DIE VERGESSENE FRAGE NACH DEM “WOFÜR”

Wenn ich mir so die Themen anschaue, die uns von der Politik in Form von Inszenierungen und in angeblich zeitgemäßen Talkshows präsentiert werden, dann lassen sie sich zu drei Blöcken zusammenfassen: Wirtschaft, Sicherheit und Demokratie. Dabei steht „die Wirtschaft“ als zentrale Wertorientierung im Mittelpunkt der Erörterungen, wohingegen Sicherheit nur als Sicherheit für „die Wirtschaft“ verstanden wird und demokratische Belange nur in dem Ausmaß Eingang in die öffentliche Diskussion finden, als es um gesetzliche Rahmenbedingungen für die Absicherung der Wirtschaft geht.

„Die Wirtschaft“ wird uns als abstraktes System präsentiert, das berechtigt ist, Forderungen an uns zu stellen, ja selbst Opfer abzuverlangen und sofern sich politische Entscheidungen als positiv für „die Wirtschaft“ erweisen, dürfen diese schon auch einmal außerhalb demokratischer Spielregeln getroffen werden.

Die Frage nach einem „Wofür“ der wirtschaftlichen Aktivitäten stößt heute auf mitleidvolle Verständnislosigkeit. In der Aufbauphase nach dem Krieg gab es für die Wirtschaftsbetriebe noch die unterschiedlichsten Aufgabenstellungen, die in ihrer Gesamtheit auf die gesellschaftliche Entwicklung ausgerichtet waren. Nicht zuletzt durch den großen Nachholbedarf und dem damit verbundenen Wachstumspotential konnten diese einzelwirtschaftlichen Aufgaben lange Zeit auch mit einem über den gesellschaftlichen Gewinn hinausgehenden Geldgewinn für alle erfüllt werden. Zunehmende Sättigung und wachsender Konkurrenzdruck ließen die Nachfrage nach Aufgabenerfüllung zurückgehen und damit gingen auch die Möglichkeiten für Geldgewinne zurück. Jetzt ging es mehr und mehr um das wirtschaftliche Überleben und zu erfüllende Aufgaben waren kein Thema mehr. Heute gibt es einen einzigen Unternehmenszweck für alle Betriebe: „Making money“. Die meist selbstgestellten, vielfach auf menschliche Schwächen spekulierenden Aufgaben, durch die dieses Ziel der Geldmehrung erreicht werden soll, werden längst nicht mehr hinsichtlich eines gesellschaftlichen Beitrages bewertet und selbst schädliche Auswirkungen müssen für das eine große Ziel in Kauf genommen werden. Oft sind es erst die angerichteten Schäden an Menschen und Umwelt, die weitere Möglichkeiten für eine Geldmehrung bieten. So wird die Zunahme von notwendigen Umweltschutzmaßnahmen als neuer Wachstumsmarkt ebenso bejubelt, wie die steigende Notwendigkeit zur psychologischen Betreuung von Menschen als qualitatives Wachstum gewertet wird.

Der Wandel von der Schaffung von Werten, zur Schaffung von Geldwerten wurde von uns leidenschaftlich betrieben – und hat tatsächlich unsägliches Leiden geschaffen. Die ehemalige Erfolgsgeschichte unseres Wirtschaftssystems beruhte dabei auf der Modellannahme eines nimmersatten, egoistischen Menschen mit unendlichen Bedürfnissen. Nun, dieses Menschenbild, das sich in Phasen von Hunger, Krieg und Entbehrungen geradezu aufdrängte, scheint heute ausreichend widerlegt zu sein. In zunehmendem Maße beschäftigt die Menschen heute die Sinnfrage und es scheint sich das Menschenbild der Logotherapie, der sinnzentrierten Psychotherapie nach Viktor E. Frankl, als das geeignetste Modell unserer Epoche zu erweisen. Es könnte damit nicht nur ein neuer Kristallisationspunkt zur Ausrichtung unseres Denkens skizziert sein – eine Erleichterung für das so oft wie auch vergeblich geforderte Umdenken – sondern die aktuellen Probleme, die sich ja eigentlich nur aus dem dogmatischen Festhalten an einem überkommenen Menschenbild ergeben, würden sich rückblickend dann als eher skurril ausnehmen.

Es würde hier zu weit führen, das Menschenbild der Logotherapie eingehend zu behandeln. Sträflich vereinfachend könnte man es jedoch folgendermaßen zusammenfassen: Die eigentliche Motivationskraft des Menschen als geistigem Wesen, ist sein Wille zum Sinn. Der Mensch will sein Leben durch Verwirklichung von Werten sinnvoll gestalten und er kann – wie mit ihm auch ganze Gesellschaften – erkranken, wenn dieser Wille zum Sinn systematisch und nachhaltig frustriert wird.

Unsere bestehenden Strukturen, die auf ein hedonistisches, raff- und machtgieriges  (utilitaristisch-monetaristisches) Menschenbild ausgelegt sind, bergen ein hohes Frustrationspotential in sich. Nun könnte man sich fragen, was denn die Menschen daran hindert, sich an einem anderen Menschenbild auszurichten und es ist schon richtig, daß man den Strukturen nicht die Alleinschuld für den Verlust der Sinnorientierung zuschieben darf, um so mehr, als wir selbst ja an der Verfestigung dieser Strukturen mitgewirkt haben. Dennoch gibt es Regeln, nach denen wir zu leben trachten, die nicht nur nicht erfüllbar sind, sondern die auch zugleich das höchste erpresserische Potential beinhalten, mit dem wir dazu (auch durch unsere eigene, fehlgeleitete Überzeugung) gezwungen werden, so zu tun, als wäre Unerfüllbares doch erfüllbar. Es sind die Spielregeln unseres Geldes. Es sind diese unerfüllbaren Spielregeln, die zugleich das höchste Atout zur fremdbestimmten Lenkung unseres Handelns darstellen, und es sind diese Regeln, die alle Träume von einer besseren Welt letzten Endes zunichte machen.

Der Mißbrauch der – wenngleich vielfach unbewußt – von Solidarität, Frieden und Gerechtigkeit träumenden Menschen zu rivalisierenden, von Eigeninteressen geleiteten Konsumenten, kann offensichtlich am besten über die bestehenden Spielregeln des Geldes erfolgen. Längst hat besonders die Freiwirtschaftsbewegung  diesen pathogenen Systemfehler erkannt und ist unermüdlich bemüht, sowohl Analyse, wie auch Therapievorschläge unter den Menschen zu verbreiten. Daß diesem Bemühen immer noch kein durchschlagender Erfolg beschieden war, scheint mir einerseits auf die Machtverhältnisse zurückzuführen zu sein (Es besteht ja durchaus Interesse an mißbrauchbaren Menschen. Es wurde bloß der Begriff „Sklaverei“ abgeschafft, nicht aber der Mißbrauch an Menschen und ganzen Gesellschaften!), andererseits aber auf das Fehlen eines konsistenten, lebbaren Menschenbildes, auf das die freiwirtschaftlichen Vorschläge für eine neue, gerechte Ökonomie bezogen sind.

Ich plädiere daher für die Einführung des Begriffes „Logo-Ökonomie“ für eine sinnzentrierte Ökonomie, die die Menschen an ihrem ureigensten Willen zur Werteverwirklichung anspricht (Vom Neo-liberalismus zum Logo-ökonomismus). Zugleich sollte eine Verbreitung des für alle Konfessionen gleichermaßen verträglichen Menschenbildes der Logotherapie erfolgen, auf das nicht nur die individuellen, sondern auch alle wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen zu beziehen sind. Bei solchem Bezogensein rückt nicht nur das „Wofür“ (Werteverwirklichung) wieder in den Vordergrund, sondern es schließt sich sofort die Frage nach dem  „Womit“ an, und  öffnet dadurch erst die Herzen für das Verständnis bestehender Systemfehler, wie auch die Kreativität in Hinblick auf neue Wirtschaftskonzepte geweckt würde. Dem kollektiven, neurotischen, selbstverstärkenden Machtzyklus des Monetarismus ist also nur mit der therapeutischen Zange (V.E.Frankl) beizukommen; es gilt, ihn sowohl bei den Regeln des Geldes, wie auch beim Menschenbild aufzuknacken, um eine neue Dynamik in Richtung nachhaltiger  menschlicher Entwicklung zu erzielen – und wollen wir das denn nicht alle?