Die Finanzierbarkeit der Pensionen ist in Vorwahlzeiten stets ein heißes Thema

Es ist nicht verwunderlich, dass es unterschiedliche Blickwinkel gibt, aus denen über die angebliche Unfinanzierbarkeit der Pensionen fabuliert werden kann. Das Thema hat erstens einen hohen gesellschaftspolitischen Stellenwert und es lässt sich zweitens hervorragend zu einer parteipolitischen Aufspaltung der Bevölkerung immer wieder aus dem Hut zaubern. Vor allem in Vorwahlzeiten.

Nun würde es natürlich zutiefst dem ökonomisch geprägten Zeitgeist widersprechen, auch einmal über die Finanzierbarkeit der Kinder und Jugendlichen zu reflektieren. Das gehört bekanntlich nicht hierher. Über die Kosten für Bildung zu reden und über Chancen für eine sinnstiftende Einkommensbiographie im Einklang mit weitgehender Selbstverwirklichung, über die Kosten für Anleitungen zu gesellschaftsfähigem Auftreten, zu friedensfähigen Lebenshaltungen, bis hin zu den Kosten für Wohnsituationen, die solche Verhaltensformen fördern könnten, oder zumindest erleichtern.

Wie bereits gesagt: Das gehört nicht hierher. Es geht um die Pensionen. Nun hat sich dazu seit der Steinzeit ein System bewährt, das die Altersschichtung der Gesellschaft im Kontext der jeweiligen Epoche berücksichtigt. Junge, Arbeitsfähige und Alte. Freilich, die Relationen der Zugehörigkeitszeit verschoben sich im Lauf der Jahrtausende. Vielleicht von 12-20-5 bis zum ungefähren heutigen Stand von 30-30-30. Vom Konsumenten, über die Zeit als Prosument und wieder zum zunehmend hilfsbedürftigen Konsumenten.

Immer schon war also die Gesamtheit einer Bevölkerung Konsumenten und nur ein Teil davon war physisch in der Lage, auch die nötigen Produkte hervorzubringen. Zweifellos wurde mit abhängigen Jungen und hilfsbedürftigen Alten nicht immer so zimperlich umgesprungen, wie wir das heute, zumindest in der so genannten zivilisierten Welt als normal empfinden. Bei Ernteausfällen und Notzeiten ließ man schon auch einmal die Alten verhungern, oder befreite sich vom Nachwuchs (Hänsel und Gretel). Zeiten des Mangels, wenn der Natur nicht mehr ausreichend Nahrung für alle abgerungen werden konnte, prägten immer schon sehr stark die kulturelle Entwicklung der Menschheit – und gar nicht immer zum Schlechtesten.

Die Entwicklung der westlichen Kultur hat jedenfalls zur weitverbreiteten und dennoch irrigen Meinung geführt, dass wir heute nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern ausschließlich von Geld leben. Damit sind den spekulativen Berechnungen unter Einbeziehung demoskopischer Trends Tür und Tor geöffnet. Josef Taus, ehemaliger Vizekanzler und Industrieller, fasste das einmal sehr treffend zusammen: „Die Tragik unseres Systems liegt darin, dass der Vorsorgegedanke früherer Zeiten, auf das Geld übertragen wurde“. Wenn es nichts zum Beissen gibt, nützt aber noch so viel Geld auch nichts.

Durch Erfindungsreichtum, technologische Entwicklungen – und nicht zuletzt durch Landraub in anderen Kulturen, obzwar das ökonomisch verbrämt als Hilfe „für Die da“ dargestellt wird – hat „der Westen“ das Problem einst periodisch auftretenden Mangels überwunden. Wir leben in einer Epoche des Überflusses und wissen gar nicht wohin mit all den Erzeugnissen (weshalb wir notleidenden Interessenten Kredite aufdrängen, damit sie unsere Produktion kaufen können, und die Handelsrouten zu den von uns beanspruchten Rohstoffen der Welt, sind militärisch auch bestens gesichert. Das ist aber tatsächlich ein anderes Thema).

Doch zurück zu den Pensionisten. Wenn ich sagte, dass die Gesamtheit einer Bevölkerung Konsumenten sind, dann ist es das, was in der Ökonomie als „Markt“ bezeichnet wird. Jener Bevölkerungsteil, der zur Produktion benötigt und der auch dazu befähigt ist, könnte sich nach dem Motto: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ eigentlich dafür entscheiden, Kinder und Alte ihrem Schicksal anheimfallen zu lassen, und selbst in Saus und Braus zu leben – ja, wenn da nicht die biologische Uhr ticken würde und Sorgen über den eigenen Alterungsprozess auftauchen würden. Also besser doch vorsorgen.

Mit der Zahl von „Kindern, Ziegen oder Schafen“ – um diese als Metapher für Altersvorsorge zu bemühen – ist es aber heute nicht mehr getan. Die sind im Überfluss vorhanden. Im Markt muss zum reinen Bedürfnis noch das Geld dazukommen, um als Nachfrage wirksam zu werden. Die Prosumenten, der aktive Bevölkerungsteil, der also nicht nur selbst konsumiert, sondern auch mehr als für den Eigenverbrauch produziert, muss daran interessiert sein, dass die Rentner ausreichend Geld zur Verfügung haben, um die Leistungen bezahlen zu können. Und er muss auch neben seinen eigenen Aufwendungen noch genügend Geld übrig haben, um den Nachwuchs aufzufüttern und gewogen zu halten. Das sollte unweigerlich zu der Frage führen, wie denn das Geld eigentlich entsteht. Denn durch die Arbeit entstehen bestenfalls Werte und kein Geld. Im Gegenteil! Um überhaupt arbeiten zu können, braucht es bereits vorher Geld. Ich gehe hier auf diese scheinbare Paradoxie jedoch nicht weiter ein, weil ich das schon mehrfach an anderer Stelle ausgeführt habe.

Wenn wir in der Pensionsdiskussion nur die Geldseite beachten, dann sind die Aktiven zweifellos auf dieses Rentnersegment der Bevölkerung angewiesen. Ein gewaltiges Marktsegment würde weg brechen, würde man die Menschen nach dem Ausscheiden aus der Aktivzeit entsorgen. Es greift zu kurz, Pensionen nur als Kostenfaktor zu sehen. Erst die Pensionisten eröffnen überhaupt die benötigten Einkommensmöglichkeiten für die Aktiven. Und die vermeintlichen Kosten für die Pensionen können auch als Abstandszahlung gesehen werden, um am Arbeitsmarkt nicht auch noch mit den Pensionisten konkurrieren zu müssen. Die hohe Produktivität – vor allem auch von ziemlich Unnötigem – entwertet das Geschaffene. Sowohl im „Luxussegment“, das nur durch entsprechendes Labelling Exklusivität vorzugaukeln vermag, wie auch in den Alltagsgütern, die zu Einweg- und Wegwerfartikel mutierten.

Wie stünde es aber um unser Gesundheitssystem, würde nicht alles für die Lebensverlängerung der Alten getan? Nur wer noch lebt, kann Einnahmemöglichkeiten bieten. Je schwächer, desto mehr (Oder wie Eugen Roth so trefflich schrieb: „Was bringt den Doktor um sein Brot? a) die Gesundheit, b) der Tod. Drum hält der Arzt, auf dass er lebe, uns zwischen beiden in der Schwebe“). Die Siechenpflege, ob in institutionellen Entsorgungseinrichtungen oder daheim, wurde zu einem Wirtschaftsfaktor mit zunehmender Bedeutung. Was würde aus dem Tourismus, wenn nur mehr die Aktiven in ihrem Urlaub verreisen könnten? Was aus den Einnahmemöglichkeiten an Schiff-, Flug- und selbst „Butterreisen“, zu denen die Konsumenten verführt werden, meist ohne das bereiste Land auch wirklich kennenzulernen, wenn der Markt plötzlich nur mehr auf die Aktiven eingeschränkt wäre? Pensionisten dürfen heute nicht zu alt sein, sonst kann man an ihnen zuwenig verdienen. Sie dürfen aber auch nicht zu bescheiden sein! Genügsamkeit ist nämlich Wirtschaftsschädigung! Dabei könnte doch gerade die Eindämmung des unnötigen  Ressourcenverbrauchs die Sorgen um eine zukünftige Unterversorgung der Alten überflüssig zu machen.

Tja, leider geht das aber nicht, denn wir sprechen nicht über die ausreichende Versorgung, sondern über das Geld, das für die Altenpensionen aufgebracht werden muss, um die Versorgung zu gewährleisten. Ganz im Sinne von „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“. Die Alten sollen sogar noch viel mehr konsumieren, als ihnen zuträglich wäre. Nicht um den Hunger zu stillen muss die Produktion auf Hochtouren laufen, sondern es müssen gemäß den Anforderungen unserer Geldordnung immer mehr natürliche Ressourcen in Abfall verwandelt werden, sonst fließt kein Geld, das die Pensionisten brauchen. Irre? Ja freilich – aber so funktioniert unser System. Und hat es uns denn nicht großartige Erfolge und breiten Wohlstand beschert?

Alles dreht sich ums Geld, aber kaum jemand stellt Überlegungen an, wie und weshalb es überhaupt funktioniert – solange es funktioniert, bzw. solange einem regelmäßig und ausreichend Geld zufließt. Da die Funktionsweise des Geldes aber sehr stark auf einem Zeitfaktor beruht, nützt es nichts, sich an seine einstigen Segnungen zu klammern. Wir müssen Geld neu denken! Wir müssen die Funktionsweise des Geldes als wieder dienendes Hilfsmittel gesellschaftlicher Entwicklung begreifen und an die Zeitnotwendigkeiten anpassen.

Ein erster kleiner Schritt wäre ganz einfach: Wann immer über Kosten geklagt wird, sollten wir das Wort „Kosten“ durch „Einnahmemöglichkeiten“ ersetzen. Wenn niemand mehr Kosten hat, hat auch niemand mehr Einnahmemöglichkeiten. Das ist ja wohl klar. Wir brauchen heute ein „fließendes Geld“, das durch die Wirtschaft fließt, und das zu horten völlig uninteressant ist, weil es jederzeit in ausreichendem Maß bereitgestellt werden kann. Sparen sollten wir am Ressourcenverbrauch, aber nicht am Geld.

Und so wird die Diskussion über die Unfinanzierbarkeit der Pensionen zur Frage, wie eine Gesellschaft mit der Generationenfolge umgeht. Es geht nicht darum, ob man ausreichend Geld hat, um im Alter Ärzte und Pflegerinnen in deren Abhängigkeit von Einnahmen „tanzen zu lassen“, sondern ob sich überhaupt wer bereit findet, die Alten – wie und in welchem Ausmaß auch immer – zu betreuen und bis zum Tod zu begleiten. Die erforderliche Hingabe ist nicht zu bezahlen und kann nur aus gesellschaftlicher Übereinkunft wachsen. Und wenn die Zeiten schlechter werden, dann geht es auch den Alten, den Jungen und den Aktiven schlechter. Ob Pflegeroboter die geeignete Lösung sind, bleibt noch abzuwarten. Ihre Entwicklung erfolgt jedoch nicht für die Alten, sondern es bietet ein interessantes Aufgabengebiet für kreative Aktive, die sich vielleicht damit zugleich von moralisch auferlegten Zwangsverpflichtungen zu befreien hoffen, oder sogar hoffen, durch ihre Entwicklung selbst Unabhängigkeit im Alter erreichen zu können. Unabhängigkeit in einer Gesellschaft bedeutet zugleich jedoch deren Auflösung und zuletzt den Verlust des Menschseins. Die Entwicklungstechniker tun also gut daran, bei Ihrer Arbeit zu überlegen, ob sie einst auch selbst von einem Roboter gewaschen, gedreht und gefüttert werden wollen. Es mag gut möglich sein, dass das einmal die Zukunft ist. Warum auch nicht, wenn sonst niemand zur Verfügung steht?

Es erstaunt mich jedenfalls immer wieder, dass in den Pensionsdebatten nie jemand auf die Idee kommt, das Problem könnte etwas mit einer versagenden Geldordnung zu tun haben.

Übrigens: Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer