DIE VIERTE EIGENSCHAFT DES GELDES, (Ein Buchbeitrag aus 2010)

Günther Hoppenberger

Die vierte Eigenschaft des Geldes

Meinem verstorbenen Freund, Gerhard Margreiter,  gewidmet

Zusammenfassung

Die Politik entfernt sich zunehmend von ihren verfassungsmäßig verankerten Gemeinwohlaufgaben. Politische Ökonomie wurde zum allumfassenden Maßstab erfolgreichen politischen Handelns und zwingt die Staaten dazu, ihr Selbstverständnis auf betriebswirtschaftlicher Ebene im Wettbewerb gegen weltumspannende Konzerne zu suchen. Mit der widerspruchslosen Akzeptierung der als unumstößlich angesehenen Spielregeln der Gelderzeugung hat sich der Staat völlig entmachten lassen. Der Staat wurde zur Hure des Finanzsystems. Das Recht des privaten Bankensektors, Geld (praktisch) aus dem Nichts zu schöpfen und gegen Zinsen zu verleihen, treibt die Staaten unweigerlich in die Schuldenfalle. Diese Entwicklung, ebenso wie die derzeitige „Krise“, waren spätestens seit Anfang der 80er Jahre abzusehen. Das Erstaunen über die „Krise“, in dem sich so manche Ökonomen ergehen, lässt sich wohlmeinend nur mit „Naivität“ beschreiben.

Die erste Eigenschaft: Geld ist Tauschmittel

Angeblich haben die alten Phönizier das Geld erfunden und ich frage mich immer, „warum so wenig?“. Überall mangelt es an Geld und dann soll von dem wenigen Geld auch noch gespart werden. Manchmal glaube ich, dass das Geld weniger wird, je mehr man spart. In Österreich haben wir doch eine sehr hohe Sparrate und trotzdem lässt uns die Regierung über diverse Sprachrohre ihrer Parteisekretariate ausrichten, dass wir über unsere Verhältnisse leben und noch mehr sparen müssen. Gut, ich selbst bin da ja ganz vorbildlich unterwegs. Immer wenn mein Geld zu Ende ist, bleibt mir noch sehr viel vom Monat übrig. Da spare ich mir dann die Einkäufe und reduziere mein Leben auf das Arbeitszimmer.

Im Normalfall bedeutet Sparen, dass ich jemandem seine Einkommensmöglichkeit vorenthalte, ähnlich wie ich das unfreiwillig meinem Kaufmann gegen Monatsende antue. Wo aber bliebe dadurch das von mir gesparte Geld übrig, um dem Staat seinen Schuldendienst zu erleichtern? Ich vermute daher, dass der Staat mein Geld seiner Schatzkiste einverleiben möchte. Wie ich überhaupt vermute, dass viele Politiker das Geldsystem in Dagobert Duck’schem Sinn verstehen. Sie vermitteln der Bevölkerung den Eindruck, dass in einem riesigen Geldspeicher, der wahrscheinlich in der Nationalbank vermutet wird, mehr Geld drinnen bleibt, wenn ich weniger ausgebe. Dass diese Sichtweise mehr als dumm ist, die Menschen jedoch gleichzeitig zu Opfern missbrauchsfähig macht, werde ich zu zeigen versuchen.

Neulich kam ich in der Stadt mit einem arbeitslosen Kollegen ins Gespräch. Er war ziemlich verzweifelt. Seit sieben Monaten versucht er nun bereits vergeblich eine Anstellung zu bekommen. In Erstgesprächen verschweigt er jetzt bereits seinen Universitätsabschluss, weil er sich – als sportlich durchtrainierter Typ – durchaus auch körperliche Arbeit zutrauen würde und nicht immer gleich als „überqualifiziert“ abgewiesen werden möchte.

„Weißt du“, sagte er mir, „ich bin in den letzten Monaten zu der Erkenntnis gelangt, dass Arbeitslosigkeit nicht durch Mangel an Arbeit entsteht, sondern durch Mangel an Geld“. Meinen Einwand, dass doch alle Politiker von der Schaffung von Arbeitsplätzen schwadronieren, überging er geflissentlich und führte seinen Gedanken weiter aus: „Arbeitsmöglichkeiten gäbe es doch genug! Viele sinnvolle, Werte schaffende Projekte können aber aus Geldmangel nicht in Angriff genommen  werden! Materielle und personelle Ressourcen stehen ausreichend zur Verfügung. Was fehlt, ist Geld“.

Eigentlich hat er Recht, dachte ich mir. Ist das aber nicht das alte „Henne oder Ei Problem“? Wir lernen doch, dass durch Arbeit Geld entsteht und dass wir deshalb länger und billiger arbeiten sollen, damit noch mehr von dem dabei entstehenden Geld übrig bleibt. Um aber überhaupt arbeiten zu können, dazu fehlt uns das Geld. Ein fataler Teufelskreis. „Money doesn’t matter“, sagte einst der große Ökonom John Meynard Keynes unter Berufung auf Adam Smith (1723-1790), der unter Geld nur den Schleier verstand, der über der Wirtschaft liegt, ohne die Wirtschaft selbst zu beeinflussen. Manchmal denke ich, dass das unsere heutigen Wirtschaftsweisen immer noch so verstehen, obwohl die Wirklichkeit deutlich dagegen spricht. „Money matters!“ würde ich sagen. Geld scheint mir sogar die ausschlaggebende Ressource zu sein, von der eine florierende Wirtschaft abhängt.

„Wirtschaft“ ist doch alles, was unter das ökonomische Beziehungsverhalten einer Gesellschaft fällt. Durch den wirtschaftlichen Austausch werden vor allem sagenhafte Werte geschaffen. Aber Geld? Wenn wir ein Haus bauen, oder wenn die Gemeinde ein neues Rathaus baut, dann entsteht doch kein Geld, sondern wir verbrauchen sogar Geld. Entstanden sind die Werte der Häuser und ihr Wert liegt in ihrer Existenz begründet. Geld hat uns offensichtlich nur dazu verholfen, den nötigen Tausch von Arbeitswerten unkompliziert zu bewerkstelligen und die Relationen von Werten in Zahlen ausdrücken zu können, also zu bewerten. Das Geld ist futsch, der Wert bleibt.

Die zweite Eigenschaft: Geld ist Wertmaßstab

Ich glaube, dass wir damit bereits zwei Hauptfunktionen des Geldes, einer der größten Erfindungen der Menschheit, entdeckt haben: 1. Geld ist Tauschmittel und 2. Geld ist Wertmaßstab. Mit Geld be-werten wir die geschaffenen Werte und im Gegensatz zum früheren Tauschhandel, bei dem es bildlich gesprochen darauf ankam, dass ein frierender Bäcker auf einen hungernden Schneider treffen musste, verwenden wir das Geld als wertneutrales, anonymisiertes Tauschmittel. Wir betreiben auch weiterhin Tauschhandel, aber mit der Zwischenschaltung von Geld, das uns einen nicht abgeschlossenen Tausch ermöglicht. Der 10-Euro-Schein in meiner Tasche ist praktisch ein Schuldschein, der mir für eine  Leistung an irgendjemanden ausgestellt wurde. Dieser Schein soll mir garantieren, dass ich irgendwann von irgendjemandem eine Ware oder Leistung im selben Gegenwert beanspruchen kann.

Der Tausch, der mit meiner Leistung begann und mir den Schuldschein einbrachte, ist erst dann endgültig abgeschlossen, wenn ich diesen Schuldschein gegen eine Ware oder Leistung eintausche. Erst diese Zwischenschaltung des Geldes ermöglicht überhaupt unsere komplexe, arbeitsteilige Wirtschaft. Abhängig von meinen Bedürfnissen, kann ich mir für den zweiten Tauschvorgang, Geld gegen Wert, allerdings viel Zeit lassen. Daraus ergibt sich die dritte Hauptfunktion des Geldes:

Die dritte Eigenschaft: Geld ist Wertaufbewahrungsmittel.

„Eigentlich ist das ja sonnenklar und alle wissen das“, denke ich bei mir. „Verdammt!“, sagt hingegen mein arbeitsloser Freund, „da kommt man schon ganz schön unter Druck. Ist denn der Wert meiner Existenz tatsächlich so gering, dass ich als stigmatisierter Almosenempfänger nicht überleben können soll? Ist das jetzt Sozialhilfe, die ich beziehe, oder ist es nicht viel eher staatliche Wirtschaftsförderung? Schließlich bekomme ich von „der Wirtschaft“ nichts geschenkt, sondern meine notwendigsten Konsumausgaben werden vom Staat bezahlt! Das staatliche Sozialsystem garantiert „der Wirtschaft“ eine monatliche Einnahme in Höhe meines Arbeitslosengeldes.

„Da ist viel dran“, denke ich und muss dabei auch an die geplante Einführung der Sozialtransferkonten, die das Ausmaß des latenten Schmarotzertums aufzeigen sollen, denken.

Wir kennen jetzt zwar bereits drei wichtige Eigenschaften des Geldes, wissen jedoch immer noch nicht, was Geld eigentlich ist und wie es entsteht. Und von „der Wirtschaft“ wissen wir nur, dass sie wachsen soll.

Schon beim Stichwort „Rathaus“, weiter oben, fiel mir aber eine Erzählung meines leider viel zu früh verstorbenen Freundes, Gerhard Margreiter, ein. Er war Systemanalytiker und hat für die UNIDO und das IIASA (Internationales Institut für angewandte Systemanalyse) gearbeitet. Dem „Geldthema“ galt sein besonderes Interesse, seitdem er auf einer Konferenz über nachhaltiges Wirtschaften den Wachstumszwang kritisierte und er dafür von den anwesenden Ökonomen verlacht wurde. Die stellten nämlich lapidar fest: „Wirtschaft ohne Wachstum gibt es nicht“. Seither hat er sich die Fragen gestellt, warum das so sein sollte, was es ist, das wachsen soll und wie lange es wachsen muss und ist zu sehr beunruhigenden Erkenntnissen gelangt.

Eine seiner sehr einprägsamen Erzählungen sei nachstehend wiedergegeben:

Wie die Schildbürger 60 Jahre lang sehr fleißig und zu ihrem großen Schaden gearbeitet haben.

(von Gerhard Margreiter; 1997!)

Die Bürger von Schilda verließen ihre Stadt nur sehr, sehr selten. Einmal aber war der Stadtschreiber in die Hauptstadt gereist und als er zurückkam, schilderte er allen die Pracht und Herrlichkeit der großen Stadt und er wurde nicht müde, davon zu erzählen. Und er zeigte etwas vor, was in der Stadt Schilda noch nie jemand gesehen hatte: ein Geldstück. Er sagte immer wieder, dass diesem Geld ein Zauber innewohnte und, wenn man genug davon besäße, dann würde die Stadt dadurch schön und prächtig werden.

Die Bürger von Schilda hätten nun auch gerne eine schöne, prachtvolle Stadt gehabt. So fragten sie ihre Ratsherren, wie sie diesen Zauber „Geld“ erlangen könnten. Da diese es auch nicht wussten, schickten sie den Schreiber neuerlich in die große Stadt und über eine Weile kam er mit einem phantastisch gekleideten Mann zurück. Niemandem fiel auf, dass dieser etwas hinkte. Er hatte 1000 glänzende Geldstücke in seiner mitgeführten Truhe und machte dem Großen Rat ein Angebot. Er würde der Stadt die 1000 Geldstücke leihen, wenn man ihm erstens als Sicherheit für seinen Zauber zwei alte Häuser anbieten und ihm zweitens jedes Jahr 100 Geldstücke als Zinsen für seine Großherzigkeit geben würde. Sonst wolle er nichts.

Der Große Rat – gedrängt von den Bürgern – dachte nicht lange nach und stimmte zu. Ein Vertrag wurde unterschrieben und die 1000 Geldstücke wurden genommen. Der Große Rat gab nun dieses Geld für den Bau eines prachtvollen Ratshauses aus und alle hatten einen Verdienst und waren zufrieden. Die Geldstücke liefen auch bald in der Stadt hin und her, dass es eine Freude hatte und auch die Häuser der Bürger wurden prächtiger und schöner gebaut. Das neue Zaubermittel hatte wirklich große Kraft und jeder konnte es sehen. Schnell war ein Jahr um und die ersten 100 Geldstücke mussten dem fremden Mann als Zinsen überbracht werden. Um sie zu bekommen, führte der Große Rat eine Abgabe ein. Die Bürger sahen ein, dass so ein Zauber etwas kostet. Es wurden 100 Geldstücke gesammelt und dem Boten des phantastisch gekleideten Fremden übergeben. Jetzt waren nur mehr 900 Geldstücke in der Stadt.

Dasselbe geschah am Ende des zweiten, des dritten und auch des vierten Jahres. Aber mit jedem Jahr ließ die Kraft des neuen Zaubers etwas nach. Es waren jetzt nur mehr 600 Geldstücke in Schilda und auch die wurden nur mehr zaghaft ausgegeben.  Manche Bürger hatten ihre Geldstücke inzwischen in die Truhen gesperrt. Das Einsammeln der Zinsabgaben wurde immer schwieriger. Die Stadt wurde nicht mehr schöner und die Bürger begannen gegen die Ratsherren zu murren. Im fünften Jahr wurde es den Ratsherren schon sehr bang. Sie bekamen es mit der Angst vor dem Zorn ihrer Bürger zu tun und so sandten sie den Stadtschreiber zum fremden reichen Mann, um neuerlich Geld zu erbitten.

Dieser meinte, er hätte von dem früher geliehenen Gelde noch gar nichts zurück- bekommen und er verliere die Hoffnung, es jemals wieder zu sehen. Er müsse also jetzt zumindest eines der beiden Häuser anstelle der ersten 500 Geldstücke bekommen und das zweite in fünf Jahren – wenn der Rest dann nicht zurückgegeben sei. Unter dieser Bedingung würde er – großherziger Weise – wiederum 1000 Geldstücke leihen. Er verlangte auch dieses Mal 100 Geldstücke Zinsen für jedes Jahr und als Sicherheit das neue prächtige Rathaus. Die noch nicht bezahlten Zinsen für das fünfte Jahr wolle er gleich behalten.

Was blieb dem Großen Rat anderes übrig als zuzustimmen. Er bekam 900 neue Geldstücke, musste dieses Jahr bei seinen Bürgern keine Abgabe eintreiben, aber war verpflichtet in Zukunft 150 Geldstücke Zinsen zu zahlen. Es gab wieder Geld. Ab nun waren 1500 Geldstücke in Schilda. Mit den neu geliehenen 900 baute der Große Rat ein weiteres schönes Ratshaus. Wieder waren die Bürger von Schilda zuerst sehr zufrieden mit ihren Ratsherren und waren es nach fünf Jahren nicht mehr. Dann wurde wieder Geld geliehen. Da gehörte schon das zweite Haus und die Hälfte des ersten Ratshauses dem phantastisch gekleideten Fremden. So ging es lange Zeit weiter.

Nach sechzig Jahren waren es die Söhne und Enkel der einstigen Ratsherren, die feststellten, dass es in der Stadt gar keinen Platz mehr gab, auf dem sie noch ein neues Ratshaus hätten bauen können. Aber die Schulden waren immer noch nicht besiegt. Da beschloss der unedle Fremde, der nicht alterte, kein neues Geld mehr zu leihen und begab sich nach Schilda, um mit seinen Dienern die erworbenen alten und neuen Häuser zu bewohnen. Er ließ alle noch vorhandenen Geldstücke, die ja sein Eigentum waren, wieder einsammeln. Der Große Rat verlor seine Macht und die Bürger von Schilda mussten dem Geldherren von da an wie Sklaven 7 Tage in der Woche dienen.

So hatten die Bürger von Schilda mit sehr viel Fleiß viele Häuser und zwölf prächtige Ratshäuser gebaut. Ihr Fleiß hatte ihnen aber nichts gebracht. Schlimmer noch: Sie verloren alle Häuser und auch noch ihre Freiheit an den fremden Geldmann. Jener aber hatte alle Häuser und hatte all sein Zaubergeld ohne Verlust wieder an sich gebracht. Aber wir wissen ja alle, dass die Bewohner von Schilda sehr dumme Leute waren.

Nie war es einem der Ratsherren oder einem der Bürger in den Sinn gekommen, dass sie sich ihre Zaubergeldstücke auch selbst hätten schlagen können. Metall hätten sie genug gehabt.

Ist dies nun nur ein Märchen, oder gibt es vielleicht Beziehungen zur Realität?

Jedes Kind weiß heute schon, woher die Babys kommen. Bei der Frage nach der Herkunft des Geldes bleiben praktisch alle Erwachsenen die Antwort schuldig.

Ich habe dieses „Geldschöpfungsmärchen“ einmal einer Jugendgruppe erzählt. Die Jugendlichen haben sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich erinnere mich noch gut, wie einer mit leicht ungläubigem Unterton seine Erkenntnis zusammenfasste: „Das heißt doch, dass ich mich verschulden muss, um Schulden begleichen zu können!?“.

Wenn ich mir Kartoffeln ausleihe und meine Schuld auch wieder nur mit Kartoffeln tilgen soll, so kann ich mich, sogar inklusive eines „Mehrwert-Versprechens“, also der Zusage, mehr zurückzugeben als ich geliehen habe, darauf einlassen. Ich verwende einen Teil der geliehenen Kartoffeln als Saatkartoffeln und vermehre sie dadurch entsprechend. Die Natur macht das für mich.

Beim Geld gelingt mir das nicht. Wenn ich zwei Geldscheine übereinander lege, bekommen die niemals Junge. Wenn ich für geliehenes Geld meine Schuld samt Zinsen wieder nur in Geld tilgen darf, muss ich mich im Ausmaß der nicht erschaffenen Zinsen verschulden oder jemand anderer muss sich verschulden und lässt sich das Geld von mir abjagen. Zumindest ist mir nicht bekannt, dass Geld in der Natur vorkäme. Und dass Geld arbeitet, wie man das in manchen Hochglanzprospekten lesen kann, habe ich auch noch nie gesehen. Das müsste sehr heimlich vonstatten gehen.

Nicht nur in Schilda, sondern auch in unserem System, entsteht das Geld praktisch aus dem Nichts durch Kredit.

Unser Geld wird durch Kredit geschöpft und folgerichtig bei Kredittilgung wieder vernichtet.

Durch Arbeit entsteht kein Geld.

Zunächst wird ersichtlich: Durch Arbeit entstehen im Normalfall Werte. Güter und Dienstleistungen. Umgekehrt gilt: Geld ermöglicht Arbeit. Geld muss am Anfang jeder Arbeitsaufnahme stehen. Zinsen und Gewinn sind kalkulatorische Größen, die mit der Finanzierung nicht miterschaffen werden. Ohne dass andere sich in entsprechender Höhe verschulden, kann ich meine Produkte niemals mit Gewinn verkaufen und die Zinsen zu meinem Kredit gäbe es ebenfalls nicht.

Eigentlich sollte das klar sein. Ist es aber nicht, wie ich immer wieder feststellen muss. Da wird auf die Ebene der Betriebswirtschaft gewechselt, oder es werden die fehlenden Einnahmen aus Exporten zu erzielen versucht, oder aus Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, u.s.w. Nichts davon hilft, wenn man tatsächlich eine ausgewogene, friedliche, globale Gesellschaft anpeilen möchte.

Stellen Sie sich daher vor, wir hätten bereits eine globale Gesellschaft. Einen globalen Wirtschaftsraum, für den es kein „Außen“ mehr gibt. Einen einzigen globalen Binnenmarkt also. Wir starten jetzt das Wirtschaftsgeschehen mit einer Injektion von 1000 Mrd. (aus dem Nichts!). Die Marktteilnehmer haben sich euphorisch dazu bereit erklärt, 7,2 % Zinsen p.a. dafür zu bezahlen und den Kredit samt Zinsen nach 10 Jahren zu tilgen.

Nach zehn Jahren können wir mit Stolz auf all die Werte blicken, die geschaffen wurden. Ihr aufsummierter Wert übersteigt bei weitem die 1000 Mrd. (meine Schätzung würde auf mindestens 120.000 Mrd. lauten). Die Zinseszinsfunktion zeigt uns, dass nach 10 Jahren 2000 Mrd. in Geld fällig sind. Es sind jedoch immer noch nur 1000 Mrd. vorhanden. Treiben wir das Spiel wie in Schilda um weitere 10 Jahre weiter: Die ursprünglichen 1000 Mrd. werden im System belassen, für die fälligen Zinsen werden weitere 1000 Mrd. an Kredit gewährt, jedoch gleich einbehalten. Am Ende von 20 Jahren hätte dieser globale Wirtschaftsraum daher 4000 Mrd. Schulden und es wären immer noch nur 1000 Mrd. vorhanden. Wenn wir diese 1000 Mrd. zur teilweisen Schuldentilgung verwenden, ist sämtliches Geld futsch und wir blieben immer noch mit 3000 Mrd. Schulden über.

Verzinste Geldschulden können aus einem geschlossenen Wirtschaftsraum niemals von allen mit Geld getilgt werden.

Es ist dabei an sich belanglos, wer sich verschuldet. Ob Staat oder Privat oder beides, ist egal. Ausschlaggebend ist, dass sich das Gesamtsystem verschulden muss und dass die Schulden exponentiell anwachsen müssen.

Es ist daher absurd anzunehmen, die mittlerweile angehäufte Verschuldung aller Staaten könnte jemals mit dem vorhandenen Geld getilgt werden.

Jetzt wird vielfach eingewendet, dass das ja trotzdem gehen müsste, weil ich meinen Hauskredit doch auch zurückzahlen kann („nur der Staat kann nicht wirtschaften“) oder weil wir noch stärker exportieren könnten und dann das Geld aus dem Ausland bekämen. Ist das jedoch nicht nur eine Problemverschiebung? Mit einer Solidargemeinschaft hätte das auf jeden Fall nur wenig zu tun. Eher mit Kolonialismus, wie wir das unter der Bezeichnung „Entwicklungshilfe“ ohnehin seit vielen Jahrzehnten betreiben. Wir reichen unsere Schulden  weiter, so lange sich irgendjemand dazu bereit findet, sich darauf einzulassen.

Die Konstruktion der Geldschöpfung verhindert eine Solidargemeinschaft.

Das sollte natürlich längst erkannt worden sein. Allein von der EU habe ich schon lange nicht mehr gehört, dass das einmal eine Solidargemeinschaft werden soll. Viel öfter höre ich, dass wir selbstverständlich viel besser als die anderen sein müssten, weil wir im globalen Wettbewerb stünden. Kaum jemandem kommt in den Sinn, dass das permanenten Krieg auf unterschiedlichen Eskalationsstufen bedeuten muss. Was „Bessersein“ bedeutet wird ausschließlich an der abstrakten Zahl des BIP pro Kopf, des Bruttoinlandsprodukts, bemessen. Dass diese Zahl nur steigen kann, wenn auch die Verschuldung ansteigt, scheint nicht erkannt zu werden.

Ich glaube es war 2008, als unser Bundespräsident mit einer Wirtschaftsdelegation im Königreich Bhutan war. Die dortigen Wirtschaftsweisen waren erstaunt über unsere verbissene Jagd nach BIP-Steigerungen. Sie selbst würden einen Glücksindex zur Beurteilung der Wohlstandsentwicklung heranziehen. Es wurde uns diesbezüglich auch Entwicklungshilfe angeboten, die wir wohl leider abgelehnt haben dürften.

Schulden sind nicht gleich Schulden und Zinsen sind nicht gleich Zinsen.

Neulich habe ich mir für eine Taxifahrt 25 Euro ausleihen müssen. Ich versprach, am nächsten Tag 50 Euro zurückzuzahlen, was ich auch tat. „Nicht schlecht“, meinte mein Freund. „Da bekomme ich 100% Zinsen für einen Tag“. Es war ihm nur schwer beizubringen, dass das mit dem Urzins des Geldes nichts zu tun hatte. Sowohl seine 25.-, wie auch meine 50 Euro waren bereits existierendes Geld, für das sich andere verschuldet hatten und mir war diese wichtige Taxifahrt ganz einfach 50 Euro wert

Die öffentlichen Diskussionen der vergangenen Wochen und Monate sollten aber gezeigt haben, dass wir uns vorwiegend um die Staatsschulden sorgen müssen. Nicht um den Geldmangel in unseren Taschen. Sowohl am Times Square in New York, wie auch in Frankfurt und vielleicht auch anderswo, ticken die Schuldenuhren, auf denen man in Echtzeit den rasanten Schuldenanstieg verfolgen kann. Rund hundert Staaten haben weltweit mit dem Phänomen der zunehmenden Staatsverschuldung zu kämpfen. Nicht einmal die Schweiz fehlt da und wird in der Statistik mit einer Verschuldung von über 50% des BIP gelistet. Liechtenstein scheint allerdings nicht auf. Für heute, den 23. Mai 2010 um genau 18:41 habe ich für Österreich einen aktuellen Wert: 187.345.984.170.- (187,….Mrd. EURO!). Wenn Sie diese Zeilen lesen, wird sich die Schuld schon beträchtlich und sogar sprunghaft erhöht haben, weil hier das soeben beschlossene zweite Bankenrettungspaket zur Kompensation der uneinbringlichen Forderungen gegen Griechenland noch gar nicht aufscheint. Höchstwahrscheinlich wird das sogar in einer separaten Buchhaltung geführt, damit es die Menschen nicht noch mehr verunsichert. Schulden wären es trotzdem. Dieser offizielle Schuldenstand enthält auch nicht die Schulden der ausgelagerten „Zweckgesellschaften“, deren Zweck darin besteht, Staatsschulden zu verschleiern.

Aus dem Vorangegangenen sollte ersichtlich geworden sein, dass mit jeder Schuld zugleich ein gleich hohes Guthaben entsteht. Vielleicht sollten wir, um uns originell von den anderen zu unterscheiden, eine Guthabensuhr installieren. Vielleicht beim Finanzamt!? Aussagewert und Zahlen wären haargenau gleich, wichtig wäre allerdings die Unterscheidung von Inlands- und Auslandsschulden! Wir sind leider zu über 70% im Ausland verschuldet und damit sehr von „den Märkten“ abhängig geworden, während z.B. Japan, das eine offizielle Verschuldung von sogar 154% des BIP aufweist, nur zu rund 7% im Ausland verschuldet ist. Wie auch immer. Mittlerweile kann man aus globaler Sicht in grober Annäherung sagen: Die Schulden der Staaten sind die Guthaben der Privaten.

Offensichtlich aufgrund dieser Überlegung hat bereits vor vielen Jahren ein Tiroler Arzt den Vorschlag gemacht, es solle doch jeder Staatsbürger den auf ihn entfallenden Anteil dem Staat zur Verfügung stellen (derzeit 25.049 EURO vom Säugling bis zum Greis), notfalls mit Kredit(!) und sich um die Abarbeitung dieses Kredits bemühen. Dann wäre das Problem Staatsschuld aus der Welt geschafft. Die Segnungen des Geldes aber wohl auch. Ein absurder Vorschlag also, dessen Absurdität damals nur sehr zögerlich eingesehen wurde. Was die Politik natürlich versuchen muss und es auch – mit wenig Aussicht auf Erfolg – versucht, ist die Auflösung der Guthaben zu betreiben. Bei Kleinsparern und Normalbürgern kann das noch ganz gut gelingen, da sind die Guthaben (=Forderungen) schnell weg. An den großen Gläubigern dürfte sich der Staat allerdings die Zähne ausbeißen.

Lucius Cornelius Sulla, Feldherr und Diktator, hat das Problem einst auf sehr kreative Art gelöst (rund 85 v. Chr.). In der als Proskription bezeichneten Aktion hat er die Geldvermögensbesitzer einfach köpfen lassen und ihre Forderungen gegen den Staat als nichtig erklärt. Weg waren die Schulden. Aber so etwas sollten wir besser nicht wollen.

Guthaben, die erfreulichen Zahlen auf unserem Konto, haben also die unangenehme Eigenschaft, dass ihnen stets Schulden gegenüberstehen müssen. Guthaben sind auch kein Geld im eigentlichen Sinn, sondern nur Forderungen auf Geld. Guthaben sind nur Zahleneinträge auf Konten. Wir haben uns allerdings daran gewöhnt, diese Forderungen auf Geld wie Geld zu benützen. Wir vertrauen darauf, dass wir diese positive Zahl auf unserem Konto jederzeit in Geld tauschen könnten. Auch unsere Lieferanten und Gläubiger sind meist mit so einem positiven Zahleneintrag auf deren Konto zufrieden zu stellen. Wir sagen dann, wir hätten das Geld überwiesen. In Wahrheit haben wir jedoch nur unsere Forderung auf Geld gegenüber der Bank an sie übertragen. Vertrauen spielt beim Geld also eine große Rolle. Hand aufs Herz. Wann haben Sie zuletzt überprüft, ob ihnen die Bank ihr Guthaben in Geld auch wirklich geben kann? Ein misstrauischer Ölscheich soll sich einmal 100 Millionen Pfund haben vorzählen lassen, um diese dann wieder zufrieden und beruhigt auf sein Konto einzuzahlen.

Unter großem Aufwand wurde das Geld von der Notenbank herangekarrt. Die kurzzeitige Ausleihung, um den Vertrauensbeweis anzutreten, hat die englische Bank damals rund 10.000 Pfund gekostet. Das konnte sie dem Ölscheich nicht einmal sagen, sonst hätte sie ein wohlbehütetes Geheimnis der Geldschöpfung verraten.

Durch die Industrialisierung und zuletzt durch die Entdeckung der Halbleiter, aus denen sich die ganze Computerisierung und Automatisierung entwickelte, hat es nie zuvor Generationen gegeben, die es zu solchem Wohlstand gebracht haben. Eine wesentliche Rolle spielte dabei natürlich auch der in unseren Breiten lang anhaltende Waffenstillstand. Bereits geschaffene Werte blieben erhalten und mussten nur fallweise aufgefrischt, aber nicht gänzlich neu geschaffen werden. Wir leben in einer sagenhaften Epoche. Das sollte uns bewusst sein.

Immerhin muss bei uns eigentlich niemand mehr verhungern, wir können unseren Sexualtrieb ausleben und die Geburten regulieren, wir haben enorm viel Freizeit, mit der viele gar nichts mehr anzufangen wissen, wir haben uns durch unseren Erfindungsreichtum von stupider und schwerer Arbeit befreien können und wir empfinden uns auch im politischen Sinne als freie Bürger, auch wenn das in letzter Zeit ein wenig ins Wanken zu kommen scheint. Dass dieses grandiose Bild unserer Epoche nicht für alle zutreffend ist, versteht sich von selbst (Um die Schieflage der Vermögensverteilung aufrecht zu erhalten, werden besonders die ärmeren Schichten – weil sie ja doch die Mehrheit stellen – zu Solidaritätsleistungen und Verzicht gezwungen. Derzeit noch gewaltfrei). Ich bin aber überzeugt, dass künftige Historiker die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als besonders glückliche Phase der Menschheit beschreiben werden. Nun aber scheint es irgendeinen Knick in der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu geben.

Wir sind so reich – und haben kein Geld!

So schaff’ es denn“, riet Mephisto dem Kaiser in Goethes Faust, der mit dem analogen Problem zu kämpfen hatte. Offensichtlich haben „unsere Kaiser“ diesen Rat aber bis heute missachtet. Sonst wären sie nicht so hoch verschuldet.

In meinem Beispiel mit dem globalen Binnenmarkt habe ich ganz locker von einer „1000 Mrd. Injektion“ gesprochen, aber nicht dazu gesagt, wer denn diese „Injektion“ geben darf. Nicht der Staat darf das nämlich, sondern nur eine Geschäftsbank! „Die Kaiser“ haben das Recht zur Geldschöpfung leichtfertig an die Banken abgetreten und der Weg in die totale Verschuldung nahm damit seinen Lauf.

Das Notenbankgeld, das uns Bürgern einen staatlichen Ursprung vorgaukelt, hat vorwiegend einen vertrauensbildenden Charakter, verliert jedoch, wie ich weiter oben zu erklären versuchte, immer mehr an Bedeutung. Wir verwenden ja Zahlen im Computer anstatt Geld. Wir verwenden Forderungen auf Geld zur Schuldentilgung, weil wir davon ausgehen können, dass das allgemein als Zahlung anerkannt wird.

Geld gibt es heute jedenfalls nur, wenn Bankschulden gemacht werden. Die Geschäftsbanken bestimmen heute über die realwirtschaftlich wirksame Geldmenge.

Eigentlich erwarte ich jetzt den vehementen Einwand, dass das mit dem Geldmangel doch nicht stimmen kann, wo sich doch so sagenhafte Geldguthaben auf den Konten der fleißigen Sparer angesammelt haben. Dieser Einwand ist grundsätzlich richtig. Tatsächlich aber wirken diese Geldguthaben noch zusätzlich Problem verschärfend, denn sie bewegen sich nicht. Geld, das sich nicht bewegt, ist jedoch nutzlos. Dennoch ist Sparen als hohe Tugend in den Köpfen der Menschen ganz fest verankert und nicht umsonst hat das Geld auch eine Wertaufbewahrungsfunktion.

Josef Taus, Industrieller und ehemaliger Spitzenpolitiker, hat sich einmal sehr klug zu diesem Thema geäußert. Er meinte (sinngemäß), dass es fatal ist, dass sich der in früheren Zeiten verständliche Vorsorgegedanke, als es darum ging über den nächsten Winter zu kommen, auf das Geld übertragen hat.

In der durchgehend mit einem irrwitzigen Geldwesen monetarisierten Welt, in der wir leben, bedeutet Sparen ein völlig sinnloses Horten von Zahlungsmitteln. Warum wir dennoch mit dem Spargedanken aufwachsen liegt offensichtlich daran, dass die Zahlen im Computer, im Unterschied zu eingelagerten Lebensmitteln, nicht „verderben“. So meinen wir zumindest und werden derzeit immer noch in unserer Meinung bestärkt.

Was es damit für eine Bewandtnis hat, möchte ich mit der folgenden „LKW-Parabel“, die ebenfalls auf Gerhard Margreiter zurückgeht, darstellen:

Wir haben ein irrwitziges Geldwesen

Wirtschaft ist ein duales System, bei dem auf der einen Seite Leistungen erzeugt und verkauft werden und auf der anderen Seite eine gewisse Geldmenge existiert – und vor allem zirkuliert! Geld, das sich nicht bewegt, hat keinen günstigen Einfluss auf die Wirtschaftstätigkeit. Geld hat also durchaus den Charakter eines Transportmittels und kann daher mit einer LKW-Flotte verglichen werden, die Waren bewegt. Zwar bewegt sich Geld immer genau in die andere Richtung als die Waren, aber seine Beihilfe ist im Normalfall absolut erforderlich.

In alten Zeiten war es äußerst schwierig dieses Transportmittel „Geld“ neu zu gewinnen, weil Geld mit Gold, Silber oder Kupfer identifiziert wurde. Es musste durch Bergbau oder Raubzug beschafft werden. Auch Alchemisten wurden immer wieder zur Geldneugewinnung beschäftigt.

Unter diesen Voraussetzungen war es nur allzu verständlich, dass sich die Praxis einstellen konnte, dass jemand eine Leihgebühr dann verlangen durfte, wenn er dieses Transportmittel „Geld“ für eine Zeit verlieh und es jemand anderer zu Gewinnzwecken benutzte. In den Köpfen hat sich daher die Erwartung eingenistet, dass man für nicht benutztes, verliehenes Geld, Zinsen zu bekommen hat.

In den letzten 300 Jahren haben aber verschiedene Erfindungen bewirkt und seit gut 60 Jahren ist es auch praktisch so, dass die Gelderzeugung nicht mehr an die Metallgewinnung gebunden ist. Das Erzeugen von Geld bietet heute keinerlei Schwierigkeit mehr. Das gilt sowohl für Papiergeld als auch noch viel mehr für das immer bedeutsamere „Buchgeld“ der Finanzinstitutionen.

Die Banken ziehen nun enormen, ungerechtfertigten Nutzen aus dieser völlig neuen Gelderzeugungsmethode und der weiter bestehenden Meinung, dass Geldbesitz Zinsen bringen müsse. Es hat sich ein wahrhaft irrwitziges System herausgebildet.

Banken hatten an und für sich die Aufgabe, überschüssiges Geld einzusammeln und an Interessenten weiterzuleiten. Es ist durchaus berechtigt, dass hiefür eine Vermittlungsgebühr berechnet wird. Die Menschen werden nun immer noch in dem Glauben gelassen und darin bestärkt, dass das Sparen von Geld etwas sehr Nützliches und Gewinnbringendes sei.

Das ist aber nur dann richtig, wenn das gesparte Transportmittel „Geld“ auch tatsächlich von einem anderen Wirtschaftstreibenden benutzt wird. Das ist aber heute nicht mehr der Fall! Wenn wir im Vergleich bleiben, wird das gesparte Geld, bzw. der zur Bank gebrachte LKW heute nicht mehr tatsächlich weiter verliehen, sondern er wird nur bei der Bank geparkt (sehr oft hört man ja auch von geparktem Geld).

Die Bank verleiht nicht den übernommenen LKW, sondern fabriziert rasch einen neuen (das darf die Bank heute und es ist keinerlei Problem) und verleiht diesen. Wird dieser verliehene LKW wieder zurückgebracht, dann wird er auch gleich wieder vernichtet. Ein Teil der Leihgebühr wird von der Bank an die Besitzer der geparkten LKW weiter gegeben (Habenzinsen), was es attraktiv macht, seine LKW in die „Bankgarage“ zu stellen, anstatt sie zu benutzen. Dort bekommt man Geld dafür, anstatt Parkgebühr bezahlen zu müssen. Diese Attraktion führt im Laufe der Wirtschaftsentwicklung natürlich dazu, dass mehr und mehr LKWs in die Bankgarage gestellt werden von Leuten, die zwar einen haben, es aber unter den Umständen uninteressant finden, ihn zu benutzen.

Das System kann aber sicher nur stabil bleiben, wenn zumindest für jeden geparkten LKW ein neuer dauerhaft geschaffen wird. Eine stabile Wirtschaft setzt eben voraus, dass auch die benutzte Geldmenge (LKW-Flotte) stabil bleibt. Das Parken von LKWs wird nur dadurch ausgeglichen, dass jeweils genügend viele Leihewillige vorhanden sind, die neu geschaffenen LKWs zu mieten. Hiefür gibt es aber keine Garantie und erfahrungsgemäß treten in der Wirtschaft immer wieder Rezessionen auf, die dadurch gekennzeichnet sind, dass zuwenig Geld (LKWs) ausgeliehen wird (zuwenig Investitionen stattfinden – sagen die Ökonomen).

Die Banken haben nun aber in dieser Situation nicht das getan, was getan hätte werden müssen, nämlich dafür zu sorgen, dass etliche der geparkten LKWs wieder zu fahren beginnen, sondern sie haben eigennützig nach dem Staat gerufen. Der sollte die Abwärtsentwicklung stoppen und als Kreditnehmer (LKW-Ausleiher) auftreten und damit „die Wirtschaft“ (- das Geschäft der Banken -) retten.

Den Politikern, die in der Regel von Wirtschaft nichts verstehen und schon gar nichts von den Geldmechanismen, wurde wegen der steigenden Arbeitslosigkeit angst und bange und sie sind freudig auf das Angebot der Banken eingegangen, dem Staat Geld (neu geschaffene LKWs) zu leihen und dieses (diese) nicht zurück zu verlangen, wodurch die eigentlich fällige Maßnahme einer deutlichen Senkung der Habenzinsen (Verringerung der Geldmiete) unterbleiben konnte. Die geparkten LKWs sind in der Garage geblieben und ihre Besitzer konnten weiter höhere „negative Parkgebühren“ kassieren. Der normale Marktmechanismus hätte in dieser Situation dafür sorgen müssen, dass die Leihgebühr zurückgeht. Der Marktmechanismus wurde hintenherum unterlaufen.

Das Parken von Geld hat für die Wirtschaft keinerlei Vorteil. Es braucht heutzutage nichts gespart zu werden. Das für eine vielleicht erwünschte Aufwärtsentwicklung benötigte zusätzliche Geld kann sofort ganz einfach erschaffen werden.

Mittlerweile ist in Österreich durch die Prolongierung des unsinnigen Systems sechsmal so viel Geld geparkt, als sich im Umlauf befindet. Die Sparer haben unentwegt Geld in die Garage gestellt und der Staat hat laufend von der Bank neu geschaffenes Geld ausgeliehen. Der „Parkplatz“ ist übervoll. Wer soll nun all die „negativen Parkgebühren“ bezahlen, wenn sich der Staat jetzt auch zurückziehen will? Zu glauben, dass man hier noch etwas konsolidieren könnte, ist reinstes Wunschdenken.

Entweder die geparkten LKWs setzen sich in Bewegung oder sie werden verschrottet werden müssen (siehe: Proskription).

Zum Glück habe ich dieses Problem mit der „Parkplatzsuche“ ja nicht und mir kann niemand vorwerfen, die Staatsschulden nach oben zu treiben. Ich bin auch überzeugt, dass sich zumindest 80% der Bevölkerung als ähnlich volkswirtschaftlich harmlos erweisen. Hingegen bin ich ganz sicher, dass die restlichen 20% und davon wieder besonders die oberen 20% gar nicht wissen, wie sie mit ihrer betriebswirtschaftlichen Cleverness den Staat ruinieren. Zugleich sind es genau jene 20%, die stets lauthals eine Schuldenreduktion des Staates einfordern.

Erst gestern habe ich auf dem Sender „Phönix“ eine Diskussion mit internationalen Wirtschaftsredakteuren verfolgt. Die Wortspenden drehten sich ausschließlich darum, ob sich der deutsche Staat mehr ausgabenseitig oder mehr einnahmenseitig sanieren sollte. Ob sich ein hoch verschuldeter Staat überhaupt sanieren könnte, wurde nicht in Frage gestellt. Auch die nahe liegende Frage, welche Staaten denn nicht verschuldet sind, wurde nicht gestellt.

Als kritischer Leser wissen Sie jetzt bereits, dass sich der Staat unter den gegebenen Bedingungen überhaupt nicht retten kann und immer schneller in die perfekt aufgestellte Schuldenfalle laufen muss.

Wenn nun die Bedingungen, zu denen sich Staaten frisches, aus dem Nichts geschöpftes Geld von „den Märkten“ ausleihen müssen immer unannehmbarer werden, ergibt sich die vierte Eigenschaft des Geldes

Die vierte Eigenschaft: Geld ist (in unserem System) Machtmittel.

Die Macht ergibt sich durch die widmungswidrige, weil in privater Hand befindliche, Erzeugungsart des Geldes. Seine Wohlstand schaffende Tauschmittelfunktion wird durch Hortungsanreize unterbunden. Die Vorenthaltung von Geld ist das wirksame Prinzip dessen Machtfunktion.

Abgesehen von militärischer Gewalt, kommt in einem monetaristischen System, in dem Geld ein Über-lebensmittel ist, einem verfehlten Geldschöpfungsmechanismus der auf Verschuldung beruht, die höchste Machtfülle zu.

Nun werden von den Staaten die berüchtigten Sparpakete geschnürt. Es werden also weniger neu geschaffene „LKWs“ angemietet, wodurch sich der „Transport“ von Waren und Dienstleistungen zwangsläufig verlangsamen wird. Um diesen Effekt zu dämpfen, wird der Staat versuchen, die „geparkten LKWs“ wieder auf die Straße zu zwingen, was zwar gewiss notwendig wäre, aber in der Gesellschaft stark destabilisierende Wirkung haben wird. Zwang ist ja keine Kategorie einer Demokratie.

Niemand, der sehen will, wird heute noch übersehen können, dass sich die Politik zum   Erfüllungsgehilfen eines absurden Geldschöpfungssystems erpressen ließ und ihrerseits, aus eigenem Überlebenstrieb, die Bevölkerungen jetzt unbarmherzig mit gesamtgesellschaftlich abträglichen, widersinnigen und unnötigen Maßnahmen konfrontiert und eine friedvolle Weiterentwicklung des Wohlstands unterbindet. Trotz aufrechten, untadeligen Bemühens, das ich jedem einzelnen Politiker konzedieren möchte, hat sich „die Politik“ als Institution hilflos an private Geldgeber ausgeliefert. Die bekannt dummen Bürger von Schilda hätten es nicht besser machen können und ich vermute, dass ein hoher Anteil der Volksvertreter in allen Parteien aus Schilda stammt. Von Demokratie sind wir jedenfalls meilenweit entfernt, denn: Demokratie ohne demokratisches Geldsystem ist undenkbar!

„Der Staat sind wir!“ riefen die DDR-Bürger 1989, bis endlich die Mauer fiel. Auch dieser Artikel soll dazu beitragen, das Selbstbewusstsein der Menschen zu stärken. Erst aus den Erkenntnisprozessen über das zwangsläufige Versagen unseres Geldsystems werden sich gemeinwohlorientierte Veränderungen ergeben können, die dann auf Einsicht und Vernunft der Bevölkerung beruhen. Der Staat darf keine Verschuldung eingehen müssen. Um ihm das zu ermöglichen, müssen wir ihm aber das Recht der Geldschöpfung zurückgeben!

Die heute an uns gestellten Anforderungen dienen jedoch allesamt der Aufrechterhaltung der zentralen Systemsteuerung: Der Art und Weise der Geldschöpfung. Unser individuelles Verhalten hat sich vorrangig daran zu orientieren und gerät dadurch sehr schnell in eine Gegenposition zu gesellschaftlicher Vernunft. Gerne würden wir unsere Entscheidungen derartig ausrichten, wie es uns schon Laotse oder Kant und andere nahe gelegt haben – wenn es das bestehende System bloß zuließe!

Dass wir die heutige Art der Geldschöpfung durch private Geschäftsbanken als Dogma anerkennen, dass wir also meinen, das müsse so sein, hat schwerwiegende Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Da steckt geballter Sprengstoff drinnen, der alle unsere Lebensbereiche bedroht und dadurch unser zwischenmenschliches Verhalten in abträglicher Weise beeinflusst. Die heutige Geldschöpfungsart verleiht dem Geld erst die Funktion eines Machtmittels, und erpresst geradewegs die Entstehung gesellschaftlich unerwünschter Ausprägungen.

Die Entwicklung entspricht dem Verlauf einer Exponentialfunktion und ist in der Anfangsphase, die mit jeder Währungsreform neu beginnt, gnädig unauffällig. Nach spätestens rund 60 Jahren jedoch erfährt diese Kurve einen steilen Anstieg und vermag ganze Staaten zum Absturz zu bringen. Der unbegründet und freiwillig akzeptierte Zwang, der von dem Dogma der Gelderzeugungsart ausgeht, hat bereits in den vergangenen 25 Jahren dazu geführt, dass sich die Staaten von ihrer Gemeinwohlverpflichtung verabschiedet haben. Politik ist heute mit Politischer Ökonomie gleichzusetzen. Staaten werden als Unternehmen betrachtet, die im gegenseitigen Wettstreit liegen und sie verlieren dadurch ihre politische Legitimierung.

Man kann es drehen und wenden wie man will; alle, wirklich alle Problembereiche, die Politik und Bevölkerung beschäftigen, haben ihren Lösungskern im gut behüteten Dogma der Geldschöpfungsart. Fast könnte man meinen, es ist der von Archimedes gesuchte Punkt, mit dem man die Welt aus den Angeln heben könnte. Genauso gut könnte man aber von diesem Punkt aus auch den Zusammenhalt und die Heilung der Welt bewirken. Das sollten wir tun.

Über den Autor:

Dr. Günther Hoppenberger (Jg. 1944), Wien. Chemiker und Exportkaufmann, Lehrer. Im Osteuropageschäft für multinationale Chemiekonzerne tätig, konzessionierter Gastwirt, Logotherapeut und Mediator. Das besondere Interesse an „Verstärkung psychischer Leiden durch die Ökonomie“, führte zur intensiven Beschäftigung mit dem Geldwesen.