„VERRECHTLICHUNG“ KANN VERANTWORTUNG NIEMALS ERSETZEN!

Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute mit den Skurrilitäten von immer wieder neuen Normen befassen, die angeblich der Vorbeugung von Folgen aus Leichtsinnigkeit dienen sollen. Es ist bedauerlich, dass die aus jahrhunderte alten Entwicklungen entstandenen ungeschriebenen Qualitätsstandards, Traditionsnormen also, die sich auf die Verbindung von Funktionalität, Ästhetik und Ensemblewirkungen stützten, wie auch auf Umgangsformen in der zwischenmenschlichen Kommunikation bezogen, einem konfusen Zeitgeist, der noch dazu Anspruch auf Universalität erhebt, weichen mussten. Der Verlust von traditionellen Anstandsregeln, wie auch die Missachtung jeglichen menschlichen Maßes in nahezu allen Lebensbereichen, haben bereits tiefe Spuren im gesellschaftlichen Gefüge gezogen. Mangelndes „G’spür“ für Augenmaß, „Goldenen Schnitt“ und Ausgewogenheit, hat bereits unbezifferbaren Schaden und Verlust an empfundener Lebensqualität verursacht, der sich in der zunehmenden Pathologisierung der Gesellschaft manifestiert.

Nichtsdestotrotz ist eine Normgebung im technischen Bereich als äußerst positive Entwicklung anzusehen. Denken wir nur an mittlerweile so triviale Dinge wie die Normung von Schraubgewinden und ähnlichem. Auch die Festschreibung von Baunormen und Brandschutzmaßnahmen ist durchaus als großartige gesellschaftliche Leistung anzusehen. Der Weg dorthin war gewiss nicht immer leicht. Und wir sollten anerkennen, dass es solche Normen gibt. Und so gibt es neben den nationalen Normen, wie Ö-Norm für Österreich und DIN für Deutschland, auch bereits die EU-Normen. Wunderbar.

Der Auslöser für meine Gedanken ist jedoch die Ö-Norm B1300, nach der die Objektsicherheitsprüfung von Wohngebäuden erfolgt. Diese Norm hat zwar keinerlei bindenden Charakter, wird jedoch von den Gerichten im etwaigen Schadensfall zur Urteilsfindung zugrunde gelegt. Kein Wunder also, dass sich die Gebäudeverwaltungen, um sich gegenüber Strafverfolgung abzusichern, mit Punkt und Komma an die Empfehlungen der Begutachter halten wollen und der jeweiligen Eigentümergemeinschaft selbst die obskursten Dinge als notwendig durchzuführen aufs Auge drücken wollen. Die begutachtenden Experten wiederum protokollieren aus klar verständlichen Gründen jeden nur erdenklichen Aspekt, um sich nicht dem Vorwurf der Nachlässigkeit in einem etwaigen Gerichtsverfahren auszusetzen. Und so werden die ursprünglich gut gemeinten Normen zu einer Kette der Weiterreichung rechtlicher Verantwortung. Es führt zu einem „Abputzen“ ohne tatsächlichem Sicherheitsgewinn. Es ist ein Freikaufen von Verantwortung. Mit der vorgeschriebenen oder nahegelegten Investition wird Verantwortung monetarisiert. Durchaus vergleichbar mit dem einstmaligen Ablasshandel.

Mit Erfüllung der Normen wird nämlich der fälschliche Eindruck erweckt, dass nun von dem spezifischen Objekt keinerlei Gefährdung für Leib und Leben ausgeht. In Wahrheit geht es darum aber gar nicht, sondern es geht nur um die rechtliche Abwehr von möglichen Schadenersatzansprüchen. Welche Gefahr sollte denn aber auch von einem Stiegenhaus ausgehen, dessen Handlauf entsprechend der Bauordnung des Errichtungsjahres, sagen wir des vorigen Jahrhunderts, 5cm niedriger oder höher ist, als es von der neuesten Norm festgelegt wurde?

Gegen Ungeschicklichkeit, Dummheit, Wagemut oder bestimmungswidrigem Gebrauch sollte es und kann es auch gar keine Normen geben. Die Verrechtlichung unserer Epoche, die offensichtlich eine lukrative Einkommensquelle für Juristen, Bausachverständige und Hausverwalter ist, lässt unser zwischenmenschliches Beziehungsverhalten jedoch auf der Ebene von Schuld und Schadenersatz verkümmern. So etwas wie einen Unfall aus eigener Dummheit darf es im neuen Rechtsverständnis nicht geben. Es muss immer ein Schuldiger gefunden werden. Wer mit Stöckelschuhen auf Glatteis ausrutscht darf durchaus den Hausbesitzer, vor dessen Haus das passierte, erfolgversprechend auf Schadenersatz klagen. Wer im Stiegenhaus stolpert, braucht sich selbst nicht Ungeschicklichkeit vorzuwerfen, sondern kann z.B. wegen nicht Norm entsprechender Höhe des Handlaufs klagen.

Es sollte daher verwundern, dass so riskante Sportarten, ob Wildwasserpaddeln, Tandemsprünge, Drachenfliegen, Fußballspielen, Schifahren oder auch nur Balancieren auf einem Schwebebalken, um nur einige zu nennen, nicht schon längst verboten wurden. Überall droht Verletzungs- wenn nicht sogar Todesgefahr. „Das gehört hier nicht dazu“, wird man mir  voraussichtlich unmittelbar entgegnen. Ich vermute jedoch viel eher, dass es dabei um den Schutz von „Geschäftsideen“ geht, so unsinnig diese auch sein mögen. Es werden auch trotz aller Sicherheitsvorschriften immer wieder Flugzeuge abstürzen und trotzdem wird ein großer Werbeaufwand betrieben, um massenweise Passagiere rund um die Welt  transportieren zu können. Menschliches Leben als risikobehafteter Deckungsbeitrag für den Geschäftserfolg von Flugunternehmen und Flughäfen.

Und so verstehe ich eigentlich auch die kleingeistige Auslegung der Ö-Norm B1300, mit der jegliche Eigenverantwortung ad absurdum geführt und Menschen quasi entmündigt werden, als reine Geschäftemacherei mit pseudogesetzlicher Rechtfertigung. Schon bald wird man, wie kürzlich jemand meinte, Stiegenhäuser nur mehr mit – natürlich normgerechtem – Sturzhelm betreten dürfen.

Einerseits wird von uns das Schritthalten mit den Segnungen der digitalisierten „Gesellschaft 4.0“ erwartet, andererseits hält man uns für zu blöde, die Eigenverantwortung für unsere eigenen Bewegungsabläufe zu übernehmen und auch für die Blödheit einzustehen, wenn man sich irgendwo den Kopf anrennt. Man sollte das eigentlich fast als Experiment betrachten, welche Art gesellschaftlicher Manipulation noch alles möglich ist, bevor die Bevölkerung endlich „Stopp“ ruft.

Ausgelöst durch die Unmöglichkeit der Anpassung der vielen Gründerzeithäuser an die Norm B1300, hat sich übrigens auch schon eine neue Auslegung für die Objektsicherheit herausgebildet: „Konsensmäßiger Zustand“. Es unterstreicht die Einsicht, dass die früheren Bauherren nicht nur eine attraktivere Bausubstanz zustande brachten, sondern durchaus auch dem zeitgemäßen Sicherheitsbedürfnis entsprachen. In manchen Belangen sogar viel besser als heute. Immer wieder werden unbeaufsichtigte Kinder, oder auch alkoholisierte, ja sogar nüchterne Erwachsene, aus Fenstern stürzen, unabhängig davon, wie hoch das Geländer oder die Parapethöhe ist. Tragisch, dumm gelaufen, aber nicht zu verhindern.

Und so wären die aufgewendeten Mittel für Sicherheitsmaßnahmen viel besser und effektiver bei der Entwicklung und Förderung des Verantwortungsbewusstseins aufgehoben.

Günther Hoppenberger,Mai 2018

 

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