……..AM BEISPIEL „GELDFÄLSCHUNG“

Mitte Juli 2020 wurde eine Geldfälscherbande ausgehoben, die in Italien, Frankreich und Belgien aktiv war. 44 Verdächtige wurden verhaftet. Der Schaden soll sich auf 10 Millionen Euro belaufen.

Freilich, Geldfälschen ist ein schwerwiegendes Betrugsdelikt an der Gesellschaft. Es untergräbt nicht nur staatliche Hoheitsrechte, sondern besonders schwer wiegt der nicht annähernd zu beziffernde Verlust des Vertrauens in Geld. Eine (Zentral-) banknote hat schließlich die Eigenschaft eines Dokuments und da will man sich auf die Echtheit verlassen können. Denn geht das Vertrauen in Geld verloren, dann löst sich eine Gesellschaft auf. Deshalb ist es ganz wichtig, dass Geldfälschung mit entsprechender Vehemenz geahndet und nicht wie Steuerbetrug mit Augenzwinkern als Kavaliersdelikt eingestuft wird.

Mich interessiert aber jetzt, wie der Schaden von 10 Mio. zustande gekommen sein soll, der sich gewiss nicht auf den ideellen, sondern auf realwirtschaftliche Verluste beziehen dürfte. Gehen wir also der Reihe nach vor:

Geldfälscher beschließen ein Produkt zu schaffen, das es ohne sie nicht gäbe. Das Produkt soll ihnen den günstigen Erwerb von den eigentlich gewünschten Gütern ermöglichen. Unter den 44 Verhafteten sollten sich also zumindest einige begnadete Künstler befinden, die zur Produktion so eines Kunstwerks, wie es eine Banknote ist, befähigt sind. Die Motivation, diese Fähigkeit für kriminelle Machenschaften einzusetzen, hat unterschiedliche Quellen. Einerseits Unzufriedenheit mit der Entlohnung, wenn also Erträumtes mit herkömmlicher Tätigkeit in unerreichbare Ferne rückt, oder andererseits, wenn es an der Anerkennung mangelt, die man als verdient ansieht und einfordern möchte. Letzteres wäre also die Demonstration einer fragwürdigen Cleverness, mit der man es zu Ruhm und Anerkennung bringen möchte – und sei es nur durch eine Schlagzeile in den Medien.

Was auch immer zu dem Entschluss geführt haben mag, es bedarf neben dem Können auch Zeit und Materialien. Beides kostet. So eine Fälschung geht ja nicht von heute auf morgen und ich muss mein Leben finanzieren. Ich muss auch die Werkstatt finanzieren. Und die Materialen wird es nur auf dem Schwarzmarkt und sicher nicht zu den Einkaufsbedingungen der Notenbanken geben. Da werde ich bereits durch Mitwisser unter Druck geraten und entweder Schweigegeld zahlen, oder eine Beteiligung am Geschäftsmodell anbieten müssen. Im Vorfeld der Geldfälschung muss also zunächst investiert werden. Mit „echtem“ Geld, denn gefälschtes gibt es ja noch nicht.

Die start-up Investition wird wahrscheinlich gar nicht so unbeträchtlich sein, doch die Geschäftsidee der Geldfälscher liegt ja voraussichtlich im Traum der unendlichen Gelderzeugung und negiert vorweg etwaige Engpässe und Limitierungen bei der Beschaffung der Ausgangsprodukte. Und ein mögliches Auffliegen wird als undenkbar ausgeblendet.

Nehmen wir an, dass nach einem halben Jahr nahezu perfekte Blüten angefertigt wurden, mit denen man zunächst zu Testzwecken am Markt auftreten kann. Ganz so kühn wird man es ja wohl nicht angehen und die Blüten direkt bei einer Bank auf ein Konto einzahlen wollen. Daraus ergibt sich bereits ein relativ kleines Zeitfenster, in dem man mit dem selbstgemachten Geld Anschaffungen tätigen kann, bis die Fälschungen auffliegen. Um auf der sicheren Seite zu bleiben und die Rückverfolgung zur Quelle zu erschweren, wird man eine Vertriebsstruktur aufbauen müssen. Das erklärt vielleicht auch die relativ große Anzahl der Verhafteten.

Das Erzeugerteam wird also einen vertrauenswürdigen „Großhändler“ brauchen, der die Blüten gegen einen gewiss gewaltigen Risikoabschlag, es ist schließlich „heiße Ware“, übernimmt und in kleineren Stückzahlen an eine Einkaufsmannschaft weiter verkauft. Für z.B. so einen 50 Euro Schein wird der eigentliche Fälscher vielleicht maximal 5-10 Euro, dafür aber in Echtgeld, erhalten. Sein Gewinn wird daher von der Auflagenhöhe und von der Zeit, die ihm dafür bleibt, abhängen. Immerhin hat er dafür aber etwas geleistet. Das dafür lukrierte Geld fließt jetzt in den Konsum für seine Lebensführung. Er kauft mit regulärem Geld ein, bezahlt auch seine Investitionsdarlehen ab und belebt die Wirtschaft. Bis hierhin hat der Fälscher also einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum geliefert und sogar Steuereinnahmen für den Staat stimuliert, wie das von der Politik stets gefordert, allerdings anders interpretiert wird.

Mit seinen Einkäufen trägt der Fälscher zur Sicherung von Arbeitsplätzen bei. Das gleiche geschieht in der Kaskade der Einkaufsorganisation, wobei – freilich nur ein minimaler – theoretischer Inflationseffekt damit verbunden ist. Es ist ja gefälschtes Zentralbankgeld, das jetzt zusätzlich umläuft, so lange es von Händlern als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Und je nach Güte der Blüte kann so ein Falschgeld viele Transaktionen durchlaufen und x-fach Wirtschaftsvorgänge durch Nachfrage auslösen, die ohne diesem Falschgeld nicht zustande gekommen wären.

Auch Falschgeld schafft also einen durchaus wertschaffenden Beitrag, hat aber natürlich einen äußerst negativen Einfluss auf die Verteilungsgerechtigkeit. Wie anfangs erwähnt, hat allerdings erst die bereits vor dem Falschgeld als ungerecht empfundene Verteilung zur Geschäftsidee „Falschgeldproduktion“ geführt. Bis jetzt ist soweit erkennbar noch kein Schaden durch die Geldfälscherbande ersichtlich.

Der Schaden tritt jedoch dann ein, sobald einem Händler das Falschgeld von seinem Lieferanten nicht angenommen wird, bzw. wenn er es bei seiner Bank einzahlen möchte, es als Fälschung erkannt und ersatzlos eingezogen wird. Dann bleibt er auf dem Schaden sitzen. Was auch immer er an die Fälscher geliefert hat, hat er im Ausmaß des Falschgeldanteils in der Bezahlung verschenkt. Und auch die Allgemeinheit muss auf die Umsatz- und Gewinnsteuereinnahmen aus diesem Vorgang verzichten.

Meistens schwärmen aber die Falschgeldbrigaden zunächst gar nicht für größere Anschaffungen aus, sondern versuchen durch sukzessive Wechselvorgänge Echtgeld „anzusparen“, mit dem sie dann erst größer einkaufen gehen. Sie probieren also z.B. die Tageszeitung oder eine Tüte Eis mit einem falschen 50er zu zahlen, und schon haben sie mit dem Wechselgeld Echtgeld in Händen. Dadurch erfolgt ziemlich rasch eine breite Streuung und der gesamtwirtschaftliche Schaden hält sich in Grenzen, wenngleich die Einzelschicksale, z.B. für den gelinkten Eisverkäufer, bedauerlich sind, wenn der falsche 50er nicht mehr weitergereicht werden konnte.

Um jetzt auf die in der Meldung angegebene Schadenshöhe von 10 Mio Euro zurück zu kommen, muss man daher vermuten, dass das der nominelle Gesamtbetrag der erzeugten Blüten ist. Es wird vermutlich schwer rekonstruierbar sein, wie oft dieses Falschgeld umgelaufen ist, bevor es eingezogen wurde. Bei nur zweimaligem Umlauf hielten sich aber gesamtwirtschaftlicher Schaden und Wertschaffung bereits die Waage. Zusammen mit der Vorweginvestition und des Beitrags zur Arbeitsplatzsicherung, nicht nur in der Realwirtschaft, sondern nicht zuletzt auch nachgelagert im Justizsystem, ergibt sich unterm Strich eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Plus an Wertschöpfung.

Auch wenn ich das als Scherz verstehe, dürfte rechnerisch daran nicht zu rütteln sein. Und als bösen Scherz muss man das vor allem unter dem Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit sehen. Die Fälscherbande hat sich ein Recht angemaßt, selbst wenn sie dafür harte Arbeit geleistet hat, das sie gegenüber allen anderen Wirtschaftsteilnehmern in eine Vorrangstellung bringen sollte. Einkauf mit selbstgemachtem Geld. Genial. Leistungslosigkeit liegt ja nicht unbedingt vor, aber Rechtlosigkeit. Das geht gar nicht und muss daher konsequent unterbunden werden.

Auch wenn diese 10 Mio. Euro natürlich nur ein Klacks sind gegenüber den 500 Mio bei der soeben aufgedeckten Betrugsmasche der Commerzialbank Mattersburg, oder gar bei Wirecard, wo von Milliarden die Rede ist, bestätigt sich sichtlich die alte Regel, dass die kleinen Betrüger viel leichter zu fassen sind. Und mit der Berichterstattung über den Geldfälscherring und über die Großbetrügereien durch einzelne Banken und Finanzdienstleister werden systemimmanente Analogien zu Geldfälschern verschleiert, weil man sich nur auf die aufgeflogenen kriminellen Abweichler stürzt, nicht jedoch die gesetzlich abgesicherte systemische Ermöglichung von Täuschung thematisiert.

Dass auch Geschäftsbanken völlig legal so eine Sonderstellung unter allen anderen Wirtschaftsunternehmen innehaben, kommt dann gar nicht ins Gespräch. Wie die Geldfälscher es mit täuschend ähnlich zum Zentralbankgeld gefertigten Banknoten widerrechtlich tun, so treten auch Banken bei jeder Kreditvergabe mit selbst erzeugtem Buchgeld im Markt auf. Und dieses Buchgeld ist ganz einfach mit Mausklick im Bankcomputer zu erzeugen. Viel leichter als die mühsame Fertigung einer Blüte. Und wer das Buchgeld als Zahlung akzeptiert, wird dagegen auch Waren und Dienstleistungen liefern. So lange es umläuft, wird es so wie die falschen 50er Segen stiften. Arbeitsplätze sichern und Wachstum anstoßen.

Gleiches Recht nun für alle zu fordern, ist hier aber dennoch nicht angeraten, denn es braucht natürlich schon noch andere – vor allem imagemäßige – Voraussetzungen, dass Buchgeld auch als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Trotzdem haben die Fälscher, sofern sie gut sind, es nicht übertreiben und der Schwindel länger nicht auffällt, eindeutig das bessere Geld, denn es imitiert ja bereits Zentralbankgeld, wohingegen die Banken nur eine Forderung auf Zentralbankgeld in Umlauf setzen können. Doch auch den Banken geht es letztlich darum, das von ihnen aus dem Nichts geschaffene Buchgeld in Zentralbankgeld eingewechselt zu bekommen. Sie bedienen sich dazu der realwirtschaftlichen Werteschaffung. Dass diese zwanghafte Werteschaffung auch Zerstörung der Lebensgrundlagen umfasst, darauf gehe ich hier nicht weiter ein.

Die zunächst ja inhaltsleere Forderung auf Geld, das Buchgeld der Banken, wird nachgelagert durch Arbeit in einen zahlenmäßig in Geld ausgedrückten Mehrwert überführt, der als Wachstumsbeitrag von der Zentralbank honoriert werden kann. Bedauerlich ist nur, dass bei dieser Art von Wechselvorgang ein Ressourcenverbrauch nicht nur stattfinden kann, sondern stattfinden muss! Das ist allerdings beim Einkauf mit Falschgeld auch nicht anders.

Zusammenfassend kann man also sagen: Banken und Geldfälscher erzeugen unter Umgehung staatlicher Hoheitsrechte gleichermaßen ihr Zahlungsmittel selbst. Die einen legal, weil es ihnen der Gesetzgeber gestattet und die anderen illegal. Die einen mit privat erzeugtem Schuldgeld, die anderen mit gefälschtem Zentralbankgeld, dem einzigen gesetzlichen Zahlungsmittel. Beide zielen darauf ab, das selbst geschaffene Zahlungsmittel in gesetzliches Zahlungsmittel gewechselt zu bekommen und damit in weiterer Folge als gesetzestreue Stützen der Gesellschaft und mit der Macht des Geldes in Erscheinung treten zu können. Die einen zielen auf die Aneignung anderweit unerreichbarer Luxusgüter ab, die anderen auf erpresserische Dominanz über die Staaten. Bei den einen erfolgt der Wechselvorgang direkt in Geldform, quasi im Straßenverkauf, bei den anderen indirekt im Umweg über die Realwirtschaft mit Bevorzugung der gewinnträchtigsten Sparten – denn es soll schnell gehen. Der von Beiden verursachte gesellschaftliche Schaden ergibt sich aus der Vereinnahmung des Staates als derzeit ziemlich hilflos ausgelieferten Bürgen, der für die Refinanzierung der Geschäftsbanken durch die Zentralbank haftet.

Das soll nun beileibe nicht als Plädoyer für Geldfälscher verstanden werden, aber die Analogie ist zweifellos bedenkenswert. Gelänge es dem Staat (der Gesellschaft) die Hoheitsrechte über die Geldschöpfung als vierte staatliche Gewalt unter parlamentarische Kontrolle zu stellen, dann könnten die dadurch erweiterten politischen Möglichkeiten erwarten lassen, dass auch die Motivation zur Geldfälschung aus der Gesellschaft verschwindet. Im Vergleich zur Geldschöpfungsmacht der Banken, ist die Herstellung von Falschgeld jedoch nur ein kleiner Nadelstich ins System. Das versuchte ich hier aufzuzeigen.

Günther Hoppenberger, im Juli 2020; www.lifesense.at