BESINNLICHES ZUM JAHRESWECHSEL

Seit letztem Sylvester hatten wir neuerlich rund 8760 Stunden auf unserem Umlauf um die Sonne zur Verfügung, um die Bedingungen des Zusammenlebens auf Erden ein Stück weit zu verbessern. Jeder von uns! Insgesamt also rund 65 Billionen Stunden. Wie wurden sie genützt?

Für die am Jahresende noch Überlebenden bietet sich so ein Jahreswechsel zu einer Rückschau auf den persönlichen Beitrag an. Zumindest sollte es das. So ein Jahreswechsel ist zwar weder eine Zäsur im Weltenlauf, noch in der individuellen Biographie, doch er gibt einen irgendwie natürlichen Takt über gerade noch überschaubare Zeiteinheiten vor. Periodische Bilanz wäre so das Stichwort dafür. Was ist gelungen? Was ging daneben? Was hat Bestand? Was bleibt noch zu tun?

Die weltweit Milliarden individuellen, persönlichen Beiträge ergeben ein zunächst verschwommenes Mosaik, aus dem im Takt der Zeit ein zwar immer noch nebuloses Gesamtbild hervortritt, das jedoch durch unterschiedlichste Deutungsmöglichkeiten äußerst reale Auswirkungen auf Lebensumstände und zukünftige Planungen für jeden einzelnen hat. Abhängig davon, wem wir die Deutungshoheit zugestehen. Denn eines sollte uns klar sein, dass nämlich das, was uns als Realität präsentiert wird, nur eine der möglichen Interpretationen der Wirklichkeit ist.

Unweigerlich landen wir da bei der sogenannten Politik, und längst schon erweist sich „die Politik“ nicht mehr als die vorgeblich institutionelle, treuhändische  Dienstleisterin zur Verbesserung der Lebensumstände auf Erden, wie sich das die Bevölkerungen nach der – zumindest in Europa – weitgehenden Überwindung des Feudalismus erhofft hätten. Im Gegenteil! Politische Parteien haben sich zu den Nachfolgern der feudalen Herrscherdynastien entwickelt. Ihre Vertreter verstehen sich als Elite, völlig analog zum einstmaligen Adel. Und so wie damals der Adel, ringen sie heute ebenfalls gegeneinander um die Machtausweitung über „ihre“ Bevölkerungen zum eigenen Vorteil.

Es hat ein Bedeutungswandel des Begriffs „Abgeordneter“ oder „Delegierter“ stattgefunden. Abgeordnete sind heute keineswegs die Lobbyisten der Bürgerinteressen, wie man eigentlich vermuten sollte, sondern sie vertreten vor allem Eigeninteressen um das Dazugehören zum „Machtadel“ innerhalb der von ihnen erkorenen Partei-Dynastie. „Erkoren“ im Sinne des Andienens mit Spekulation auf geschütztes Dazugehören.

Die Lehen früherer Zeiten bestehen heute auch nicht mehr aus zugewiesenem Landbesitz, sondern aus lukrativen Posten an den Schaltzentren der Macht. Auch die Hierarchie der Adelstitel besteht unter anderen Namen weiter. Als Funktionsbezeichnungen, die international praktisch gleichlautend verstanden und anerkannt werden, so wie früher in den Begegnungen von Königen, Herzögen, Fürsten und Grafen. Und so wie heute in den Begegnungen von Regierungschefs bis hin zu den als reine Zählgrößen dienlichen „Hinterbänklern“ in den Parlamenten.

Die Unterdrückung und der Missbrauch der Bevölkerungen lebt fort, wenn man sich in der Welt umsieht, und hat bloß einen anderen Namen bekommen: Demokratie. Man beruft sich nicht mehr auf „blaues Blut“ und „Gottes Gnaden“, sondern man leitet die Machtansprüche aus sogenannten Verfassungen, gleichsam den Statuten eines Staates ab, zu deren Erstellung der „gemeine“, gewöhnliche Bürger allerdings nur selten beigezogen wurde. Doch immerhin ist die Unterdrückung durch blanke Gewalt, zumindest gegenüber der eigenen Bevölkerung, einer subtilen, psychologischen Manipulation gewichen. Insofern hat sich ja also doch einiges zum Besseren gewandelt. Der Überlebenskampf besteht zwar weiter, wird innerhalb den Bevölkerungen heute – und zumindest derzeit noch – weniger mit Waffengewalt als mit dem höchsten zivilen Machtmittel, der Geldordnung, ausgefochten.

Auch im internationalen Kampf, in dem es vor allem um das Ansehen der Machteliten unter Ihresgleichen geht, ist die Geldordnung das ultimative Machtmittel, das zur Erpressung herangezogen wird. Mit dem Verweis auf Rechtsetzungen und Gesetzeslage können damit Ansprüche durchgesetzt werden, die weit entfernt von Anstand und Gerechtigkeit liegen, bzw. können damit auch Ansprüche abgewehrt werden, die einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung dienlich wären.

Erst wenn diese künstlich als Machtmittel konstruierte Geldordnung versagt, bzw. die Bereitschaft der Unterdrückten fehlt, diese noch länger als Machtmittel anzuerkennen, werden die Bevölkerungen zu Waffengängen gegeneinander missbraucht, wie schon in früheren Zeiten. Die an sich ja unverständliche Bereitschaft dazu wird vor allem durch Begriffsmanipulation zur Feindbildpflege und durch Destabilisierung der Lebensumstände erzwungen.

Die Wunden des letzten großen Krieges sind noch lange nicht verheilt und dennoch scheint wie eh und je die Manipulation zu Gewaltbereitschaft auf fruchtbaren Boden zu fallen. „Nie wieder Krieg“ wird gesagt, und zugleich mit unglaublichen Waffenarsenalen geprahlt. Zu Demokratisierung und Friedensmissionen wird aufgerufen, und alte Kulturen und in Entwicklung befindliche Zivilisationen werden destabilisiert und für eigene Ziele missbrauchsfähig zugerichtet. Andere Länder, die teils durch Kolonisation, heute vielfach anhaltend durch den Massentourismus an einer natürlichen Entwicklung gehindert wurden, werden in einer für uns entsprechenden fast vormittelalterlichen Zeit festgehalten und ausgebeutet.

„America first!“ ist zwar ein spezieller Sonderfall, doch ist es nur die ehrlich bekundete Einstellung, die natürlich auch die Machteliten aller anderen Staaten – wenngleich nicht so offenkundig – vor sich hertragen. Nationalismus macht sich in den Köpfen breit und verdrängt die Bedeutung des Sehnsuchtsbegriffs „Frieden“. Der Nationalismus wird durch den Vorwand religiöser Unvereinbarkeiten verschleiert. Ein Showdown zwischen Christentum und Islam wird propagiert und als willkommener Aufhänger zur Durchsetzung nationalistischen Selbstverständnisses und Überlegenheitsgehabes angesehen. Patriotismus, als völkisches Selbstbild, wird in den Köpfen durch angriffigen Nationalismus ersetzt.

Die EU, einstmals als Friedens- und Sozialprojekt ins Leben gerufen, hat zwar tatsächlich – zumindest bislang – eine historisch unglaublich lange Friedensperiode innerhalb Europas eingeläutet, von einer Sozialunion – und nur durch eine solche ist der Frieden auch längerfristig zu bewahren – ist sie jedoch noch meilenweit entfernt. Der viel zu frühzeitig erzwungene Euroraum erweist sich als eher spaltend, denn als einigend. Denn bei einer Währung geht es nicht darum, wie sie heißt, sondern wie sie funktioniert. Und es zeigt sich eben, dass sie eigentlich nicht funktionieren kann, auch wenn durch regelmäßige Umfragen immer wieder die Bestätigung abgeholt wird, dass die Bürger mit dem Euro „sehr zufrieden“ sind. Wie denn auch nicht und womit denn sonst? Sie waren auch einmal mit dem Schilling, der Mark und dem Franc sehr zufrieden. Am Konstrukt der Geldschöpfung hat sich ja nichts verändert. Es liegt heute wie damals außerhalb der Souveränitätsrechte. Und man muss sich eben damit abfinden und versucht sich, so gut es geht, damit zu arrangieren, was sich die Machteliten untereinander in den Kopf gesetzt haben. Die Frage, wie Geld heute entsteht, wer das Geldschöpfungsrecht besitzt, und welche Art der Geldschöpfung für die zeitgemäßen Anforderungen vielleicht sinnvoller wäre, wird gar nicht erörtert.

Mit dem Euroraum hat sich aber doch nur das Gebiet vergrößert, aus dem gesellschaftliche Lenkungsmöglichkeiten einer etwaigen parlamentarischen Kontrolle entzogen wurden. Die Vereinheitlichung erleichtert die Abwehr bürgerlicher Souveränitätsansprüche und Mitsprachemöglichkeiten. Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass mit dem Verlust der Souveränität über das Geld, auch der Verlust der Datenhoheit mit allen daraus abzuleitenden Konsequenzen einhergeht.

Doch zurück zur Begriffs- und Deutungshoheit: Die einen behaupten, christlich sozial zu sein und verfolgen zielstrebig die zynische neoliberale Politik. Die anderen geben vor, Sozialdemokraten zu sein und sich für die Anliegen der „kleinen Leute“ einzusetzen – und versuchen ihr offensichtliches Scheitern achselzuckend mit der Alternativlosigkeit des Neoliberalismus zu erklären. Andere wiederum versuchen die Bedingungen für ein Zusammenleben dadurch zu verbessern, dass sie die Demut gegenüber der Natur predigen, was zwar sehr ehrenwert erscheint, jedoch vergessen lässt, dass Geld in der Natur nicht vorkommt, aber dennoch lebensnotwendig ist. Und zuletzt gibt es noch jene, die ihre Profilierung aus der Abwertung anderer zu ziehen trachten. Allen ist gemeinsam, dass sie einander bei allem Respekt ziemlich feindselig gegenüberstehen und das auch als notwendig ansehen, um ihre Position im erlauchten Kreis der Machtelite aufrechterhalten zu können. Wen kümmert das Volk?

Minister, die der ursprünglichen Bedeutung ihrer Funktion nach, Diener des Volkes sein sollten, gerieren sich als kleine Machthaber mit oftmals skurrilen und realitätsfernen Ideen, mit denen sie sich zu weiteren hierarchischen Weihen zu empfehlen trachten. Innerhalb den Parteien nicht anecken und die manchmal nur kurze Zeit zur Absicherung der Privilegien nutzen, scheint die Devise zu sein. Wie denn auch nicht, wenn man über sein Einkommen selbst bestimmen kann?

Keiner der als Wahlmöglichkeit angebotenen Denkrichtungen scheint in den Sinn zu kommen, dass der gemeinsame Schlüssel, der den Erfolg der Partikularinteressen verhindert, in der Geldordnung liegt. Genauer gesagt: Alle Probleme, mit denen die Politik konfrontiert ist, beruhen auf dem Versagen der Geldordnung. Zugleich wurden die Finanzarchitektur und die Geldordnung einhellig zum politischen Tabuthema erklärt, als ob sie als göttliche Fügung hingenommen werden müssten, und obwohl sie sich als mittlerweile unzeitgemäß erweisen und den Anforderungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr genügen können.

Im Vordergrund stehen nicht mehr gesellschaftspolitische Fragen, sondern die Erfüllung der Anforderungen der Geldordnung. Die Geldordnung ist zum entscheidenden Instrument geworden, mit dem die Machteliten ihre Winkelzüge im gegenseitigen Balzgehabe ausleben.

Damit sind aber auch die Lösungsangebote gleichgeschaltet: 1. Schaffung von Arbeitsplätzen und seien sie noch so unsinnig oder sogar schädlich für die gesellschaftliche Entwicklung, 2. Erzielen von Wachstum, was im Kern unnötigen Ressourcenverbrauch und Schuldenwachstum bedeutet, und 3. Standortsicherheit, was als positiv konnotierter Begriff für die Ausbeutung anderer Länder zu verstehen ist und geschürte Rivalität bedeutet. „Die Anderen“ sollen sich verschulden.

Auslandsinvestoren werden ohne Berücksichtigung der Herkunft ihres Kapitals hofiert und dem vorhersehbaren Abfluss der Gewinne wird mit ziemlicher Hilflosigkeit begegnet. Steuerparadiese werden nicht als soziopathische Eiterbeulen in der globalen Bürgergesellschaft geächtet, sondern mit Augenzwinkern geduldet, denn man könnte ja vielleicht auch selbst einmal……

Der Hochfrequenzhandel an den Börsen wird als geniale Anwendung neuester Technologie bewundert. Immerhin verspricht er Reichtum ohne mühsamem Weg einer Werteschaffung und fällt damit unter „tolle Geschäftsidee“. Als vorrangiges Ziel wird uns daher auch die flächendeckende Versorgung mit superschnellem Internet schmackhaft gemacht. In Oberösterreich wird sogar bereits die Anschlusspflicht, wie für Wasser und Kanal, in Erwägung gezogen. Ob das mehr gesellschaftlichen Wohlstand bedeuten würde als Investitionen in das Bildungssystem, mag jeder für sich beurteilen.

 

Nun ja. Jetzt sind also die Feiertage zum Jahreswechsel endgültig vorüber und der Alltagstrott des neuen Geschäftsjahres beginnt langsam wieder Fahrt aufzunehmen. Bewahren wir uns daher alles, was an Gutem und Schönem gelungen ist, versuchen wir jedoch nicht, Misslungenes durch „Mehr vom Gleichen“ verbessern zu wollen. Versuchen wir uns gedanklich davon zu befreien und uns mit zeitnotwendig neuem Denken der Umformulierung überkommener Fragestellungen zu widmen. Denn nur aus neuen Fragen können sich auch neue Antworten erschließen.

Soweit also meine Hoffnungen und Wünsche für 2019, zu denen ich uns allen das beste Gelingen wünsche. Achtsamkeit bei Begriffen und Verhalten könnte unsere Spezies wieder ein Stückchen weiterbringen. Gehen wir es an!