„VORANBRINGEN“ – Wohin?

Diesmal, am 19.10.2017, ging es in der Diskussionsrunde bei Maybrit Illner im ZDF um das vom deutschen Wähler auferlegte Zusammenraufen zur so genannten Jamaica-Koalition (Schwarz-Gelb-Grün). Trotz gewisser Annäherung der Parteienvertreter, war Einhelligkeit weniger in den Zielen, als in vagen Begriffen erkennbar.

Und da war es wieder. Das Wort, das über alle Parteigrenzen hinweg verbindet. Dieser,  schwungvollen Elan stimulierende und mit Zukunftsträchtigkeit zu assoziierende Begriff, der uns auch in jeder Vorwahlzeit – also dauernd – als großes gesellschaftspolitisches Ziel angeboten wird und uns zur Zustimmung zu den unglaublichsten Zielen der Parteien motivieren soll: „Voranbringen“.

Wer sollte denn auch etwas dagegen einzuwenden haben, Familie, Land und Kinder voran zu bringen? Allein schon jegliches Bemühen unter diesem dennoch nichtssagenden Schirmbegriff, hat bereits den Anstrich der Redlichkeit auf seiner Seite. Da kann man dann schon leicht übersehen, dass jeder unter diesem Begriff etwas anderes versteht. Niemand sagt klipp und klar, wo dieses „Voran“ liegt, oder ob es auch ein „Dort“ gibt, das man mit dem „Vorankommen“ anpeilt und was dieses „Dort“ in gesellschaftlichem Zusammenhang und für den einzelnen eigentlich  bedeutet.

„Voranbringen“ enthält für mich immer eine besonders unterschätzte zeitliche Komponente und erinnert mich sehr stark an ein für mich ziemlich schmerzhaftes Erlebnis in den Alpen: Von Einheimischen als einziger Städter zu einer gemeinsamen Bergwanderung eingeladen, ergab es sich, dass ich in Begleitung meines Quartiergebers – durch dessen Trödelei vor dem Aufbruch (dies sei nur zu meiner Ehrenrettung gesagt) – rund 10min verspätet zum vereinbarten Treffpunkt mit drei seiner befreundeten Bergkumpanen kam. Die Drei wollten aber nicht herumstehen und auf uns warten, sondern hatten den Berganstieg schon einmal – zunächst gemächlich – in Angriff genommen. Sobald sie aber unserer ansichtig wurden, ging es los. Mein Quartiergeber meinte zu mir, „die haben wir gleich“ – und unter der gerade noch in Sichtweite befindlichen Dreiergruppe wurde das ehrgeizige Motto „die erreichen uns nie“ auf die Fahnen geheftet. Dreieinhalb Stunden später erreichten wir – etwa mit gleichem Zeitabstand wie zu Beginn – das Ziel. Rund 40 min. früher, als üblicherweise für diese Wanderung anzusetzen ist. Es war mörderisch. Nie wieder eine Bergwanderung mit Einheimischen!

Die Kosten dieses „Voranbringens“ in einem Wettbewerb, können am Totalverlust des spirituellen Erlebens einer gemeinsamen Bergwanderung festgemacht werden.

Und so wäre es für ein gesellschaftspolitisches Vorankommen gewiss ratsamer, einmal zu verschnaufen. Oder wie es die nepalesischen Sherpas sagen, abzuwarten und die Seele nachfolgen zu lassen. Erreichtes zu konsolidieren und Nachzüglern die Chance zu geben, in deren Zeitqualität aufzuholen und an der Verfestigung von Etappenzielen mitwirken zu können.

Klar, wir stehen im globalen Wettbewerb – so heißt es zumindest. In einem Wettbewerb, an dessen Spielregeln niemand mitgewirkt haben möchte und in dem  kein Platz für spirituellen Schnickschnack und Lebensqualität zu sein scheint. Es geht um das Tempo, auch wenn wir den jüngsten Entwicklungsschritt, die Digitalisierung, nicht einmal noch ansatzweise verdaut haben dürften, wie sich das aus der zunehmenden Computerkriminalität, dem Missbrauch des Internets und den oftmals sehr fragwürdigen Anwendungen für Alltagsprobleme, die uns bislang nicht bewusst waren, oder die wir vor der Digitalisierung auch noch gar nicht hatten, ableiten lässt.

Haben wir aber unsere Politiker nicht gerade deshalb von aller wertschöpfenden Arbeit freigestellt, damit sie die Ungeduld der Großen und Starken zügeln und auf die Einhaltung des menschlichen Maßes im gemeinsamen Fortschreiten, sowohl hinsichtlich der Größendimensionen, wie auch der Geschwindigkeit achten? Neue Politik braucht offensichtlich ein neues Augenmaß für Zeitnotwendiges, unabhängig von zukünftig vielleicht Möglichem.

Eine dieser Zeitnotwendigkeiten ist mit Sicherheit die Änderung der Geldordnung, um den traumatischen Geschwindigkeitsdruck aus dem System zu nehmen und um überhaupt als souveräner Staat handlungsfähig zu sein.

 

Und übrigens: Schmökern auf www.lifesense.at lohnt immer