ES GEHT UM DAS SICHERHEITSBEDÜRFNIS – NICHT UM GELDGIER!

(Eine Vollgeldreform könnte dem abhelfen)

Es ist schon viele Jahre her, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, als Josef Taus, Ex-Politiker und Industrieller, bei einer Podiumsdiskussion einen bemerkenswerten Satz von sich gab (sinngemäß): „Die Tragik unserer Gesellschaft liegt darin, dass  das Sicherheitsbedürfnis vergangener Zeiten [Wie komme ich über den Winter? Habe ich ausreichend Vorräte?] auf das Geld ausgerichtet wurde“.

Im Vertrauen, dass man mit Geld fehlendes Holz oder Sauerkraut, etc., jederzeit kaufen kann, richtete sich alles Sinnen und Trachten auf die Mehrung von Geld. Und wenn man es als leichter empfand, bzw. es eigenem Talent und Können besser entsprach, anders an Geld zu gelangen, als z.B. durch die Herstellung und Verkauf von Sauerkraut nach eigenem Rezept, dann wurde eben diese Möglichkeit aufgegriffen. Sukzessive entwickelte sich daraus die arbeitsteilige Wirtschaft, die sich zunehmend immer komplexer ausdifferenzierte.

Entlang dieses Prozesses entwickelten sich sämtliche Gesellschaftsstrukturen, die Raum für Kreativität und Innovationen eröffneten. Möglich wurde das alles durch die geniale Funktionsweise des Geldes. Mit Geld hatte man eine Referenz zur Wertbemessung, man hatte ein nahezu beliebig teilbares Tauschmittel und vor allem hatte man ein unverderbliches Wertaufbewahrungsmittel. Man konnte den Tausch Geld gegen Ware oder Dienstleistung je nach Bedarf aufschieben.

Es war Silvio Gesell, ein deutsch-argentinischer Kaufmann, der diesen Pferdefuß der Geldfunktionen erkannte. Sein Lösungsvorschlag war einleuchtend: Alle Geldvorräte, mit denen keine zeitnahe Absicht zu einem Werterwerb verbunden sind, sollten ähnlich den Naturalvorräten und Besitztümern, also den eigentlichen Vermögenswerten, „altern“, daher sukzessive entwertet werden. Damit würde überschüssiges und der Wirtschaft entzogenes Geld wieder in den Tauschkreislauf übergeführt und könnte darin seine Segen stiftende Wirkung entfalten. Mit dem bestechend einfachen Vorschlag Gesells ist die Bezeichnung „Schwundgeld“ verbunden, mit der seine Idee wohl gleich vom Start weg madig gemacht werden sollte. Wer möchte denn auch schon, dass sein Erspartes schwindet? Mit positiver Konnotation gehen Gesells Überlegungen jedoch in alle Geldreforminitiativen ein, die sich um ein „fließendes Geld“ bemühen. Geld muss durch die Wirtschaft fließen, um Werte schaffen zu können. Es darf in seinem Fluss nicht blockiert werden.

Gesells Idee entstammte allerdings einer Zeit, in der das Produktivitätsproblem beileibe noch nicht gelöst war. Es herrschte Mangel an allen Ecken und Enden. Heute können wir zumindest in Mitteleuropa mit Fug und Recht sagen, dass wir in einer Sättigungswirtschaft leben – nicht nur was die Körperfülle betrifft. Wir leben heute in einer hoch arbeitsteiligen und hoch produktiven Sättigungswirtschaft und heute fließt sehr viel mehr Hirnschmalz in Überlegungen, wie man durch Ersetzen und Vernichtung bestehender Werte zu lukrativen Geldeinkommen gelangen kann, als in die Verbreiterung der Werte schaffenden Möglichkeiten nach Bedarfsgesichtspunkten einer funktionierenden Bürgergesellschaft.

Dennoch, oder vielleicht gerade dadurch, hat sich an unserem Sicherheitsbedürfnis nichts geändert. Und wir trachten es mehr denn je durch Akkumulierung von Geld zu befriedigen. Wir erkennen nicht mehr den qualitativen Wert, sondern anerkennen nur mehr einen zu einer möglichen Besicherung dienenden Geldwert. Trotz aller zivilisatorischen Entwicklungen, trotz nahezu überregulierter Rechtssicherheit und sozialgesetzlichen Rechtsansprüchen, trotz Kranken- und Pensionsversicherung. Unsere Ängste bezüglich der Unwägbarkeiten des Lebens blieben uns erhalten. Jeder Logik hohnsprechend – und dennoch strikt der Logik der Geldordnung gehorchend. Denn Geld ist ja tatsächlich ein fabelhaftes Medium, auch wenn die Wenigsten schon einmal darüber nachgedacht haben, wie es eigentlich entsteht.

Doch fast unmerklich haben sich unsere Ängste gewandelt. Von der Angst vor Mangel zur Angst vor Verlust. Und da wiederum vor allem zur Angst vor Verlust von Geld und auch von nicht unbedingt lebensnotwendigem Geldeswert – dem eigentlichen Vermögen. Deshalb wollen wir eisern an unseren Ersparnissen festhalten und sogar stetig vermehren. Ersparnisse beanspruchen keinen Platz – und man weiß ja nie …….

Solcherart hat sich der Spargedanke verfestigt, doch wurde er auf das falsche Medium ausgerichtet. Nicht die Sparsamkeit im Ressourcenverbrauch stand – und steht heute weniger denn je – im Zentrum, sondern das Zurückhalten von Geld aus dem Wirtschaftskreislauf. Damit scheint der Beweis erbracht zu sein, dass die Bürger eben geldgierig sind. Das sind sie mitnichten! Sie sind immer noch gierig nach Sicherheit, die ihnen auch die heutige Gesellschaftsdoktrin trotz aller vorhandener Wertfülle nicht zu bieten vermag. Kriegserfahrungen und x-fache leere Versprechungen seitens der Politik, tragen das Ihre dazu bei. Denn das Gefühl von Sicherheit könnte ausschließlich aus der Verbreitung und Kultivierung eines Gemeinsinns entstehen.

Denn der eigentliche gesellschaftliche Wert bestünde ja zum Beispiel – ohne hier auf den Gerechtigkeitsbegriff einzugehen – darin, jedem ein dem zeitgemäßen Standard entsprechendes Dach über dem Kopf zu ermöglichen und auch die Mittel zur Lebensführung und Erhaltung seiner dinglichen Werte beiseite zu stellen. Dem steht jedoch die Wettbewerbsdoktrin, in der es um Geldaneignung geht, zweifellos entgegen. Synchron dazu, verfallen naturgemäß die gesellschaftlichen Beziehungswerte, die weder einen unmittelbaren finanziellen Nutzen versprechen, noch für eine Belehnung taugen.

Nun kann niemandem verborgen geblieben sein, dass mittlerweile viele, wenn nicht sogar die meisten Tätigkeiten und Erzeugnisse, auch wenn sie uns als Innovation angepriesen werden, einzig und allein dem Zweck der Geldmehrung für die jeweiligen Anbieter dienen, aber nicht unbedingt einer gesellschaftlichen Wohlstandsmehrung im geistig kulturellen Sinne und auch nur selten im Sinne einer besseren Gebrauchsfähigkeit.

Heute sprechen wir von Geschäftsideen, zu denen vom Ergebnis her offensichtlich durchaus auch Kriegsinszenierungen zählen dürfen. Geschäftsideen, losgelöst von Gemeinwohlgedanken und kulturellen Entwicklungsbemühungen. Das Ziel sind Geldgewinne – selbst wenn es die eigenen Lebensgrundlagen zerstört oder sogar Anderen das Leben kosten mag. Geld einnehmen kann man heute doch mit fast allem, sofern es mit raffinierter Werbung als „must have“, Innovation, modern („in“), oder als fortschrittlich angepriesen, oder ganz einfach auch gesetzlich vorgeschrieben wird. Zu Letzterem wird gegriffen, wenn das Bürgerinteresse an Neuerungen nicht zu einem „will have“ geführt werden kann. Überlegungen, worin da eigentlich der gesellschaftliche Mehrwert liegen soll, kommen meist erst viel zu spät auf und hinterlassen ohnmächtige Resignation und Skepsis gegenüber Politikern, die sich von den jeweiligen Lobbys zu solch entbehrlichen Verordnungen hinreißen ließen.

Quantität und Schnelligkeit werden zu den obersten Leitprinzipien erhoben und dienen als Referenz für Fortschrittlichkeit. Trendforscher (die zu ihrem Überleben ja auch irgendwie zu Geld kommen müssen) skizzieren unsere gesellschaftliche Zukunft und sagen uns, wie wir in zwanzig, dreißig, fünfzig Jahren unser Leben und unser Miteinander gestalten werden. Alleine dadurch, dass sie das so vorzeichnen, geben sie bereits Planungshilfe bei der Ausrichtung unserer Entwicklungen, wodurch ihre Vorhersagen auch eintreten und sie in ihrer Forschungstätigkeit bestätigen werden.

Es wäre jedoch ein wichtiger Auftrag an die Politik, solchen Vorhersagen das Bild einer gesollten Entwicklung gegenüber zu stellen, in dem sie die natürlichen Sehnsüchte der Bürger ansprechen und damit zu begeistern vermögen. Im Umweltbereich geschieht das sogar zum Teil, nicht jedoch im noch viel wichtigeren Bereich des zwischenmenschlichen Umgangs im Miteinander. Fehlt das, und nirgendwo sind Ansätze dafür zu erkennen, dann verbringen wir unser Leben kollektiv triebgesteuert und fatalistisch, was mit „Krone der Schöpfung“ nur wenig zu tun haben dürfte. Mitmenschen werden nur mehr als Kontrahenten im Ringen um Geldakkumulierung und die damit einhergehende Vormachtstellung betrachtet.

Politiker wollen uns immer voranbringen, sagen uns aber nicht, was darunter zu verstehen ist. 

„Voranbringen“ klingt ja sehr gut. Vielleicht sollte man darunter die „Erweiterung von Möglichkeiten“ verstehen. Und die Möglichkeiten haben sich eben zunehmend auf die Geldakkumulierung eingeengt. Was keinen Geldgewinn bringt wird als unwichtig betrachtet und daher unterlassen. Und von niemandem konnte ich bislang noch etwas über das Ziel des „Voran“ erfahren.

Die unerfreulichen und beunruhigenden gesellschaftlichen Entwicklungen, die von der Politik nur mehr mit Müh‘ und Not unter dem Schleier der Bewusstseinsschwelle gehalten werden können, lassen den Verdacht aufkommen, dass wir zwar sehr gut verstehen, was es mit der Einlagerung von Holz und Sauerkraut – um bei dieser Metapher zu bleiben – auf sich hat, dass es der breiten Öffentlichkeit jedoch völlig am Verständnis von Geld und dessen Aufgaben und Möglichkeiten mangelt.

Nun einmal ganz ehrlich. Österreich ist doch tatsächlich eine Insel der Seligen, wenn man sich nur ein bisschen in der Welt umsieht. Hervorragende Infrastrukturen, hohes Maß an Rechtssicherheit, nachlassendes aber immer noch sehr hohes Bildungsniveau, geringe direkte Korruption, hohe Versorgungssicherheit, hervorragendes Gesundheits- und Pensionssystem, vergleichsweise ausgezeichnete Jugend und Altenbetreuung, Sicherheit in der Bewegungsfreiheit, Chancen für sinnstiftende Entfaltung, und so weiter und so fort.

Dennoch wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung seit Jahren. Wie kann das sein? Freilich lassen sich alle Bereiche der Lebensführung immer noch weiter verbessern, qualitativ verfeinern und vereinfachen. Je höher jedoch der erreichte Standard ist, desto schwieriger wird eine weitere Steigerung. Da wird dann künstlich und mit allerlei Tricks nachgeholfen, denn es geht eben nicht mehr um die Werteschaffung als Grundlage des Geldwertes, sondern um die Zahl selbst, die uns Sicherheit vorgaukelt. Und die Gesellschaftsstruktur, die im Idealfall und im Hinblick auf Lebensstandard einer nur mäßig hohen Glockenkurve, besser noch der Kontur des Anninger oder des Tafelberges in Kapstadt entsprechen sollte, stellt sich dann eben als Exponentialkurve dar.

Dass eine derartige Verteilung gegenseitiges Misstrauen und Lebensängste in neun von zehn Dezilen der Bevölkerung auslöst und die sich als Verlustängste beim zehnten Dezil widerspiegeln, sollte nicht verwundern.

Ureigenste Aufgabe der Politik wäre es nun, diese gefährliche Lagerspaltung etwas zu glätten und es ist genau das, was sich die Mehrheit der Bevölkerung von der Politik erwartet. Bei aller Kritik wird jedoch nicht bedacht, dass das wirkmächtigste zivile Instrument in Händen des zehnten Dezils liegt. Denn es ist das Geld, das sich durch seine Konstruktion zum stärksten Machtmittel entwickelt und sich längst schon der Einflussnahme durch die Volksvertreter entzogen und im zehnten Dezil zusammengeballt hat. Die Machtausübung erfolgt nach dem Prinzip der Erpressung, dem wirksamen Prinzip der Macht,  durch das Vorenthalten von Geld. Im Glauben gehalten, dass Geld durch Arbeit entstünde, wird die Bevölkerung in immer unmenschlichere Rivalität gezwungen. In Wahrheit muss zunächst Geld geschaffen, bzw. zur Verfügung gestellt werden, um Arbeit zu ermöglichen. Und Geld wird nur gemäß den bestehenden Machtverhältnissen innerhalb einer Gesellschaft gegen eine Arbeitsleistung zugeteilt. Das Überlebensrecht ist somit losgelöst von einem Naturrechtsanspruch unabdingbar mit den rechtlichen Möglichkeiten an Geld zu kommen verknüpft.

Ehe man also in Umverteilungsphantasien schwelgt und sich für veränderte Zuteilungsschlüssel einsetzt, müsste sich doch eigentlich die grundsätzliche Frage aufdrängen, wer denn nun überhaupt berechtigt ist, Geld zu erzeugen. Es zu „schöpfen“. Historische Betrachtungen dazu mögen von akademischem Interesse sein, helfen uns im Hier und Jetzt jedoch kaum weiter.

Die durch den technologischen Meilenstein der Digitalisierung stattgefundene Entwicklung hat auch – und sogar besonders – die Qualität des Geldes nicht unberührt gelassen. Mit der Digitalisierung sind auch die letzten Reste dinglicher Verknüpfungen unseres Geldes verloren gegangen. Wir haben es heute mit einem reinen, sogenannten Zeichengeld zu tun. Alles Geld sind Zahlenzeichen im Computer. Da ist im Prinzip nichts Schlechtes dran, sondern im Gegenteil, es ist genial!

Modernes Geld hätte eigentlich das Zeug, Kriege überflüssig zu machen – würden sie nicht immer noch als Geschäftsidee zur Geldmehrung angesehen.

Wir brauchen weder Gold noch Silber, wir müssen dafür weder die Umwelt versauen, noch brauchen wir gegeneinander Kriege und Raubzüge zu führen. Denn Geld entsteht mit einem einfachen Mausklick als Computereintrag. Die Frage bleibt allerdings offen, wer dazu berechtigt sein soll und wer die Oberhoheit über das Geld insgesamt innehaben soll. Und wer darüber bestimmen soll, wofür Geld geschaffen werden soll. Die Mutmaßungen der breiten Öffentlichkeit und die Realität klaffen da ziemlich weit auseinander.

Denn es entspricht eben nicht der Tatsache, dass nur die Zentralbank, bzw. die EZB, Geld schöpfen darf. Die Erzeugung von Banknoten (und Münzen) ist zwar das alleinige Vorrecht der Zentralbanken, doch stehen diese in keiner direkten Geschäftsbeziehung zum Publikum, auch wenn Bargeld prinzipiell das einzige gesetzliche Zahlungsmittel (Schuldentilgungsmittel) ist. Man braucht aber vorher einen positiven Kontoeintrag, um Bargeld erhalten zu können. Und so ein Eintrag kann nur aus der Geschäftsbeziehung zwischen einer Bank und deren Kunden erfolgen und tritt bei jeder Kreditvergabe (oder auch Einräumen einer Kontoüberziehung) durch die Geschäftsbanken ein.

Andererseits müssen die Geschäftsbanken eine Geschäftsbeziehung zu den Zentralbanken unterhalten, um an Bargeld, also echtes Zentralbankgeld zu kommen. Über diese Zentralbankkonten erfolgt auch der Zahlungsausgleich zwischen den Banken, denn auf dem Interbankenmarkt gibt man sich nur bedingt mit Zahlungsversprechen (Forderungsübertragungen) zufrieden.

Wir haben es also mit zwei Geldkreisläufen zu tun. Einerseits mit dem von den Geschäftsbanken geschöpften Giralgeld (Kreditgeld), das erst reaktiv, also nachgelagert, von den Zentralbanken mit „echtem“ Geld refinanziert wird – wenn überhaupt erforderlich(!). Giralgeld sind hingegen Forderungen auf Zentralbankgeld gegenüber den Banken – das diese nur zu einem geringfügigen Teil halten, und Zentralbankgeld sind Forderungen der Zentralbank gegenüber den Banken.

Technologische Entwicklungen haben dazu geführt, dass Bargeld nur mehr in geringfügigem Ausmaß für Transaktionen eingesetzt wird und auch nur kurzzeitig in Erscheinung tritt (Vom Bankomaten oder Schalter zum Geschäftspartner und von diesem zur Bank und zurück zum Bankomaten oder zur Notenbank). Das heißt, je mehr sich der unbare Zahlungsverkehr mit Geschäftsbankengeld durchsetzt und man geht inzwischen von rund 90% unbarer Transaktionen aus, desto unabhängiger von den Zentralbanken können die Geschäftsbanken agieren. Kein Wunder also, dass Banken vehement für die gänzliche Abschaffung von Bargeld, das ihnen nur Kosten verursacht, lobbyieren.

Dabei, und das wird von den Skeptikern gegenüber einer „Vollgeldreform“ gerne übersehen, gibt es mit dem Rest von existierendem Bargeld ohnehin noch „Vollgeld“, vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel, das seine Funktionsfähigkeit im Gebrauch täglich beweist. Wie ja auch das dem Bargeld zugrundeliegende ZB-Buchgeld, das es aber nur für Banken und nicht für das Publikum gibt, Vollgeld ist. Eines der Hauptargumente, es gäbe ja noch nirgends Vollgeld, weshalb man sich nicht auf so ein Experiment einlassen sollte, läuft also ins Leere.

Ich muss eingestehen, dass ich mich jetzt, wie zum Teil auch schon in den vorstehenden Ausführungen, auf besonders dünnes Eis begebe. Denn freilich sind die Dinge nicht ganz so einfach wie dargestellt. Doch nur das Verständnis des Prinzips verhilft dazu, mögliche Stellschrauben für Veränderungen aufzuspüren. Und deshalb bin ich auch bereit, die zu erwartende Kritik auf mich zu nehmen.

Ein wesentlicher Punkt bei den beiden zuvor geschilderten Geldarten mit denen  Real- und Finanzwirtschaft operieren besteht ja darin, dass der Staat, das sind wir(!), gleichsam als institutioneller Kunde des Geschäftsbankensektors betrachtet wird. Der Staat hat kein Geld. Obzwar er die Währungshoheit hat, besitzt er keine Geldhoheit. (Fast) wie ein x-beliebiger Bankkunde, der um einen Kredit vorstellig wird, müssen sich Staaten um Kredite von „den Märkten“, das sind die weltweit 30 größten Banken, die zu solchen Auktionen zugelassen sind, bemühen. Dieses solcherart geschaffene Bankenbuchgeld, für das die Banken nicht einmal ZB-Reserven benötigen, wird, soweit überhaupt erforderlich, im Nachhang von den Zentralbanken und durch den Verkauf an Anleger refinanziert. Hier liegt also der Ursprung der Staatsverschuldungen[1].

Die Verwirrung (besser sollte man vielleicht von Verschleierung sprechen) ergibt sich nun dadurch, dass sowohl das von den Banken geschöpfte Buchgeld, wie auch das Zentralbankgeld, identisch denominiert sind. In unserem Fall also auf Euro. Hieraus bezieht der Spruch „Geld hat kein Mascherl“ seine fatale Bedeutung. Denn müsste das Buchgeld des Bankensektors mit einem eigenen Namen, z.B. „Bankentaler“ bezeichnet werden, könnten die Zusammenhänge doch etwas leichter ersichtlich werden. Auf unseren Konten wären dann „Bankentaler“, mit denen uns die 1 zu 1 Forderung auf Euro bestätigt würde.

Doch die beiden Geldarten sind mittlerweile so eng miteinander verwoben, dass nicht einmal mehr die Finanz darauf besteht, Steuerschulden mit Zentralbankgeld zu begleichen. Im Gegenteil! Es ist gar nicht mehr möglich, Steuern mit Bargeld, dem gesetzlichen Zahlungsmittel, zu bezahlen; obwohl eine nationale Währung erst dadurch seine Gültigkeit und auch Funktionsfähigkeit in Transaktionen erhält, dass es allein zur Steuertilgung anerkannt und daher von allen benötigt wird.

Greift man also die Möglichkeiten, die sich aus einer Vollgeldreform längerfristig ergeben könnten auf, wenn also auch sämtliche unbaren Transaktionen statt mit „Bankentalern“ mit echtem Zentralbankgeld durchgeführt würden, dann würde das den Staaten ihre verlorene Souveränität zurückgeben. Denn Souveränität ohne Geldhoheit ist undenkbar.

Noch etwas weiter gedacht ergäbe sich daraus erst die wahre gesellschaftspolitische Handlungsmöglichkeit – egal ob nationalstaatlich oder als EU-Verband. Und erst damit könnte sich die EU zu einer tatsächlichen Sozialunion mausern. Und damit erst könnte sich ein Sicherheitsgefühl in den Bevölkerungen verfestigen, das bei entsprechenden Regelungen ein Akkumulieren von Geld entbehrlich macht und ein friedliches Miteinander ermöglicht.

Günther Hoppenberger, LIFESENSE-Zirkel Linz, im November 2018

Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer

[1] Da dem Staat grundsätzlich nur eine Verteilungs-, aber keine Gewinnfunktion zukommt, ist er auf Steuern zur Tilgung seiner Schulden gegenüber den „Märkten“ angewiesen. Die Abhängigkeit von den Geldmärkten minimiert hingegen seine diesbezüglichen Durchgriffsmöglichkeiten und lässt die Steueroasen fröhlich sprießen, mit denen der Staat auch noch verhöhnt wird.