AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Die einzig erkennbare Nachhaltigkeit unserer Lebensweise scheint sich mir in der Verfestigung historischer Verirrungen zu offenbaren. Die auf nationalstaatlicher Grundlage ins Leben gerufene UNO sollte dem eigentlich abhelfen. Nach dem 2. Weltkrieg schien es, die Völker hätten die Lektion verstanden. „Nie wieder Krieg“, hieß es. Man wolle sich ab sofort in friedensbewegtem Beziehungsaustausch an einem Tisch zusammensetzen. Die Gründung der UNO muss daher als einer der großartigsten Meilensteine in der Geschichte der Menschheit erkannt werden.

Doch was wurde in den nunmehr fast 75 Jahren aus dieser großartigen Institution für internationale Begegnung? Ihr Gründungsjahr, 1945, kann als Ausgangspunkt dessen verstanden werden, was wir heute als Globalisierung bezeichnen. Ziemlich rasch ging jedoch die ursprüngliche Idee, eines gemeinsamen Neuanfangs unter Ausblendung historischer Altlasten, verloren. Eine Einigung auf ein gemeinsames Menschenbild, das das Wesen des Lebens in den Mittelpunkt gerückt hätte, war und ist bis heute nicht möglich gewesen. Mehr denn je stecken wir in einer fatalen Links-/Rechts und Gut/Böse – Punzierung in materialistischem Vorteilsstreben, in dem im jeweils anderen nur ein Mittel für eigene Zwecke gesehen wird.

Und so ergeben allein schon die Nationalstaaten, die man ja auch bloß als historisch entwickelte Verwaltungseinheiten betrachten könnte, kein einheitliches Bild nach außen ab. Völker versuchen ihre Eigenständigkeit zu bewahren, oder überhaupt erst zu bekommen, und manche Nationalstaaten hängen immer noch absurden Reichsideen an, wobei sich nur die Mittel ein klein wenig vom martialisch militärischen Imperialismus zum nur vermeintlich friedlicheren Wirtschaftsimperialismus verschoben haben.

Nun ist es aber keineswegs so, dass von der UNO nicht laufend wertvolle Impulse für eine friedvolle Menschheitsentwicklung ausgingen. Im Gegenteil. Eines der jüngsten Projekte, zu dem sich immerhin 160 der 193 Mitgliedsstaaten zumindest auf dem Papier bekannt haben, identifiziert unter der Bezeichnung SDG, was für „Sustainable Developement Goals“ steht, 17 Hauptziele, die tatsächlich alle existentiellen Lebensbereiche im ökonomischen, ökologischen und sozialen Sinne umfassen. Darüber hinaus wurden insgesamt 169 Unterziele definiert und näher ausgeführt, die möglichst bis 2030 erfüllt werden sollten, um ein fruchtbringendes Zusammenleben der Menschheit auf Erden zu gewährleisten. Ein grandioses Zukunftsprojekt, das alle Unterstützung verdient.

Bemerkenswert ist jedoch, dass dieses tatsächlich weltbewegende und mehr als zeitnotwendige Konzept aus der öffentlichen Diskussion und damit aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend ferngehalten wird. Nur vereinzelt, wie z.B. gerade im „Standard“ vom 13.4.2019, wird darüber berichtet. Und so bleiben die Bemühungen eher auf die als „Gutmenschen“ verunglimpften Teilnehmer von Initiativen und auf einzelne schulische Projekte, die einzelinitiativ von verantwortungsbewussten Pädagogen betrieben werden, beschränkt.

Wie ist das zu erklären? Wenig überraschend resultiert die Notwendigkeit dieser 17 SDGs aus dem Versagen unseres Geldverständnisses und aus dem Diktat der Macht, die mit der Konstruktion der Geldordnung auf jegliche Gesellschaftsstrukturen ausgeübt wird. Müssten wir denn nicht einsehen, wenn schon nicht verstehen, dass für die Bevölkerungsmehrheiten neben dem täglichen Überlebenskampf, in dem es vordergründig um die Aneignung von Geldmitteln geht, weder Nerven noch Kapazitäten übrig bleiben, um sich mit den Belangen und Ansprüchen anderer zu befassen, wie das aber von den SDGs klarerweise als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird? Hat also die vielgepriesene Globalisierung nicht vielleicht nur dazu geführt, dass der einstmals kleinräumige Existenzkampf nunmehr über größere Entfernungen hinweg ausgetragen wird?

„Handel schafft Frieden“, hören wir allenthalben. Das hat schon in früheren Zeiten nicht gestimmt und stimmt heute weniger denn je. Denn immer schon trachtete man  die Quellen neuer Handelsgüter einzunehmen und zu beherrschen. Nicht von ungefähr war Merkur nicht nur der Gott des Handels, sondern auch der Gott der Diebe. Erst die Bekanntschaft mit fremdländischen Handelsgütern hat als logische Folge den Imperialismus hervorgebracht.

Unsere Verblendung und Blindheit verbreiten sich über antrainierte und zweckgerichtete Begriffsverwendungen. Das ermöglicht uns vielleicht einen ruhigen Schlaf in Selbstzufriedenheit, aber sind wir damit tatsächlich ehrlich – auch im Umgang mit uns selbst? Wie können wir selbst in Europa ernsthaft behaupten, in Frieden zu leben, wenn nicht nur rundum kriegerische Zerstörungen und Beutezüge ablaufen, sondern sämtliche Waffenarsenale der Welt randvoll mit Vernichtungswaffen bestückt sind, die unseren Planeten x.fach sprengen könnten. Nennen wir doch die Dinge beim Namen: Wir haben in Europa das Glück, nicht zuletzt durch die EU, in einer historisch langen Phase eines Waffenstillstands zu leben. Doch ein Waffenstillstand ist eben kein Frieden! Warum nennen wir es dann so?

Gleichzeitig gefährden wir diesen Waffenstillstand dadurch, dass wir es als selbstverständliche Notwendigkeit ansehen, unsere Waffenarsenale weiter aufzustocken und mit neuesten Technologien auszurüsten. Wie die Bestimmung der Schweine ihr Verzehr ist, so ist aber auch die Bestimmung der Waffen ihr Gebrauch. Das macht mir nicht nur Angst, sondern ich vermag darin auch keine Menschheitsentwicklung im Sinne der SDGs heraus zu lesen.

Frieden heißt, aufeinander zugehen und gemeinsam die Bedrohungen der Natur – ob selbst verursacht oder schicksalhaft – zu erkennen und zu meistern. Da braucht es keine Tötungsmaschinerie, sondern es bedarf der Umwandlung anachronistischer Armeen zu Sicherheitskräften und Katastrophenhelfern. Und die werden wir dringend brauchen. Die Natur ist emotionslos und unbarmherzig – und sie kann über uns nur lachen, wenn wir einander mit Waffen oder Wirtschaft bekriegen, anstatt gemeinsam und fortwährend nach einem Arrangement mit ihr zu suchen.

Wenn internationale Beziehungen, ob bei UNO Konferenzen, oder bei irgendwelchen sogenannten Gipfelgesprächen, vor allem dazu dienen, einander zu belauern, sich kleingeistige Vorteile zu verschaffen und geostrategische Pläne für Besitznahmen und Ausbeutungen zu entwickeln, werden wir uns als Menschheit nicht viel weiter entwickeln können. Was wir mit unserer Spezies und deren Lebensgrundlage, unserem Planeten, aufführen, lässt erschaudern. Es zeigt, dass wir uns längst schon von jeglicher spirituellen Lebensbeziehung entkoppelt haben – und das sogar noch als Fortschritt empfinden.

Es nimmt daher auch nicht Wunder, dass wir messbare, quantitative Größen, wie z.B. den Lebensstandard, als Lebensqualität verstehen sollen; dass wir alles, was möglich ist und sich in einem Geldgewinn ausdrücken lässt, auch tatsächlich tun müssen, und dass wir das Rechtssystem vor allem auf die Anforderungen des Geldsystems ausrichten, und dass uns „die Politik“, der wir die Rechtsetzung zu verdanken haben, mit Verweis auf dieselbe erklären, dass Vernunft in der Politik durch die bestehenden Gesetze leider nicht möglich ist. Und wir zeigen uns erstaunt, dass wir durch Auflösung jeglicher zivilgesellschaftlicher Kontrollmöglichkeiten über die „Verwaltungseinheiten“ (wir haben das mit dem ach so fortschrittlich klingenden Motto: „Freiheit für Kapital-, Güter- und Personenverkehr“ erreicht), Tür und Tor für internationalen Finanzbetrug, Korruption und Gewaltkriminalität geöffnet haben. Und es sind nicht gerade die wohlhabendsten Länder, die sich der Kriminalität weitgehend enthalten.

Doch ich will nicht jammern, auch wenn es ausreichend Gründe für Verzweiflung gibt. Die Welt ist, wie sie ist und die Menschen sind es ebenso. Freilich ist es schwierig, den Geist der Destruktion wieder zurück in die Flasche zu bugsieren. Es wäre jedoch schon viel gewonnen, könnten wir in all der Hektik von Sachzwängen und Überlebenskämpfen doch noch etwas mehr Zeit dafür aufbringen, nachzudenken, ob tatsächlich alles so sein muss, wie es ist. Und ob alles so ist, wie es uns erscheint, und ob alles so ist, wie wir es benennen. Schenken Sie sich selbst etwas kreative Zeit und entwickeln Sie Ihre Träume über das Leben – sie unterscheiden sich nur in unwesentlichen Details von den Träumen aller anderen. Und eines kann ich Ihnen vorweg versprechen, Sie landen genau bei den Betroffenheiten, wie sie die UNO in den 17 SDGs identifizierte.

Günther Hoppenberger, im April 2019