ARBEITSPLÄTZE – EIN HEIKLES THEMA IN ZEITEN VON COVID19

Nach vorläufiger und voraussichtlich nicht ausreichender finanzieller Rettung „unserer“ Fluggesellschaft AUA, die ja eigentlich der deutschen Lufthansa gehört, darf seit 15.6. wieder geflogen werden. Freilich unter Einschränkungen was Destinationen betrifft, wie auch mit entsprechenden Auflagen gegen die Ansteckungsgefahr mit Covid19.

„Jetzt fährt die AUA wieder hoch, mit kleinen Maschinen und wenigen Flügen“ konnte man lesen; und dass der AUA-Chef und seine Mitarbeiter „emotional“ berührt wären und auf das Beste hoffen, und das Beste wären viele Passagiere. Gibt aber diese als so erfreulich und hoffnungsfroh präsentierte Nachricht denn nicht in mehrerlei Hinsicht Anlass zu Nachdenklichkeit?

Ich möchte mich am Beispiel „Hochfahren des Flugbetriebes nach Covid19“ auf das äußerst heikle Thema „Arbeitsplätze und Wertschöpfung“ einlassen. Vorausschicken möchte ich, dass ich vollstes Verständnis für alle direkt und indirekt Betroffenen habe, die zwangsläufig und systemkonform davon überzeugt sind, von der Fliegerei  „leben“ zu müssen.

Gleichzeitig kann es den Betroffenen nicht verborgen geblieben sein, dass der von ihnen (hoffentlich) mit Begeisterung beschrittene Berufsweg einen – wie mittlerweile erkannt – höchst schädlichen Beitrag zur Klimaproblematik leistet. Dennoch, denn es ist ihr Beruf, sehen sie sich gezwungen, daran festzuhalten und möglichst viele Passagiere als Mittäter zu gewinnen, die ihnen ihren Lebensunterhalt sichern sollen, selbst wenn die Tätigkeit als gesamtgesellschaftlich destruktiv einzustufen ist.

Um nicht als Feind der Fliegerei dazustehen sei angemerkt, dass ich „Fliegerei“ nur beispielhaft aus aktuellem Anlass aufgegriffen habe und die gleichen Überlegungen natürlich genauso für viele andere Tätigkeiten auch zutreffen. Auf alles, mit dem man sein eigenes Leben durch Schäden an den natürlichen Lebensgrundlagen der Allgemeinheit oder durch Ausnützen der Notlagen anderer zu sichern trachtet. Oder dadurch, dass man überhaupt gleich Funktionen anstrebt, in denen man andere in Notlagen bringen kann – und es zum eigenen Vorteil auch tut. Es erübrigt sich wohl dafür konkrete Beispiele anzuführen. Da würde dieser Beitrag sonst viel zu lang.

Man darf das getrost ganz nüchtern betrachten. Wir sind alle keine Heiligen und brauchen es wohl auch nicht zu sein, doch ein bisschen Nachdenken über den Wert des Lebens an sich und über die an einen persönlich gerichteten Aufgaben aus dem breiten Spektrum der Möglichkeiten wäre schon angebracht, wenn wir die Erde samt Menschheit ernsthaft und tatsächlich lebenswert erhalten wollen.

Nun ist es also zweifelsfrei so, dass wir zum Überleben im derzeitigen Entwicklungsstadium unserer Gesellschaft auf ein entsprechend lebenssicherndes Einkommen angewiesen sind. Doch selbst in der Deklaration der Menschenrechte findet sich diese Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe nicht als bedingungsloses Recht, sondern nur als bedingte Möglichkeit. Ein bedingungsloses Recht auf Leben gibt es daher nicht. Es gibt nur das Recht, unter den von den Machtkonstellationen zugestandenen Bedingungen die Möglichkeiten zu nützen, Einkommen an sich zu ziehen. Der von den Mächtigen mit amüsiertem Wohlgefallen aus Distanz und in aller Unbetroffenheit beobachtete Wettbewerb um das je eigene Überleben findet daher auf Ebene dieser Möglichkeiten statt. Und die Entscheidungshoheit über die Zuteilung von Einkommen liegt völlig in Händen der Macht, auch wenn man uns weismachen möchte, dass der „Markt“ für die Verteilungsgerechtigkeit sorgen würde.

Den „Markt“, dem man gerne alle positiven Facetten eines Bauernmarktes zuschreiben möchte, gibt es aber nur in naiven Vorstellungswelten. In Wahrheit ist „der Markt“, dessen Anforderungen wir zu erfüllen immer wieder gezwungen sind, nichts anderes als das in Gesetze gegossene Gesamtpaket der Ansprüche der „Macht“. Und das sind nicht unsere Abgeordneten oder Regierungsvertreter. Die sind gleichermaßen wie die großen Konzernmanager nur bewusste oder unbewusste Mitläufer der Macht. Die unterstützende Corona der Macht, die aus ihren übernommenen Funktionen – gewollt oder verblendet – ihre eigene finanzielle Absicherung beziehen. Sie sind die Prostituierten der Macht. Denn das höchste zivile Machtmittel liegt in der Gesetzgebung zur Geldschöpfung und über die Art und Weise wie Geld in Umlauf gebracht wird. Das könnte man in wahrhaftigen Demokratien natürlich im Sinne des Gemeinwohls gestalten, aber zusammenfassend kann man sagen, dass „der Markt“ jene sind, denen man die Geldschöpfung und damit auch die Bestimmung über die Zuteilungsbedingungen zugestanden hat. Und es ist von den Politikvertretern leider keine Bereitschaft erkennbar, daran irgendetwas ändern zu wollen. Die Pflänzchen aufkeimender Demokratie werden der Wegbereitung plutokratischer Freiheiten geopfert. Ob aus Unwissenheit oder eigennützigem Opportunismus sei dahingestellt. Dennoch darf man eben die Hoffnung nie aufgeben, wenn man daran glauben möchte, dass eine friedliche Welt möglich ist.

Jedenfalls ist dadurch auch die großherzig und bedingungslos zu respektierende „Würde des Menschen“ irgendwie ad absurdum geführt. Denn ein Leben in Würde ist ohne Geld in unserer Gesellschaft wohl kaum und nur durch Gnadenakte möglich. Und das unbarmherzige Gerangel um das überlebensnotwendige Einkommen findet bei den großmütig zugewiesenen Möglichkeiten (Vorfinanzierung von „Arbeitsplätzen“) statt. Wir haben gelernt, diese Gesellschaft spaltende Rivalität mit dem verharmlosenden Begriff Wettbewerb zu bezeichnen. Würde hin oder her. Ich muss eine Möglichkeit finden, mit einer Tätigkeit aufzufallen und darauf zu hoffen, dass mir damit ein Einkommen zugestanden wird. Und wenn es ums Überleben geht, ist letzten Endes dafür jede Tätigkeit recht. Wie sich da die Situation über Jahrzehnte hinweg zugespitzt hat, erkennt man auch daran, dass nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich ein Wandel von Berufen zu Jobs stattgefunden hat.

Ein Beruf hat begrifflich noch irgendwie die nachvollziehbare Bedeutung, einen Beitrag für das gesamtgesellschaftliche Gefüge zu leisten. Bei einem Job geht es nur mehr um ein Mittel zur Einnahme von Geld. Egal womit. Nicht mehr der Wert der Tätigkeit steht im Vordergrund, sondern das Einkommen. Daraus wird verständlich, dass sich die Auffassung verfestigt hat, vom Geld selbst, losgelöst vom Grund seines Empfangs, zu leben. Gleichzeitig fand auch die Pervertierung des Leistungsbegriffs statt. Das Einkommen bemisst sich nicht mehr am Gemeinwohlbeitrag der Tätigkeit, sondern die Leistung wird im zugestandenen Einkommen gesehen. Wer kein Einkommen hat, leistet nichts. Soweit die verfestigte Meinung in unserer Epoche. Dabei ist es ja genau umgekehrt. Ohne Einkommen fehlt die Lebensgrundlage, um überhaupt etwas leisten zu können!

Erst heute (19.6.2020) schrieb Hermann Neumüller in den OÖN bezüglich der Vermögenskonzentration in Händen einiger weniger, dass das so schlimm ja nicht wäre, weil dieses „aktive Vermögen“ doch die Arbeitsplätze schafft, um die mit allen Mitteln gerungen wird. Dem muss man jedoch entgegenhalten, dass es bei Vermögen grundsätzlich um die Machtfrage geht. Vermögen im Sinne von Wohlstand und der Ermöglichung etwas zu „vermögen“, ist auch grundsätzlich nicht böse, sofern es mit gesellschaftlicher Verantwortung einhergeht. Vermögen ermächtigt jedoch auch, es ausschließlich zur Stärkung und Vermehrung der eigenen Machtfülle einzusetzen. Das zu verhindern oder zumindest zu dämpfen, dazu wäre der Staat aufgerufen, der jedoch immer stärker in die Abhängigkeit von den Finanzmärkten gezwungen wird.

Ich behaupte nun, dass die „Schaffung von Arbeitsplätzen durch Vermögende“ kein anzunehmendes Ziel, sondern eine für die Vermögenden eher unangenehme und belastende  Notwendigkeit ist, die daher auch nur so sparsam wie möglich eingesetzt wird, aber dennoch (noch) nötig ist, um das Vermögen zu mehren oder zumindest zu erhalten. Es ist aber zugleich die erpresserische Macht der Vermögenden, die damit auf die Staaten ausgeübt wird, weil die Zuteilung von Einkommen an einen Arbeitsplatz gebunden ist, egal ob das Arbeitsergebnis ein gesellschaftlich erwünschtes Ergebnis bringt, oder nicht. Denn es geht eben nur um die Vermögensmehrung. So, wie große Vermögen nur durch die Oberhoheit über die Angebotsseite entstehen konnten, lassen sie sich auch am besten über die Angebotsseite (Trendsetting, Werbung und technologische Neuerungen) vermehren. Es ist der eigentliche Kern des sogenannten Neoliberalismus, der wenig Bedacht auf die eigentlichen Bedürfnisse einer Gesellschaft nimmt, sofern sich daraus keine Steigerung des persönlichen Finanzvermögens erzielen lässt.

Und so ist die Nachfrageseite für Vermögende nur insofern interessant, als sie sich in Richtung Angebot psychologisch oder durch Beeinflussung der Rechtssetzung manipulieren lässt. Damit aber so ein gewecktes Bedürfnis zur Nachfrage wird, braucht es ein Einkommen. Autos kaufen keine Autos, musste schon Henry Ford erkennen und entschloss sich – wahrscheinlich zähneknirschend – seinen Arbeitern bessere Löhne als üblich zu bezahlen, damit sie sich die Autos auch leisten konnten. Das drückte zwar auf die ursprünglich erwartete Gewinnspanne, spornte aber zugleich zu fortlaufender Produktivitätssteigerung an. Und durch die immer weiter vorangetriebene Arbeitsteiligkeit haben wir mittlerweile ein überwältigendes Maß an Produktivität erreicht. Die Einsicht, dass Produktivität ohne Konsum ziemlich wertlos ist, ist allerdings verloren gegangen, bzw. wird versucht, die Verantwortung für Kaufkraft und Kaufwillen der Bevölkerung dem Staat in die Schuhe zu schieben.

Was hat das jetzt mit der AUA und mit all den Arbeitsplätzen rund um Fliegerei und Flughäfen zu tun? Sehr viel. Covid19 hat gezeigt, dass nämlich die Verknüpfung von Arbeitsmöglichkeit mit überlebensnotwendigem Einkommen als Auslaufmodell betrachtet werden muss. Die großen umwälzenden Veränderungen, die nicht zuletzt der überragenden Kreativität menschlichen Geistes zu verdanken sind, kommen ja erst noch auf uns zu: Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung, die menschliche Arbeit immer entbehrlicher macht, aber von den Vermögenden immer rascher vorangetrieben wird, werden uns noch viel ärgere Situationen als Covid19 bescheren. Auf Dauer wird der Staat die wegfallenden Einkommen nicht kompensieren können. Wer soll sich dann die Segnungen der Digitalisierung noch leisten können? Wie können dann die Vermögenden ihr Vermögen noch steigern? Wie sollen sich ihre Investitionen „rechnen“? Langfristig wird sich eine Gesellschaft (der Staat) es sich nicht leisten wollen und im bestehenden Geldsystem auch gar nicht leisten können, Investitionen in (an sich entbehrliche) Arbeitsplätze zu tätigen und das Fruchtgenussrecht bei den Vermögenden zu belassen. Möglichkeiten für wertvolle Tätigkeiten, wie sie heute vielfach ehrenamtlich ausgeübt werden, gäbe es ja genug, man müsste ihnen halt auch ein entsprechendes Einkommen zugestehen.

Je nach Studie spricht man heute davon, dass schon 2030 zwischen 30 und 50% der Arbeitsplätze nicht mehr existieren werden. Es werden zwar, aber selbst das nur vorübergehend, auch neue Arbeitsplätze entstehen, besonders im hochqualifizierten Bereich, aber woher soll das Einkommen für die Massenkaufkraft stammen? Es geht heute also nicht mehr um Arbeitsplätze, sondern um Einkommen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) wird daher unausweichlich sein, um die Voraussetzungen für Leistungs- und Konsumfähigkeit aufrecht erhalten zu können Und es wird vor allem darauf ankommen, inwieweit Gesellschaftsethik mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten vermag. Derzeit klafft da eine gewaltige Diskrepanz, die ich als „digitale Lücke“ bezeichnen möchte.

Auch wenn jetzt die AUA und die damit zusammenhängenden Arbeitsplätze „gerettet“ erscheinen, so trügt dieses Bild. Und allen „Geretteten“ sei angeraten, sich vorbeugend mit der Frage zu befassen, was sie täten, wenn für ihr Auslangen in bescheidenem Maße gesorgt wäre, sie ihren Beruf jedoch mangels Nachfrage nicht mehr ausüben könnten. Denn das ist die größte Sorge, die sich Regierungen mit den (noch verantwortungsbewussten) Vermögenden teilen, dass es zu Unruhen kommen könnte, wenn sich die Bevölkerungen mit ihrer Zeit nichts Sinnvolles anzufangen wüssten. Andererseits besteht in diesem Gedankenexperiment die Möglichkeit, einmal seine eigenen Fähigkeiten und wahren Interessen auszuloten und auch die bisherige Tätigkeit im Gemeinwohl-Kontext zu beleuchten. Scheuen sie sich nicht davor. Tun sie es einfach. Entwickeln Sie Ihre Träume, aber vergessen Sie dabei nicht mit sich selbst zu klären, was Sie dafür zu tun bereit wären, welche Anforderungen dafür nötig wären und welche Auswirkungen das auf Umwelt und Gemeinwohl hätte.

Günther Hoppenberger, Juni 2020

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