DIE „DIGITALE-LÜCKE“ – EINE FRAGE DER SINNVERWIRKLICHUNG

„Digitalisierung“. Ein Zauberwort unserer Zeit, das auch bereits vorauseilend als Namensgeber einer ganzen Epoche herhalten muss, von der man weder weiß, wie lange sie dauern wird, noch, was danach noch kommen könnte. Jedenfalls leben wir jetzt also im digitalen Zeitalter. Doch was heißt das eigentlich für unser Leben? Was ist auf einmal so anders? Welche drängenden Begehrlichkeiten vermag uns die Digitalisierung überhaupt zu erfüllen?

Digitalisierung ist eine relativ junge Technologie, wie es davor schon die Entdeckungen von Dampfmaschine, Wasserkraft und elektrischem Strom waren. Grob vereinfacht geht Digitalisierung auf die Entdeckung des Transistors in den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zurück. Im Prinzip ein elektronischer Schalter. Ein/Aus. Null oder Eins. Erst die Weiterentwicklung bis zur wortwörtlich atomaren Dimension in der Halbleitertechnik, seit den späten 60er Jahren, ermöglichte aber erst den unaufhaltsamen Siegeszug dieser Technologie. Eine Technologie, für deren Anwendung es keinerlei Grenzen zu geben scheint. Es geht dabei im Prinzip um die Informationsübertragung analoger Prozesse und Inhalte in Form deren Zerlegung in lauter Nullen und Einser, wie das zur Darstellung von Zahlen und Rechenoperationen bereits um 1700 von Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner „Dyadik“ demonstriert wurde (Er ist daher als der eigentliche Stammvater der Computertechnologie anzusehen). Heute ist autonomes Fahren ebenso bereits Realität, wie uns die Forschungen mit selbstlernenden Systemen und künstlicher Intelligenz zunehmend auf unseren eigenen Intellekt vergessen lassen.

Entdeckungen, fälschlicherweise oft als Erfindungen bezeichnet, tragen zunächst ja nur zu einem Erkenntnisgewinn über unser Dasein bei. Erst die nachfolgenden Überlegungen, was man mit den neuen Kenntnissen anfangen kann, stoßen dann auf die Dualität unserer Entscheidungsmöglichkeiten, die sich in letzter Konsequenz stets auf ein „Tun“ oder „Lassen“ reduzieren. In den Anwendungen zeigt sich also erst die eigentliche Kreativität des Menschen. Und die Vielfalt kreativer Möglichkeiten wuchs mit jeder Entdeckung. Ob es das Feuer, das Rad, das Schießpulver, die Dampfmaschine, neue Territorien, elektrischer Strom, oder eben der Transistor war.

Als tätiges und überaus neugieriges Wesen stand der Mensch jedoch immer schon vor dem Dilemma, alles, was er für möglich hielt auch ausprobieren zu müssen und sich erst nachträglich nach dem Wertgehalt seines Tuns zu fragen. Und da auch die Bewertung, wie alles in unserer Welt, der Dualität von im weitesten Sinne Gut und Böse unterliegt und es sich herausstellte, dass es die Reinformen von Gut und Böse in der Realität eigentlich gar nicht gibt, sondern nur Mischformen, bei denen es um das Übergewicht des einen oder des anderen Aspekts geht, entwickelte sich das anhaltende Ringen um eine allgemein gültige Bezugsgröße.

Naheliegend wären dafür Kriterien für eine positive oder negative Gesellschafts- bzw. Zivilisationsentwicklung, entsprechend der Kategorisierung in Gut- und Bösmenschen. Doch wie bereits ausgeführt, gibt es eben nichts Gutes, ohne ein Körnchen darin enthaltenem Bösen und auch nichts Böses, in dem sich nicht ein positiver Aspekt fände. In der Symbolik von Yin und Yang aus dem Taoismus kommt das sehr schön zum Ausdruck. So schön und bunt unsere Welt also auch ist, so sehr geht es in unseren Entscheidungen stets um Grautönungen in einem Gesamtbild.

Auch wenn wir mit zunehmendem Wissensstand in der vorausschauenden Folgenabschätzung immer besser werden, so lässt sich gegen – übrigens noch viel schwerer „für“ – bestimmte Anwendungen neuer Technologien nur sehr schwer argumentieren. Weshalb sichtlich alles was getan werden kann, zunächst auch getan werden muss. „Mach‘ ma mal, dann seh’n ma schon“. Ein wesentlicher Antrieb dazu, geht dabei von der Geldordnung aus, doch darauf gehe ich hier ausnahmsweise einmal nicht näher ein.

„Gesellschaftsentwicklung“ als Bezugsrahmen unserer Entscheidungen bietet aber nur relativ schwammige und dehnbare Kriterien als Orientierungshilfe an. Die Verdrängung des spirituellen Kerns aus dem Bewusstsein menschlichen Seins durch den Materialismus, scheint zusätzlich den Zugang zum Gewissen, dem „Leitfaden unseres Seins“ (Viktor E. Frankl), zu erschweren. Die großen Religionsgemeinschaften bemühen sich redlich dieses Manko etwas auszugleichen und bieten einen umfassenden Katalog ethischer Richtlinien für ein gelingendes Zusammenleben an. In einer Welt aber, die von substanzlosem Geld, das jedoch auf materielle Umwandlungsprozesse bezogen ist, beherrscht und angetrieben wird, fällt es immer schwerer, solche Empfehlungen auch beherzigen zu können.

Bisheriges zusammenfassend: Jede Entdeckung stimuliert die Kreativität und löst Anwendungen aus, die im günstigsten Fall einer gesellschaftlichen Entwicklung förderlich sind, im ungünstigen Fall aber auch schaden. Die endgültige Beurteilungsmöglichkeit ergibt sich meist erst im Rückblick. Jede Entdeckung kann (nicht muss!) also zu einem Entwicklungssprung führen. Die „Sprunghöhe“ ist dabei das umgekehrt proportionale Richtmaß für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Je höher der technologische Entwicklungssprung, desto stärker die Überdehnung des Zusammenhalts. In Hinblick auf einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt kann man sich den Pfad der Entwicklung wie ein Gummiband vorstellen, auf dem die Einzelglieder in deren je eigener Zeitqualität ihren Platz finden.

Bisherige Entwicklungssprünge hatten aber alle noch etwas gemeinsam: Es waren handfeste, im wahrsten Sinne begreifbare Technologien, mit einem – sofern vorhanden – leicht erkennbarem Beitrag zu einer Lebensverbesserung. Ich denke da nur an die Führerscheinprüfung vor fast 60 Jahren. Ein Auto – die Anwendung des Verbrennungsmotors – bedeutete damals noch Freiheit und Unabhängigkeit, ganz im Gegensatz zu heute (und so etwas wie einen Führerschein wird es schon in wenigen Jahren gar nicht mehr geben). Der Führerschein, den man erst mit vollendetem 18. Lebensjahr machen durfte, war zu meiner Zeit neben der Matura das erste große Ziel schlechthin.

Die Prüfung erfolgte über drei Teile: Technisch, rechtlich und praktisch. „Praktisch“ ist klar, das war die Demonstration des verantwortungsbewussten Könnens. Der rechtliche Teil umfasste das Wissen über die unter Straßenverkehrsordnung vereinbarten Verhaltensnormen. Das war quasi der ethische Teil. Da ging es um den Umgang mit sich selbst und im Kontext mit den anderen Verkehrsteilnehmern. Und dann gab es noch den technischen Teil zur Prüfung zu bestehen. Dazu musste man die Funktionsweise und Beschaffenheit aller Einzelteile eines Autos beherrschen. Vom Einfüllstutzen bis zur Drosselklappe des Vergasers, vom Zündschloss, über die Lichtmaschine, bis hin zum Kolbenhub, zur Kurbelwelle und zur Kupplung.

Was ich damit sagen möchte ist, dass sich solche Entwicklungssprünge bis hin zur Entwicklung der Verbrennungsmotoren alle noch im analogen Bereich zugetragen haben. Es war relativ leicht durchschaubare Mechanik. Ob in industriellen Erzeugungsprozessen oder in der weniger erfreulichen Waffentechnik. Und der Mensch ist bekanntlich ein zutiefst analoges Wesen, der besonders auch auf ein analoges, soziales Zusammenleben angewiesen ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Zunächst mit der Automatisierung durch Elektronik, und heute noch mehr mit der Digitalisierung, löste sich dieses funktionale Grundverständnis über Zusammenhänge auf und ging in ein reines Anwenderwissen über. Grob gesprochen fehlt uns heute das analoge Verständnis zu unserem digitalisierten Tun. Wenn Mütter auf ihre Sprösslinge so unendlich stolz sind, weil sie sich so toll auf dem Computer auskennen, dann meinen sie damit das Anwendungswissen. Vergleichbar mit der Perfektion, z.B. Schillers Bürgschaft gekonnt zu rezitieren, ohne jedoch die inhaltliche Bedeutung zu begreifen.

Die Digitalisierung hat nun zwar auch, aber eben nicht nur, neue Prozesse ermöglicht, sondern vor allem althergebrachte analoge Prozesse bis zur Grenzenlosigkeit beschleunigt, zugleich miniaturisiert und nahezu Fehlerfreiheit bewirkt. Es „menschelt“ kaum mehr in den Produktionsabläufen, weil der Mensch weitgehend durch seelenlose Algorithmen ersetzt wurde, deren Befehlen er sich da und dort, sofern überhaupt noch benötigt, zu unterwerfen hat. In wohlmeinendem Sinn könnte man sagen, dass uns dadurch eine „Schöne neue und perfekte Welt“ erwartet, doch zu beobachten ist eine gewisse gesellschaftliche Kälte, die mit der Digitalisierung Einzug gehalten hat. Eine Verlagerung von analogen zu virtuellen Beziehungen zwischen Allem und Jedem hat Raum gegriffen. Und unsere Distanz zur Virtualität lässt zugleich auch das Verantwortungsbewusstsein schwinden, weil es uns am direkten Bezug zu unserem Tun mangelt. Wir folgen den Anweisungen von Algorithmen, deren Anweisungen wir als unumstößlich akzeptieren und meinen, uns damit auch von der Befassung mit der Sinnfrage im größeren Zusammenhang distanzieren zu können.

Internet, „Social Media“, Navigationssysteme, Raumfahrt, viele Produktionstechniken, Logistiken, die Funktion kommunaler Infrastrukturen, moderne Medizintechnik und vieles anderes mehr, wären ohne Digitalisierung undenkbar. Es sind phantastische Anwendungen, die Beschwerlichkeiten des Lebens tatsächlich in vielen Bereichen wesentlich erleichtern können. Wie ich zu zeigen versuchte, bauen die technologischen Entwicklungssprünge aber aufeinander auf und werden durch ansteigende Komplexität immer höher, so, als ob Hürden beim Hürdenlauf gemäß der Fibonacci-Reihe anwachsen würden. Kein Wunder also, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung früher oder später hängen bleibt. Die Stufe, die beim Übergang zur Digitalisierung erklommen werden soll, ist für viele einfach zu hoch. Ein positiver Beitrag zu ihren Lebensentwürfen ist für sie nicht mehr erkennbar. Und viele haben nicht einmal noch die davorliegende Stufe bewältigt (Solche durchaus trotzdem sehr lebensnahen Menschen werden gerne auch als bildungsfern und rückwärtsgewandt stigmatisiert). Das Verdauen von Entwicklungsschüben muss m.E. als Zeitphänomen betrachtet werden, dem Geduld und Gelassenheit entgegengebracht werden sollte. Von Stufe zu Stufe. Es mag ein biologisches Problem sein, das sich nach spätestens zwei Generationen ohnehin erübrigt (Dann sollte man aber vielleicht nicht solchen Aufwand für die Lebensverlängerung betreiben). Es drängt sich mir aber spätestens hier die Frage auf, weshalb man überhaupt unter fast hysterischem Zeitdruck neue Hürden errichtet, die andere dann zu überwinden hätten. Die Hürde existiert ja nur deshalb, weil es möglich war, sie in die Realität zu setzen und wohl auch, weil eben alles was gemacht werden kann auch gemacht werden muss!?

Müsste die Euphorie über diese sagenhaft hilfreiche Technologie der Digitalisierung nicht langsam einem kritischen Auswahlverfahren unterworfen werden, das die auf dieser Technologie ebenfalls beruhenden schädlichen Anwendungen von der Gesellschaft fernhält? Und wem nützt eigentlich noch die weitere Geschwindigkeitssteigerung jenseits des menschlichen Maßes? Und da muss ich nun doch noch auf die Geldordnung zu sprechen kommen. Ich unterstelle nämlich, dass das Hauptinteresse an der Beschleunigung vom Geldsystem, bzw. von dessen vermeintlich elitären Herrschern ausgeht. Einerseits für die direkte Manipulation des globalen Börsengeschehens in Echtzeit, andererseits für Produktivitätssteigerungen um die Märkte von der Angebotsseite her zu dominieren und auch für den stets ausreichenden Anfall von „Futter“ für das Krankensystem (Burnout und andere psychische Leiden), mit dem sich gut verdienen lässt, zu sorgen und nicht zuletzt für rasche und spurenlose Vermögensverschiebungen aus kriminellen Quellen und für den eigenen Machterhalt durch klandestine Skrupellosigkeit.

Zugegeben, auch die bisherigen Technologiesprünge zeichneten sich meist dadurch aus, dass sie ihre Anwendung als erstes in der Waffentechnik fanden, bzw. überhaupt erst durch den militärisch industriellen Sektor, dem auch heute noch bedeutendsten Wachstumsmarkt, ihre Entwicklung verdankten. Dass also die neuen Möglichkeiten zunächst stets weniger zur Lebensverbesserung als zur verantwortungslosen Lebenszerstörung verwendet wurden. Diese Diskrepanz zwischen fortschrittlicher Möglichkeit und verantwortbarer Handhabe, gleichsam die „Analoge Lücke“, gab es schon immer. Die Notwendigkeit zur Schließung dieser „Lücke“, also des Heranführens des kollektiven Verantwortungsbewusstseins an die jeweils neu zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wurde jedoch erkannt und war durchaus ein Anliegen seriöser Staatsführungen (Siehe die Führerscheinprüfung, als ganz banales Beispiel, wie auch sämtliche anderen, bis heute nicht abgeschlossenen pädagogischen Versuche, sofern sie nicht nur auf Ausbildungswissen für kommerzielle Missbrauchbarkeit als Konsument und Produzent ausgerichtet waren).

Spätestens seit dem Ende des 2. Weltkriegs hat sich da sehr viel getan. Besonders die Gründung der UNO als globale Kommunikationsplattform zur Friedenserhaltung muss als Meilenstein der Geschichte erwähnt werden. Darüber, weshalb sie nach 75-jährigem Bestand immer weniger Bedeutung aufzuweisen scheint, darf gerätselt werden. Denn bei Weitem sind ihre widmungsgemäßen Aufgaben noch nicht erfüllt. Weder Frieden, noch Schutz vor Armut oder Bewahrung von Umwelt und Klima scheinen in greifbare Nähe gerückt, was jedoch nicht an der Institution der UNO selbst liegt, sondern an der Uneinsichtigkeit ihrer Mitgliedsländer und deren Vertretern. Es hat den Anschein, dass spätestens seit den 90er Jahren die gesellschaftlich wertvollen Ziele der UNO mit den Anforderungen des Kapitals kollidierten und das Kapital wie ein nicht repräsentierter Staat hinter den Kulissen der UNO seinen Einfluss ausübt und dabei den längsten Hebel von allen vereinnahmt hat.

Wenn aber die Ziele in der analogen Welt noch nicht ansatzweise erreicht sind, fehlt es an den Voraussetzungen zur verantwortbaren Orientierung für jeden neuen Technologiesprung. Die Menschheit ist daher noch gar nicht reif für den Eintritt in das Zeitalter der Digitalisierung. Auf der „Jagd nach der größten Zahl“ auf dem je eigenen Konto, wird die stufenweise nötige Reifezeit nicht mehr zugelassen.

Wie jeder Technologiesprung, so ist auch – und sogar besonders – die Digitalisierung ein Elitenprojekt und keineswegs die Antwort auf ein gesellschaftliches Bedürfnis. Und „Elitenprojekt“ bedeutet immer, dass sich damit für die Elite Geld verdienen lässt! Digitalisierung in Produktion, Medizin und Verwaltung erleichtert zwar tatsächlich das Leben und eröffnet neue Möglichkeiten, Digitalisierung in der Breite wirkt jedoch wie der ungebändigte Geist aus der Flasche, der die Menschheit vom Leben entfremdet. Und diese Entfremdung vom analogen Leben stellt die eigentliche „digitale Lücke“ dar. Sie steckt in jedem konstruktiv gemeinten „Aber“, mit dem man bei aller Bewunderung für die Digitalisierung Bedenken zu deren Anwendungen äußert, oder gar nach dem Sinngehalt fragt.

Durch mangelnde ethische Reife – besonders der tonangebenden Eliten – in den Zeiten der analogen Entwicklungen, kam eine derartig differenzierte Betrachtung kaum jemals zum Tragen. Sie wurde und wird sogar eher unterdrückt. Sonst hätten wir ja bereits einen dauerhaften Weltfrieden. Und die fortlaufenden Deregulierungen, die vorwiegend von der Macht des Geldes diktiert wurden, übertrugen zunehmend Hoheitsrechte an die schrankenlose Beliebigkeit privater Geldmacht. Ohne annähernde Schließung dieser „analogen Lücke“, das heißt, ohne sich der Erfüllung der Verheißungen der Menschenrechtscharta und besonders der 17 SDGs (Sustainable Development Goals) anzunähern, was einer Entspannung des metaphorischen entwicklungsgeschichtlichen Gummibands entspräche, ist der Riss des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch den Digitalisierungssprung vorprogrammiert, wenn man in den Anwendungen nicht Spreu von Weizen trennt. Doch offensichtlich lässt sich mit „Spreu“ das bessere Geschäft machen.

Wieder nur als banales Beispiel: Internet. Zweifellos ein phantastisches Kommunikationsmedium, vor allem, wenn man einen Vorteil darin sieht, nunmehr weltweit mit Jedermann und jederzeit kommunizieren zu können. Sowohl beim Wozu, wie auch bei den Inhalten der Kommunikation und wie besonders bei der oftmaligen Unkenntnis, mit wem man da überhaupt kommuniziert, scheiden sich dann allerdings die Geister. Denn auf Aussagen, Angebote oder Anfragen eines Gesprächspartners, dessen Identität man gar nicht kennt, weil er sich in der Anonymität verstecken kann, kann man eigentlich gut und gerne verzichten. Man braucht sich z.B. bloß einige postings auf diversen websites anzusehen, um die enorme „digitale Lücke“, die Diskrepanz zwischen Technologie und deren verantwortungsbewusster Anwendung erkennen zu können.

Oder die zahllosen „Apps“ die für jeden Anwendungsbereich zur Verfügung stehen und die zwischenmenschliche Kommunikation ersetzen, wie auch „What’s App“, facebook und sonstige „chatrooms“, in denen sich überwiegend ein Missbrauch der Technologie feststellen lässt. Eine bewusstere Verwendung wäre gewiss angesagt, brächte aber natürlich weniger Gewinn für die Eigentümer der virtuellen Welt. Das sind zugleich jene, die mittlerweile auch über die gesetzlichen Regelungen bestimmen können. Jedenfalls hat die Digitalisierung die Plutokratisierung unserer Gesellschaft extrem beschleunigt. Ein schmerzhafter Rückschritt in Hinblick auf Demokratieentwicklung.

Der Grandiosität der Technologie selbst, tut das keinen Abbruch. Sie war eine sensationelle Entdeckung. Was fehlt, ist der verantwortungsbewusste Umgang. Das Bewusstsein, dass jede Technologie ausschließlich dem Gemeinwohl zu dienen hätte und dass bei allen Anwendungen das „Cui bono?“ im Vordergrund stehen sollte. Davon ist in der zwanghaft wirkenden Hektik der Anwendungen kaum etwas zu bemerken. Das Erkennen des Manipuliertseins scheint mit der Digitalisierung ein weiteres Mal und diesmal undurchschaubar erschwert. Das bereitet mir ernsthaft Sorge.

Die Digitalisierung schaffte uns eine die Erde umspannende virtuelle Welt, an deren Grenze sich aber das analoge Leben verfängt. Die Menschen lassen sich bereitwillig zu Datenlieferanten an die virtuelle Welt degradieren, in der hingegen „die Macht“ ihre Identität zu verbergen versteht.

Und jetzt muss ich ja doch noch auf die Geldmechanismen zu sprechen kommen. Wir machen doch alle deshalb mit solcher Begeisterung mit, weil uns dafür im Gegenzug Geldzuteilungen winken, oder zumindest in Aussicht gestellt werden, auf die wir natürlich angewiesen sind. Und weil uns angedroht wird, sonst „zurück zu bleiben“ – ohne dass über die Bedeutung des „Voran“ gegenüber dem „Ist“ nähere Aussagen getroffen werden. Allenthalben läuft das unter dem fragwürdigen Argument „Wettbewerbsfähigkeit“, aber das ist eine andere Geschichte.

Meine abschließende Empfehlung im Umgang mit der „digitalen Lücke“ lautet daher: Wir sollten erstens nur bei jenen Anwendungen mitspielen, bei denen ein nicht in Geld darstellbarer Gewinn für unser Leben im Vordergrund steht und sich auch als solcher definieren lässt (Sie werden sehen, dass das im Kapitalismus eine extrem schwierige Übung ist). Und wir sollten zweitens bedenken, dass uns vermeintliche Annehmlichkeiten, wenn man sie bis zu Annehmlichkeiten in allem, überall und immer extrapoliert, nicht nur aus jeder Verantwortung gegenüber dem Leben enthebt, sondern uns insgesamt als Mensch entbehrlich macht. Der Wert des eigentlichen Seins ginge dadurch zweifellos verloren.

Im Endeffekt geht es also um das sorgfältige Abwägen zwischen den von Wenigen für sich selbst als Fortschritt vermuteten Möglichkeiten und den für Viele noch unerfüllten Bedürfnissen.

Wir sollten deshalb mit gebührender Skepsis darüber nachdenken, wenn z.B. zum akribisch betriebenen, flächendeckenden Ausbaues des „5G-Netzes“, bislang offensichtlich nicht benötigte Arbeit – mit der uns die „Idee“ schmackhaft (Arbeitsplätze!) gemacht wird – erforderlich ist und dabei die Grundkonzeption des Gesamtprojekts unverhohlen auf die totale Ausschaltung menschlicher Einflussnahme auf Lebensvollzüge abzielt (Schaffung von Arbeitslosigkeit!). Doch darüber mehr an anderen Stellen, wo es um das Versagen unserer Geldordnung geht.

Günther Hoppenberger, im Juli 2020