EINSICHTEN ÜBER DIE ZEIT – UND WAS DAS MIT BÖRSEN ZU TUN HAT

So richtig verstehen können wir Zeit ja eigentlich nicht. Wir leben in ihr, wir nützen sie, wir verbrauchen und vergeuden sie, manche behaupten sogar, sie zu gestalten, andere, sie zu vertreiben. Zeit begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre – und bleibt dennoch ein für uns unfassbares Naturphänomen. Zeit taktet unser Leben. Doch nicht die Zeit bewegt unsere Uhren, sondern wir haben unsere Uhrwerke auf die Erscheinungsbilder der Zeit abgestimmt. Darauf, wie sie uns erscheint. Wir haben ein Phänomen gleichsam zu einer Norm erklärt und damit zwar messbar und vergleichbar gemacht, ohne deshalb aber den Ursprung des Zeiterlebens verstanden zu haben.

Zeit hat etwas Dimensionales an sich, ohne als Dimension erfassbar zu sein. Wir bezeichnen sie zwar gerne als vierte Dimension, ohne deshalb zu begreifen, was das eigentlich bedeuten soll. Eigentlich hängt sie irgendwie dimensionslos an Dimensionen dran. Sie durchflutet Dimensionen ohne selbst eine zu sein. Dimensionen schwimmen in ihr und würden ohne sie nicht existieren. Seit Einstein wissen wir sogar, dass wir in einer Raumzeit leben und dass die noch dazu gekrümmt sein soll. Wir dürfen das immerhin als Beleg dafür ansehen, dass mathematische Berechnungsmöglichkeiten unserem dimensional eingeschränkten Denkvermögen haushoch überlegen sind – ohne uns deshalb jedoch die von uns erlebbare Welt wirklich begreifbarer machen zu können. Dem wissenschaftlichen Beweis, dass Erde und Himmelskörper dreidimensionale Körper und keine Scheiben sind, konnten wir noch zögerlich folgen, auch wenn alle damaligen Erfahrungswerte dagegen gesprochen hatten. Aber weiter?

Ist Zeit ohne Raum und umgekehrt Raum ohne Zeit überhaupt möglich? Ist Zeit ein philosophisches Thema, ein astrophysikalisches oder gar ein soziologisches? Überall begegnet uns die Zeit. Oder sind wir es etwa, die der Zeit begegnen? Wir sprechen heute von „Kairos“, vom richtigen Zeitpunkt für unser Tun, der auf uns zukommt. Wir operieren mit Wahrscheinlichkeiten wenn es um Risiken geht und wissen zugleich, dass alles was passieren kann, auch irgendwann passieren wird. Und höchst selten wird das dann als der „richtige“ Zeitpunkt empfunden, sondern wir zeigen uns trotzdem überrascht und bemühen den Begriff „unvorhersehbarer Zufall“.

Dass Zeit im Jahresverlauf und somit auch über die gesamte Lebenszeit außer auf Alterserscheinungen auch Einfluss auf unser Gemüt hat, ist seit jeher bekannt. Die seit Urzeiten bemühte Astrologie hat da – zumindest für Vergangenes – immer wieder mit interessanten Erklärungen wegen kosmischer, schicksalhafter Verknüpfungen aufgrund von Planetenkonstellationen aufwarten können. In Hinblick auf zukünftig zu Erwartendes, bleibt sie jedoch gezwungenermaßen vage und beschränkt sich auf Allgemeinplätze, die sich deshalb im Rückblick stets als zutreffende Vorhersage interpretieren lassen. Denn ein „Was“ oder „Wie“ der Zukunft erschließt sich aus astrologischen Berechnungen ja nicht wirklich. Dennoch scheint es eine Art natürlichen Rhythmus der Zeit zu geben, der unsere Lebensabläufe beeinflusst.

Ein natürlicher Rhythmus verweist jedoch auf Naturgesetze, die nicht nur phasenweise und manchmal, sondern immer Gültigkeit besitzen. Und auch wenn wir Zeit als solche nicht verstehen, so können wir sie doch aufgrund der beobachtbaren Bewegung von Körpern erleben – und diese Bewegungen lassen sich berechnen. Und so wie Musik als mathematisches Phänomen eigenartiger Symmetrien erklärbar ist, scheint das auch auf die Zeit zuzutreffen. Und so, wie ein musikalischer Rhythmus Einfluss auf unsere Psyche ausübt, ist das noch viel mehr von bewegten Körpern und den von ihnen und zwischen ihnen wirkenden Gravitationskräften zu erwarten – selbst wenn wir auch von diesen nicht so recht wissen, was sie eigentlich sind, obwohl wir sie spüren und obendrein noch exakt berechnen können.

Musik ruft in uns Bilder vergangener Stimmungen hervor, wie auch Sehnsüchte, zumindest manche dieser Bilder in die Zukunft übertragen zu wollen und als neue Realität in Erscheinung treten zu lassen. Die Frage bleibt jedoch offen, ob wir es waren, die über den „richtigen Zeitpunkt“ bestimmt haben, in dem sich das je spezifische Stimmungsbild entwickelt hatte, oder ob wir durch freie Entscheidung nur über das Geschehen vor dem Zeitpunkt bestimmt haben. Schließlich verweist „Stimmung“ auf einen Zustand, dem etwas Vorangegangenes zugrunde liegen muss, sofern man ihn nicht unter kalkuliertem Verlust der Personalität durch Drogen oder ähnliche Verirrungen als Trugbild erzwingen wollte.

Man erinnert sich und kann diese Erinnerung an Tonfolgen, besonders jedoch am Rhythmus festmachen. Die Problematik, die sich hierbei stellt ergibt sich aus der Unmöglichkeit, Stimmungen, also zuständige Gefühle, zu beziffern, sie messbar und vergleichbar in ein Zahlenwerk zu gießen. Es sind individuelle Qualitätsmerkmale des je eigenen Lebens. Wir können untereinander Freude, Trauer, Glück oder Pech nicht vergleichen, was wohl jeder einsehen wird. Und niemand hat daher auch eine  Aufzeichnung über den zeitlichen Verlauf unterschiedlicher Stimmungszustände aufzuweisen. Gerade einmal die Dualität, die unser Leben prägt, könnten wir in Form einer Ausrichtung festlegen, indem wir z.B. der Freude ein Plus und der Trauer ein Minus zuordnen. Analog entsprechend für Glück und Pech, oder Erfolg und Misserfolg, und ähnliche. Das war’s dann aber auch schon. Beim Versuch einer graphischen Darstellung würden die Schwankungen also senkrecht zur Zeitgeraden zwischen oberhalb und unterhalb wechseln. Hatte ich aber heute tatsächlich dreimal so viel Freude als gestern, oder war es nur halb soviel? Bin ich heute tatsächlich fünfmal trauriger als gestern? Und um das richtige Maß zu finden, überlege ich vielleicht noch, wann ich einmal genauso traurig war wie heute? Und welchem Ausmaß von Freude gebe ich überhaupt die Eins, die Null oder womöglich die Einskommasieben? Zweifellos ein Ding der Unmöglichkeit und daher absolut unsinnig.

Viel interessanter wäre es ja sich dessen zu erinnern, was zu dem erinnerbaren zuständigen Gefühl führte. Da das jedoch komplexe Prozesse aus Handlungsfolgen waren, lassen auch die sich nicht durch Zahlen ausdrücken und unterliegen bestenfalls einer individuell interpretierten qualitativen Beschreibung, wie das in Erzählungen regelmäßig mit Verklärung oder Überzeichnung vergangener Taten und Erfahrungen zutage tritt.

Auch wenn man hier also an der Messbarkeit scheitert, bleibt dennoch der auf unser Leben Einfluss nehmende unfassbare Rhythmus der als solcher unverstandenen Zeit bestehen. Die unterschiedlichen Zyklen bewegter Massen, die rund um uns schwirren und in deren Bewegungsläufe wir selbst auch wirkmächtig eingebunden sind, verbinden sich in ihrer vielfältigen Überlagerung zu einem Rhythmus der Natur. Hätten wir also eine im Rhythmus zuordenbare Größe zur Hand, dann könnten wir diesen „ewigen“ Rhythmus entschlüsseln und damit dem Verständnis der Zeit vielleicht ein Stück näher kommen.

An der Quantifizierung individueller Zustandsbilder sind wir gescheitert. Wie aber sieht es mit einem kollektiven Gedächtnis aus? Wäre da ein Muster, ein Rhythmus erkennbar, in dem sich die Zeit manifestiert? Was wäre als Messgröße geeignet, wenn man vom Individuum auf die Ebene der gesamten Menschheit oder zumindest eines großen Teils von ihr übergeht?

Und da drängt sich in unserer durch und durch ökonomisierten Welt, in der es vor allem um Geldgrößen und Zahlenwerte geht, durchaus etwas auf: Die Börsen, die wir in ihrer Gesamtheit als „Märkte“ bezeichnen. Dort findet sich sämtliches Datenmaterial, in dem im Millisekundentakt kollektive Entscheidungen als geldbewerteter Zustand ausgedrückt werden. Ein Börsenindex stellt zu jedem Zeitpunkt den „Preis“ kollektiver Emotionen dar. Quasi als Vektorsumme unterschiedlichst bepreister Gefühlszustände einer großen Zahl.

Unzählige hoch bezahlte Analysten versuchen daher mit großem rechnerischen Aufwand, mit vermeintlich kreativen Algorithmen und mit ergänzendem Kaffeesudlesen in den Fundamentalwerten und Wirtschaftsinformationen über die Aktiengesellschaften, Fonds und alle möglichen so genannten Finanzprodukte, Vorhersagen über die Höhe von Einzel- oder Indexwerten zu treffen. Es ist vergleichbar zum oben geschilderten und zwangsläufig scheiternden Versuch, „Glück“ zu quantifizieren. Sie tun es trotzdem, beharrlich und immer wieder und zeigen sich auch äußerst kreativ in der rückblickenden Begründung ihrer Fehldiagnosen. Ihr Scheitern ist vorgezeichnet, weil sich ein Index ja doch bloß ausgehend von einer Normgebung zu einem bestimmten Zeitpunkt als Relation zu dieser Ausgangsnorm in der Zeit darstellt.

Ein Index hat aber nun einmal den Wert, den er eben gerade hat, genau so, wie das zuständige Gefühl des Augenblicks das Ausmaß von Glück oder Trauer bestimmt. Interessant ist nun, dass sich aus dem Auf- und Ab, gleichsam wie aus dem Wechsel der Ausrichtung von Glück zur Trauer und umgekehrt – um bei diesem Beispiel zu bleiben – tatsächlich ein Muster aus Umkehrpunkten in der Zeit ergibt, das ewige Gültigkeit zu haben scheint.

Nun ist an den Börsen dieser Welt freilich längst bekannt, dass es Zyklen gibt, oder auch das stets gleiche Muster der auf- und absteigenden Stufen, wie sie Elliot entdeckte. Und dass die Kreiszahl Pi, Fibonacchi-Zahlen, der goldene Schnitt, oder die Quadratwurzel aus Zwei irgendwie von besonderer Bedeutung sind, hält Analysten umfänglich beschäftigt und scheint sie dennoch vor unlösbare Rätsel zu stellen. Denn unbekannt ist offenbar, wie diese Naturkonstanten konkret zusammenwirken und vor allem, warum sie das tun und woher das kommt. Sie wirken in der Zeit und nicht im Wert! Und in der Zeit wirken sie höchst präzise und erzeugen Rhythmen hoher Komplexität und mit Rhythmuswechseln, die in aller Kompliziertheit gelesen und verstanden werden können. Allerdings erfordert das richtige Lesen und Deuten auch ein hohes Maß an Übung.

Mein Neffe, Dr. Alexander Schwarz, hat sich dieses Wissen in weit über zehn Jahren intensiver Forschung erarbeitet und immer weiter verfeinert, und so kann ich heute, bestätigt durch seine Arbeit, mit Fug und Recht behaupten, dass der Verlauf der Börsen Naturgesetzen folgt, somit prinzipiell deterministisch ist und eine präzise Vorhersage von Wendepunkten daher – wie nunmehr von ihm bereits jahrelang belegt und beglaubigt nachgewiesen – möglich ist.

Dass man mit diesem Wissen, kombiniert mit der handwerklichen Fähigkeit eines geschickten Traders ein hervorstechendes Ergebnis für Fonds an den Börsen erzielen kann, ist ein nicht ganz unangenehmer Nebeneffekt auf der anfänglichen Suche nach einem besseren Verständnis der Zeit. Auch wenn die daraus lukrierbaren Mittel eine weitergehende Forschung an zeitgesteuerten Zusammenhängen ermöglichen sollen, so liegt die eigentlich revolutionäre Sensation ganz woanders. Dr. Schwarz hat etwas aufgedeckt, was es nach bisherigem Wissensstand nicht geben darf: Die Prognose vermeintlicher „Zufälle“.

  1. „Märkte“, im Abbild kollektiver Emotionen in Charts, haben zwar einen nicht determinierbaren (Wie hoch wird morgen mein Glück/Trauer,…von anderen bewertet werden?) spekulativen Einfluss auf den Wert eines Index. Sie haben jedoch keinen Einfluss auf der Zeitachse. Denn diese ist präzise determiniert und die Wendepunkte in der Zeit stehen eindeutig fest.
  2. Der Rhythmus in der Zeit ist lesbar und korrelierbar, und er kann von seiner Quelle her verstanden werden.
  3. Damit ist auch die exakte Vorhersage des Börsengeschehens auf der Zeitachse als „Wann“ möglich.

Was das auf sozialphilosophischer, ökonomischer und physikalischer Ebene für Auswirkungen haben könnte, ist derzeit noch gar nicht abzusehen. Eine Einstellungsänderung, die uns wieder näher zu einer Ehrfurcht gegenüber der Natur bringen könnte, wäre jedenfalls zu erwarten.

Im Juni 2019

Literatur:

Dietz Raimund; Geld und Schuld – Eine ökonomische Theorie der Gesellschaft. Metropolis                                                                                                                    (Marburg 2018)

Frankl Viktor E.; Das Leiden am sinnlosen Leben. Herder (Freiburg i. Br. 1991)

Safranski Rüdiger; Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Herder                                                                                                                  (München, 2015)

Starkmuth Jörg; Die Entstehung der Realität; Wie das Bewusstsein die Welt erschafft.                                                                                                        Eigenverlag (Bonn 2009)

Taleb Nassim N.; Der Schwarze Schwan; dtv (München 2013)

Taleb Nassim N.; Antifragilität; Anleitung für eine Welt die wir nicht verstehen. Knaus (2012)