WIR HABEN EIN ELITEN – PROBLEM

Trump, der besonders auffälliges Verhalten zeigt, ist nur die Spitze jenes Eisberges, der nach außen den Glanz unserer angeblichen Eliten wohlgefällig auf das gemeine Volk abstrahlen soll.

Niemand käme wohl auf die Idee, Donald Trump als der Weltelite zugehörig einzustufen. Dennoch verkörpert er kraft seines Amtes und als – militärisch – mächtigster Mann der Welt, sogar die Spitze der so genannten Weltelite. Zumindest wird dieser Anschein durch die Medienberichte geweckt, die uns zwangsläufig über seine Voodoo-Politik, die uns alle betrifft, informieren müssen. In seiner narzisstischen Persönlichkeitsstörung scheint er sich demgemäß auch selbst in dieser Position zu wähnen. Ungeplagt von Selbstzweifeln, Bildung und Anstand, jederzeit bereit, uns „alternative Fakten“ aufzutischen und sie rüpelhaft als einzige Wahrheit zu verkünden, hält er sich als „Elite“ schlechthin.

Trump ist ein schockierendes Beispiel, wie sich der Eliten-Begriff in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Was ist da passiert?

Umfragen unter Normalbürgern ergeben das wenig überraschende Ergebnis, dass „Elite“ etwas mit Vorbild gebender Spitzenleistung zu tun hat. Ob im Sport, in Kunst und Wissenschaft, oder auch im politischen Engagement für das Gemeinwohl. Die herausragenden Leistungen, die in der Bevölkerung zu Bewunderung herausfordern, werden neidlos als elitär anerkannt. Aus Anerkennung entwickelt sich auch der Drang, es gleich zu tun. Sich daran zu orientieren. Ein Ansporn für vergleichbares Verhalten und vergleichbares Streben.

Das wesentlichste Merkmal von Eliten sollte demnach sein, im Kontext der Gesellschaft zu wirken. Ohne Eitelkeiten, humanistisch geprägt, mit Demut gegenüber den Quellen der zugefallenen Möglichkeiten und im Bewusstsein der Verantwortung, die damit verbunden ist. Ein schönes Bild, gewiss. Eliten als Idole. Und wie sieht es in der Realität aus?

Die Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik, die sich selbst gerne als Eliten sehen möchten und die uns auch stets als solche präsentiert werden, weil natürlich auch die berichtenden Medien hoffen, der elitäre Glanz möge auf sie abstrahlen, haben mit dem obigen Verständnis von „elitär“ nur sehr wenig zu tun. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass sich darunter durchaus auch wahrhaftige Eliten befinden, die jedoch leider kaum in Erscheinung treten, beziehungsweise ganz gezielt in den Hintergrund gedrängt werden, weil sie sonst womöglich Einstellungsänderungen in den Bevölkerungen bewirken könnten, mit denen die Pseudo-Eliten nichts anzufangen wüssten.

Die Pseudo-Eliten haben es unter tatkräftiger Mitwirkung finanziell Abhängiger verstanden, sich als eigene, international verflochtene Kaste von ihren Bevölkerungen abzukoppeln. Der Anspruch, als Elite zu gelten, wird aus der errungenen Funktion und der damit verbundenen Macht (die im Augenblick ihres Gebrauchs zugleich schon ein Machtmissbrauch wäre) geschöpft. Die Welt, ob als diktatorisch oder demokratisch bezeichnet, hat sich in einer Art Neofeudalismus in Machthaber und Machtunterworfene aufgespaltet. Als Maßgabe der Zugehörigkeit gilt die stufenlose Skala des Geldvermögens und alternativ, bzw. ergänzend, die Skala der Korrumpierbarkeit, um der Kaste der Machthaber zugerechnet zu werden. Sonst nichts.

Die Bevölkerungen, die Machtunterworfenen, sind die teils willfährige, teils aber auch widerspenstige und starrköpfige Manövriermasse. Widerspenstige Bürger, die sich mit dem neofeudalen Kastendenken nicht anfreunden wollen und sich auf die geistigen Errungenschaften der Aufklärung berufen, werden flugs als Dissidenten, kriminelle Wirrköpfe, Links- oder Rechtsradikale – je nach Geschmack, oder gar als Terroristen an den propagandistischen Pranger gestellt. Ihnen gilt all der sicherheitstechnische Aufwand und die Rüstung, mit denen sich die Machthaber vor ihnen zu schützen trachten.

Nun, ebenso wenig, wie die Machtunterworfenen eine einheitliche Kaste darstellen, weil hier Opportunismus, wie auch parteitaktische Interessensaufsplitterungen zuschlagen, in denen die Kategorien Vernunft und Gemeinsamkeit unterdrückt werden, trifft das auch auf die internationale Kaste der Machthaber zu. Bei dieser kommt das vorwiegend Testosteron gesteuerte Wettbewerbsdenken zum Tragen. Jeder will der Beste unter Seinesgleichen sein. Normalbürger tendieren hingegen zu Kooperation, was sich aber für die Machthaber als gefährlich erweisen könnte.

Andererseits benötigen Machthaber die Normalbürger als Bewunderer und Claqueure zur Abgrenzung und Selbstaufwertung, weshalb sie sie durch  Machtstrukturen und Gesetzgebungen in das Wettbewerbsverhalten mit hinein zwingen. Nicht zu vergessen, dass dazu die Geldordnung als das stärkste Machtmittel zum Einsatz gelangt! Denn das konsequente Vorenthalten, bzw. an Bedingungen geknüpfte Zuteilen von Geld, dem ultimativen Überlebensmittel unserer Gesellschaft, fördert die gebrauchsfähige Willfährigkeit und Korrumpierbarkeit der Machtunterworfenen.

Es ist schwer zu sagen, und die Beurteilung soll den Tiefenpsychologen überlassen bleiben, weshalb sich unter den Pseudo-Eliten eine derartige Ansammlung von eitlen, selbstmitleidigen, narzisstischen Persönlichkeiten vorfindet. Kaum vorstellbar, dass das nur aus den Brunftritualen im Kampf um die schönsten Frauen herrühren kann. Schließlich wurden viele ja sogar in ihre Funktionen gewählt. Da darf man also mit Fug und Recht von Übertragungsmechanismen ausgehen. Womit beachtliche Bevölkerungsteile solchen obskuren Persönlichkeitsstrukturen mit ihrer Stimme, auch ihre ureigensten Schatten anzuheften trachten. Zur vermeintlichen Läuterung ihres Selbst. „Die sind  so und so, nicht ich“. Dadurch verschwimmen die Grenzen. Die Wirkungsquellen werden in der daraus resultierenden Komplexität unsichtbar. Das macht mir Angst.

Bezüglich der vermeintlichen Eliten, unserer Staats- und Wirtschaftsführer, habe ich oftmals das Bild eines Golfclubs vor Augen. Im Prinzip respektieren die Mitglieder einander. Schließlich hat ja jeder die restriktiven Aufnahmekriterien erfüllt. Doch ähnlich, wie schon die Götter auf dem Olymp aus Fadesse ihr Unwesen trieben, habe ich den Eindruck, dass viele weltpolitisch bedeutsame Weichenstellungen der geistigen Leere und Langeweile dieser beispielhaften internationalen Golfplatzatmosphäre entspringen. Hier werden Wetten abgeschlossen. Als Sinnsurrogat.

Dabei geht es aber weniger um das Handicap, als um persönliche Sticheleien, wie man das früher auch in Schulklassen beobachten konnte. Das noch relativ harmlose Hänseln früherer Zeiten, hat sich mittlerweile allerdings zum handfesten Mobbing aufgeschaukelt, in dem es bereits beinhart um die Lebenssubstanz der Betroffenen geht. Und kann man diese unsägliche Entwicklung nicht auch spiegelbildlich in den von mir unterstellten „Golfplatzwetten“ erkennen? Der aus dem Ruder gelaufene Missbrauch technischer Entwicklungen für die Kriegsführung? Der zynische Missbrauch der Machtunterworfenen als Opfer? Nicht nur militärische Kriege, sondern auch Wirtschaftskriege, selbst wenn sie als Wettbewerb bezeichnet werden, sind Stellvertreterkriege. Immer führen die Machtunterworfenen den Überlebenskampf stellvertretend für die Machthaber. Für die Machthaber selbst, für die Mitglieder des internationalen Golfclubs, sind es bloß gewonnene oder verlorene Wetten.

Anschließend arrangiert man sich wieder miteinander, zieht gemeinsam über das Grün – und denkt sich neue Wetten aus. Das Ziel der Wetten ist aber keineswegs, mit besonderen Tugenden aufzutrumpfen – die „bringen“ ja bekanntlich nichts. Daher geht es auch nicht um die Demonstration besonderer Fürsorge für die Machtunterworfenen. Man braucht sie, aber sie zählen eigentlich nicht. Bei den „Golfplatzwetten“ geht es ausschließlich um die Freude am Gewinnen zur Selbstaufwertung. Ob mit Firmenübernahmen, Überstülpen von Schulden, Destabilisierung von Ländern anderer Klubmitglieder, bis hin zu feindlichen Landnahmen und Kriegen. Ob es die Titanen der Wall Street, Konzernchefs, oder ob es die gewählten und nicht gewählten Staatsführer sind, das Muster ist stets verblüffend ähnlich.

Wesentliche Merkmale sind allerdings bereits im Vorfeld erkennbar. Im Sprachgebrauch, mit dem man sich propagandistisch der Unterstützung durch die irregeführten Claqueure zu deren Missbrauch versichern will. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Ob Donald Reagan mit der „Achse des Bösen“, oder Dick Fuld, der CEO von Lehman Brothers mit „wir werden die Typen zerquetschen, ihnen das Herz herausreißen“. Sowohl die „Bösen“, wie auch die „Typen“, die Fuld noch wenige Tage vor seiner Pleite meinte, sind aber allesamt Mitglieder dieses fiktiven Golfclubs.

Das menschengemachte Leiden der Welt ist vor allem auf diese Hahnenkämpfe jener zurückzuführen, die sich auf dem Olymp wähnen. Viele von ihnen wünschen sich verständlicher Weise andere Bevölkerungen. Samtweicher und noch besser manipulierbar. Ich meine jedoch, dass es, will man die geringste Zahl von Leidenden anstreben, den Bevölkerungen zustünde, sich um echte Eliten umzusehen. Denn Elite und Bekanntheitsgrad sind eben zwei völlig verschiedene und in den meisten Fällen leider kaum korrespondierende Dinge.

Abgesehen davon, dass es mir bewusst ist, hier eine wenig bis gar nicht differenzierte Darstellung verfasst zu haben, die jedoch das in Erscheinung tretende Gesamtbild recht wirklichkeitsnah wiedergibt, wird man die Lösung in der mühsamen Entwicklung eines neuen Weltbildes suchen müssen. Eines Weltbildes, das unstrittig davon ausgeht, dass Leben Sinn hat. Und dass der Sinn nicht im Obsiegen über andere beruht. Die Natur stellt uns hinreichend schwere Aufgaben, die nur im Kollektiv zu lösen sind.

Günther Hoppenberger, im November 2017

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