesellschaftliche Entwicklungen besser zu unterstützen, wird sich die seit mittlerweile vielen Jahren anhaltende Verschlechterung der Lebensbedingungen fortsetzen. Der in Zahlen ausdrückbare Lebensstandard ist kein taugliches Maß für Lebenszufriedenheit. Er ist bestenfalls ein Maß für die Missbrauchbarkeit der Bevölkerungen.

Wer sich immer noch an die einer vergangenen Epoche zugehörende Heilsformel „Schaffung von Arbeitsplätzen, Wachstum und Wettbewerb“ klammert, erfüllt zwar folgsam die Anforderungen des Geldsystems, trägt jedoch vor allem zum gesellschaftlichen Zerfall bei, in dem besonders psychische Leiden, Naturzerstörung und Rivalität zunehmend in den Vordergrund treten.

Erforderlich wäre also eine parteiübergreifende Initiative von mutigen Abgeordneten, die auf die tatsächlichen Interessen einer Bürgergesellschaft eingehen und das Problem der versagenden Finanzarchitektur beherzt aufgreifen. Freilich bedarf es dazu Mut. Mut, wie ihn uns Heini Staudinger regelmäßig demonstriert und mit dem er bereit ist, „der Macht“ Alternativen aufzuzeigen. Und freilich darf man Mut immer nur von sich selbst fordern. Doch es darf davon ausgegangen werden, dass sich auch Abgeordnete guten Gewissens morgens in den Spiegel schauen wollen. Und da ist die Erfüllung übernommener Verantwortlichkeiten gegenüber Parteigremien nicht ausreichend, wenn sie sich nicht in Einklang mit der Verantwortung gegenüber dem Leben befinden.

Wohin es führt, sich dem Diktat des Geldes zu unterwerfen und sich der Rücksichtslosigkeit zu befleissigen, zeigt uns gerade Boris Johnson vor, der dabei ist, eine verfestigte anglo-amerikanische Achse gegen Europa zu schmieden. Verantwortungsbewusste Gesellschaftspolitik sieht anders aus. Leider ist zu befürchten, dass ihm die EU aus törichter Angst um Arbeitplätze und Exportmöglichkeiten seine Forderungen sogar auch noch erfüllen wird.

Dabei sollte es doch langsam dämmern, dass durch Arbeit (im günstigsten Fall) nur Werte, aber kein Geld geschaffen wird. Dass das Einkommen nicht durch Arbeit entsteht, sondern eine Zuteilung gemäß den Machtstrukturen einer Gesellschaft ist. Die Schimäre eines zum Wohle der Bevölkerung selbstregulierenden Marktes kann heute schon von jedem Schulkind durchschaut werden. Aber längst geht es nicht mehr um Links oder Rechts, um Ost oder West. Selbst auch nicht um Oben oder Unten. Es sind das alles neben Personalrochaden, die beispielhaft die Fehlinterpretation des Wettbewerbsbegriffes offenlegen, Trendsetzungen und trügerischen Verlockungen mit unerfüllbaren Heilsversprechungen nur Ablenkungsthemen, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerungsmehrheiten bis hin zur Resignation zu binden. Kräfteraubende Ablenkungen, um den soziopathischen Zynismus gegen die Menschheit als solcher, der selbst in demokratisch benannten Herrschaftssystemen seine Fratze zeigt, zu verschleiern.

Aus Bequemlichkeit und Scheu vor Veränderung scheinen wir uns diesen Attitüden des Herrschaftssystems zu unterwerfen. Wir beugen uns, und weil wir das tun, wird es uns auch noch als gewollt vorgehalten. Es ist höchste Zeit, aus der Passivität zu erwachen und – wie es uns u.a. Heini Staudinger zeigt – zur Aktivität überzugehen. Wir müssen der Politik neue Vorstellungen über das Leben nahebringen. Allerdings muss dann von der Politik auch zu erwarten sein, dass sie eine ergebnisoffene Lernbereitschaft pflegt. Leider ist davon nichts zu erkennen.

Die Selbstabschottung vermeintlicher Eliten gegenüber Erkenntnisgewinn ist erschreckend. Ängste um das eigene Wohlergehen scheinen jegliche Sorgen um den Gesamtzustand einer Gesellschaft zu verdrängen. Der Schlüssel zu gesellschaftlichem Wohlergehen liegt dabei zweifellos in der Konstruktion der Geldordnung. Eine Vollgeldreform als erster Schritt ließe vergleichsweise unkompliziert völlig neue Handlungsräume für gesellschaftspolitische Lenkungen eröffnen. Wie sonst, möchte man Politik gestalten, wenn nicht einmal die Souveränität über das Geld gegeben ist?

Finanzminister, wie auch die jeweiligen Finanzreferenten der Parteien, die sich ausschließlich von den Proponenten der orthodoxen Ökonomik beraten und nicht zuletzt manipulieren lassen, weil sie sich damit auf der „sicheren Seite“ wähnen, beweisen in ihren Stellungnahmen zu Vollgeld nicht nur ihre völlige Ahnungslosigkeit über die Materie, sondern belegen auch ihr grenzenloses Desinteresse, sich durch eigenständiges Denken damit auseinander zu setzen. Hierin zeigt sich auch drastisch der Unterschied zwischen Machtverstärkern und verantwortungsbewussten Autoritäten.

Was eine moderne Gesellschaft heute zu ihrem nachhaltigen Funktionieren braucht, sind nicht die irgendwie und durch welche Versprechungen auch immer zustande kommenden Wahlergebnisse, sondern es wären beispielgebende Anregungen zur Bewusstseinsbildung.

In meinem Alter kann ich nur noch hoffen, dass es trotz ausgefeilter Irreführung durch Politik und Medien zu einem selbständigen Aufwachen der Jugend  kommt, die ohne dem Extremismus zu verfallen – mit dem sie der Macht bloß einen Gefallen täten – eine lebensbezogene Politik einfordert. Um aber der Politik die Entsprechung auf solche zeitnotwendigen Forderungen überhaupt zu ermöglichen, wird man um die Reform der Geldordnung nicht herumkommen. Die Vollgeldreform wäre dafür ein empfehlenswerter erster Schritt, der kein besonderes Wagnis darstellt, aber neue Möglichkeiten für weitergehende Reformschritte eröffnet.

Vollgeld, damit sich die „richtigen Dinge“ wieder rechnen können!