Alternativen aus orthodoxer Sicht erklärt?

Keine leichte Aufgabe für Raimund Dietz, der seine Bedenken schriftlich niederlegte:

„Orthodoxe Alternativprogramme“.

Kürzlich wurde ich eingeladen, einen Vortrag zum Thema Geld an der Summer School der Hochschule für Bodenkultur zu halten. Der Kurs dauert fast zwei Wochen und findet von Ende Juli bis Mitte August 2016 statt. Ca. 50 Studierende aus aller Welt sollen vor allem mit alternativen bzw. heterodoxen wirtschaftstheoretischen Ansätzen konfrontiert werden.

So alternativ das Programm sein möchte, ist es doch ziemlich orthodox. Es geht von planetarischen, ökologischen Perspektiven aus, die mit dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem nicht kompatibel erscheinen. Aus diesem Ansatz ergibt sich für die Programmgestalter die Notwendigkeit, Kritik am gegenwärtigen Wirtschaftssystem und vor allem am herrschenden Geldsystem zu üben, um sich dann auf die Suche nach neuen Ansätzen – nach einem neuen Geld – aufzumachen. Diese Herangehensweise scheint konsequent zu sein und hält sich durchaus an den üblichen Rahmen.

Was man, trotz aller Sehnsüchte nach etwas Neuem, nicht versteht, ist, dass das Neue sich nur erschließt, wenn sich das Denken selbst verändert. Das Denken war bisher rein durch den naturwissenschaftlichen Mythos bestimmt, der nur eine äußere Welt für wahrhaben wollte. In diesem Weltbild war ein Verstehen von Geld gar nicht möglich geworden, mit der Folge, dass Geld über uns Menschen eine unziemliche Macht erhielt: denn je mehr wir Geld verdrängen, desto mehr beherrscht es uns.

Ein wirklich alternatives Lehrprogramm bestünde darin, sich der Innenwelt der Gesellschaft zuzuwenden und aus ihr Geld zu verstehen lernen. Denn es ist die Innenwelt, der wir die ganze Dynamik verdanken, die sich erst ca. ab 1800 entfaltete und uns als Verhängnis erst gegen Ende des 20sten Jahrhundert bewusst wurde. Denn diese Dynamik droht nicht nur die natürliche Umwelt zu zerstören, sondern uns als Menschen auch zu überfordern. Aber nur aus dem Innenraum können wir verstehen, wie sich die materiellen Strukturen von Gesellschaft und Wirtschaft bilden und welche menschlichen Einrichtungen (Institutionen) notwendig wären, um sich den Herausforderungen der modernen Welt zu stellen. Wie schon der Systemtheoretiker H.v.Förster sagte: Wir haben keine äußeren, sondern nur mehr innere Probleme. Aber wenn wir von einer bloß äußeren Perspektive auf die Welt schauen, wie es die Naturwissenschaften tun, sehen wir Probleme, die keine sind, und übersehen die wirklichen Probleme.

Noch klagen wir nur aus einer falschen Perspektive an, weil wir nicht begreifen, was passiert und fordern und fordern – aber wir kommen nicht zu wirklich brauchbaren Lösungen. Wir bleiben im Utopismus gefangen, den wir aus naturwissenschaftlichen Weltbildern ableiten, oder wir begnügen uns mit der postmodernen Beliebigkeit.

Das Programm steht: so werde ich meinen Vortrag über das Vollgeld halten. Wird man aber Vollgeld verstehen, ohne zu wissen, was die moderne Gesellschaft ist, was Geld für die moderne Gesellschaft ist und dass unser Denken ohne Geld gar nicht denkbar ist? Ja, dass die planetarische Perspektive, aus der so sehnsüchtig nach einem anderen Geld gesucht wird, nur möglich wurde, weil Geld sie uns aufzwingt?

Raimund Dietz