Asylanten – zwischen Gemeingefährlichkeit und Gemeinnützlichkeit

Während die Politik versucht, die besonders vom rechten Lager geschürten Ängste vor einer Gesellschaftsgefährdung durch die herbei gebombten Flüchtlingsströme zu bagatellisieren, kann sich „die Wirtschaft“ über den windfall-profit freuen, der sich aus dieser Zuwanderungswelle unverhofft erzielen lässt. Die Einnahmemöglichkeiten werden zwar stets nur als Kosten der Allgemeinheit interpretiert – was sie ganz offensichtlich auch sind – sie sind jedoch zweifelsohne eine hochwillkommene Wirtschaftsförderung, die neben Verpflegungs- und Unterbringungsaufwand besonders die Sicherheitsindustrie boomen lässt.

Ängste sind freilich gleichermaßen ernst zu nehmen, wie auch die Nöte, woraus sich ein für parteiideologische Spielchen fabelhaft geeignetes Spannungsfeld auftut, das die Aufmerksamkeit der Normalbürger gleichermaßen fesselt, wie auch anwidert. Während die Bösmenschen in den Flüchtlingen vorwiegend islamistische Kriminelle und Mörderbanden zu erkennen vermeinen, versuchen sich die Gutmenschen in christlicher Nächstenliebe auszuleben und sind sogar dazu bereit, in einer Art buddhistischem Nihilismus die Aufgabe traditioneller Überzeugungen als Toleranz mißzuverstehen.

Beiden, Gut- und Bösmenschen, ist dabei diese gewisse Aggressivität des intoleranten Besserwissens zu eigen. Ähnlich, wie zwischen Rauchern und Nichtrauchern, oder zwischen Abtreibungsgegnern und -befürwortern, werden hier Scharmützel, diesmal unter Benützung der fremden Rücken ausgefochten, und politisch idealtypisch als Links- und Rechtsradikalismus zugeordnet. Kommentare und Berichte darüber, werden von den jeweils Anderen als populistisch diskreditiert, was an sich ja bereits merkwürdig anmuten sollte.

Nun, selbst willkommene Gäste beginnen, wie der Volksmund sagt, am dritten Tag „zu stinken“. Wie intensiv muss daher erst dieses „Geruchsproblem“ bei einer ungebetenen Invasion empfunden werden? Die Unsicherheit, ob es sich bei den Fremden tatsächlich um vorübergehend Asylsuchende, oder doch nur um Wirtschaftsopportunisten handelt, die uns verdrängen und etwas wegnehmen wollen, hilft uns in der handlungsleitenden Gefühlslage auch nicht gerade weiter.

Um aus der Not eine Tugend zu machen, wird allerorten die Devise „Integration“ hoch gehalten. Ja, aber wollen „die“ das? Und auf welche Lebensbereiche kann sich Integration überhaupt beziehen? Während die – eindeutig – Wirtschaftsopportunisten aus den jüngeren EU-Mitgliedsstaaten zu meist nur mehr sprachlich unterscheidbaren, unauffälligen Wahlösterreichern (oder zu – integrierten – Bettlern und Kriminellen) wurden, halten sich die communities besonders von z.B. Türken und Kosovo Albanern ziemlich eisern abgeschottet – und das schon seit Jahrzehnten.

Was, und vor allem worein gilt es also zu integrieren? Inwieweit haben wir selbst eine gefestigte, beispielgebende Gesellschaftsstruktur und Lebensweise mit einhellig befolgten Richtlinien für ein friktionsfreies Zusammenleben aufzuweisen? Gut, wir liegen so ziemlich im Zentrum des so genannten christlichen Abendlandes, aber dennoch erwächst die Befähigung zum Gastgeber gegenüber fremden Kulturen erst aus den Herzen des Einzelnen. Wir genießen zwar auch internationale Anerkennung dafür, wie wir mit den Flüchtlings- und Migrationsströmen in der Vergangenheit umgegangen sind, allerdings handelte es sich damals um Flüchtlinge aus der ehemaligen Donaumonarchie. Das waren immer noch irgendwie Artverwandte, zu denen eine Annäherung über die gemeinsame Geschichte und  über ihr Verständnis für bürokratische Erfordernisse eines halbwegs demokratisch verwalteten Staates möglich war. Aber nun? Iraner, Iraqui, Pakistani, Afghanis und besonders Afrikaner, Äthiopier und Syrer! Keine Nachbarn mehr, mit denen man sich über vergangene gemeinsame Epochen austauschen könnte. Ja und Deutsch können sie auch nicht und viele bemühen sich auch erst gar nicht, es zu lernen.

Im zwanghaft überstürzten politischen Streben nach einer „One-World-Einheits- Gesellschaft“, die weder entwicklungszeitliche noch kulturelle Differenzierungen zu akzeptieren bereit ist, wird das Gastrecht zur Gastgeberpflicht uminterpretiert und von den Zuwandernden mit entsprechender Anspruchshaltung auch als solche verstanden. Keine Frage, dass die Migrationsströme in hohem Ausmaß durch die unter tatkräftiger Mitwirkung heutiger Zielländer angerichteten Schäden und der unter dem Vorwand von Demokratisierung meist militärisch erzwungenen Destabilisierung der Herkunftsgesellschaften ausgelöst wurden. Niemand will jedoch die Zeche längst vergangener und bereits verdauter Konsumation bezahlen. Außerdem kann es immer nur individuelle Schuld geben – und die wird im Zusammenhang mit der jahrhunderte langen kollektiven Ausbeutung anderer Länder für den einzelnen kaum nachvollziehbar.

Hinzu kommt aber noch der Aspekt der Nützlichkeit der Migration. Überall und zu allen Zeiten wurden Bevölkerungen von den Herrschenden vor allem als manipulierbares Arbeitsheer betrachtet, das sich sogar durch entsprechende Feindbilder (und in Aussicht gestellte Beute) als Soldaten zum Kriegsdienst missbrauchen lässt. In Europa und dem, was man unter „westlicher Welt“ versteht, wurde diese unumschränkte Machtausübung der Herrschenden durch allerlei von den Bevölkerungen ertrotzten Institutionen, wie Parlamente, Gewaltenteilung, Gewerkschaften und Interessensvertretungen einigermaßen beschnitten. Wir bezeichnen es heute als Demokratie.

Dennoch ist die heutige Machtaufteilung nicht als unumstritten anzusehen. Heute geht es vor allem um die Machtausübung mit der so harmlos wirkenden – weil von den Bevölkerungen unverstandenen – Geldordnung. In heutiger Zeit gibt es Kriege vor allem dann, wenn Geld, und zwar „unser“ Geld, das im Ausmaß von 85-90% gar nicht „unser“, sondern privates Bankengeld ist, nicht mehr als Machtmittel akzeptiert wird. Im Versuch, die Anerkennung des von uns so probat entwickelten Machtmittels durchzusetzen, lassen sich zur Rechtfertigung von Gewalt rassische und religiöse Konflikte schüren – die dann eben oftmals auch durch diplomatisches Ungeschick ungewollt aus dem Ruder laufen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Geldordnung das höchste Machtmittel unserer Zivilisation ist, bei dessen Versagen es erst fast zwangsläufig zu Gewalt und zuletzt zu Krieg kommt.

Und so ist so ein unverhofftes Arbeitsheer, das aus der Not heraus gezwungen ist, unsere Spielregeln des Geldes zu akzeptieren und für Hungerlöhne die als gemeinnützig deklarierten Tätigkeiten auszuüben, für viele gar nicht so unwillkommen. Gemeinnützig ist dabei nicht etwa die Tätigkeit des Politikers, oder von Beamten, sondern gemeinnützig ist, worum sich die Bevölkerung nicht schert und deshalb auch nicht bereit ist, dafür etwas zu bezahlen. Weiß Gott, worin der Nutzen dieser Art von Gemeinnützigkeit besteht – außer darin, dass sie nichts kosten soll. Ein nahezu kostenloser Arbeitswert. Eine feine Sache also, so wie die Arbeitsleistungen durch Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Sklaven.

Für die Bevölkerung ergeben sich daraus jedoch ganz andere Probleme. Was macht man mit Arbeitskollegen, mit denen man sprachlich nicht kommunizieren kann, die unseren Bräuchen und vielfach dekadenten Ansprüchen mit Unverständnis gegenüber stehen? Willkommenskultur, gut und schön, aber soll das heißen, dass von uns nach Jahrzehnten der Gewöhnung und Anpassung an eine fragwürdige Kultur der Sieger eine neuerliche Umgewöhnung an arabische, asiatische und afrikanische Kulturen erwartet wird? Aus dieser Sicht dürfen sich die Weltenlenker nicht wundern, dass quer durch Europa ein als Rechts stigmatisierter Ruck geht, der aber einem Aufbäumen zur vermeintlich notwendigen Selbstbehauptung entspricht.

Huntington hatte mit seiner Vorahnung über den „Clash of civilizations“ ja so Unrecht nicht. Auch Tilo Sarrazin, über den man denken mag, wie man will, liegt mit seiner emotionslosen Darstellung zukünftiger Entwicklungen („Deutschland schafft sich ab“) nicht ganz abwegig falsch. Im Unterschied zur Völkerwanderungszeit geht heute alles viel schneller. Allerdings hinkt die menschliche Psyche den – vielfach ohnehin gesellschaftlich schädlichen – technischen Entwicklungen hinterher. So ist beispielhaft zu bezweifeln, ob die Menschheit überhaupt schon für die durchgängige Digitalisierung unserer Welt reif war und ob damit nicht nur ein neues Feld der Kriminalität ins Leben gerufen wurde. Kriminalität von Betrügern innerhalb der Bürgergesellschaften, wie auch Kriminalität von Staatenlenkern gegenüber deren Bevölkerungen.

Wenn wir uns aber dazu anschicken könnten, unser Geldwertdenken, das uns dazu veranlasst, wachsende Ängste gegenüber allen Verlustmöglichkeiten zu pflegen, gegen neue Einsichten über das Leben als solchem einzutauschen, dann sollten wir auch den heutigen gesellschaftlichen Veränderungen mit der nötigen Gelassenheit gegenüberstehen können. Vermag man den einzelnen Menschen als Person wahrzunehmen, dann sollte die Erkenntnis, dass Zusammenrücken viel mehr Sinnfülle beschert als Gewalt, und dass die „Achse des Bösen“ hinter den vorgeschobenen Weltenlenkern zu suchen ist und nicht bei den Hilfesuchenden, naheliegen.

Die durch den zunehmend leistbaren Tourismus häufigeren Begegnungen mit fremden Völkern in deren Heimat, fanden – und finden immer noch nicht – auf Augenhöhe statt, sondern bewegen sich im Bereich zynisch zur Schau gestellter Überlegenheit mit dem daraus abgeleiteten Anspruch auf unterwürfig erbrachte Dienstleistungen. Wir lieben fremde Kulturen, besonders wenn sie uns billigst und zu Hungerlöhnen Entspannung und Rundumbetreuung im Urlaub bieten und uns mit entsprechender Ehrerbietung und Bewunderung, weil wir uns das leisten können, begegnen. Nicht wenige vertreten ja sogar die Ansicht, dass „die“ doch von uns leben und daher über unsere Besuche froh sein müssen. Verkannt wird dabei wieder einmal, dass bei dieser Betrachtung nicht das Leben, sondern nur eine manipulierbare Geldgröße im Zentrum der Begegnung steht.

Sehr feinsinnig hat das Felix Mitterer zu den Auswüchsen des – damals besonders deutschen – Tirol-Tourismus dargestellt. Leider hat es nicht zum Aha-Erlebnis, bzw. zur Einsicht geführt, dass gleichermaßen auch jene Länder darunter leiden könnten, die wir selbst als Urlauber heimsuchen.

Was wir nämlich auf gar keinen Fall wollen, ist aus zwei Gründen, dass uns Urlaubsbekanntschaften oder gar Quartiergeber aus unseren fernen Urlaubsländern bei uns daheim aufsuchen: Erstens könnten sie draufkommen, dass wir ihnen über unseren Status und unsere Lebensumstände nur Schmähs erzählt haben, und zweitens, weil sie unsere Lebensroutinen stören würden. Wir haben weder einen Bungalow oder ein Appartement zur Unterbringung anzubieten, noch wollen wir radebrechend die Abende mit ihnen am offenen Feuer verbringen. Als wir sagten, kommt uns doch mal besuchen und als wir von all unseren Möglichkeiten schwärmten, war das doch nicht so gemeint! Und wer konnte ahnen, dass es tatsächlich zu solchen Besuchen kommen könnte?

Nun sind das aber nur die persönlichen Begegnungen, die sich eben unverhofft zu unliebsamen Erfahrungen entwickeln können. Diesmal sind wir jedoch mit Asylsuchenden, mit einem Ansturm von gänzlich Fremden konfrontiert, zu denen wir keinerlei Beziehung haben. Dass sie, wenn sie schon aus ihren zerbombten Häusern fliehen zu müssen glauben, nicht in ihr nächstgelegenes Nahbarland einsickern, sondern ganz gezielt nach Mitteleuropa drängen, hat zu einem Gutteil mit dem Massentourismus und den durch ihn verbreiteten Fabeln zu tun. Das Internet hat dann nur noch als Bekräftigung und Beschleunigung gewirkt. Eine Folge der vielgepriesenen Globalisierung.

Wenn ich meine bisherigen Gedanken nochmals durchgehe, könnte man den Eindruck gewinnen, dass ich zu den Bösmenschen zähle, denen ich mich jedoch keinesfalls zugehörig fühle. Freilich darf man in meinem Alter bereits Gelassenheit erwarten, aber gewiss will ich keine zwangsweisen Einquartierungen mehr erleben und freilich bevorzuge ich es, mit Verkaufspersonal in meiner Muttersprache zu kommunizieren, auch weiterhin mit „Grüß Gott“ und nicht mit „Hallo“ begrüßt zu werden und mich in „meinem Land“ überall und sicher bewegen zu können.

Meine Gelassenheit des Alters zeigt sich also darin, dass ich das offensichtlich für mich Unabänderliche als global gewollte Menschheitsentwicklung hinnehme und die Gelassenheit speist sich auch aus dem Wissen, dass bei allen Besiegten vergangener Epochen stets neue gesellschaftliche Lebensformen entstanden sind. Dass die kulturelle Vielfalt dadurch verloren geht, ist zwar schade, doch da wir doch ohnehin keine Ahnung vom Leben als solchem und von dessen kosmischer Aufgabe haben, wissen wir auch nicht, ob die Entwicklung einer Einheitskultur nicht dem ursprünglichen Plan entsprach – wenn es denn einen solchen gab.

Als schmerzhaft empfinde ich jedoch, dass die nur aus brennender Ungeduld betriebenen, umwälzenden gesellschaftlichen Entwicklungen, die einer uns genehmen Gleichschaltung dienen soll, immer noch durch Waffengewalt angestoßen werden, womit sich erweist, dass die Menschheit auf der Triebebene der Tierwelt verharrt und noch kaum Zugang zur eigenen Identität im geistigen Sein gefunden hat. Frühere Bemühungen, der Dominanz der lebensnegierenden materialistischen Sichtweise durch eine ausgewogene Gestaltung des Bildungssystems zu begegnen, blieben erfolglos und wurden letztlich eingestellt.

Somit wird rationales Handeln allseits im rein ökonomischen Kontext verstanden und die Rationalität wird am Gewinn in Geldwert gemessen. Gewinnen im Wettbewerb, in dem es um das Überleben nach den je eigenen Vorstellungen geht. Was soll man da anderes als Rivalität und Kriege erwarten? Unser Problem ist gewiss die kurzfristige Denkweise und das Unverständnis, dass in diesem Wettbewerb auch einmal „die Anderen“ gewinnen könnten. Vielleicht sollte sich die Menschheit aber generell von den Gewinnzielen lösen und endlich zu Lebenszielen finden!