BÖRSEN – DAS VIRTUELLE RAUSCHGIFT DER MODERNE

Das ursprüngliche Geschäftsmodell von Börsen ist nicht nur sehr einfach, sondern von der Grundidee her auch sehr nützlich. Es sollte ein Marktplatz geschaffen werden, an dem Kapitalgeber und Kapitalsuchende zusammengeführt werden. Außerdem soll der Kapitalgeber die Möglichkeit erhalten, nach bestimmten Kriterien über den jeweiligen Wert seiner Veranlagung erfahren zu können.

So wie man den wahren Wert eines Hauses, unabhängig von emotionalen Einschätzungen aber nur dann erfahren kann, wenn man es verkauft, gilt das auch für Veranlagungswerte an der Börse. Wenn es sich also Börsen zur Aufgabe gemacht haben, jederzeit Liquidität bereit zu stellen, bedeutet das, dass es für jede Veranlagungsart zu jedem Zeitpunkt einen Preis geben muss, zu dem verkauft werden kann. Daraus entwickelten sich zwangsläufig die Handelsplattformen, die heute allerdings nicht mehr von den aufgeregt handelnden Buchmachern, sondern von emotionslosen Computern und Algorithmen beherrscht werden.

Da ließ sich das Glücksrittertum, das sich von der Spekulation auf Verluste bis hin zum existentiellen Untergang anderer nährt, kaum fernhalten. Denn rasch wurde erkannt, dass man selbst aus geringfügigsten Preisschwankungen einen Vorteil ziehen kann, der sich gepaart mit Informations- und Zeitvorsprung zu einem erklecklichen Reibach aufsummieren lässt. Längst geht es nicht mehr um die Realinvestitionen, bei denen man sich an Firmenwerten beteiligt und sich über die jährlichen Dividendenzahlungen erfreut. Heute steht im Vordergrund, Anlagewerte gleich welcher Art „billig“ zu kaufen und möglichst rasch mit Gewinn zu verkaufen.

Da ist kein Verständnis für den eigentlichen Substanzwert der Veranlagung vonnöten, sondern nur eine erfolgreiche Wette auf die Einschätzung und Reaktionen aller anderen Marktteilnehmer. Und wenn es mir gelingt derart rasch zu kaufen, dass deren Reaktion, die aufgrund meiner Nachfrage vermutlich in einer Preissteigerung läge, zu spät kommt, dann habe ich bereits selbst die Basis für meinen Gewinn gelegt, wenn ich ebenso rasch wieder verkaufe, sobald die Reaktion des Marktes zu einem Preisanstieg führte. Durch den technischen Fortschritt sind wir heute bei Handelsfrequenzen bereits im haarsträubenden Bereich der Nanosekunden gelandet! (1)

Selbst die für langfristige Veranlagungen einstmals zynische Börsenregel, die den Kauf empfiehlt „wenn Blut auf den Straßen fließt“ und den Verkauf, wenn das Blut gänzlich aufgetrocknet ist, hat heute ihre Bedeutung verloren. Bildlich gesprochen kann man sagen: Die Börsen würgen die Realwirtschaft und gestatten aus ihr legale, aber gesellschaftlich dennoch unrechtmäßige Gewinne heraus zu pressen, die dann ihr weiteres Unwesen im Finanzcasino entfalten.

Börsen behaupten „den Markt“ abzubilden. Tatsächlich aber wird das, was ein Markt sein sollte, von den Akteuren unter Gewinnbeteiligung und damit Duldung durch die Börsen, manipuliert. Es drängt sich mir sogar die Ansicht auf, dass es an den heutigen Börsen vor allem um persönliche Geldvermehrung durch Wertvernichtung geht.

Dass diese Pervertierung einer einstmals nützlichen Institution immer noch als legalisiert betrachtet werden muss, zeigt beispielgebend die vermeintliche Ohnmacht der Politik gegenüber den Finanzmärkten auf. Gesellschaftspolitisch noch bedenklicher ist jedoch der politische Unwillen, wenigstens bestehende Möglichkeiten auch auszuschöpfen. Längst schon wäre es möglich, mit den seit vielen Jahren ergebnislos diskutierten Finanztransaktionssteuern dem Hochfrequenzhandel Sand ins Getriebe zu streuen. Oder auch, wie das Stephan Schulmeister (2) seit langem vorschlägt, täglich generell nur 3-4 Auktionstermine an den Börsen zuzulassen, was doch für jedermanns Bewertung der eigenen Veranlagung mehr als ausreichen sollte.

Wir sprechen heute gedankenlos von einer Finanzindustrie, als ob hier auch nur irgendetwas Nützliches hergestellt würde. Und wir verfallen den Verlockungen, wenn uns Finanzprodukte – begrifflich ein Unding an sich – angeboten werden, mit denen man angeblich risikolos und rasch Geld „verdienen“ kann.

Eine ganze Armada von hochqualifizierten Spezialisten aus allen wissenschaftlichen Disziplinen vergeuden ihre Talente und Fähigkeiten außerhalb den eigentlichen gesellschaftlichen Aufgabenstellungen. Vielfach unbewusst widmen sie sich sogar tonangebend für immer brutalere Ausbeutung und Gesellschaftsspaltung. Ich vergleiche das gerne mit Golfspielern, die verbissen an der eher sinnlosen Verbesserung ihres Handikaps arbeiten und sich zu ihrer Lebenserfüllung letzten Endes ja doch nur mit dem Einschieben eines kleinen Balls in ein Loch zufrieden geben – und zugleich überheblich auf jene herabblicken, die ihnen durch echte, wertschaffende Arbeit dazu überhaupt erst die Möglichkeit geben.

Das Biotop der Finanzbühne bringt es mit sich, dass hier eine Entkopplung von Wertschaffung und Einkommen wie nirgendwo sonst anzutreffen ist. Getragen vom festen Glauben an den Wert einer virtuellen Zahl, werden auf den Finanzmärkten Einkommen erzielt, die jedem denkenden Menschen jenseitig erscheinen müssten. Nicht so in der Dagobert Duck’schen Welt der Fantastillionen, wo man sich im innersten Zirkel gegenseitig in der Anspruchshaltung bestärkt. Es ist die Welt des menschenverachtenden „Uns-kann-niemand“ und des „Wir-sind-die-Größten“. Weil Geldscheffeln als tatsächliche Leistung missinterpretiert wird.

Die Nutzlosigkeit ihres Tuns wird den Beteiligten immer nur kurzzeitig anlässlich von ihnen verursachter Finanzcrashs vor Augen geführt. Zuletzt 2008/2009, als unzählige Finanzzampanos betroppezt und von Selbstmitleid gerührt ihren Arbeitsplatz verlassen mussten. Mit dabei ihr gesamtes Handwerkszeug, das, wie ersichtlich war, in einem kleinen Karton Platz fand. Flugs konnten sie aber nach ihrer Rettung durch die von ihnen verachtete Gesellschaft wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und so konnte die abgehobene Party – mittlerweile sogar auf einem noch viel höheren Niveau als vorher – ungeniert weitergehen. Nur wenige haben daraus gelernt und zeigten sich im Rückblick reumütig entsetzt über ihre Verblendung. Die meisten blieben sich und ihrem jämmerlichen Weltbild treu in der Auffassung, dass es im Leben darum geht, möglichst viel Geld von anderen an sich zu ziehen.

Nun könnte man versucht sein, diese Gruppe als vernachlässigbare Bande anzusehen, innerhalb der es noch dazu – und das sei hier gesagt – auch seriöse, ehrliche Vertreter gibt, die tatsächlich vom Wert ihres Tuns überzeugt sind, weil man es ihnen so gelehrt hatte. Doch erstens sind es gar nicht so wenige, und zweitens verkörpern diese Wenigen die geballte Macht, die eine gesellschaftliche Entwicklung, in der sich „das Richtige“ wieder rechnen könnte, verhindert.

Greift man jetzt noch die kapitalistische Begrifflichkeit auf, dann handelt es sich um jene Gruppe, die über das seriöse, realwirtschaftliche Unternehmertum bestimmt, es knebelt und noch weit abgehoben von diesem als die eigentlichen „Leistungsträger“, die sie ja mit Gewissheit nicht sind, hofiert werden. Weil sie das Geld beherrschen.

Jahrelange Konditionierung hat offensichtlich dazu geführt, dass heute nicht mehr zwischen Geldbekommen und Geldverdienen unterschieden wird. „Hinter jedem großen Vermögen steckt ein Verbrechen“, wusste bereits Honore de Balzac, doch niemand fragt heute noch, wie z.B. die diversen Oligarchen, oder die immer wieder überraschend auftauchenden „wohlhabenden Geschäftsleute“, oder sagenumwobenen Investoren zu ihrem Vermögen gekommen sind. Sollte man sie aber bewundern, oder gar beneiden? Nein, keineswegs. Denn es kommt nur darauf an, was sie jetzt mit dem wie auch immer erhaltenen Vermögen anstellen. Und da würde man das Geld halt schon sehr häufig lieber jenen gönnen, die es nötiger bräuchten und es auch sinnvoller einsetzten, als in geschmacklosen Villen, Yachten, Privatjets und sterilen Luxusreisen ohne Erfahrungsgewinn.

Doch zurück zu den Börsen. Auch wenn in der Finanzwelt angeblich sehr viel Kokain und andere Drogen konsumiert werden, so geht unabhängig davon von ihr insgesamt ein gewaltiges Suchtpotential aus. Denn wenn es doch nur mehr darum geht, möglichst viel Geld einzunehmen, ohne nach dem Woher, Womit und Wozu zu fragen, dann ist die Börse der geeignete Ort um dort unter dem offiziellen Mäntelchen des Anstands Gewinn erzielen zu können, dessen Höhe allerdings dem Verlust anderer entspricht und dessen Wert insgesamt von Dritten erarbeitet werden muss. „Was soll’s?“ scheint man sich zu denken, und „Wenn ich es nicht mache, machen es andere“. An der Börse gewonnen zu haben wird keineswegs als charakterlicher Makel angesehen, selbst wenn durch meinen „Gewinn“ tausende Arbeitsplätze verloren gegangen wären.

Unter den Augen der Öffentlichkeit und mit Duldung, ja sogar diskreter Förderung durch den Gesetzgeber, werden bereits Jugendliche dazu verführt, sich an dieser Einkommensquelle zu bedienen. Wozu noch Ausbildung oder gar Facharbeit? Es genügt doch, sein Glück in Wettbüros, Automatencasinos und nicht zuletzt an der Börse zu versuchen. Mit dem Internet wurde das ganz einfach. Und die Gewinnaussichten sind doch sagenhaft – wenn man geschickt ist.

Manche wollen zunächst nur ihr Studium damit verdienen. Voraussichtlich werden sie ihr Studium niemals mehr abschließen. Andere reizt der Nervenkitzel – und können dann nicht mehr aufhören. Wieder andere nehmen sich vor, bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr „unendlich reich“ zu sein und sich dann zum puren Genießen zurückzuziehen – ohne zu verstehen, was das eigentlich heißen soll. Was bedeutet Genuss ohne vorangegangenem Sinn? Und von manchen hört man mitunter sogar, wie anstrengend und nervenaufreibend doch die Spekulation an der Börse ist – weshalb das eben auch als anstrengende Arbeit aufzufassen ist. Dass die Zahl der Verlierer immer höher ist, als jene der Gewinner, kommt nur wenigen in den Sinn.

Die Penetranz der Werbung ist unfassbar und entspricht in etwa der Intensität früherer Tabakwerbung. Bereits mit Euro 200.- ist man schon dabei, erfährt man auf allen möglichen Google-Seiten. Mit sagenhaften Gewinnaussichten (alles durch die Vergangenheit belegt!), Verdopplung in jeweils nur zwei Tagen möglich. Trading für den Hausgebrauch, nur 5.-Euro pro Trade und mit Sonderrabatten. Die Bedeutung, die zur Nachahmung auffordert, wird durch die tägliche Veröffentlichung der Börsenkurse selbst in der kleinformatigsten Tageszeitung unterstrichen und die mitlaufenden Ticker auf manchen Fernsehkanälen liefern die Kurse in Echtzeit. Auf etlichen Websites erzählen uns strahlende Glücksritter, dass sie nun endlich nicht mehr zu arbeiten bräuchten und bieten sich als Berater an, es ihnen gleich zu tun – denn es war eigentlich ganz einfach.

Aus Nichts etwas zu machen, was immer noch Nichts – dafür aber mehr davon ist, so lange es keinen Wert im realwirtschaftlichen Tausch erhält. Geld nur gierig an sich zu ziehen erzeugt absolut nichts, wozu es eigentlich dienen sollte. Es bewegt auch nichts, sofern es nicht ausgegeben wird. Doch Jugend ist leicht verführbar und die Indoktrinierung mit Gläubigkeit in einen Markt, den es gar nicht gibt, aber auf dem sichtlich das Geld wächst, erinnert an die Suche nach dem Goldtopf, der am Ende des Regenbogens stehen soll. Und mit beachtlicher medialer Unterstützung, wenngleich unter dem Motto, das Wirtschaftswissen in der Bevölkerung zu verbreiten, werden die leichtgläubigen Zeitgenossen auf den Weg zum Ende des Regenbogens gelenkt. Nicht unähnlich angestachelt, wie zur Suche nach dem heiligen Gral.

Dass Wirtschaft und Geld zwar nicht unabhängig voneinander aber dennoch unterschiedliche Bereiche sind, wird solcher Art diskret verschleiert. Wie überhaupt unser Geld entsteht, wird nicht diskutiert. Und so lässt sich eine Gesellschaft dann natürlich fabelhaft in Verteilungskämpfen destabilisieren und beherrschen, so lange man etwaig aufkommende Gedanken über die Art und Rechtmäßigkeit der Geldschöpfung unterdrücken kann. Dank Internet ist das zwar heute nicht mehr ganz so einfach, doch offensichtlich genügt es, der Geldschöpfung mit institutionellen Campagnen den Stempel der Alternativlosigkeit aufzudrücken und jegliche weitere Fragen dazu abzuwürgen.

Unter dem Motto „Wirtschaftswissen ins Volk“ findet jährlich ein von RLB-OÖ und OÖN – nebenbei bemerkt hervorragend gestaltetes – Börsenspiel statt, an dem sich jeder mit fiktiv zur Verfügung gestellten 50.000.- beteiligen kann. Es gibt eigene Schüler- und Studentenwertungen. Das Spiel läuft über zwei Monate und gewonnen hat, wer in dieser Zeit die höchste fiktive Rendite erzielen konnte. Der Sieger erhält ein Mittelklasseauto, quasi als Bestätigung seiner „Leistung“. Rund 7000 Teilnehmer und Renditen von 15-25% (in 2 Monaten!) findet man hier. Dementsprechend hoch ist natürlich auch die Zahl der Verlierer. Mit Wirtschaft hat das allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil. Es ist die Verführung zur Spekulation ohne gesellschaftsrelevanter Wertschöpfung.

Da sich auch die Staaten ihr Geld bei diesen „Märkten“ ausleihen müssen, sind sie nicht nur insofern verstrickt, als sie diesem gegen sie gerichteten Wahnsinn Legalität verleihen, sondern die Politik wird gänzlich von diesen „Märkten“ beherrscht. Das sollte man immer bedenken, wenn man vermeintlich vernünftige Forderungen an die Politik stellt und sich diese dann stets als unerfüllbar herausstellen. Es liegt gar nicht so sehr am Unwillen der Politiker, sondern an deren Unvermögen, ihre durch die „Märkte“ eingeschränkten Handlungsräume zu begreifen.

Literatut:

(1)  Martin Ehrenhauser; Die Geldroboter (Wie Hochfrequenzmaschinen unser Erspartes einkassieren und                                                                                                               Finanzmärkte destabilisieren) Promedia (Wien 2018)

(2)  Stephan Schulmeister; Der Weg zur Prosperität; Ecowin (Salzburg, 2018)