EIN DRINGENDER APPELL AN DIE VERNUNFT IN STRAUCHELNDEN ZEITEN. Irmgerd Stadler (Demeterlandwirtin)

Die Welt ist voller Krisen und Herausforderungen, die es der Menschheit nicht leicht machen, einen
guten Weg für uns alle zu gehen. Es gibt unzählige Probleme, die mittlerweile die Menschen
ernsthaft bedrohen und Zukunftsängste hervorrufen. Ihre Lösung, ist oft in Widersprüchen und
unlösbaren Interessenskonflikten gefangen und kann dadurch nicht in ihrer Ernsthaftigkeit und
Reichweite angegangen werden. Doch gibt es eine Lösung, die bis jetzt noch nicht ins Blickfeld der
Öffentlichkeit gelangt ist. Dieser Lösungsimpuls ist bereits 100 Jahre alt. Eine Idee, die auf ihre Zeit
wartet!

Durch die nunmehr entstandene politische Situation ist ein Freiraum gegeben, der die Chance bietet,
vieles neu zu ergreifen. Ein solcher neuer Lösungsansatz ist die „Soziale Dreigliederung“, auf die ich in diesem Schreiben aufmerksam machen möchte!

Sie stellt von allen mir bekannten Ideen als einzige ein neues System dar, das ich in all seinen
Gebieten bejahen und vertreten kann. So sehr bejahen kann, dass ich mich dafür entschieden habe,
so gut ich es aus meiner Lebenslage heraus kann, mich für die Verbreitung dieser Idee einzusetzen. In
ihrer Verwirklichung sehe ich eine Zukunft, die ich meinen Kindern und weit darüber hinaus allen
Menschen getrost als Erbe weitergeben will. Es ist die Grundlage für Frieden und Gemeinschaftsgeist
einer Menschenfamilie. Aus der mir erkennbaren Sicht schlummert hier ein unentdecktes,
riesengroßes Potential. Jedem, der sich ernsthaft und vorurteilslos diesem Gedankengut nähern
kann, erschließt sich ein Bild, das als Lösung der Verstrickungen die Menschheit vereint.
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg und ein Zeitfenster öffnete sich. Rudolf Steiner setzte all
seine Kraft daran, den Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus (kurz: Soziale
Dreigliederung) in die Welt zu tragen, um dadurch einen weiteren Schritt in der
Menschheitsentwicklung zu ermöglichen. In Deutschland und auch in Österreich wurden diese
neuen Ansätze bis in die damalige politische Führungsebene hinaufgetragen. Ein Durchbruch dieser
Idee schlug allerdings letzten Endes fehl, da die Gegenkräfte, die großes Interesse daran hatten, am
Alten festzuhalten, sich mächtig behaupteten. Den geschichtlichen weiteren Verlauf kennen wir: An
Stelle einer stabilen Neugestaltung kam nach dem Ersten Weltkrieg der Zweite Weltkrieg. Aber auch
nach dieser zweiten furchtbaren Katastrophe kam es nicht zur Lösung der in der Wirtschaft
wurzelnden Probleme; denn die neu auftretende Forderung: „Wie müssen wir in einer
industrialisierten und arbeitsteiligen Welt die Arbeitsergebnisse gegenseitig bewerten, damit
jeder gut leben kann?“ wurde nicht erkannt und daher auch nicht umgesetzt.

Im alten Geld- und Wirtschaftsdenken ist dies eine unlösbare Frage und mit jeder versuchten Lösung
schaffen wir neue Probleme: Wachstumszwang, Arbeitslosigkeit und damit Einkommenslosigkeit,
Konkurrenzkampf, Verschleißwirtschaft, ….

Diese Verschleierung besteht vor allem im Geldsystem und im Rechtsleben und zögert eine wirkliche
Lösung bis heute hinaus. Dieses Versäumnis beginnt sich heute global erkennbar zu rächen.
Rudolf Steiner begründete schon damals eine neue Wirtschaftslehre und hat damit die Grundlage für
ein solidarisch geschwisterliches Wirtschaften gelegt, in dem die Menschengemeinschaft von einem
Gemeinschaftsgeist durchdrungen sein kann. Außerdem ist darin die Frage des Ausgleiches zwischen
Bedürfnissen und Wert der Leistungen enthalten. Die Idee dieses Ausgleichs wurde später von
Alexander Caspar bis ins Geldwesen hinein aufgegriffen und gestaltet (Autor des Buches „Das neue
Geld“ 2010). Mit dem Durchdringen dieser Zusammenhänge löste er die gestellte Forderung. Damit
ist ein brüderlich geschwisterliches Wirtschaften möglich!

Unnötiger Wettbewerb, wirtschaftlicher Wachstumszwang bis ins Krankhafte und Maßlose,
Verschleißwirtschaft, die die wertvollen Ressourcen unserer Erde zu Müll machen,
gesamtgesellschaftlich sinnlose Arbeit, die niemandem wirklich dient, …. All das verliert seine
diktierende Macht. Der Menschengemeinschaft wird ermöglicht, in kluger kräfte- und
ressourcenschonender Zusammenarbeit das Beste für Jeden zu erreichen. Keiner bleibt dabei auf der
Strecke, denn Bedürfnis und Wert der Leistung finden ihre Deckung.

Die Inhalte der Sozialen Dreigliederung sind heute noch genauso wegbereitend und gestaltgebend
für die soziale Ordnung, wie sie damals in ihrer Verwirklichung segenbringend hätten wirken können.
Heute haben wir neben der sozialen und wirtschaftlichen Krise noch eine Vielzahl anderer Krisen, in
denen die Soziale Dreigliederung maßgebend Veränderung bewirken kann: Klimawandel, wachsende
Schere von Arm-Reich, Ressourcenvernichtung, Flüchtlingskrise, Gesundheitskrise, Bildungskrise,
Ökologiekrise, Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Politikverdrossenheit, Hetze, Krieg,…. Dies zeigt, dass
unsere Art zu denken, unsere heute installierten Systeme ausgedient haben, da sie unbrauchbar
geworden sind und zunehmend zerstörerische Dimensionen annehmen.
Die Menschheitsgeschichte lehrt, dass in ihrem Verlauf immer wieder große Umbrüche notwendig
waren und sich auch vollzogen haben.

In aller Kürze möchte ich hier erste Inhalte der Sozialen Dreigliederung darlegen:
In der Sozialen Dreigliederung gibt es keinen Einheitsstaat mit zentraler Steuerung. Der Staat wird in
drei autonome Bereiche – in Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben gegliedert. Rudolf
Steiner formuliert dazu den Vergleich mit dem menschlichen Organismus, der auch drei Systeme hat,
die für sich relativ unabhängig sind und in ihrer Unabhängigkeit eine größere Einheit, ein höheres
Ganzes (das menschliche Leben) hervorbringen. Es ist eine Entwicklung hin zur menschengemäßen Ordnung, die dem menschlichen Sein umfassend gerecht wird:

1. Wirtschaftsleben (in Brüderlichkeit) – 2. Rechtsleben (in Gleichheit) – 3. Geistesleben (in Freiheit)
Heute haben wir ein Wirtschaftssystem, das unsozial ist und ein Rechtssystem, das die Menschen
ungleich behandelt und Sonderinteressen vor allgemeine menschliche Interessen stellt. Wir haben
einen Bildungs- und Arbeitsmarkt, der den Menschen zur Ware macht, um im Wirtschaftssystem zu
funktionieren. All das bedrückt uns und macht uns krank, denn nicht jeder hat die Möglichkeit, sein
Leben so einzurichten, dass ihn diese Dinge nicht auf irgendeine Weise negativ beeinflussen.
Unbewusster Druck wirkt als Leid und dieses Leid versuchen viele Menschen auf unterschiedlichster
Art zu kompensieren. Nicht selten löst dieses Leid auch körperliche oder seelische Krankheiten aus.
Die soziale Gliederung fordert drei autonome Bereiche, die abbilden, was dem Mensch-Sein heute
angemessen ist:

1. Der Bereich des Wirtschaftslebens
In einer arbeitsteiligen Welt ist ein brüderliches (geschwisterliches) Wirtschaftsleben
einzurichten, welches die materiellen Bedürfnisse des Menschen vor Augen hat. In dem
Moment, in dem wir die Bedürfnisse unserer Mitmenschen vor Augen haben und uns vom
ausgedienten Geld- und Rechtssystem verabschieden, können wir ein gemeinsames Anliegen
als Menschen (unsere materiellen Bedürfnisse bestmöglich zu decken) verfolgen. In einem
neu gestalteten Geldsystem, in dem nur Waren zirkulieren dürfen, aber keine Rechte
handelbar sind, ist einer der nötigen Grundsteine gelegt. Mit dem Erkennen, wie
wirtschaftliche Werte überhaupt geschaffen werden, kann das Wirtschaftsleben neu
betrachtet werden. Dabei muss beachtet werden, dass es in der Wertebildung um zwei
verschiedene, sich gegenseitig kompensierende Bereiche geht. Der Reichtum eines Landes
kann nicht anhand des Bruttoinlandsproduktes gemessen werden, da die kompensierenden
Bereiche darin keine Berücksichtigung finden. Es darf nicht wie heute alles addiert werden,
die gebildeten wirtschaftlichen Werte gegenseitig richtig zu bewerten wird dadurch
unmöglich, davon abgesehen wird etwas Aufzehrendes auch noch hinzugezählt. Das
Wirtschaftsleben umfasst Warenproduktion, Warenhandel und Warenkonsum.
Ökonomische Ministerien mit Leuten, die etwas von den einzelnen Branchen verstehen, sind
hier einzurichten. Es geht um gerechte Güterverteilung in einem richtigen Wertverhältnis der
Waren durch Umgestaltung des gegenwärtigen Kapital- und Lohnsystems. Das
Wirtschaftsleben muss durch eine vereinigende Basis aufgebaut werden und sich an rein
ökonomischen Gesichtspunkten, an den Bedürfnissen, ausrichten. Alle wirtschaftliche
Tätigkeit im neuen Modell ist assoziativ (verbindend, vereinigend, durch
Verknüpfung von Vorstellungen entstehend). Die untergeordnete Assoziation ist die
der einzelnen Branchen mit dem Ziel, die Bedürfnisse zu decken. Die übergeordnete
Assoziation ist die der Verbindung von Produzenten, Händlern und Konsumenten.
Ziel ist ein gutes bedürfnisorientiertes Zusammenwirken. Hier gilt überall die
vertragliche Bindung. Die Assoziation ist ein eigenes Thema, das in der Literatur oft
ganz missverstanden ist. Es geht nicht darum, sich zusammenzuschließen, um
Vorteile gegenüber anderen zu haben, sondern darum konsequent miteinander zu
arbeiten.
Grundsatz: Es darf nicht produziert werden, um zu profitieren, sondern nur um den
Bedürfnissen gerecht zu werden.

Niemand braucht sein Wohl auf Kosten von Anderen zu suchen. Waren und Rechte sind zwei
völlig getrennte Dinge. Das eine gehört ins Wirtschaftsleben, das andere ins Rechtsleben.

2. Der Bereich des Rechtslebens
Das Rechtsleben, der zweite autonome Bereich, steht unter dem Gesichtspunkt der
Gleichheit der Menschen. Das hierarchische System ist dabei aufgehoben. Hier geht es um
die Umsetzung der Menschenrechte. Der Staat begrenzt sich auf seine eigentliche Aufgabe,
dass die demokratisch beschlossenen Gesetze gerecht gewährleistet werden.
Als Beispiel wird das Ausmaß der Arbeitszeit im Rechtsleben demokratisch vereinbart, da
das Arbeitsausmaß neben der Grundlage der Bodenfruchtbarkeit die Parameter für den
Wohlstand einer Gesellschaft sind. Verfügungsrechte verbinden sich mit Fähigkeiten und das
auf Zeit. Kapital muss zu den fähigen Menschen gelangen können (kein Kauf). Weder Boden
noch Produktionsmittel sind mit Geld handelbare Waren, es sind Rechte, die sich auf Zeit mit
den Pflichten von fähigen Menschen verbinden können müssen. Wohl kann in diesem
Bereich auch vererbt werden, Voraussetzung dafür ist, dass der Nachfolger sich mit der
vorhandenen Idee, ihrem Recht und ihrer Pflicht verbindet. Eine monetäre Veräußerung ist
unmöglich.

3. Der Bereich des Geisteslebens
Dieser dritte autonome Bereich, das freie Geistesleben, bildet das Gegenüber zu den
leiblichen Bedürfnissen im Wirtschaftsleben.
Durch freie Fähigkeiten-Entwicklung wird der Mensch frei im Geist. Freiheit setzt
selbstbestimmtes Handeln voraus. Ist es nicht selbstbestimmt, so ist es fremdbestimmt und
somit auch nicht frei. Durch die Selbstbestimmung macht sich der Mensch zum
selbstverantwortlichen Souverän. Wer selbstbestimmt handelt, muss seine Handlungen
selbst verantworten, da er sein eigener Souverän ist, der sich auf keine fremde Autorität
beruft. Er hat sein Motiv, den Beweggrund seines Handelns nur aus sich selbst geschöpft. Das
aber bedeutet, dass meine Freiheit nicht bei mir endet, sondern dass mir die Freiheit des
Anderen genauso wichtig ist wie die Eigene. Da erst beweist sich meine wahre Souveränität,
indem ich die Freiheit des Anderen wirklich als die Meine empfinde.
Wir alle brauchen die Freiheit im Geistigen und in der Entwicklung unserer einzigartigen
Begabungen, auf die die Welt wartet. Wir würden erstaunt sein welche Vielfalt da zutage
treten würde. Aller wissenschaftlicher Betrieb, die Bildung und das Unterrichtswesen, das
individuelle religiöse Leben sowie die Rechtsprechung gehören in diesen Bereich. Das
Geistesleben wird in ganz anderen Strukturen verlaufen, in etwas viel Freierem als einem
Ministerium oder Parlament. Die Individualität steht hier im Mittelpunkt.
Durch die Verwirklichung dieses Impulses, der Sozialen Dreigliederung wird der Mensch zum wahren
Menschen, denn es entsteht eine höhere Einheit:

a) Durch körperliche und seelische Gesundung wird höchste wirtschaftliche Produktivität
ermöglicht.
b) Es kommt zur wahren Befriedigung des Rechtsgefühls.
c) Eine allseitige Offenbarung, der im Geiste veranlagten Kräfte der Menschen, wird möglich.

Von Österreich ausgehend könnte etwas fundamental Neues, segenbringend sich ausbreiten!
Gutes ist von jeher nur dort gediehen, wo Menschen von einem Gemeinschaftssinn erfüllt waren.
Selbst in der Natur gedeiht das am besten, was sich gegenseitig stützt.
Es ist mir ein großes Anliegen, dass gesehen und wahrgenommen wird, was als Lösung schon da ist!
Die Dringlichkeit unserer Zeit macht mir Mut für ungewöhnliche Schritte. Heute schon möchte ich
versuchen, einen Neuanfang zu initiieren!

Ziel ist es, dass wir einen Weg aus unseren Krisen finden. Dazu ist es notwendig, Altes, das
unbrauchbar geworden ist, mit neuem Denken zu überwinden.

Die Idee der Sozialen Dreigliederung ist dem Großteil der Bürger derzeit noch unbekannt. Mit der
gewonnenen Erkenntnis der Zusammenhänge und beim Versuch ihrer Bekanntmachung steht jeder
zunächst ziemlich ohnmächtig da; denn Soziale Dreigliederung kann auch kein Partei-Programm sein.
So könnte ein Neuanfang nur mit der Frage beginnen, wie mit der Verwirklichung des Impulses der
„Sozialen Dreigliederung“ begonnen werden könnte? Ich bitte alle Leser dieses Anliegen zu unterstützen.
Vielleicht ist es möglich, mit Ihnen in einen Dialog über die Soziale Dreigliederung einzutreten.
In Wertschätzung
Irmgard Stadler (Demeterlandwirtin)
(Dieser Beitrag ist mit Unterstützung von Elisabeth Correa, Maria Tempelmayr, Karin Seidling, Uta Klaus und Sylvia Heinzl entstanden).