ÜBER DIE DIGITALE WIRTSCHAFT UND DAS GELD; Ernst Dorfner

Der Zweck der Digitalisierung: Arbeitskosten zu reduzieren. Das Ergebnis: Immer weniger Arbeitseinkommen. Grundeinkommen, Maschinensteuer — ein Ausweg?

Digitalisierung wird als der große Zukunftsmarkt gesehen. Hier liegt der Arbeitsmarkt für die Zukunft, auf den sich die Politik, insbesondere die Bildungspolitik, einstellen soll.

Ich jedoch fürchte, dass mit der Digitalisierung die neue große sozialpolitische Herausforderung auf uns zukommt. Sie wird neue Arbeitsplätze nur in beschränktem Ausmaß schaffen, viele alte aber wegrationalisieren. Dies ist ja das Ziel – so wie bisher – jeder Rationalisierung.  Arbeit – besser: Plackerei von Menschen ehedem – wird heute durch die Arbeit von ungleich produktiveren Maschinen gemacht. Waren vor 2 Jahrhunderten noch rd. 80 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, so sind es heute noch weniger als 5 Prozent. Ihre Plackerei von ehedem übernehmen heute Maschinen.  Die dort „Freigesetzten“  mussten eine neue Arbeit finden – und sie haben sie auch gefunden: Arbeit in der Industrie und im Verkauf von immer mehr Industriegütern. Bis hin zu der Autobranche. Ein immer weiter steigender Produktionsausstoß wird mit Hilfe der Werbung abgesetzt, ein immer mehr anwachsender Tourismus, der ja heute industriell betrieben wird – vom Liftwart über die Busfahrer und das Hotelpersonal bis zur Flugzeugcrew und die Crew der Kreuzfahrtschiffe –  schafft immer neue Arbeitsplätze.  Damit einher geht aber auf der anderen Seite die weltweite Überlastung und Zerstörung unserer Natur und Umwelt.

Mit der Digitalisierung wird dieser Prozess noch weiter beschleunigt. Denn auch hier wird die Rationalisierung der Produktion über die Erhöhung des Produktionsausstoßes und der verkauften Produkte –  die ja weiterhin vorwiegend materieller Natur sein werden – erst möglich. Auch die digitalen Produkte verlangen den Einsatz von Energie, immer mehr Energie. Die Verschwendungswirtschaft, wie wir sie schon kennen, die Natur in Geld verwandelt, wird auch damit immer weiter beschleunigt.

Die Politik verkennt das Problem, weil sie unser Geldsystem nicht versteht. In ihrer Vorstellungswelt entsteht Geld in einem Waschgang mit den Waren. Es ist einfach da.  Werden die Waren mehr, wird auch irgendwie das Geld mehr – wie genau weiß und will man nicht wissen – mit dem sie gekauft werden können. Wenn dazu weniger menschliche Arbeit und damit Arbeitslohn eingesetzt werden muss, dann müsse das zu immer weiter wachsenden Zugewinnen, zu wachsenden Profiten bei den Unternehmen, den Kapitalisten, führen. Diese müssten deshalb durch den Staat über eine Maschinen– oder Wertschöpfungssteuer umverteilt werden. Damit könnte  dann – so die Vorstellung – auch ein Grundeinkommen finanziert werden.

Diese Überlegungen können nur aus einem grundlegenden Missverständnis hervorgehen, nämlich, was unser Geld eigentlich ist und wie es entsteht.

Das Ziel der nachfolgenden Punkte ist, dieses Missverstehen und die daraus erwachsenden Folgen aufzuklären:

  1. Unser heutiges Geld entsteht durch Verschuldung, Idealtypisch durch Verschuldung der Unternehmen bei den Banken, die damit Lohnarbeit, Investitionsgüter und Vormaterialien einkaufen. Diese Investitionsgüter und Vormaterialien sind aber letzten Endes nichts anderes als geronnene Lohnarbeit und geronnene natürliche Ressourcen, die im Eigentum von juristischen Personen stehen und diese nur gegen Entgelt – den Renteneinkommen –  zur Verfügung stellen.

2. Nimmt   man von diesen Renteneinkommen vorerst einmal Abstand, dann zeigt sich, dass alles Geld, das in einer konkreten Zeitperiode  t in die Wirtschaft hineingesteckt wird, letztlich Geld für die Lohnarbeit ist.  Mit diesem Lohneinkommen werden dann auch die schlussendlichen Früchte der ganzen Wirtschaft, die Konsumgüter, gekauft. Diese Konsumgüter stehen am Ende der ganzen Wertschöpfungskette. Ihnen gegenüber stehen die Lohneinkommen aus der ganzen Breite der Unternehmen von der Gewinnung von Rohstoffen bis hin zu den Konsumgütern, die verbraucht, also gekauft und nicht wiederverkauft werden.  Um zu diesen Konsumgütern zu kommen, tauschen die Lohneinkommensbezieher ihre Lohngelder gegen die Konsumgüter.

3. So wie die Güter der Periode t solcherart „vernichtet“ werden, werden auch die von den Unternehmern gemachten Schulden „vernichtet“.  Das aber ist nur dadurch möglich, dass die Unternehmer sich in der Zeitperiode t+1 neu verschulden. So verschwinden die alten Schulden bei den einen Unternehmen über das Machen von neuen Schulden bei anderen. Dies neuen Schulden müssen aber höher sein als die alten Schulden, damit nach Tilgung der Altschulden noch ein monetärer Mehrertrag in Form von Gewinn und Zinsen bei den einen Unternehmen bleibt.

Das heißt nun aber auch: Wenn im Zuge der Digitalisierung die Lohnarbeiten weniger werden (was ja der Zweck der ganzen Veranstaltung ist: Lohnkosten zu reduzieren), dann wird auch das gesamte Lohneinkommen kleiner – und es verschwindet alles, wenn die menschliche Arbeit irgendwann einmal zur Gänze durch Investitionen in autonome Einrichtungen (AE) ersetzt werden sollte.

4. Im Gegensatz zur Lohnarbeit, die sich in nicht wiederverkaufbaren Waren, den Konsumgütern, erfüllt, und die durch ihren Verbrauch vernichtet werden,  werden mit  Investitionen wiederverkaufbare Waren  angeschafft.  Sie werden also nicht vernichtet.  Ihre Abschreibung bedeutet ja nichts anderes, als den Ersatz von alten durch neue Einrichtungen.  Die dahinterstehenden Schulden  werden in jedem konkreten Unternehmen zwar getilgt, aber zugleich müssen im selben Unternehmen neue Schulden gemacht werden.

5. Die Abschreibungen werden dann möglich, wenn die Konsumgüter, in die ja die Einrichtungen sich transformieren, verkauft werden können. Dies ist aber nur dann möglich, wenn im Zuge der Fertigung von neuen Einrichtungen auch Lohneinkommen entstehen. Nur im Konsum lösen sich ja die Schulden für die Anschaffung dieser Einrichtungen auf. Voraussetzung hierfür ist also, dass bei der Herstellung neuer Einrichtungen Lohnarbeit eingesetzt wird.

6.  Mit der Digitalisierung wird die Lohnarbeit aber immer mehr durch Maschinen ersetzt, so dass in der Perspektive zwar immer mehr Waren hergestellt werden, die Lohneinkommen aber immer mehr schrumpfen. Der Verkauf des ganzen Lagers an Konsumgütern ist dann nicht mehr möglich.

7. Wenn die Abschreibungen von Einrichtungen zusätzlich mit Steuern belastet werden, dann bedeutet das für den einzelnen Unternehmer eine dazu notwendige zusätzliche Aufnahme an Krediten, mit denen diese Steuern bezahlt werden. Diese Kosten müssen in die Gesamtkosten der Produktion eingerechnet werden und verteuern schlussendlich den Preis der Konsumgüter.  Wird mit diesen Steuern nun eine Art von Einkommen gezahlt, dann wird dies zu einem Nullsummenspiel. Die Konsumenten erhalten um das Ausmaß mehr Geld als die Konsumgüter teurer werden.

8. Die Meinung, dass durch den Abbau der Arbeitsplätze eine gewaltige Anhäufung von Profiten auf der Kapitalseite entsteht, auf die nur zugegriffen werden müsste, um es als ein Geldeinkommen für alle zu verteilen, ist ein grobes Trugbild.  Wie schon im Vorspann beschrieben, kann diese Sicht nur auf Grundlage der Annahme entstehen, dass mit einem Wachstum der Produktion von Gütern irgendwo ein gleiches Wachstum der Geldmenge einhergeht. Dass zeigt nun aber, dass man nicht erkennt, wie unser Geld entsteht. Es entsteht nur so viel Geld, wie sich die Unternehmen verschulden. Diese Schulden möglichst niedrig zu halten – zu rationalisieren -, ist ja der Zweck der Digitalisierung.

9. Zusätzliche einzelwirtschaftliche Gewinne entstehen nur dann, solange zwischen den einzelnen Unternehmen ein unterschiedlicher Grad der Rationalisierung – hier der Digitalisierung – besteht. Das aber führt nicht zu einer Umverteilung von der Arbeit hin zum Kapital, sondern zu einer Umverteilung zwischen hoch rationalisierten und niedrigrationalisierten Betrieben.  Wenn ein Teil dieser Gewinne auch abgeschöpft wird, reicht das aber bei weitem nicht, um damit ein ausreichendes allgemeines Einkommen zu finanzieren.

10.Die Höhe der gesamten Abschreibung der Investitionen und damit der Schulden hängt auch davon ab, wie viel Geld vordem für die Investitionen aufgewendet werden musste.  Es wird somit mehr Geld erforderlich, wenn die Investitionen zusätzlich mit einer Maschinensteuer belastet werden.  Dies aber führt wiederum zu höheren Preisen der Produkte als ohne Steuern. Am Ende müssen die Konsumenten ihr mit der Maschinensteuer aufgebessertes Einkommen für den Konsum zu höheren Preisen aufwenden. Da aber die Preise sich aus der Abschreibung der Einrichtungen und zusätzlich der Maschinensteuer zusammensetzen, können mit dieser Summe nicht mehr  Produkte gekauft werden. Nicht erst im Extremfall, wenn das ganze allgemeine Einkommen nur aus dieser Steuer besteht, wird das zu einem Nullsummenspiel.

11. Ein Grundeinkommen, das aus einer Konsumsteuer (Mehrwertsteuer) finanziert werden soll, überwindet die Problematik des Rückganges des Erwerbseinkommens ebenfalls nicht. Denn die Menschen müssen zuerst ein Einkommen haben, um damit überhaupt einkaufen und damit auch eine Mehrwertsteuer zahlen zu können. Der Vorschlag ist damit ebenfalls eine Schimäre.

12. Es sei hier nochmals betont: Unser Geld entsteht aus Krediten, die auch zur Entlohnung der Lohnarbeit aufgenommen werden. Ohne Lohnarbeit aber, die mit diesem Geld entgolten werden, gibt es daher mit unserem, aus Schulden entstehendem Geld (Passivgeld) nur insoweit Konsumeinkommen, als die Unternehmen Lohnarbeiter beschäftigen. Da dieses Passivgeld bereits ad ovo ein Schuldtitel ist, bleibt dies auch bei seiner Verwendung als Zahlungsmittel.  Auch der Staat kann auf dieses Geld nur durch Verschuldung zugreifen.

13. Was nun?

Unser derzeitiges Geld – Passivgeld – ist vergleichbar mit einem Auto ohne Rückwärtsgang. Um es noch einmal zu sagen: Unser heutiges Geld entsteht durch Verschuldung – idealtypisch der Wirtschaft, denn die allein kauft Waren, um damit Waren für den Wiederverkauf zu erzeugen. Mit dem Kauf werden die Schulden des Verkäufers vom Käufer übernommen. Das geht so lange, bis  die Waren Konsumgüter sind, die vom Konsumenten gekauft, aber nicht wiederverkauft werden. Die Konsumenten aber können diese Schulden nicht machen, weil sie eben konsumieren, verbrauchen, und nicht wiederverkaufen. Sie blieben an ihnen hängen. Das aber geht nicht. Den akkumulierten  Schulden steht keine dauerhafte Besicherung gegenüber.

14. Als Ausweg aus dieser Gegebenheit wird die Einführung eines Aktivgeldes vorgeschlagen.  Dieses kann einerseits als Zahlungsmittel durch Schenkung der Zentralbank an den Staat in den Verkehr gebracht werden und andererseits durch Kreditvergabe der Zentralbank an die Unternehmen. Also Geld, das vom Staat nicht zurückzuzahlen ist, von den Kreditnehmern, den Unternehmen jedoch schon.  Die industriell tätigen Unternehmen sind damit veranlasst, das Geld nicht einfach zu verkonsumieren, sondern damit wiederverkaufbare Güter zu erzeugen. Andererseits ist der Staat dazu angehalten, das Geschenk sinnvoll zu nutzen: Zur Bezahlung der Aufgaben des Staates in all seinen Facetten, nicht zuletzt aber für soziale Dienstleistungen. Damit wird das dem Staat geschenkte Geld nicht weitergeschenkt, sondern damit Leistungen und Waren angeschafft. Das Geld wird damit zur Einnahme der Konsumgüterunternehmen, die damit ihre im vordem (im Vorwärtsgang) gemachten Schulden tilgen können. Der letzte Schritt aber erfolgt im Rückwärtsgang. Der Staat tauscht seine Leistungen gegen die Waren der Wirtschaft.

15. Wie das funktioniert, wird an einem fiktiven Beispiel, in dem alle Güter in der Industriewirtschaft von der Rohstoffgewinnung bis zu den Konsumgütern schon durch autonome Maschinen ohne Einsatz von menschlicher Arbeitskraft hergestellt werden. Es gibt also keine Lohneinkommen.

  • Die Unternehmen nehmen bei der Zentralbank Kredite auf, mit deren Hilfe sie die notwendigen Zukäufe von Vormaterialien, Know how, Einrichtungen – die wir unter dem Begriff „Investitionsgüter“ zusammenfassen – tätigen können. Der Zwang zur Rückzahlung der Kredite zwingt sie, verkaufbare Waren zu erzeugen – und das Geld nicht zu verkonsumieren. Also kaufen, um (teurer) zu verkaufen. Die Unternehmen bis hin zur Konsumgüterindustrie können – betriebswirtschaftlich gesehen- mit diesen Einnahmen ihre vordem gemachten, namentlich auf sie bezogen Kreditschulden tilgen. Makroökonomisch gesehen werden die Schulden jedoch nicht getilgt, sondern vom Zeitpunkt t zum Zeitpunkt t+1 von einem zu einem Anderen weitergereicht.
  • Der Staat finanziert mit seinem nicht rückzuzahlendem Geld Aufgaben des Staates insbes. im Sozialbereich, nicht zuletzt in Pflegedienstleistung von Mensch zu Mensch. Er schafft damit Einkommen der privaten Haushalte, die damit ihre Einkäufe von Konsumwaren tätigen. Damit aber übernimmt der Staat nun – betriebswirtschaftlich gesehen – nicht die Schulden der Konsumgütererzeuger, sondern es werden diese mit dem an den Staat geschenkten Geld getilgt.
  • Das an den Staat geschenkte Geld, das an die Haushalte gegen Lieferung von Leistungen weitergereicht wird, ist kein einmaliger Betrag, sondern ein laufender Posten, der mit der Tilgung der Schulden durch Verkauf der Konsumgüter wieder zur Zentralbank zurückfließt. Und mit der Neuaufnahme von Krediten für den Kauf von Investitionsgüter in der vorgelagerten Investitionsgüterwirtschaft zugleich wieder entsteht.
  • Makroökonomisch verschwinden die Schulden nicht, da die Tilgung der Schulden aus dem Zeitpunkt t-1 nur durch neue Schulden aus dem Zeitpunkt t+1 erfolgen kann.

Ernst Dorfner, Februar 2018