COVID19: WIRTSCHAFTS- ODER FINANZKRISE? (Ein zeitnotwendiges Gedankenexperiment) Newsletter 4-2020

Bereits vor etlichen Jahren versuchte ich zu einem Gedankenexperiment anzuregen, zu dem uns nunmehr dieses kleine Biest, das Corona-Virus, zu zwingen scheint.

Damals regte ich an, sich einmal vorzustellen, es gäbe ab Mitternacht kein gültiges Geld mehr. Was wäre abgesehen von der voraussichtlich aufflammenden Panik, durchaus vergleichbar mit der heutigen Situation, passiert? Zunächst einmal gar nichts, sofern man noch Reste rationalen Denkvermögens im Trubel der Ungewissheiten voraussetzen darf.

Alles, was den Wohlstand einer Gesellschaft – in welchem Ausmaß auch immer – ausmacht, wäre institutionell und strukturell unversehrt vorhanden. Alle Menschen, Gebäude, Fabriken und Infrastruktureinrichtungen wären unbeschadet, voll funktionsfähig und einsatzbereit. Dennoch gäbe es einen – im Unterschied zu heute totalen – Stillstand, weil ein wesentliches Element unserer arbeitsteiligen Wirtschaft fehlen würde: Das Geld! Wir wären auf die Stufe des Naturaltauschs zurückgeworfen, was ja wohl niemand will. Deshalb, und vor allem auch um Randale und Bürgerkriege gar nicht erst aufkommen zu lassen, meinte ich damals, dass wir bis zum Morgen wieder so etwas wie Geld bräuchten.

Geld kommt aber in der Natur nicht vor und e n s t e h t auch nicht durch Arbeit, sondern es ist ein Kunstprodukt, das seine Wirksamkeit aus dem ihm zugrundeliegenden Rechtskonstrukt bezieht. Geld ist eine gesellschaftliche Einrichtung. Besonders darauf hinzuweisen war damals mein Anliegen, dass man künstlich geschaffene Regeln auch ändern kann, wenn sie der Gemeinwohlentwicklung nicht mehr genügen. Die einzige Aufgabe von Geld ist es doch, die Entwicklung von breitem Wohlstand zu ermöglichen. Und auf diese Aufgabe der Wertvermittlung in den Tauschbeziehungen müssten auch die Regeln der Geldschöpfung und der Inumlaufbringung ausgerichtet werden.

Die Spielregeln unserer jetzigen Geldordnung sind jedoch völlig analog zu den Lebenszielen des jetzt Panik verbreitenden Corona-Virus konstruiert: Es geht um die Selbstvermehrung! Das Virus benötigt dazu einen Wirt und bemächtigt sich dazu unserer Zellen, die es gleichsam wie eine Gebärmutter für seinen zahlenmäßig exponentiell ansteigenden Geburtsvorgang seines „Nachwuchs“ verwendet und dabei zerstört.

Bei unserer jetzigen Geldordnung ist es nicht viel anders. Auch unser Geld hat nichts anderes im Sinn, als seine Selbstvermehrung. Dass dabei auch – im günstigen Fall –  gesellschaftlich willkommene Werte entstehen, muss als glücklicher Nebeneffekt erkannt werden. So wie das Virus eine Wirtszelle benötigt, so benötigt Geld, dem bestehenden Reglement entsprechend, menschliche Arbeitskraft, mit der die Natur im weitesten Sinne in Kulturprodukte umgewandelt wird. Dem Umwandlungsprozess wird entsprechend der Machtverteilung in einer Gesellschaft ein Mehrwert zuerkannt, der sich nominell zur eingesetzten Geldmenge hinzuaddiert.

Dem Geld ist es dabei völlig egal, ob der Arbeitsprozess eine Wohlstandsmehrung bewirkt, oder sogar Werte vernichtet. Genau so, wie es dem Virus völlig egal ist, was mit dem Wirt passiert, so lange es noch ausreichend Wirtszellen findet. Und die Machtverhältnisse einer Gesellschaft bestimmen auch darüber, welche Arbeitsprozesse überhaupt einer Geldbewertung unterliegen und man fasst diese unter dem Sammelbegriff „marktfähige Produkte und Dienstleistungen“ zusammen. Darunter fällt alles, was man nur irgendwie bepreisen, also mit einer Zahlengröße versehen kann. Stückzahlen, Geschwindigkeit, Zeit, u.s.w. Alle nicht materiell zu verknüpfenden Werte, die allerdings erst die Quintessenz von Lebensqualität ergeben, scheiden damit automatisch als Quelle zur Geldvermehrung aus. Allen voran Liebe, oder Empathie, Gemeinsinn, Naturschauspiele, Verzeihen, Goldener Schnitt, Gerechtigkeit, Gesellschaftsethik, u.s.w., um nur einige zu nennen. Alles, was im weitesten Sinn unter Spiritualität des menschlichen Wesenskerns fällt.

Ähnlich wie Schmarotzer, Parasiten oder z.B. auch Erpresser nur den Tod ihres Opfers zu fürchten haben, so hat auch das Corona-Virus nur den Mangel an Wirtszellen zu fürchten. In unserer grenzenlosen Genialität reagieren wir darauf und halten entsprechenden Abstand voneinander, um das Virus zwischen uns „verhungern“ zu lassen. Wir frustrieren damit sein Grundbedürfnis.

Das einzige, was das Geld in der kapitalistischen Ordnung zu befürchten hat ist hingegen, dass die Konsumenten ausfallen, die den fiktiven, nominellen Mehrwert mit dem Geld zahlen könnten, das ihnen für ihren Arbeitsprozess in der Umwandlung der Natur zuerkannt würde. Das Corona-Virus hat jetzt den kapitalistischen Vermehrungsprozess des Geldes auf der Einnahmenseite schwerstens ramponiert. Und wenn nichts eingenommen wird, kann auch nichts ausgegeben werden. Wo soll dann aber das angestrebte Mehr an Geld herkommen? Wenn laufend mehr Geld aus dem System herausgezogen werden soll, als zur Vorfinanzierung von Arbeitsprozessen hineingesteckt wurde, dann muss ja auch kontinuierlich mehr Geld in Umlauf gebracht werden. Wenn nun diese Geldschöpfung zur Vorfinanzierung von Arbeitsprozessen an die Bedingung „Arbeitsmöglichkeit“ gebunden ist, obwohl Geld ja ein allgemeines Überlebensmittel ist, dann haben wir die jetzige Situation schon in einfacher Weise erklärt.

Was zur Eindämmung der Pandemie hoffentlich funktionieren wird, nämlich Distanz zu halten, um das Virus absterben zu lassen, sollten wir daher nicht auf das Geld übertragen! Auch wenn Geld durchaus virale Eigenschaften aufweist, so wäre es in diesem Fall gerade die „Distanzierung“, die für unser Leben tödlich wäre.

„Der Markt“ existiert ja zwar weiterhin, doch stehen wir ratlos da und wissen nicht so recht, wie wir ohne Geld unsere Tauschbeziehungen gestalten sollen. In meinem ursprünglichen Gedankenexperiment total, in der jetzigen Realität zum Glück nur sektoriell, sind weite Teile der Bevölkerung von Einnahmemöglichkeiten per Gesetz ausgeschlossen. Das Corona-Virus führt uns in seiner ersten Lektion mit den einhergehenden Maßnahmen sehr nachdrücklich zu der Erkenntnis, dass wir im Markt zwischen Primär- und Sekundärsektor zu unterscheiden haben, auch wenn diese beiden Sektoren besonders über das Geld sehr eng miteinander verzahnt sind.

Grob gesprochen umfasst der Primärsektor alles, was sein muss, wohingegen der Sekundärsektor alles das hervorbringt, was sein kann (Vieles davon aber auch gar nicht sein sollte).  Und nicht von ungefähr wird ja jetzt alles unternommen, um den Primärsektor trotz Einschränkungen in Gang zu halten. Allem voran den Gesundheitsbereich, aber insbesondere auch die Infrastruktur und die Ernährungskette.

Ist es nicht bemerkenswert, dass abgesehen vom Lebensmittelhandel, in dem derzeit Großartiges geleistet wird, es alles jene Bereiche sind, in denen der Staat als „Unternehmer“ in der Verantwortung steht? Jener Staat, den es in Normalzeiten wegen angeblicher Unfähigkeit von Markteingriffen fernzuhalten gilt. Der bestenfalls als stimmrechtsloser aber gut zahlender Konsument in Erscheinung treten sollte. Plötzlich sind die Hilferufe nach dem Staat nicht mehr zu überhören. Und der Staat demonstriert ein Mal mehr in hervorragender Weise, dass letztlich ja doch er der bessere Unternehmer im eigentlichen Sinn ist. Der Unternehmer mit gesellschaftlicher Verantwortung. Lektion zwei: Es ist der Staat, der Garant eines funktionierenden Marktes ist!

Es darf dieses Bild aber keinesfalls als scharfe Kategorisierung verstanden werden, denn freilich gibt es auch im Privatsektor unzählige Unternehmer, deren Anliegen die Schaffung gesellschaftlicher Werte ist; die einen Beitrag zu einer kollektiven Wohlstandsentwicklung zu leisten versuchen und sich oft bis zur Selbstaufopferung dafür einsetzen und dafür meist gerade noch und mehr schlecht als recht entlohnt werden. Ganz anders als große Konzerne, die mit dem wirksamen Prinzip Erpressung im Markt auftreten, oder windige Unternehmer, denen es nur um das eigene Einkommen geht, wofür sie eine Belegschaft benötigen dieses für sie zu erarbeiten. In letzterem Teil der Unternehmenslandschaft entstehen dann die gesellschaftlich meist entbehrlichen Geschäftsideen, die Innovationen, die gegenüber Bestehendem keine Vorteile bieten und sich ohne entsprechende Werbung auch gar nicht durchsetzen könnten, oder auch alle im rechtlichen Grenzbereich angesiedelten Aktivitäten. Dennoch steht dieser gesamte privatwirtschaftliche Sektor, der die Sekundärwirtschaft dominiert, im Unterschied zum staatlichen Sektor unter dem Zwang zur Gewinnmaximierung. Aus Geld muss mehr Geld werden, sonst funktioniert das bestehende System, das auf Schuldgeld (Kredit) basiert, nicht.

Und hier stoßen wir auf eine weitere Analogie zwischen einem Virus und unserer Geldordnung. Beiden ist eine Exponentialfunktion inhärent. Während wir mit zunehmendem Entsetzen über die Verdopplungsraten in der Verbreitung des Virus diskutieren und uns dagegen zu wehren versuchen, sehen wir die ebenso desaströsen Verdopplungsraten in der Zinseszinskurve als unumstößliches Naturphänomen an, gegen das man nichts unternehmen kann. Fatal für die Schuldner, willkommen für die Spitze der Gläubiger (und das sind nicht die Staaten!). Wie das Virus die Wirtszelle zerreißt, so zerreißt auch die Finanzarchitektur die Bürgergesellschaft. Und die Bedürfnisse – nicht zu verwechseln mit Wünschen – bestehen im Markt weiterhin. Durch die Austrocknung vom Geld durch die bestehenden Spielregeln, muss ihre Befriedigung jedoch zwangsläufig frustriert werden.

„Virus, Virus, gib‘ uns unser Geld wieder“, möchte manch einer rufen. Doch das Virus lässt mit sich nicht verhandeln. Es liegt jedoch in unserer Hand, diese unfreiwillige Atempause in der wirtschaftlichen Hektik für neue gesellschaftliche Vereinbarungen über eine zeitgemäße Geldordnung zu nützen. Im Unterschied zu einer Bankenkrise, wie bei der „unvorhersehbaren“ Lehman-Pleite, bei der innerhalb von ein paar Stunden Weichenstellungen getroffen werden mussten, bietet die Corona-Krise (leider, aber dennoch als kleines Geschenk in der Katastrophe) etwas mehr Zeit, um zu einer nachhaltigen und global verträglichen Lösung zu finden, die auch gleich die immer noch nur halbherzig beachtete Umwelt- und Klimaproblematik, wie auch die Ungleichgewichte berücksichtigen sollte. Die bislang in die Wege geleiteten Hilfszusagen sind der realwirtschaftlichen Situation entsprechend wichtig – und vermutlich auch richtig, sollten jedoch zunächst als provisorische Buchungsvorgänge angesehen werden, die nachfolgend in ein neues Gesamtkonzept überzuführen wären. Am Ausgangspunkt muss die einvernehmliche Widmung des Geldes als machtneutrales Mittel zur Entwicklung und zum Erhalt gesellschaftlichen Wohlstands stehen. Ziel muss also das Gemeinwohl sein, dem das Geld nur als Mittel zu dienen hat. Die fremd- und damit letztlich selbstzerstörerische virale Zielsetzung der Selbstvermehrung muss dem Geld genommen werden. Menschliches Leben darf nicht länger als Wirtsorganismus des Geldes dienen.

Als geniales Kunstprodukt e n t s t e h t heutiges Geld durch Schöpfung mittels einer Buchung. Daher steht auch die Frage am Anfang, wem denn das Recht zustehen soll, Geld zu schöpfen. Wer soll die Geldhoheit im Staat innehalten? Eine staatliche, demokratisch kontrollierte Institution, wie das von den Vollgeldinitiativen vorgeschlagen wird, oder das private Bankensystem, wie es heute in überwiegendem Ausmaß (zu rund 90%) der Fall ist? Muss der Staat (das sind wir!) Kreditnehmer seines eigenen Geldes sein? Im nächsten Schritt gilt zu klären, durch welche Prozesse Geld in Umlauf gebracht werden soll. Ist dafür ein einziger Einspeisungspunkt ausreichend, oder sollte es unterschiedliche Einspeisungswege und Einspeisungsbedingungen geben? Wie soll mit anfallendem Geld verfahren werden, das, nachdem es seine Wirkung entfaltet hat, übrig bleibt? Wie ist begrifflich mit dem Spargedanken zu verfahren? Wie sind die Mechanismen zum Werterhalt des Geldes zu gestalten? Wie soll der inner- und zwischenstaatliche Zahlungsverkehr abgewickelt werden? Wäre etwa ein BGE friedensstiftend? Fragen über Fragen, doch wann, wenn nicht jetzt, sollten wir sie klären?

Zu befürchten ist allerdings, dass auch die jetzige, wahrhaft einzigartige Gelegenheit ungenützt verstreicht und die Krise wieder nur nach den alten Mechanismen mit Unmengen an frischem Geld kaschiert wird, damit alles beim alten bleibt, und dass wir nach der Krise, dann allerdings ausgehend von einer weiter explodierenden Staatsverschuldung, unsere Tauschbeziehungen neuerlich in zunehmender Rivalität ausüben, auch wenn wir das weiterhin als Wettbewerb bezeichnen werden. Und es ist zu befürchten, dass wir sehr rasch und sehenden Auges in die nächste Krise taumeln und uns vielleicht sehnsüchtig an die Corona-Krise zurückerinnern werden.

Den Beitrag will ich als Aufweckimpuls verstanden wissen, damit Letzteres genau nicht passiert und bin für die Weiterverbreitung und/oder Rückmeldungen dankbar.

Günther Hoppenberger (März 2020)